Die Sache mit der Perfektion
Der Berliner Tanzlehrer Rafael Busch ist eher dafür bekannt, auf Facebook mindestens ein Vortanzvideo pro Tag zu veröffentlichen. Ich benutze daher die Chance, dass er nun ausnahmsweise auf einen Text hinweist, der ihn offenbar schwer beeindruckt hat. Er stammt von Marianne Jost, die wohl als Coach in Sachen „Paartanz und Beziehungsarbeit“ unterwegs ist:
https://lumaya.co/de/profiles/marianne-jost
Was sie in ihrem Kurzvideo sagt, ist wirklich bemerkenswert – ich habe es daher übersetzt:
„Niemand verliebt sich in Perfektion. Wir glauben, wir müssten perfekt sein, um geliebt, ausgewählt und nicht verurteilt zu werden. Also versuchen wir, die richtigen Dinge zu sagen. Aber Perfektion schafft keine Verbindung, sondern vielmehr Distanz. Die Menschen können dich nicht spüren, wenn du versuchst, makellos zu sein. Sie wollen dein wahres Ich sehen, das unverfälschte mit all seinen Unvollkommenheiten. Und das gilt für jeden Tanz. Niemand fühlt sich mit einem perfekten, starren Körper verbunden. Die Verbindung entsteht durch die Weichheit, das menschliche Gefühl, wenn du dich zeigst, wie du bist, und nicht versuchst, perfekt zu sein. Wenn du eine tiefere Verbindung in deinem Tanz, in deiner Liebe, in deinen Beziehungen schaffen willst, dann hör auf, perfekt sein und beeindrucken zu wollen, und fang an, dich mit dir selbst zu verbinden und einfach echt zu sein. Lass die Menschen dich spüren.“
Quelle: https://www.facebook.com/reel/921732903990652
Nun könnte man natürlich argumentieren: Wer noch nicht perfekt ist, benötigt Tango-Unterricht. Aber ich glaube nicht, dass man den Text so verstehen sollte – obwohl die Dame anscheinend irgendwelche Kurse anbietet. Leider gibt ihre derzeitige Internet-Präsenz nicht viel her.
Ich habe in den letzten Monaten bei der werten Konkurrenz sehr viele Artikel gelesen, in denen ganz genau, bis ins Haarkleinste erklärt wurde, was man beim Tangotanzen alles beachten müsse. Manchmal hatte ich den Eindruck, die Verfasser seien selbst nur mühsam in der Lage, den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden.
Und mir selber wurde ein ums andere Mal attestiert, so gut wie nicht tanzen zu können – und schon gar keinen Tango. Weniger wegen meiner Parkett-Fähigkeiten, sondern weil ich so böse Artikel schriebe.
Im Ernst: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass der Weg zum guten Tanzen nicht über zusammengebissene Zähne, sondern Entspannung und Lockerheit führt. Leider scheint auch der aktuelle Tangounterricht vor allem darin zu bestehen, die Lernenden mit allerlei technischem Kram in Atem zu halten, ihnen einzureden, sie müssten so tanzen wie ihre Lehrer.
Wir sollten uns immer wieder daran erinnern, dass der Tango von sehr einfachen Menschen entwickelt wurde, die irgendwelche Grundbewegungen aus den Tänzen ihrer Heimat auf diese komische neue Musik adaptierten. Klar, früher oder später entstanden auch Leistungsneurotiker, die aus allem eine Wissenschaft machen mussten. Aber die Mehrzahl der Menschen fanden es wohl einfach toll, einen Partner des anderen Geschlechts herumzuschwenken und dabei Spaß zu haben.
Und komisch: Je weniger Perfektionsdruck man einsetzt, desto harmonischer gelingt oft das Miteinander.
„Zeigt, wie ihr wirklich seid, und spielt keine Rolle!“ So könnte man den Text von Marianne Jost zusammenfassen. Ich halte ihn wirklich für ziemlich revolutionär. Leider hat er bislang nicht allzu viel Interesse gefunden. Ich hoffe, das mit meinem Artikel ein wenig steigern zu können.
Mir ist diese Erfahrung nicht neu: Die spannendsten Geheimnisse des Tango darf man ruhig veröffentlichen. Sie liest eh keiner.
Aber wer es technischer mag: https://milongafuehrer.blogspot.com/2025/05/tango-technisch-gesehen.html
P.S. Dabei kann man schon beim Gehen 15 Fehler machen:
https://www.youtube.com/watch?v=C9nnXV8QPz4
Kommentare
Kommentar veröffentlichen
Kommentare sind derzeit nur per Mail an mich möglich: mamuta-kg@web.de