Vom professionellen Veranstalten

Derzeit wird in Tango-Blogartikeln leidenschaftlich über Geld diskutiert – und damit über notleidende Veranstalter, die sich Tag und Nacht mühen und dennoch nicht aus den roten Zahlen kommen.

Als „Tango-Kunde“ sehe ich das entspannt: Stets habe ich gelöhnt, was verlangt wurde – und das ohne Gemeckere über den Preis. Klar, von nichts kann nichts kommen. Und wenn ich finde, dass ein Event sein Geld (und die Anfahrt) nicht wert ist, bleibe ich halt weg.

Sicher nicht mehr erscheinen werde ich zu Milongas, wo man mich schon in der Einladung verkohlt und Dinge verspricht, die ausbleiben. Einen solchen Fall habe ich erst kürzlich geschildert:

https://milongafuehrer.blogspot.com/2025/11/tango-ohne-raum.html

Unter dem Tag „Milonga-Berichte“ habe ich auch andere Veranstaltungen beschrieben, die ich kein zweites Mal besucht habe:

https://milongafuehrer.blogspot.com/search/label/Milonga-Berichte

Klar, „hochwertige“ Events bedeuten einen erheblichen Aufwand. Fragt sich nur, wie viele Veranstaltungen unter diese Rubrik fallen.

Die erste Ausgabe meines „Großen Milonga-Führers“ aus dem Jahr 2010 habe ich schon lange nicht mehr in der Hand gehabt. Sie enthält eine Reihe von Geschichten und Anekdoten, die ich in den folgenden Ausgaben zugunsten von allgemeineren Themen entfernt habe. Heute habe ich sie wieder einmal mit großem Vergnügen nachgelesen. 2010, als mein Buch erschien, war man heftig dabei, den Tango zu professionalisieren – oft unter Zuhilfenahme gebürtiger Argentinier. Private Initiativen wurden als „nicht gültig“ abgewertet und traten in den Hintergrund.

An ein paar interessante Erlebnisse und Geschichten, die ich im Buch erzählte, möchte ich erinnern:

·       Mit meiner Frau belegte ich den „Bronzekurs“ in einer angesehenen Münchner Tanzschule. Unser Größenunterschied führte dazu, dass ich mich immer wieder zu Karin herunterbeugte, was dem Tanzlehrer überhaupt nicht passte und zu der Äußerung animierte: „Da kann doch ich nichts dafür, wenn Sie mit so einem kleinen Würstl tanzen!“ Damals beschlichen mich erste Zweifel, ob es sich bei dieser Profession um einen Ausbildungsberuf handelt… (S.19)

·       Allgemeine Milonga-Erfahrungen beschrieb ich so: „Das Einzige, was nach nerviger Parkplatzsuche meist zügig vonstattengeht, ist das Kassieren des Eintrittspreises. Im Gegensatz dazu scheint es vor allem professionelle Veranstalter vor unlösbare Probleme zu stellen, zumal im Winter für genügend Abstell- und Aufhängevorrichtungen hinsichtlich mitgebrachter Kleidung, Schuhbeutel etc. zu sorgen. (…) Daher wohl nehmen viele Gäste Sack und Pack mit in den Tanzraum (…) Die anrührende Schullandheim-Atmosphäre verstärken meist zu wenige und vor allem ungemütliche Sitzgelegenheiten sowie Tanzböden, die offenbar schon seit Jahren in keinem direkten Kontakt mehr mit einem Wischlappen standen.“ (S.39/40)

·       „Okay, kaufen wir uns zunächst an der Bar ein rotweinartiges Getränk und nehmen uns die Muße, eine studentische Hilfskraft mehrere Minuten beim Öffnen der Flasche und der Suche nach einem passenden Glas zu bewundern – ostasiatische Meditation garantiert: ommm!“ (S.40)

·       „Vor einem halben Jahr erstellte ich eine Liste von mir gut bekannten Milongas, die in den letzten fünf Jahren zumachten – etwa 15 – zum Vergleich eine Aufstellung, welche jener Tanzgelegenheiten in dieser Zeit bis heute Bestand haben: ebenfalls 15. Jede zweite Milonga hielt also auch schon damals maximal fünf Jahre! (S.43)

·       „Auch das Internet ist nicht halb so aktuell, wie man meinen sollte: Reales Fundstück im August 2008: ‚Übungsabend entfällt am Faschingsdienstag.‘“ (S. 46)  

·       Der Tangolehrer und Autor Ralf Sartori schrieb in seinem Buch „Tango in München“: „Unworte wie ‚Event‘ und „Lifestyle‘ setzen der Unverdaulichkeit dieser Sauce die Krone auf. Das Ganze entwickelt sich dadurch immer mehr in die Breite, und die Flammen eines lodernden Wahnsinns, die zum Blut des Tango gehören, tauchen ein in die lauwarmen Wasser des Massengeschmacks und nähern sich dabei den üblichen Durchschnittstemperaturen leidenschaftslosen Mittelmaßes: Bis das Phänomen schließlich immer mehr zur Branche verkommt.“ (S. 45)

·       Im selben Buch schreibt Sartori über gewisse Kollegen: „Manche offenbarten bereits – allgemein gesprochen – bei unscheinbarsten Anlässen eine so possessiv kontrollierende und erpresserische Mentalität, dass man sich, verbunden mit dem Kult, den solche Lehrer nicht selten um ihre Person pflegen, an das Verhalten von Sekten-Gurus erinnert fühlt.“ (S. 120)

·       Open Air-Milongas beschrieb ich damals so: „Aufforderungstechnisch ergibt sich das Problem, dass bei funzelndem Kerzenschimmer gerade ältere Tänzer schon ab drei Metern Abstand nicht mehr genau erkennen, ob es sich bei dem Bündel auf der Isomatte um eine Tänzerin oder eine Kamelhaardecke handelt.“ (S.62/63).   

·       „Aus der Einladung zu einer Freiluft-Milonga: ‚Geduscht wird unter dem Gartenschlauch. Auch im Juli können die Nächte kühl werden, denkt an warme Kleidung. Im Hof flackert ein Lagerfeuer. Der Hof des Anwesens ist ungepflastert und uneben, bitte nicht die besten Tanzschuhe mitnehmen.“ (S. 63)

·       Unvergessen auch mein Abenteuer, als ich mich an einer renommierten Münchner Tangoschule als „Springer“ meldete: „Zum dritten Kurstermin kämpfte ich mich 80 km durch ein Chaos aus Schneetreiben, Glatteis und Staus und fand sogar in 800 m Entfernung einen Parkplatz. Bei meinem leicht verspäteten Erscheinen teilte man mir mit, die Dame (die meine Telefonnummer hatte!) benötige meine Hilfe nicht mehr, da sie einen festen Tanzpartner gefunden habe. Kommentar des (ultimativ arroganten) Chefs über meinen Kopf hinweg zur Service-Kraft: „Mach ihm einen Kaffee und schreib ihn auf die Gästeliste.“ Ich verzichtete auf beides. (S. 79)

·       In der „Tangodanza (4/2008, S. 68) schildert ein Leser seine Erfahrungen mit Tangounterricht: „Man ändert die Schritte während des Unterrichts, weiß nichts von den schwierigen Stellen beim Paartanzen und lässt die Schüler voll in alle Fallen rasseln. Jetzt wirft man alle Anwesenden in einen Topf und macht sich über sie lustig. Man berührt die Schüler nicht (…) oder spielt für sie die Rolle des Führenden oder Geführten. (…) Am Ende macht man das Ganze noch einmal vor und lässt die gedemütigten und frustrierten Schüler auch noch wie die Äffchen klatschen.“ (S. 107)

„Ich soll meine Schulter öffnen (…), O Gott, ich weiß, was offene Beine sind, meine Großmutter litt darunter. (…) Ich will dem Tangolehrer nicht generell Dilettantismus unterstellen. (…) Aber warum gebärdet er sich so schulmeisterlich und glaubt, eine Sprache entwickeln zu müssen, die Eindruck macht und das Gegenteil von Klarheit bewirkt.“ (S. 107)

·       „Sehr deutlich wird ein Leserbriefschreiber in der Tangodanza 1/2009, S. 82 unter dem Titel ‚Mafiöse Maestros‘: ‚Doch der Weg vom Maestro zum Mafioso scheint nicht so weit, wie wir erleben mussten. Denn so unglaublich faszinierend der Tanz dieser Paare ist, so schrecklich waren die übervollen, teuren Workshops mit den Meistern. Sie lehrten nicht, sondern führten vor – vor allem ihre Schüler.“ Einen Teil der Kurszeit, so wird berichtet, nutzten die beiden zum Training für ihre abendliche Show. (S. 107-108)

·       „Eines der uns bekannten Institute nimmt es mit den Leistungen der Schüler/innen offenbar recht genau (…). Anscheinend finden sogar richtige ‚Tanzprüfungen‘ statt; jedenfalls vertraute uns ein Kursteilnehmer an, er sei mit seiner Karriere ganz zufrieden – nur im Vals habe er eine Vier.“ (S. 124)

·       „Ich habe einmal einen Tangolehrer erlebt, der bei einer Practica der betanzten Dame im entscheidenden Moment das Wort ‚Gancho‘ ins Ohr raunte“. (S. 159)

·       Ich zitierte aus einem Interview mit Stefan Wiesner („Stravaganza“) in der Tangodanza 4/2005: „Es sind unheimlich viele Philister unterwegs, die sagen, so und so muss der Tango sein. Und das ist oft sehr kleinkariert. Lebendig sein heißt für mich auch übermütig sein, spielen, spielen dürfen, ohne dass jemand mit erhobenem Zeigefinger danebensteht. (…) Oft, wenn ich heute in einen Tangosaal hineinkomme, denke ich, mein Gott, ist hier eine Grabesstimmung. Ich wechsle den Beruf.“ (S. 293)

·       Als wir eine Stunde nach Beginn auf einer Milonga auftauchten, war das angekündigte Büfett bereits abgegessen, die zwei Wein- und Sektflaschen leer. Uns blieb selbst gesprudeltes Mineralwasser. Das Parkett blieb unbetanzt, im Hintergrund dudelte leise Musik. An den Tischen essende Gäste. Ein Schild verkündete: „Eintritt inklusive Essen und Getränke 15 Euro.“ Ich fragte den Gastgeber: „Was kostet es denn mit Tango?“ Immerhin drehte er dann die Anlage lauter! (S. 314)

·       „Wir ließen uns von einer Einladung anlocken, die Mannigfaltiges versprach: Begrüßungssekt, Frauenworkshop, original argentinisches Grillen im lauschigen Innenhof. In Wahrheit standen vor dem Studio lediglich geparkte Autos, und nach Genuss eines lauwarmen Supermarkt-Proseccos durften wir längere Zeit einige Anfängerinnen beobachten, die es mangels Männer selber unternahmen, einander aus der Achse zu kippen. Nach zwei Stunden erschien der Chef des Instituts mit einer Packung Grillwürstel (…). Die Salsa-Darbietung falle aus, so war später zu hören, denn der hierfür vorgesehene Studiobesitzer sei soeben beleidigt nach Hause geradelt.“ (S. 314)    

Als ich mein Tangobuch schrieb, konnte ich bereits auf mehr als zehn Jahre Erfahrungen mit den Widersprüchlichkeiten der Szene zurückblicken. Bei den „Tango-Offiziellen“ war der Typus des dilettantischen, aber hochnäsigen Schwätzers nicht selten. Der „Milongaführer“, später auch das Blog, gab mir die Chance, selbst erlebtes Leiden mit Satire zu vergelten.

Aber es gab auch tolle Veranstalter, manchmal sogar Lehrer. Auch die finden sich in meinen Texten.

Insgesamt aber, so meine ich, sollte man nicht nur beschwören, welch hohes – auch finanzielles – Engagement auf den Tango-Funktionären lastet, sondern auch, was der Kundschaft fürs Geld geboten wird. Und da sind nicht wenige Kurse und Events immer noch überbezahlt.

In meinem Buch habe ich Osvaldo Cartery, den Weltmeister im Tango de Salon des Jahres 2004, mehrfach zitiert. In einem Artikel der Tangodanza (2/2008, S. 9) sagt er: „Ich glaube, dass wir heute zu viele Tangolehrer haben. Es ist genug, die ganze Welt ist Tangolehrer. (…) Wenn die Tänzer die Musik beachten würden, dann bräuchten sie keinen Unterricht mehr.“

Wer würde es wagen, einem argentinischen Weltmeister zu widersprechen?

Na, dann lassen wir ihn noch mit seiner Frau Coca tanzen:

https://www.youtube.com/watch?v=xb0ETp_uRpA 

Kommentare

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