Bitte keine Showtänze mehr!
Glücklicherweise besuche ich kaum noch Tangoveranstaltungen, bei denen man meint, dem Publikum ein größeres Programm, speziell irgendein Vortanzpaar anbieten zu sollen.
Klar, der Zusammenhang liegt nahe: Die eingeladenen Künstler (möglichst mit einem Welt- oder Europameister-Titel) verdienen daran, dass sie den Gästen am Wochenende etliche mehr oder eher weniger nützliche „Workshops“ verkaufen – daher wird erwartet, dass sie bei der abendlichen, rauschenden Milonga drei Showtänze abliefern – plus mindestens eine „Zugabe“, die von vornherein fest eingeplant ist. Irgendwann traue ich mich noch, spätestens nach drei Tänzen lauthals „Nee, lasst mal“ reinzurufen…
Wie auch immer die Zwei tanzen – großer Jubel ist ihnen sicher. Das hat mit der Qualität des Gezeigten wenig zu tun. Entscheidend ist das Gefühl des Publikums, Zeuge von etwas „Großem“ zu sein – und nicht, ein eher unnötiges Gehupse abgesessen zu haben.
Als Kronzeugen rufe ich den Kollegen Wendel auf, der ebenfalls nicht allzu viel von Tanzshows hält (49. Teil seiner „Gedanken zum Tango-Unterricht“). Die Form habe der Funktion zu folgen, sonst sehe vieles zu „gewollt“ aus. Showtänze arbeiteten oft mit „künstlichen Bewegungsformen“. Völlig einverstanden!
Der Autor nennt das „Herumstaksen wie bei Kunstturnern“. Ähnlich habe ich das schon etliche Male beschrieben.
Wenn Wendel bei einer Tangoshow beobachte, wie die Künstler ihre Gesichtsmuskulatur „in tiefe Dramafalten“ legten, kriege er „Schüttelfrost“. Ich auch!
Solche Klischees seien „billig zu haben“ und wirkten sofort. Leider! Eine Parallele: Ich war früher ein großer Krimi-Fan. Damals gab es noch Darsteller, welche die Kunst des „Unterspielens“ beherrschten. Beispielsweise der von mir hoch verehrte James Stewart. In den heutigen Tatort-Folgen meint man, Gefühle per schwitzendes Augenrollen, Rumgeplärre und depperte Stunts darstellen zu müssen. Jede Menge „Drama“ inklusive: Kasperltheater für Erwachsene.
Eleganz zeige sich, wenn der Körper nur das Notwendige tue. Ein ermutigender Ansatz!
Tänzerinnen und Tänzer, die sich durch einen eigenen, unverwechselbaren Stil auszeichneten, seien kaum noch zu sehen. Tradition bedeute nicht Einfallslosigkeit.
Ja, es gibt zu viele tanzende Blaupausen! Künstler, die bewusst einen eigenen Weg gehen, müssen mit Abwertungen rechnen. Ich habe dazu schon früher mehrere Beispiele beschrieben.
Hier ein Fall, wo ein unkonventionell tanzendes Paar Serien dummer Sprüche auf Facebook erdulden musste:
https://milongafuehrer.blogspot.com/2018/02/steinwurfe-aus-dem-glashaus.html
Für mich spielen da die Tango-Wettbewerbe eine unselige Rolle. Wendel sagt völlig zu Recht: Was von den Jurys belohnt wird, kopiere man. Und was kopiert werde, verbreite sich und werde zum Maßstab. Und was Preise erringe, werde natürlich auch unterrichtet. Tango aber lebe eigentlich von der Unvergleichbarkeit (so, so...). Interessant seien vor allem die Abweichungen. Das halten wir mal im Protokoll fest!
Seltsam, dass man in Tangokreisen zwar gerne über die Standardtänze ablästert, aber genau deren Turnier(un)wesen kopiert. Die Folge sind dann Bilder wie diese, in denen die Paare in Einheitsschritten ums Karree schleichen wie domestizierte Dackel. Geklont wie am siebten Schöpfungstag:
https://www.youtube.com/watch?v=YVy1fWNHH8A
Aha, so sieht also unser „unvergleichlicher Improvisationstanz“ aus… Aber immerhin haben die Beteiligten genügend Platz für ihre Ronda! Sollte man nicht für realistische Wettbewerbsbedingungen sorgen, indem man das Parkett mit einem Heer von Statisten vollstellt, damit das tangospezifische „überfüllte Parkett“ gegeben ist? Die Kandidaten und Kandidatinnen müssten halt von der Statisterie unterscheidbar sein – vielleicht per Trainingsanzug.
„Tradition bedeutet nicht Einfallslosigkeit“, so ist zu lesen. „Oberfläche ohne Funktion“. Wohl wahr!
Worüber der Autor lieber nicht öffentlich nachdenkt: Ein eigener Stil ist heute nicht mehr gefragt. Wer deutlich anders tanzt als die anderen, wird von „Experten“ verbellt – gern mit dem Argument, das sei doch „kein Tango mehr“.
Ehrlich gesagt ist es mir egal, wie man meine Art zu tanzen nennt – von mir aus auch „Pörnbacher Dorf-Hatsch“. Namen sind Schall und Rauch. Ich kann nur sagen: Sie ist ab dem Moment entstanden, als ich mich von eingelernten Schrittfolgen entfernte, einfach das ausprobierte, was sich leicht und angenehm anfühlte, was funktionierte. Und vor allem: Was ich meinen Tanzpartnerinnen möglichst ohne große Probleme vermitteln konnte – und sie mir! Ganz wichtig auch: Was zur jeweiligen Musik passte. Eine Menge Bewegungsmöglichkeiten entstanden spontan – und wenn sie ohne große Mühen klappten, blieben sie im Repertoire. Wenn nicht, dann eben nicht.
Sorry, liebe Tangolehrer: Ich machte damals die Erfahrung, wie wunderbar es sich anfühlt, wenn uns keiner mehr reinquatschte. Wenn wir beide nicht mehr darauf fixiert waren, „keine Fehler“ machen zu dürfen.
Aber ich will natürlich niemandem den Spaß verderben: Wem Tangoshows gefallen, soll sie sich gerne ansehen! Ein bisschen beneide ich Showtanzpaare für den Platz, der ihnen zur Verfügung steht.
Nur ein Tipp: Auf YouTube gibt es eine riesige Auswahl von Vortanz-Videos – ganz ohne Eintrittsgeld und Fahrtkosten. Man kann sie bequem im Sessel genießen, statt sich auf den Boden setzen zu müssen. Und man braucht kein Smartphone zum Abfilmen. Ist ja schon ein Video.
Aber ich weiß: Da fehlt die „Atmosphäre“.
Na gut…
Quelle: https://www.tangocompas.co/gedanken-ueber-tango-unterricht-49-teil/
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