Mein erster satirischer Erfolg
Ich weiß nicht, warum mir diese Geschichte heute eingefallen ist. Vielleicht deshalb, weil alte Männer zur Nostalgie neigen. Auf jeden Fall geht es um eine Schulstunde, die mir heute noch präsent ist – vermutlich in der 8. Klasse des Gymnasiums.
Ich spreche von Zeiten, in denen an den höheren Schulen noch die Sechstagewoche galt, also Unterricht auch samstags. Die Lehrer waren Respektspersonen, die man mit „Herr Professor“ anzusprechen hatte. Ich gendere bewusst nicht – weibliche Lehrkräfte waren eine Seltenheit. Zumal an einem Gymnasium, das ausschließlich männliche Schüler zuließ.
Natürlich fand auch am Faschingsdienstag Unterricht statt. Und die meisten Lehrer zogen ihr Programm durch wie an jedem anderen Tag. In Deutsch mussten wir an diesem Datum mal ein mittelhochdeutsches Trauer-Gedicht übertragen: „O wie wäh ist mir ze Herzen" oder so. Wir wagten es nur, unserem Lieblingslehrer, den wir in Latein hatten, mit dem Ansinnen zu kommen, ob wir an diesem Tag nicht „etwas Lustiges“ machen könnten. Dennoch waren wir erstaunt, als dieser unsere Frage umlenkte: Ob wir denn selber einen Vorschlag hätten?
Das traf uns ziemlich unvorbereitet: Nach unseren Vorstellungen befragt zu werden waren wir im damaligen Schulsystem nicht gewohnt.
Nach einigem Hin und Her wurde ich von einem Klassenkameraden verpetzt: „Der Riedl kann Lehrer nachmachen!“
Klar, ich hatte meine Schulkameraden öfters auf dem Pausenhof mit Parodien unterhalten – wobei ich mich immer wieder umdrehte, um bei meinem Tun nicht von einem aufsichtführenden Lehrer ertappt zu werden. Wer mich näher kennt, merkt vielleicht, dass ich mich heute noch öfters umdrehe, wenn ich einen Witz erzähle. Dieser Reflex ist mir geblieben.
Damals aber gefror mir das Blut in den Adern, als meine lieben Kameraden mich unserem Lehrer als Entertainer anpriesen. Ich hoffte sehnlichst, er würde den Vorschlag ablehnen.
Doch weit gefehlt: „Na, wenn der Gerhard das möchte – ich hab nichts dagegen!“ (Er war einer der seltenen Lehrer, die uns mit Vornamen ansprachen). Unter dem Jubel meiner Klassenkameraden wurde ich nach vorne geschubst. Dieses Gefühl hat sich bei mir gehalten: Man rennt nicht auf die Bühne, sondern flüchtet auf sie – weil man nicht anders kann.
Mit dem Mut der Verzweiflung begann ich mit meiner stärksten Nummer – unserem Englischlehrer, einem vertrockneten alten Männchen. Der parodierte sich eigentlich schon selber – Spitzname: „Brud'r“. Wegen seiner Lieblingsansprache: „Was bist denn du für ein staubiger Brud'r?“
Großes Gelächter – in das auch unser Lateinlehrer mit einstimmte. Dadurch näherte sich meine Zurechnungsfähigkeit wieder Normalwerten. Weiter ging es mit dem Panoptikum anderer Kollegen. Man hatte damals eine große Auswahl sehr schräger Charaktere. Die Stimmung näherte sich dem Höhepunkt. Ich fand, es war genug – und wollte mich setzen. Da kam der Zwischenruf eines „lieben Klassenkameraden“: „Herr Professor, der kann fei‘ auch Sie nachmachen!“
Ich hätte vor Scham im Boden versinken wollen. Doch unser Lehrer blieb cool: „Na, dann mal los – ich bin gespannt!“
So müssen sich wohl die Gladiatoren gefühlt haben, als man sie den Löwen in der Arena als Futter anbot. Wir hatten ja Latein…
Damals lernte ich zum ersten Mal: Das Publikum hat immer recht – und wenn es sich eine Nummer wünscht, dann hat man zu liefern! Also kriegte unser Lehrer seine Parodie – und der amüsierte sich – mit Tränen in den Augen – wie Bolle! Er fiel vor Lachen fast vom Stuhl. Allseits großer Jubel!
Den Rest der Stunde habe ich nicht mehr mitgekriegt. Ich war noch voll und ganz mit dem Gedanken beschäftigt, dass ich gerade etwas getan hatte, für das ich von den üblichen Lehrkräften einen Verweis (oder sogar eine Ohrfeige) eingefangen hätte.
Ich weiß nur noch, dass sich unser Lateinlehrer nach der Stunde bei mir bedankte: So einen Spaß hätte er schon lange nicht mehr erlebt!
Der „Ruhm“ meines „Auftritts“ sprach sich sogar in anderen Klassen herum. Beim nächsten Schulball wurde mir ein Rede-Auftritt angedient. Ich schrieb tatsächlich ein Manuskript. Als ich das abendliche Gedöns erlebte, machte ich einen Rückzieher. Es hätte nicht gepasst – und ich wäre sang- und klanglos untergegangen. Damals lernte ich: Man kann nicht auf jedem Podium Erfolg haben! Am besten klappt es in einer Atmosphäre vertrockneter Humorlosigkeit. Wie im Tango.
Wie man Pointen setzt, habe ich bereits in sehr jungen Jahren von meinem Idol Dieter Hildebrandt gelernt. Und von Harald Schmidt hörte ich neulich den Satz, man könne Entertainment nur sehr begrenzt lernen. Er unterscheidet „Bühnenmenschen“ und „sprechende Rollkragenpullover“.
Im Tango ist das ähnlich: Ich erkenne ebenfalls nach wenigen Takten, ab ein Paar tanzt oder Schritte vollführt.
Was in den Sechziger Jahren noch undenkbar schien, würde ich als heutiger Gymnasiast wahrscheinlich probieren: Den Beruf des Kabarettisten – mit welchem Erfolg, steht in den Sternen.
Das Schicksal hatte für mich einen anderen Weg parat. Aber immerhin darf ich mein satirisches Faible per Blog austoben. Wobei ich mir Lesende in der Art meines ehemaligen Lateinlehrers wünsche!
Der hatte nämlich Humor.
P.S. Und noch eine Erinnerung an Dieter Hildebrandt: Herbert Wehner, der langjährige SPD-Fraktionsvorsitzende der SPD im Bundestag, hat dort nie eine Abschiedsrede gehalten. Der legendäre Kabarettist schrieb ihm eine:

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