Das liebe Geld
Der Tangoveranstalter Christian Beyreuther hat nun bei Klaus Wendel einen längeren Artikel über sein Lieblingsthema veröffentlicht: die finanziellen Nöte der Tango-Organisatoren. Die Überschrift fasst seine Argumentation zusammen:
„Preisdebatten im Tango: Warum Milongas lange zu günstig waren – und warum sich das rächt“
Sein Ziel ist klar: Es geht ihm um „Gewinn“, um den Tango als „Wirtschaftsmodell“. Selber habe er über 250 Milongas veranstaltet. Leider hat er stattdessen draufgezahlt: Rund 42000 Euro Miese stehen zu Buche.
Ich will ihn da nicht belehren – aber aus meiner Sicht ist die Tangoszene zu klein und speziell für derartige Ambitionen.
Dazu muss man wissen: Für private Low Budget-Initiativen, für Vereins-Aktivitäten hatte Beyreuther stets nur Verachtung übrig – speziell, wenn sie mit mir zusammenhingen:
„Wer nichts investiert, wird eben nur billig tanzen. Das reicht nicht einmal für einen Auftritt auf dem Pörnbacher Dorfplatz“.
„Quellenlage: Wohnzimmer. Bestätigt von der Tanzfläche seiner Couchgarnitur. Und doch: Wer ihn tanzen sieht – wenn er sich denn überhaupt einmal blicken lässt – erkennt schnell, dass zwischen Theorie und Praxis ein Wohnzimmer liegt.“
„Im deutschen Tanzsport gibt es zwei Welten: die einen tanzen mit Rückennummer und Pokal-Ambitionen – die anderen mit Kaffee, Kuchen und Vereinsheftchen (...) im Mehrzweckraum des TSV Hintertupfing“.
„Da wird nach der Rumba zum Kaffee gegriffen, zum Quickstep eine Quarktasche verzehrt und in der Pause zwischen Samba und Langsamer Walzer reicht der Vorsitzende Weißbier und Leberkässemmeln.“
Beyreuthers Zielgruppe ist dagegen die „große Tangowelt“ – die Reichen und Schönen sollen sich unter seiner Regie in edlen Ballsälen tummeln. Essen, Trinken und sogar Tanzen nur vom Feinsten! Doch das ist ein sehr besonderes Publikum – mit hohen Ansprüchen und fest verschlossenem Geldbeutel.
Wenn ich als Zauberer vor einfachen Leuten auftrat, legten die bei der Gage oft noch freiwillig einen Schein dazu. Bei den Geldigen durfte man auf Trinkgeld nicht hoffen – stattdessen seiner Gage manchmal noch mehrfach hinterhertelefonieren.
Diese Leute haben ihr Geld nicht vom Ausgeben, sondern vom Behalten. Und wenn der Gratis-Prosecco ausgetrunken ist, füllt man seine Thermosflasche halt auf dem Klo nach.
Die kleine und sehr spezielle Tangoszene gibt wirtschaftlich nicht viel her. Man hat kostengünstige Angebote auf der Basis privater Initiativen und Vereine. Wenn, dann rollt der Rubel eher noch beim Verkauf von Unterricht oder Tangoreisen. Der Deutsche ist ja genetisch ein Nomade.
Ich bin kein Ökonom, vermute aber dennoch, es nicht erst bei fünfstelligen Verlusten gemerkt zu haben, dass ich auf dem Holzweg bin.
Warum veranstaltet man überhaupt solche Events, wenn es doch so viel Arbeit macht und eher zu Verlusten führt? Ist es wirklich nur die pure Liebe zum Tango oder vielleicht doch die Pflege des eigenen Egos, die Rolle des großartigen, bewunderten Gastgebers der High Snobiety?
Ich frage ja nur – die Antwort muss sich jeder selbst geben.
Und auch darauf habe ich mehrfach hingewiesen: Im Tango erlebt man oft die Diskrepanz zwischen „professionellem“ Anspruch in der Theorie und dilettantischem Herumgewurstel in der Praxis. Das funktioniert dann erst recht nicht. Ich habe in all den Jahren viele Milongas sterben sehen – bei den meisten hat es mich nicht gewundert. Eher war ich überrascht, dass sie es länger aushielten.
Und weil wir schon bei „professioneller Arbeit“ sind: Im Gegensatz zum Tangolehrer gibt es hierzulande den staatlich anerkannten Abschluss als Veranstaltungsfachwirt.
https://de.wikipedia.org/wiki/Veranstaltungsfachwirt
Ich gestatte mir die Frage: Wie viele Tangoveranstalter haben eine solche Ausbildung? Auskünfte nehme ich gerne entgegen!
Ein Prüfungsfach ist übrigens das „Analysieren von Märkten und Definieren von Marktchancen“. Tja…
Selber habe ich mich nie über die „hohen Kosten“ von Tangoveranstaltungen beschwert, sondern stets klaglos das Geforderte bezahlt oder Spendenaufrufe großzügig befolgt. Meist bringen wir sogar Essen mit, wenn es verlangt wird. Wir wollen ja niemanden verhungern lassen! Und der Supermarkt-Prosecco schmeckt mir eh nicht.
Larmoyanten Veranstaltern sage ich aber: Wer mit dem Deibel essen will, braucht einen langen Löffel!
P.S. Zur Steigerung der Illusion noch ein wenig „Bacardi Feeling“:
https://www.youtube.com/watch?v=F8KIjkRM2lg
Zum Nachlesen: https://milongafuehrer.blogspot.com/2018/11/weichzeichner-tango.html
Herr Beyreuther beklagt sich nun per Kommentar auf Wendels Seite, die Diskussion werde „ins Persönliche“ gezogen.
AntwortenLöschenDavon bin ich schwer beeindruckt. Selber hat der Kollege kaum eine Gelegenheit ausgenützt, mit meiner Person abzurechnen.
Und er vertritt seine höchst persönliche Ansicht zu diesen Fragen. Ich hoffe nicht, dass er inzwischen meint, er verkünde universelle Wahrheiten.
https://www.tangocompas.co/preisdebatten-im-tango-warum-milongas-lange-zu-guenstig-waren-und-warum-sich-das-raecht/#comments
Gerade fand ich einen älteren Kommentar von Christian Beyreuther (vom 14.3.25), in dem er mit meiner Idee privater Tango-Initiativen abrechnet. Natürlich am Beispiel unserer Wohnzimmer-Milongas:
AntwortenLöschen„Während andere echte Verantwortung übernehmen, investieren und hochwertige Tango-Erlebnisse schaffen, sieht dein ‚Tango-Universum‘ folgendermaßen aus:
♦ Eine Wohnzimmer-Milonga, die man besser als verkappte Kaffeekränzchen-Tanztherapie für Frustrierte bezeichnen könnte.
♦ Weißwurst, Brezeln und abgestandenes Bier – bestenfalls kurz vor dem Ablaufdatum gekauft, weil’s fast nix kostet.
♦ Getanzt wird im versifften Schlafanzug – stilecht mit Birkenstock-Schlappen und Wollsocken.
♦ Ein Tanzstil, der irgendwo zwischen ‚verunfalltem Gehversuch‘ und ‚ich bewege mich mal, damit mein Kreislauf nicht ganz absackt‘ liegt.
Aber klar, alles andere ist ‚elitär‘ – denn warum sollte Tango auch etwas sein, das über dein Dorf-Mief-Niveau hinausgeht?“
https://milongafuehrer.blogspot.com/2025/03/einfach-naher-am-kunden.html
Gut, nun lesen wir, dass sein eigenes Konzept sich bislang nicht gerechnet hat. Da hält sich mein Mitleid in Grenzen.