Tango-Privatstunden: die Katze(n) im Sack?


Früher stopften Händler auf Märkten oft eine wertlose Katze statt des ausgemachten Ferkels oder Kaninchens in einen Sack, um einen unaufmerksamen Kunden zu betrügen.

Aufmerksamen Lesern meines Blogs muss ich es nicht erklären: Beim Tangounterricht gebe ich eindeutig Privatstunden den Vorzug gegenüber den üblichen Kursen. Da ich praktisch nie Einzelbetreuung hatte, stellte ich mir bislang solche Termine naiverweise so vor: Ein Schüler oder ein Paar, ein Lehrer oder zwei, ansonsten ein leeres Parkett – mehr Konzentration geht nicht!

Nach dem jüngst erschienenen Artikel „Privatstunde“ auf dem Blog „Berlin Tango Vibes“ weiß ich: Geht doch. Die Autorin schildert den Verlauf einer solchen Unterweisung wie folgt:

„Klar habe ich meinen Lehrer ganz für mich, so gesehen darf ich nicht meckern. Doch im Raum tummeln sich noch drei andere Lehrer*in-Schüler*in-Paare. Alle ‚ganz privat‘ natürlich. Die Lehrer*innen haben den Raum aufgeteilt. (…)
Ich fühle mich etwas verwirrt, zu viele Anweisungen, zu viele Korrekturen, zu viele Stimmen, zu viel Bewegung im Raum, und nur ein Viertel davon gilt mir. So hatte ich mir das ganz und gar nicht vorgestellt mit meiner Privatstunde. (…)
Ach so, da war doch noch was, hätte ich ja fast vergessen. Zum Tango gehört schließlich auch Musik. Es erklingen also Tangos, die für alles irgendwie funktionieren. Nicht zu schnell, nicht zu langsam, der Beat gut hörbar, die Stimmung weder zu dramatisch, noch zu fröhlich. Der kleinste gemeinsame Nenner sozusagen.“

Was gewesen wäre, wenn die verschiedenen Paare hätten Tango, Vals bzw. Milonga lernen wollen, weiß die Schreiberin auch nicht.

Hier der volle Text:

Kollege Thomas Kröter verlinkte den Artikel, worauf sich auf seiner Facebook-Seite (10.10.18) ein längerer Disput über das Für und Wider entwickelte. Die Vertreterin von „Berlin Tango Vibes“ meldete sich ebenfalls zu Wort:

„Aus meiner Sicht ist vor allem die Transparenz wichtig: Wenn ich als Kunde vorher weiß, was ich kriege, ist es ok, dann kann ich entscheiden, ob ich das will oder nicht oder ggf. nach Alternativen fragen/suchen.“

Das Stichwort „Transparenz“ bedeutet ja: „Pörnbach, übernehmen Sie“… Na, aber gerne doch! Was mich interessierte:

Wie klar gestalten sich die Angebote im Internet? Ich habe dazu den Suchbegriff „Tango Privatstunden“ bei Google eingegeben und die ersten 10 Treffer untersucht, die halbwegs deutlich Einzelunterricht anbieten.

Dabei waren mir folgende Aussagen wichtig:

·         Konkrete Angaben zu den Lehrern (einer oder zwei?)
·         Örtlichkeit?
·         Zielgruppe: Einzelpersonen, Paare oder mehr?
·         Findet der Privatunterricht ungestört von anderen Schülern statt?
·         Nähere Erläuterungen zur Unterrichtsweise?
·         Dauer, Preisangabe?

Die Ergebnisse:

Lo de Laura:
Es ist lediglich von einem Lehrer nach Wahl die Rede, den man ansprechen soll. Einige Erläuterungen zu den Vorteilen dieser Methode. Angaben über Ort, Zielgruppe, Ablauf, Dauer oder Preise fehlen.

Que Tango:
Aussage, dass man auf Privatstunden spezialisiert sei. Vorzüge dieser Variante werden vage beschrieben. Preis: 80 € für 60 Minuten und maximal 2 Personen, ab 3. Person Zuschlag von je 20 €. Weitere Angaben fehlen.

Tango Argentino Studios Chocolate:
Orte und Zeitrahmen werden genannt; für Einzelschüler oder Paar, Unterricht ebenfalls durch einen oder zwei Lehrer nach Wahl; diese Personen werden vorgestellt. Relativ ausführliche Angaben zur Methodik; keine Preise.

Tango Anabella:
Örtlichkeit und Lehrerin werden genannt, die Angebote umfassen alles von den Anfangsgründen bis zum Showtanz; unterrichtet werden Einzelpersonen und Paare; methodisch-didaktische Beschreibungen fehlen. Mit Viererkarte kostet die Stunde (60 Minuten) 65 € pro Person.

Tango la Berlinesa:
Freie Lehrerwahl; Örtlichkeit genannt; offenbar unterrichtet jeweils eine Einzelperson. Die Vorteile des Privatunterrichts werden ausführlich dargestellt; unklar, ob Einzelpersonen, Paare oder mehr Personen teilnehmen können. Einen konkreten Preis nennt nur die Chefin (60 € pro Person und Zeitstunde).

miTango:
Örtlichkeit wird genannt; Angebot richtet sich an Einzelpersonen und Paare; vage Andeutungen zum Sinn dieser Unterweisung; ein Lehrer oder Paar unterrichtet; keine Preisinformationen.

Tango Argentino München (Oscar Busso):
Sehr vollmundige Werbung à la „original-argentinisch-authentisch“; Unterricht wohl durch den Chef für Einzelpersonen oder Paare; weitere Angaben (auch zu Preisen) fehlen.

Tango-Creativo-Vienna:
Örtlichkeit und Zeitrahmen (60 bzw. 90 Minuten) werden genannt; offenbar Lehrerpaar (keine weiteren Angaben); nur für Paare; keine Preise, keine Unterrichtsbeschreibung; versprochen wird „kleines, sehr persönliches Ambiente“.

Oliver und Lin Krstic:
Angebot für Einzelpersonen und Paare; sehr frugale Beschreibung; keine Örtlichkeit, keine Preise und weitere Angaben.

Tango Mileva-Martín:
Kurze Beschreibung der Unterrichtsziele; Angebot richtet sich an Einzelpersonen und Paare; sonst keine weiteren Angaben, auch keine Preise

Fazit

Nun sind ja schon die Ankündigungen normalen Gruppenunterrichts im Tango nicht eben detailreich – die von Privatstunden unterbieten dieses Niveau allerdings noch beträchtlich:

Bei mindestens 2 Angeboten weiß man nicht einmal, um welche Lehrer es sich handelt oder wie die Zielgruppe genau aussieht. Die genaue Örtlichkeit fehlt in jedem zweiten Fall, und die Preise sind geradezu ein „Staatsgeheimnis“: Nur 3 von 10 Veranstalter werden da konkret.

Ob man als einzelner Schüler oder Paar dann wirklich ungestört üben kann, wird kaum ersichtlich – am ehesten lässt dies noch die Offerte „kleines, sehr persönliches Ambiente“ (Beispiel 8) vermuten.     

Laut Thomas Kröter (der sich wohl inzwischen erkundigt hat), sei „die Praxis des seriellen Privatunterrichts wegen knapper Raumzahl und großer Unterrichtsnachfrage zu bestimmten Zeiten in allen größeren Studios gang und gäbe“, auch bei Festivals.

Ich weiß nicht, was mich daran mehr entsetzt: Dass man es wagt, Kunden solche Pseudo-Privatstunden überhaupt anzubieten, oder dass derartige Lehrer sich auch noch großer Nachfrage erfreuen. Sich hier mit teuren „Raummieten“ zu exkulpieren, halte ich für vorgeschoben: Schließlich ließe sich die Privatstunde in vielen Fällen auch im Wohnzimmer des Kunden durchführen – dann müssten halt die Lehrer die Anfahrt organisieren. Bei einem Stunden-Verdienst von durchschnittlich 100 € sollte das realisierbar sein – und der Datenstick mit dem unterrichtsüblichen Di Sarli-Geplürre passt in jedes Handtäschchen...

Die Seriosität des oberbayerisch „Viechhandler“ genannten Gewerbes ist in unseren Gefilden sprichwörtlich – die solcher „Tangolehrer“ leider noch nicht. Immerhin aber bewiesen die Schlitzohren auf den Viehmärkten noch Werbetalent und verkauften den dummen Bauern die mit Arsenik aufgepulverte alte Schindmähre als edles Ross. In der Tangobranche ist offenbar nicht einmal dies nötig, um Kunden anzulocken.

Ob dann ein wirklicher Privatunterricht etwas bringt, ist ja noch nicht garantiert. Aber der Kunde sollte wenigstens aufpassen, dass sich im Sack nur eine Katze und nicht ein halbes Dutzend befindet. Sonst ist sein Geld auf alle Fälle für dieselbe!

Katzbeceo

Kommentare

  1. Gerade erreichte mich der folgende Kommentar:

    Sehr geehrter Herr Riedl,

    nachdem ich Ihren Blog in den letzten Wochen chronologisch gelesen habe und es mich immer wieder mal gereizt hat, zu kommentieren, gebe ich diesem Reiz nun nach.

    Meine Frau und ich tanzen seit Januar 2017 Tango Argentino, nachdem wir ein halbes Jahr zuvor einen Schnupperkurs in unserer Standardtanzschule gemacht hatten, dem aber leider kein weiteres Angebot seitens der Tanzschule folgte.

    Ungeachtet dessen haben diese ca. 3 Stunden ausgereicht, um mich so nachhaltig zu infizieren, dass ich anschließend das Netz nach Tangounterricht in unserer Gegend (ca. 50 km Umkreis) durchsuchte und schließlich auch fündig wurde. Dies führte zu unserer ersten Tanz-Privatstunde, da ich Tangolehrern aufgrund fehlender offizieller Qualifikation a la ADTV eher skeptisch gegenüberstand und die Tanzlehrerin einfach kennenlernen wollte, bevor ich einen Kurs über längere Zeit buche. Dieses Vorgehen kann ich nur jedem weiterempfehlen. So haben sich meine Befürchtungen bezüglich Esoterik oder Verklärtheit zerschlagen und ich war ob der Professionalität positiv überrascht. Seitdem besuchen wir sowohl die fortlaufenden Kurse und nehmen auch ca. 1 Einzelstunde pro Woche, entweder als Paar oder alleine, wenn der Partner nicht kann.

    An diesem Punkt möchte ich auch einhaken, was den Punkt Gruppenunterricht vs. Einzelunterricht angeht. Ich schätze den Gruppenunterricht sehr, denn er gibt mir die Möglichkeit, mit vielen unterschiedlichen Tanzpartnern zu tanzen. Der Partnerwechsel ist dort elementarer Bestandteil des Unterrichts und er hilft gerade Anfängern, Teil einer Community zu werden. Dass es im Gruppenunterricht viele gibt, die lediglich Unterricht konsumieren, ohne diesen auf Milongas auch anzuwenden und damit eine relativ langsame Entwicklung machen, ist sicherlich richtig, jedoch laste ich dies den entsprechenden Paaren und nicht dem Unterricht oder der unterrichtenden Person an.

    Dass wir Einzelunterricht hinzugenommen haben, liegt an unserem Bedürfnis, mehr und besser tanzen zu wollen, da wir von Anfang an Milongas besucht haben und uns das Können anderer eher inspiriert als abschreckt. Ich werde nie vergessen, als ich auf unserer ersten Milonga nach vielleicht 3 Unterrichtsstunden mit meiner Frau auf der Tanzfläche stand und „Zum“ von Color Tango gespielt wurde und mein erster Gedanke war „das könnt ihr nicht ernst meinen“. Als ich unsere Tanzlehrerin in der Milonga auf diesen Titel und meine Schwierigkeiten damit ansprach, bat sie mich, das doch in der nächsten Gruppenstunde wieder anzusprechen, weil diese Erfahrung auch für andere interessant sein kann.

    Einzelunterricht ist aber bei unserer Tanzlehrerin ein Paar oder eine Person und sie selbst. In diesem „intimen“ Kreis machen wir in erster Linie Grundlagenarbeit und gehen sehr tief in die Details. Das bedeutet aber auch, dass dieser Unterricht oft weit außerhalb der Komfortzone liegt und ich nach Einzelunterricht oft geistig erschöpft bin. Ich mag das Gefühl, eine Komfortzone zu erreichen, bin aber schnell gelangweilt, wenn ich mich in selbiger befinde und gerade da kommt dann eine Einzelstunde recht, wenn einem gezeigt wird, dass das, was auf der Milonga vermeintlich gut klappt noch viel Luft nach oben hat.

    Ich kann aber auch jeden verstehen, dem das neben Job und Kindern zu stressig ist und der mit Gruppenunterricht, der eher versucht die Gemeinschaft in der Komfortzone zu halten oder diese gruppengerecht zu erweitern, zufrieden ist. Die Berlin Tango Vibes haben dies mit dem Beitrag „Die Grille und die Ameise“ gut beschrieben.

    Mit freundlichem Gruß
    Thomas Claussen

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    1. Lieber Herr Claussen,

      vielen Dank für Ihren Beitrag!

      Ich finde, Sie fahren gut damit, neben Kursen auch Privatstunden zu nehmen. Die Gründe dafür haben Sie ja dargelegt. Richtig finde ich es auch, sich bei einem Probeunterricht davon zu überzeugen, ob der (oder die) Unterrichtende das bietet, was Sie sich vorstellen.

      Was mich dabei interessieren würde: Woran haben Sie die „Professionalität“ Ihrer Lehrerin erkannt?

      Weiterhin gefällt mir, dass in Ihrem Gruppenunterricht häufig die Tanzpartner gewechselt werden. Das ist leider längst nicht mehr in allen Kursen der Fall.

      Tango ist der individuellste Tanz, den ich kenne. Für mich sollte ein guter Lehrer ein Paar bei der Entwicklung seines eigenen Stils begleiten. Leider erlebe ich es oft so, dass man den Schülern die eigene Tanzweise beibringt – vor allem im Gruppenunterricht.

      Aber so lange Sie das Gefühl haben, weiter zu kommen, passt es doch – und mehr Erfahrungen werden Sie in den nächsten Jahren sicherlich zur Genüge machen.

      Herzliche Grüße
      Gerhard Riedl

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  2. Hier die Antwort von Thomas Claussen:

    Hallo Herr Riedl,

    beim Nachdenken über Ihre Frage stelle ich fest, dass es gar nicht so einfach ist, darauf zu antworten.
    Ich versuche mal darzustellen, was Professionalität für mich bedeutet.

    In der ersten Stunde war dies eher ein Bauchgefühl, die freundliche, aber bestimmte Art, wie uns klar gemacht wurde, dass die 8‘er Basse, die wir in der Schnupperstunde unserer ADTV Tanzschule gelernt hatten, nicht die Art ist, wie sie unterrichtet und die pragmatische Art und Weise mit uns umzugehen, hat sowohl mir als auch meiner Frau gefallen.

    Im weiteren Unterricht sind folgende Aspekte hinzugekommen:

    Ich fühle mich ernstgenommen.
    Trotz des großen Wissens- und Fertigkeitsunterschiedes zwischen Lehrer und Schüler, habe ich mich bisher bei allen Fragen, die ich gestellt habe, ernst genommen gefühlt. Dies ist für mich sehr wichtig, da Tango und Tanzen eine sehr emotionale Sache für mich ist.

    Keine Angst vor Detailarbeit.
    Die Bereitschaft, auch mit Anfängern in die Tiefe zu gehen, wenn diese ein Interesse dafür zeigen.

    Einen Plan haben.
    Nur wer einen Plan hat, weiß wovon er abweicht. Ich konnte mir anfangs nicht vorstellen, wie man einen Unterricht im Tanzen ohne Grundschritte hält. Fairerweise muss ich sagen, dass es natürlich auch Schritte und Schrittfolgen im Unterricht gibt, diese stellen jedoch eher Beispiele dar, an denen Aufmerksamkeit und Technik geübt werden.
    Trotzdem finde ich ein für mich schlüssiges Konzept vor, was mir das Gefühl gibt, auf einem Weg vorwärts zu kommen.

    Unterschiedliche Interessen im Kurs unter einen Hut bekommen.
    In unserem Kurs ist die Bandbreite der Paare relativ groß, wobei meine Frau und ich zu den Paaren gehören, die regelmäßig 2 Mal in der Woche auf Milongas oder anderen Kursen, zusätzlich zum Unterricht, tanzen. Andere hingegen nehmen nur einmal die Woche Unterricht und tanzen noch gar nicht auf Milongas. Trotzdem habe ich mich noch in keiner Gruppenstunde gelangweilt. Ich wäre froh, wenn ich dies von unserem Standard-Tanzkreis auch sagen könnte.

    Mit freundlichen Grüßen
    Thomas Claussen

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    1. Lieber Herr Claussen,

      danke für Ihre sehr differenzierte Antwort.

      Da sind Sie offenbar an eine sehr versierte Tangolehrerin geraten, meinen Glückwunsch!
      Schon die Tatsache, dass sie auf „Grundschritte“ wie die „Basse“ verzichtet und überhaupt die Choreografie nicht im Vordergrund steht, ist höchst erfreulich.
      Und nein, langweilig werden sollte das Tanzen auf keinen Fall, ob Kurs oder Milonga, Tango oder Standardtanz.

      Vielleicht hilft Ihre Aufzählung anderen Tangoschülern bei der Einschätzung, ob ein Tangolehrer für sie geeignet ist oder nicht.

      Beste Grüße
      Gerhard Riedl

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