Im Reich der Mikro-Bewegungen

„Unser Tenor hat ein Pianissimo, des hat überhaupt noch kaaner g’hört“ (Musiker-Spruch)

Kollege Wendel hat sich nun eines sicherlich wichtigen Themas angenommen, dem er den zweiten Teil seiner „Gedanken über Tango-Musik“ widmet: „Was bedeutet eigentlich ‚zur Musik tanzen‘?“

Klar, dieser Auftrag bleibt oft ziemlich unkonkret – und der Versuch des Autors, etwas Ordnung in die blumigen Sprüche zum Thema zu bringen, ist sicherlich verdienstvoll.

Wendel unterscheidet drei Ebenen: „Im Takt sein, Aufnehmen musikalischer Akzente, Gestaltung musikalischer Dramaturgie“. Ich füge hinzu: Falls die üblicherweise gespielte Musik sie überhaupt hergibt.

Und ja: „Rhythmus ist nicht Melodie“ – darauf wäre ich auch allein gekommen.

Vielleicht hilft es auch, die Stücke mit zu summen („tararear“). Machen ja auch die Bienen, weil sie den Text vergessen haben (sorry, Kalauer!).

Nicht alles, was man höre, könne man auch tanzen. Bei vielen heute aufgelegten Titeln empfinde ich das als Gnade…

Sicher, wer noch mit der Technik hadert, wird diese höheren Ebenen schwerlich erreichen. Vielleicht sollte man dann die Köpfe der Lernenden nicht mit zu viel Technik-Müll belasten?

Wendel hat in vielen Details sicherlich recht – nur: Hilft es wirklich, den Lernenden das alles im Großangebot aufzuhalsen? Im Endeffekt entsteht dann der Eindruck, musikalisches Tanzen gelinge nur wenigen Erfahrenen. Nein, es geht auch mit wenig Technik und Choreografie – eine gewisse Musikalität vorausgesetzt. Und die Musik muss interessant sein, sonst verzichtet man lieber auf die Mühe!

Originalton Wendel: „Man kann nur mit dem spielen, was man kontrolliert.“ Na ja, man erkennt solch nervende Gören schon im Sandkasten.

Nein: Spielen entsteht bei Abwesenheit von Kontrolle.

Folgerichtig kommen wir nun zu einem Thema, das im Tango inzwischen für alles und jedes herhalten muss. Im schönsten Verordnungs-Deutsch nennt der Autor es „die straffe Organisation der Ronda“: Der Raum sei begrenzt, Wege vorgegeben, jede Bewegung müsse mit anderen Paaren koordiniert werden.

Kurzum: Man muss so unmusikalisch tanzen wie die anderen.

„Sichtbare Ausdruckmöglichkeiten“ seien eingeschränkt. Gerade in enger Umarmung zeige sich Musikalität in „Mikro-Bewegungen“, weniger als „sichtbare Form“, sondern als „körperlich spürbare Qualität zwischen zwei Menschen“.

Okay, das Mädel ein wenig rumschuckeln reicht – kenne wir doch noch von den „Beat-Partys“ unserer Jugendzeit. Vornehm gesagt: Die „musikalische Arbeit“ spiele sich „im Innern des Paares“ ab.

Warum sind wir einst nicht auf diese Erklärung gekommen, als unsere Eltern reinkamen und das Licht wieder einschalteten?

Zum wiederholten Mal holt uns hier das Standard-Argument der Konservativen ein. Das sei ja alles gut und schön – aber die Ronda

Halten wir also fest: Echten Tango gibt es nur dort, wo kein Platz ist. Muss einem doch gesagt werden…

Quelle: https://www.tangocompas.co/gedanken-ueber-tango-musik-2-teil/

P.S. Beim folgenden Video beneide ich Susanne Opitz und Rafael Busch um den relativ großen Raum. Und die beiden passen sich hervorragend der Ronda an, die sich keinen Zentimeter vorwärts bewegt…

https://www.youtube.com/shorts/yp_vSaBzjS0

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