Besonders lernt die Weiber führen


„Besonders lernt die Weiber führen;
es ist ihr ewig Weh und Ach
so tausendfach
aus einem Punkte zu kurieren“
(Goethe: Faust)

Gleich zu allfälligen Kritikern, welche bei mir Wiederholungsgefahr argwöhnen: Was kann ich dafür, wenn im Tango „der Weiber ewig Weh und Ach“ immer wieder beschworen wird?

So auch in einem Leserbrief der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Tangodanza“ (S. 89). Eine Tanguera erzählt eine Geschichte, die ich sicher schon dutzende Male gehört habe:

Fünf Jahre tanze sie inzwischen mit ihrem Mann – nur leider weniger mit anderen Herren – obwohl sie nach eigener Einschätzung „weder total untalentiert noch hässlich, dick oder kontaktscheu“ sei. Der Gatte könne die begehrtesten Tänzerinnen auffordern, während sie „einen vergleichsweise recht schweren Stand neben all den Single-Damen auf den Milongas“ habe.

Regelmäßig erhalte sie drei Ratschläge, die sie für wenig hilfreich hält:

·         „Du musst nur gut genug werden, dann wirst du auch aufgefordert“
·         „Lern doch die Führenden-Rolle, dann kannst du mit anderen Frauen tanzen“
·         „Du hast es ja gut, du hast doch einen Partner, mit dem du immer tanzen kannst“

Zum einen passe es nicht wirklich, wenn beispielsweise auf 5 Tänzer 15 Tänzerinnen kämen. Weiterhin wolle sie nicht ständig nur mit ihrem Partner tanzen – und überdies glaube sie nicht, dass die meisten Frauen wirklich gerne mit Ihresgleichen aufs Parkett wollten.

Die Rettung ihrer Ehe sei schließlich die Entdeckung der Encuentros gewesen, bei denen es, da genderbalanziert, mit den Paarungen aufgehe.

Generell jedoch, so meint sie, würden sich die Probleme immer weiter verschärfen, da immer mehr alleinige Frauen zum Tango drängten und dazu auch noch ermutigt würden. Daher fordert sie, nicht mehr wie selbstverständlich zu verbreiten, „dass Frau zum Tangotanzen keinen Partner benötigt“, keine einzelnen Kursanmeldungen mehr zu akzeptieren und im Unterricht auf Aushilfstänzer zu verzichten.

Mit diesen Vorschlägen hat sich die Dame endgültig als satirewürdig erwiesen. Aber von vorne:

Dass eigene tänzerische Verbesserungen automatisch mehr Tanzpartner bringen, bezweifle ich ebenfalls. Viele Männer suchen sich lieber Tangueras, denen sie sich überlegen fühlen. Und klar ist es ein anderer Tango, wenn zwei Frauen (oder Männer) miteinander tanzen – manche mögen es, andere nicht. Ob die Ablehnung wirklich „innere Gründe“ hat oder eher auf der Angst beruht, bei konservativ gestrickten Kerlen in Ungnade zu fallen, sei dahingestellt. Und sicher mag man nicht immer mit dem festen Partner tanzen – wobei jedoch die Damen den wahren Dreck im Schachterl haben, welche nicht auf einen angetrauten „Plan B“ zurückgreifen können!

Die angeführte weibliche Übermacht von 75 Prozent halte ich indes für stark übertrieben – ich habe auch schon viele Milongas erlebt, wo (zumindest zeitweise) ein Überangebot von Männern herrschte. Ich hatte die Geschlechter-Relation auf unserer „Wohnzimmer-Milonga“ schon früher einmal berechnet und war gespannt, wie sie für 2018 ausfiele: Im Schnitt gab es, fast genau wie vorher, einen Frauenanteil von zirka 57 Prozent.

Da es im Mittel zirka 15 Teilnehmer sind, kommen natürlich mehr „Ausreißer“ in beide Richtungen vor. Dennoch bleibt bei uns keine Frau länger als eine Viertelstunde sitzen (außer, wenn sie selber eine Pause möchte). Wie das? Erstens fehlt fast völlig das „selektive Auffordern“: Die Damen, egal ob alt oder jung, erfreuen sich ähnlicher tänzerischer Beliebtheit. Vor allem aber – und das unterscheidet uns gigantisch von den üblichen Veranstaltungen – können (nach den Zahlen für 2018) zirka 48 Prozent der weiblichen Teilnehmer auch führen! (Übrigens tanzen auch mal zwei Männer miteinander, sollten Frauen Mangelware sein.)

Gleichgeschlechtliche Aversionen habe ich dabei nie erlebt, im Gegenteil: Einige führende Damen sind bei Ihresgleichen derartig beliebt, dass wir Herren uns ranhalten müssen, zwischendurch auch einmal zu einer Tanzrunde zu kommen!

Wie erklärt man sich diese Unterschiede? Eine Tangofreundin sagte mir neulich mit Blick auf ihre lokale (natürlich traditionelle) Szene: „Denen ist doch die Musik egal – schön einfach soll sie halt sein, damit sie sich auf anderes konzentrieren können. Die besuchen Milongas, weil sie Leute treffen und plaudern können, alles andere ist zweitrangig.“ Ich ergänzte noch mit ihrer Zustimmung: „Und schöne Frauen im Arm zu halten, macht auch Spaß.“

Daher bin ich davon überzeugt: Milongas, wo sich Leute treffen, denen es vorrangig um das Tanzen zu interessanter Musik geht, haben heute Seltenheitswert. Und die bekannten, heiß diskutierten Tangoprobleme rund um Ronda und Auffordern existieren dort nicht, da sie ein völlig anderes Publikum anlocken.

Es spricht Bände zum Sozialverhalten in der heutigen Tangoszene, dass man die beklagten seelischen Verwerfungen nicht in den Griff bekommt, ja, sie sich Jahr für Jahr zu verschlimmern scheinen. Und gerade die Apologeten des „vorschriftsmäßigen Tango“ diskutieren zwar inniglich über so wichtige Fragen wie Überholverbote in der zweiten Ronda oder die Tanzbarkeit eines Tangotitels von 1956 – aber kaum ein Veranstalter oder DJ hat den Hintern in der Hose, einem stoffeligen Typen einmal den folgenden Tipp zu geben: „Du, die Frau da drüben sitzt schon eine Stunde herum, wäre nett, wenn du sie mal aufforderst.“ (Oder, halten zu Gnaden, es gleich selber zu tun…)

Zudem: Warum ergreift die Leserbriefschreiberin, welche sich für „nicht kontaktscheu“ hält, nicht einmal selber die Initiative, indem sie einen Tänzer anspricht oder – wenn es denn der Cabeceo sein muss – nervt den Typen so lange mit Blicken, bis er sich in sein Schicksal fügt? Oder, noch viel besser: Meidet Milongas , wo Arroganz die tänzerische Primärtugend darstellt?

Die Schlussfolgerung der Autorin jedoch ist pure Realsatire: Man bewahre Frauen vor Frustrationen, indem man sie erst gar nicht zum Tango lässt. Na prima, dann sollte man für dieses Geschlecht auch das passive Wahlrecht abschaffen: Nicht, dass sie dann ins Parlament kommen und dort erkennen, dass man sie nicht beachtet…

Der im Titel zitierte Ratschlag von Altmeister Goethe hat auch im Tango immer noch seine Berechtigung: „Besonders lernt die Weiber führen“ könnte manchem Tanguero mit Einstellungen des 18. Jahrhunderts nebst Schraubstockumarmung selbst heute nicht schaden. Vielleicht könnte man es aber zeitgemäßer formulieren: „Besonders lehrt die Weiber führen“ – und das nicht nur auf dem Parkett!

Die Damen müssten sich allerdings von ihrer Passivität verabschieden, denn das „Weh und Ach“ währt sonst ewig, ohne dass sich etwas ändert.

Und einen (nicht ganz ernst gemeinten) Tipp hätte ich noch für die Leserbriefautorin und ihren tangomäßig ganz gewandten Gatten: Macht’s doch eine Tangolehrerausbildung, dann mangelt es euch nie an Tanzpartnern – höchstens werden sie so zahlreich, dass ihr euch, wie viele eurer Kollegen, lieber ganz von den Milongas zurückzieht. Die Stellenbeschreibung, die Mephisto dem Schüler im Goethe-Drama schildert, passt jedenfalls vom „Softporno-Charakter“ her viel besser auf Tangolehrer denn auf Mediziner:
   
„Ein Titel muss sie erst vertraulich machen,
dass Eure Kunst viel Künste übersteigt;
zum Willkomm tappt Ihr dann nach allen Siebensachen,
um die ein andrer viele Jahre streicht,
versteht das Pülslein wohl zu drücken,
und fasset sie, mit feurig schlauen Blicken,
wohl um die schlanke Hüfte frei,
zu sehn, wie fest geschnürt sie sei.“

Aber nicht alle „schmutzigen Anträge“ müssen ja uncharmant sein, wie Iwan Harlan mit seinem neuen Projekt „Tango alemán“ beweist. Ich werde mir jedenfalls die CD besorgen und gelegentlich auch besprechen:

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