Mittwoch, 30. August 2017

Weltmeister-Kulturerbe



Die Tango-Weltmeisterschaft (span. Campeonato Mundial de Baile de Tango), in der Tango-Szene als „Mundial“ bekannt, findet seit 2003 jedes Jahr in Buenos Aires statt. Teilnehmen können Amateure und Profis aus der ganzen Welt, seit 2013 auch gleichgeschlechtliche Paare. Im Jahr 2016 erreichte erstmals ein solches Paar das Finale.

Da sich der Tango Argentino nicht als Tanzsport mit Wettbewerben versteht, gibt es im Gegensatz zum europäisierten Standardtanz Tango keine vergleichbaren Meisterschaften. Bei der Mundial, die von der Stadt Buenos Aires veranstaltet wird, handelt es sich um einen inoffiziellen Weltmeistertitel. Dieser wird in zwei Kategorien vergeben:
-       Tango de Pista (bis 2012: Tango de Salón), der für den improvisierten gesellschaftlichen Tanz in Milongas vergeben wird
-       Tango Escenario, dem choreographierten und showorientierten Bühnentango

Im Vorfeld der „Mundial“ finden in zahlreichen Ländern ab Frühjahr des Jahres ebenfalls offene Meisterschaften und inoffizielle Tango-Wettbewerbe statt. Die Sieger können bei dem Mundial zu einem späteren Zeitpunkt einsteigen und müssen nicht durch die Vorrunden-Gruppen.

Seit spätestens 2003 ist nun also auch der Tango argentino beim Preistanzen angekommen – fast hundert Jahre nach dem, was später „Standardtanz“ genannt wurde: 1912 fand im Berliner Admiralspalast das erste deutsche Tanzturnier statt.   

„Was tanzen nun diese feinen Leute (…)? Es sind durchwegs Herrschaften', Botschafts-Attachés und dergleichen. Häufig treten sie unter Pseudonym an, und ihre Damen werden oft überhaupt nicht genannt.

Na prima, da hätten wir doch schon mindestens zwei Parallelen zum heutigen Tango: Namen werden öffentlich nicht gerne genannt – und die Tänzerinnen sind schon gar nicht erwähnenswert. Vor allem aber tanzte man sintemalen im Turnier Onestep, Boston und… natürlich auch schon Tango!

Der rastlose Reporter Thomas Kröter verfolgte den Wettbewerb (wie wohl alles im Tango) auf YouTube und war not amused. Auf Facebook schrieb er vor zwei Tagen, speziell bezogen auf die heurigen Weltmeister im Bühnentango:

„Mag ja sein, dass die campeones mundiales technisch perfekt sind - ihre Zackigkeit erinnert mich a bisserl an den Ballroomtango. Vor allem aber: Kann jemand in der Kür irgendeine übergreifende Storyidee entdecken? In alten Eiskunstlaufkategorien gesprochen: Ick seh viel A-Note & wenig B. Ich finds fad.“




Wahrlich, auch mich erinnert die Performance eher an eine technisch perfekte Turnübung als an etwas, das mich als „Tangogefühl“ reizt. Die Parallelen zum Turniertanzsport im Standard und Latein sind unübersehbar.

Da hätten unserem Berliner Tangokolumnisten, so schreibt er, die Weltmeister des Vorjahres schon besser gefallen:




Mag schon sein – immerhin rappeln die nicht die hunderttausendste Cumparsita herunter, sondern tanzen ausnahmsweise mal zu Piazzollas „Balada para un loco“ – und erzählen sowas wie eine Geschichte. Stellenweise trampeln jedoch auch sie sich ziemlich unbeeindruckt vom träumerischen Meisterwerk durch die Choreografie. Schließlich muss man ja in seiner Kür genügend Höchstschwierigkeiten einbauen (vergleichbar den Vierfachsprüngen beim Eiskunstlauf).

Eine gute Bühnenshow zielt halt auf die Herzen der Zuschauer, ein Tanzwettbewerb auf die Gehirne der Preisrichter!

Wie ich schon in einem früheren Beitrag erwähnt habe, hat die Geschichte noch eine ernstere Dimension: Viele Musiker und Tänzer aus Buenos Aires sind stinksauer auf das Gedöns mit der „Mundial“, da sie die dort reichlich verteilten Fördergelder für verschwendet halten – vor allem angesichts der Tatsache, dass für den Tango als „Volkskultur“ kaum etwas übrig bleibt und so in bodenständigeren Veranstaltungen die Lichter ausgehen.

Dies empört auch die Startänzerin Nicole Nau, die auf Facebook ziemlich hart mit den Wettbewerben ins Gericht geht:



„Wenn Bewegung trotz allem ‚sich Bewegen‘ statisch bleibt, kann ‚Tanz‘ nie Tanz sein. Bewegst Du Dich nur, oder tanzt Du schon? Tanzen, wahrhaftig tanzen ist halt nicht einfach und durch noch so komplexe Bewegungsabläufe nicht zu ersetzen. (…)


Ganz abgesehen davon, dass die Kategorieeinteilungen eh idiotisch sind. Als könne und dürfe man auf der Bühne nicht ‚al piso‘ tanzen (wo sonst, den Tango Argentino, wenn nicht am Boden?) und könne und müsse sich im Salon benehmen, als sei man schon weit über 70. Es gibt einen einzigen Tango Argentino, und ein ganzes komplexes Volk, das ihn tanzt, von daher wird und sollte das Bild immer schillernd sein. Nicht wie mit der Schere geschnitten, dasselbe machend. (…)


Es ist halt ein Staatsgeschäft, diese WM, in das bestimmt auch die Gelder der UNESCO fließen, und natürlich die vielen Devisen der Touristen. (…) Unter die Haut geht da nichts. Und darum ginge es aber in der Kategorie ‚escenario‘, dem Publikum etwas zu erzählen, es zu bewegen. (…) Finalisten der WM, obwohl sie in der Kategorie ‚Bühne‘ gewinnen, lernen auf diese Weise leider das komplexe Geschehen Bühne nicht ansatzweise kennen, und Finalisten der Kategorie ‚Salon‘ leider eben auch nicht das Geschehen im Salon. (…)  Dass es Spaß macht, dort mitzumachen, finde ich klasse! Und ich schreibe auch nicht gegen die Teilnehmer! Aber aus einem Wissen, das ich manchmal lieber nicht hätte. Denn sie wissen nicht, was sie tun. Ein Schaden, der irreparabel ist.“




Zunächst einmal bin ich der deutschen „First Lady“ des Tango unendlich dankbar, dass sie den heutigen Protagonisten hierzulande so einiges ins Stammbuch schreibt: Ja, es gibt nur einen Tango, und der ist schillernd und vielgestaltig und nicht scherenschnittartig wie auf vielen traditionellen Milongas. Und Tanzen ist mehr als Bewegung – und viel mehr als „umarmtes Gehen“…



Der Standardtanz-Trainer Karl Klöpfer kommentiert das mit den Worten:  

Tanzen könnte so schön sein, wenn es keine Wettbewerbe gäbe. Aber der Kommerz will es so – leider.



Da wir früher selber Turniere getanzt haben, wage ich einen Einspruch: Von Kommerz war bei unseren „Breitensport-Wettbewerben“ nichts zu merken. Sicherlich erhielten die veranstaltenden Vereine eine Sportförderung aus öffentlichen Mitteln – so wie Leichtathleten, Turner oder Schwimmer. Mehr sollte es auch für Weltmeisterschaften nicht sein, welche man ja zusätzlich über die Medien vermarkten kann. Uns ging es um die Freude am Wettkampf. Und zweifellos ziehen solche öffentlichen Demonstrationen neue Interessenten an.



Endgültig zu weit aus dem Fenster lehnt sich Nicole Nau jedoch mit ihrer Antwort darauf:  Umso wichtiger, den Tanz außerhalb aller Kompetenzen zu leben, dem Kommerz den Rücken zuzudrehen.



Das sagt jemand, der seit langer Zeit mit Tanzshows Geld verdient... Die Marktlücke „argentinische Folklore“ gibt da sicher einiges her – nur ist Tango mehr als einer der vielen Volkstänze dieses Landes.


Und auf die Gefahr hin, nun wieder Haue vom deutschen Fanclub aus Eisenhüttenstadt zu kriegen: So viel mehr als die oben kritisierte „Figurenklopperei“ ist diese Cumparsita ja auch nicht:




Nein, um Himmels willen – ich weiß, dass mir jegliche Kompetenz fehlt, um diese authenthische… geschenkt!

Und was ist mit dem „Tango de Pista“? Ich muss zugeben, dass die Weltmeister 2017 ihn schon sehr fein tanzen:




Dennoch, und nun komme ich zum Punkt: Auf etlichen Milongas (und gar Encuentros) wären die beiden mit einer solch dynamischen Tanzweise des Saales verwiesen worden! Und trotzdem höre ich aus der traditionellen deutschen Tangoszene kein kritisches Wort zu solchem Tun – und ich dachte immer, Tango sei absolut introvertiert und keinesfalls für die Zuschauer zu tanzen… Wo bleiben denn da Cassiel, Sedó & Co, welche in schöner Gemeinsamkeit auf mir herumgehackt hätten, wäre ich auf solche Wahnsinnsideen verfallen!

Aber der Grund ist ganz einfach: Man wird die Bestplatzierten dieses Jahres demnächst wohl durch die Festivals treiben, um möglichst viele Kurse, Workshops und Ballkarten zu verscherbeln. Kritik wäre da einkommensmindernd.

Also wird der Tango sich zunehmend dem olympischen Geist nähern: „Citius, altius, fortius“ – was mein großes Vorbild Dieter Hildebrandt einmal so übersetzte:

„Schneller verdienen, höher stapeln, weiter schwindeln.“

P.S. Alle Zitate sind aus Feingefühl meinen Lesern gegenüber rechtschreibkorrigiert.

Kommentare:

  1. Diese Veranstaltungen dienen ja nicht dem Tangopublikum sondern mehr dem Normaltouristen wie die Hulatanzvorführung auf Hawaii. Es ist Show, egal ob Escenario oder Salon. Beides geht so nicht in einer Milonga. Trotzdem hat Frau Nau recht mit “
    … und müsse sich im Salon benehmen, als sei man schon weit über 70.“
    Es geht auch ohne Rentnertapsen nur das kostet dann Arbeit da hinzukommen.
    Bsp: https://www.youtube.com/watch?v=k-RtsAARoAo
    Ansonsten sind die Klassifizierungen m. E. Unsinn, jeder tanzt sein Tango, nicht mehr nicht weniger.

    Gruss Bernd Corvers

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    1. Nettes Video - ja, so geht's auch!

      Die "Mundial" dürfte bei 400 teilnehmenden Paaren schon vorwiegend Tangopublikum anziehen. Sollen sie - aber das öffentlich zu fördern und die kleinen Milongas Pleite gehen zu lassen, gefällt mir gar nicht.

      Besten Dank für den Beitrag!

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