Über das Recht, Nein zu sagen

Ich habe mir bewusst etwas Zeit gelassen, um einen Beitrag des Veranstalters und Tango-Aktivisten Christian Beyreuther zu besprechen. Manchmal schreibt man ja im ersten Reflex etwas, das man später mühsam wieder einfangen muss. Etwa, dass man einen Artikel ausdrucken und dann feierlich verbrennen sollte.

Lassen wir also das Feuerzeug in der Tasche und widmen uns tapfer dem Inhalt:

Der Autor bezieht sich auf die Kritik über „unfreundliche Veranstaltungen“. Klar, darüber habe ich vor einiger Zeit schon einen Artikel verfasst:

https://milongafuehrer.blogspot.com/2026/02/nun-zu-erfreulichem.html

„Freiheit statt moralischer Erpressung“ betitelt Beyreuther sein Opus. Schon da zögere ich: Erpressung ist stets unmoralisch, öfters sogar illegal.

Und auch beim Untertitel „Über Milongas, Encuentros und das Recht, Nein zu sagen“ komme ich ins Grübeln. Klar, dieses Recht hat man – außer bei staatlichen Anordnungen und Gesetzen. Selbst am Traualtar. Ich weiß nur nicht, ob man beim Tango mit „Rechten“ hausieren gehen sollte. Auch nicht bei Hausverboten.

Beyreuther spricht von Veranstaltungen, auf denen „Menschen nicht mit jedem tanzen“. Mir ist keine Milonga erinnerlich, in der dies anders gewesen wäre. Oft geht es schon wegen der schieren Anzahl nicht.

Das ist weder „elitär“, „ausgrenzend“ noch „unsolidarisch“. Ich kenne allerdings Events, wo die meisten Herren lediglich Damen auswählen, die zu der „Upper Class“ des Tango gehören, sich mühsam „hochgedient“ haben. Erst dort beginnen für mich die Probleme.

Beim Auffordern, so der Autor, entscheide man sich bewusst für jemanden. „Nicht aus Pflicht“. Das ist interessant aus dem Munde von einem, der ansonsten im Tango durchaus gerne „Pflichten“ konstruiert – auch und gerade bei Aufforderungs-Ritualen.

„Wir leben in einer liberalen Gesellschaft, Warum sollte ausgerechnet auf der Tanzfläche ein Zwang entstehen, den wir im echten Leben längst überwunden haben?“

Recht haste, Christian: Dann lass uns doch endlich mal den blöden Ronda-Ringelreihen-Zwang abschaffen! Das Cabeceo-Gesums! Die historischen Musik-Diktate! Mit dir als tänzerischen Robin Hood aus den Oberpfälzer Wald!    

Aber klar, auf Encuentros erwartet man fürs gute Geld „Qualität“. Welche auch immer.

Normal sei: „Niveau zieht Niveau an.“ Welches, sagt der Autor glücklicherweise nicht. Ich fürchte, „Schrittchen, Schrittchen, Arschgewackel“ wird nicht gerade fantasievoll Tanzende begeistern.

Ein „moralisches ‚all vou can dance-Büfett‘“ ist nicht nach Beyreuthers Geschmack. Da verkostet er lieber Schnitten der gehobenen Preislage.

Auch Genießen sei „legitim“. Es ist schon erstaunlich, wie oft der Autor rechtliche Kriterien einsetzt. Nicht nur bei der Auseinandersetzung mit widersetzlichen Bloggern. Ich sage dagegen:

Der Tango ist ein denkbar ungeeigneter Ort, um mit dem Gesetzbuch zu wedeln. Ich würde es einmal mit dem guten Geschmack versuchen, mit einem toleranten, zugewandten Verhalten. Und man muss und kann nicht mit jeder tanzen. Aber die meisten Frauen haben ein gutes Gespür dafür, ob jemand sie in hochnäsige „Kategorien“ einteilt oder grundsätzlich offen für einen Tanz mit jeder ist. Auch wenn es dann im Einzelfall nicht dazu kommen sollte.

Aber klar – es ist nicht verboten, sich als arroganter Lackaffe zu präsentieren, der die anwesenden Damen wissen lässt, ihn ziehe – aus Paritätsgründen – nur „Niveau“ an. Es ist auch nicht illegal, von solchen Veranstaltungen abzuraten, sie auch selber nicht zu besuchen. Oder sie in einem Blogartikel zu veralbern.

Was hiermit geschehen ist.

Möglich, dass es sich um „Geschäftsschädigung“ handelt. Aber nicht durch mich – die besorgen manche Veranstalter schon selber!

P.S. Schön ist das Zitat von Hermann Höcherl (CSU), als man sich beim Verfassungsschutz ein wenig außerhalb der Legalität bewegte:

„Die Beamten können nicht den ganzen Tag mit dem Grundgesetz unter dem Arm herumlaufen". – Anfang September 1963 als Bundesminister des Inneren dazu, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz unter Verstoß gegen das Telefongeheimnis des Grundgesetzes Telefonabhörmaßnahmen durch alliierte Dienststellen hatte vornehmen lassen.“

https://de.wikiquote.org/wiki/Hermann_H%C3%B6cherl

Ich weiß nicht mehr, wie viele Kabarettisten damals mit einem Exemplar des Grundgesetzes unterm Arm auftraten!


Kommentare

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