Tango-Formate – oder doch nur die Ronda?

 

„Welches Tango-Format ist das Beste – Festival, Milonga, Marathon, Encuentro, Nuevo Event, Tango queer?“ – so fragt in seinem jüngsten Beitrag der Veranstalter Christian Beyreuther, um im Titel gleich hinzuzufügen: „Die falsche Frage“.

An seiner Stelle hätte ich halt gleich die richtige gestellt!

Nicht das Format entscheide über einen guten Tangoabend – sondern die „Menschen auf der Tanzfläche“. Damit können Veranstalter und DJ schon mal nicht gemeint sein. Auf jeden Fall müsse das Format zum Einzelnen passen. Da beginnen für mich die Probleme…

„Gute Tänzer“ erkenne man nicht an spektakulären Figuren“ (über die Tänzerinnen sagt er erwartungsgemäß nichts). Na gut, woran sonst? Klar – und nun nähern wir dem eigentlichen Thema: „dass sie auch auf kleinsten Raum respektvoll tanzen können.“ Eben, und damit kommen wir zum Traum des Veranstalters: wenig Saalmiete plus massenhaft Besucher – mithin ein vollgestopftes Parkett.

Die Mängelverwaltung obliegt dann den Gästen: Gefordert sind Paare, die sich „harmonisch im Kreis bewegen“. Wieder mal müssen die „überfüllten Tanzflächen“ herhalten, ohne die der Tango bekanntlich kein Tango ist!

Wir haben gestern die Milonga einer Tanzschule besucht – großes, sehr schönes Parkett und zirka 15 Gäste. Und abwechslungsreiche Musik. Platz zum Tanzen wie Sand am Meer. Aber dorthin verirren sich halt keine „Experten“

Unser Tanz sei eben „kein Solosport“. Lesen wir jetzt eine Bemerkung zu den Tänzerinnen? Nö – Fehlanzeige.

Beyreuther kommt nicht umhin, von einem persönlichen Martyrium zu berichten: Einmal sei ein „High Boleo“-Absatz bei ihm „oberhalb der Nieren“ eingeschlagen. Echt, gleich beider? Na, hoffentlich hat‘s nicht den Kopf getroffen! Ich frage jetzt lieber nicht, auf welchen Veranstaltungen sich der Gute rumtreibt…

Sicher, beim Tanzen sollte man schon ein wenig auf die Umgebung achten – wer sich nur mit der Nase im Ohrwaschel seines Schnuckelchens vergräbt, könnte böse aus seinen erotischen Träumen erwachen!

Rücksicht sei „ein Zeichen von Können“, so der Verfasser. Ich würde sogar sagen: der Fähigkeit, den freien Raum zu nutzen. Wer nur daran gewöhnt ist, blindlings dem vorderen Paar hinterherzudackeln, entwickelt kein tänzerisches Raumgefühl. Und gerade daran mangelt es im heutigen Tango!

Seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts, den Zeiten des Wiener Kongresses, übt man sich in dem, was heute „Gesellschaftstanz“ genannt wird – und das zu oft äußerst temperamentvoller Musik wie Walzer, Polka und Galopp. Bei vielen Stücken von Johann Strauß würden heutige Sparsam-Tanzende schreiend von der Tanzfläche flüchten:

https://www.youtube.com/watch?v=RGm6rXAEQTQ

Dass man im Tango immer weniger mit höherem Tempo zurechtkommt, kann man an den aktuellen Playlists erkennen: Immer sparsamer gehen viele DJs mit Milongas um, fahren teilweise die Abspiel-Geschwindigkeit herunter oder wählen Aufnahmen wie diese:

https://www.youtube.com/watch?v=SwzL75dEwRw

Und dann wird eine solche übersichtliche Interpretation noch als „reiner Showtanz“ abgetan!

Aber immerhin lernen wir nun von Herrn Beyreuther: „Geschmack ist keine Ideologie“. Da scheint mir der aktuelle Kreide-Verbrauch erheblich zu sein: Viele moderne Aufnahmen böten „hervorragende rhythmische und musikalische Möglichkeiten“. Ja, nur was hilft mir das, wenn ich dazu verdammt bin, brav hinter einem Paar herzutappen, bei dem diese Weisheit folgenlos verdampft?

Was mir auch noch niemand beantworten konnte – aber ich werde nicht aufhören, diese Frage zu stellen: Wieso kommen alle aktuellen Tanzszenen – bis auf den Tango – ohne solche „Ronda-Diktate“ aus? Nirgends wird die individuelle Gestaltung eines Tanzes derartig eingeschränkt wie im heutigen Tango!

„Tango war nie ein Museum“, schreibt der Autor. Das mag sein – inzwischen ist er es!

Wichtig sei es, die „lokale Szene zu unterstützen“. Das erstaunt mich: Noch vor einiger Zeit las ich immer wieder, die örtlichen Tangokönner würden zu den Encuentros, Festivals etc. abwandern, weil nur dort auf hohem Niveau getanzt würde. Inzwischen bezeichnet der Autor „Niveau“ als „schwieriges Wort“. Er selber möge „Menschen nicht vorschnell beurteilen“. Na gut – mit Ausnahme von mir: In Serien von Artikeln hat er meine tänzerischen Fähigkeiten in abfälligster Manier karikiert. Aber das war wohl vor seiner Bekehrung zum Tango-Philosophen.

Ob und wie Beyreuther die lokale Szene unterstützt, weiß ich nicht. Vor vielen Jahren habe ich ihn öfters in unserem Bereich getroffen. Inzwischen kein einziges Mal mehr. Dabei gäbe es genügend Milongas mit moderner, abwechslungsreicher Musik, die weniger weit als Spanien entfernt sind.

Abschließend bleibt der Autor bei seinem Lieblingsthema: der Ronda. Menschen, welche diese nicht beachteten, täten das auf Kosten der anderen, die „aufpassen, ausweichen und zurückstecken“ müssten. In Wahrheit tun sich halt Leute, die nur darauf dressiert sind, das Parkett in einer Linie zu umkreisen, sehr schwer mit der Navigation. Ich unternehme wirklich mein Möglichstes, solchen unbeholfenen Paaren keine Probleme zu bereiten. Niemand muss sich von mir rempeln oder behindern lassen. Ich bin aber nicht für alle seelischen Probleme auf dem Parkett zuständig!

Wer von „Respekt“ redet, sollte darin keine Einbahnstraße verstehen.

Und hier der besprochene Artikel: https://www.tangocompas.co/welches-tango-format-ist-das-beste-die-falsche-frage/

Kommentare

Hinweis zum Kommentieren:

Bitte geben Sie im Kommentar Ihren vollen (und wahren) Namen an und beziehen Sie sich ausschließlich auf den Inhalt des jeweiligen Artikels. Unterlassen Sie herabsetzende persönliche Angriffe, gegen wen auch immer. Beiträge, welche diesen Vorgaben nicht entsprechen, werden – ohne Löschungsvermerk – nicht hochgeladen.
Sie können mir Ihre Anmerkungen gerne auch per Mail schicken: mamuta-kg(at)web.de – ich stelle sie dann für Sie ein.