Tango oder Tanzen?
„Wohnst du noch oder lebst du schon?“ (IKEA)
Meine Themenwahl wird von persönlichen Musen bestimmt, die bereits vor dem Frühstück an meinen Schreibtisch flattern und keinen Pardon kennen. Wenn sie finden, ich solle über eine bestimmte Sache schreiben, dann muss das wohl sein!
Heute bin ich am Kommentar eines Blogger-Kollegen hängengeblieben, der laut Selbstauskunft seit 2015 Tango tanzt. Erst 6 Jahre später habe er via „Erleuchtung“ verstanden, was für ihn beim Tango besonders wichtig sei.
https://www.blogger.com/profile/03167555287830567695
Inzwischen hält er sich für einen Tangolehrer – eine unausbleibliche Konsequenz!
Gestern habe ich in einem „Wort zum Samstag“ ein wenig seine Sichtweise veralbert, er wähle seine Tanzpartnerinnen fallweise danach aus, ob sie besonders gut zu einem bestimmten Orchester tanzen könnten. Er selber scheint natürlich universell begabt zu sein, daher hat er die freie Wahl!
https://milongafuehrer.blogspot.com/2026/02/das-wort-zum-samstag-68.html
Per Kommentar teilte er mir alsbald mit, er habe „herzhaft gelacht“ über meine Vorstellung, man solle „jede Tanda mit jeder Frau tanzen können“.
Wie könne man nur eine „Anfängerin, die hauptsächlich damit beschäftigt ist, ihre eigenen Füße zu sortieren, zur Pugliese Tanda auffordern“?
Von Piazzolla wollen wir da gar nicht erst reden…
Persönlich bin ich da ein wenig voreingenommen, denn ich habe es schon gemacht. Sogar beides. Und öfters. Das schränkt natürlich das Theoretisieren ein.
„Colgadas, Volcadas oder Hebefiguren“, die der Kollege abschreckend nennt, würde ich dabei sicher nicht versuchen, sondern mich nötigenfalls den Fähigkeiten der Partnerin anpassen – heute offenbar ein unglaubliches Konzept. Klar, da wird nicht alles klappen. Spaß macht es hoffentlich trotzdem. Oder vielleicht sogar gerade deshalb.
Vor längerer Zeit habe ich in unserer Lokalzeitung den Bericht über ein altes Ehepaar gelesen, das einen höheren Hochzeitstag feierte. Wie sie einander kennenlernten? Die junge Dame, damals sechzehn, saß mit ihren Eltern in einem Tanzcafé, er – zu der Zeit Fliegeroffizier – forderte sie zum Tanzen auf. Von ihr kam der Einwand, sie habe aber noch keinen Tanzkurs absolviert. Darauf er: „Ich habe noch mit jeder Dame tanzen können.“
Nicht nur der Tanz war offenbar erfolgreich – die beiden heirateten, überlebten den Krieg und sehen nun auf ein langes gemeinsames Leben zurück.
Leider habe ich mir den Artikel nicht aufgehoben – der eine Satz des Jubilars begleitet mich aber seit Jahren. Er stammt aus einer offenbar versunkenen Zeit, in der man für eine gemeinsame Tanzrunde keine „Aber-Einwände“ und erst recht kein pseudowissenschaftliches Geschiss gelten ließ.
Ich halte es zudem für eine gnadenlose Arroganz, Tanzpartnerinnen danach auszusuchen, ob sie des hohen Herrn würdig erscheinen. Und klar, alles wird aus der männlichen Perspektive betrachtet. Wir wären sonst nicht beim Tango.
Zweifellos gibt es heute in der Szene Vorstellungen, die nicht mehr miteinander zur Deckung zu bringen sind. Die hängen nicht von Einzelpersonen ab – Spinner hat es beim Tanzen schon immer gegeben. Auch im Tierreich funktioniert die Balz nur, wenn Hormone das Licht im Oberstübchen dimmen.
Beim Tango ist zusätzlich eine sehr besondere Entwicklung eingetreten:
Als wir vor mehr als einem Vierteljahrhundert mit diesem Tanz anfingen, hatten die meisten von uns oft längere tänzerische Vorerfahrungen – häufig in den Standard- und Lateinamerikanischen Tänzen, andere im Flamenco, der Salsa, Modern Dance, Volkstanz, einige sogar in der Königsdisziplin, dem Ballett.
Das heißt: Wir konnten bereits tanzen, bevor wir den Tango kennenlernten. Gut, der Tanz vom Rio de la Plata hat schon einiges Spezielle. Besonders gefielen uns damals die Möglichkeiten der Improvisation. Aber die sind ja heute weniger gefragt. Aber für uns war Tango kein Tanz, dem man sich nur mit den Weisheiten erleuchteter Exegeten nähern durfte.
Schon länger bilden im Tango Leute die Mehrheit, welche bis in ihre Lebensmitte überhaupt nicht getanzt haben – Männer von Natur aus und Frauen, weil sie keine Partner fanden. Jedenfalls nicht zum Tanzen. Irgendwann später bringt man ihnen dann einige Schrittelein bei, die angeblich den Tango repräsentieren. Dazu möglichst simple Begleitmusik. Und dann glauben sie, tanzen zu können…
Um von verheerenden Erkenntnissen abzulenken, versieht man das Ragout kiloweise mit Tango-Ideologie: die Seligkeit der Umarmung, das tiefe Eintauchen in teilweise erfundene Traditionen, die seelische Gesundung im Viervierteltakt, die Gesetze der „Ronda-Disziplin“, die Lehre vom lustvollen Verzicht auf alles Schwierigere, dem Schmäh von der Spezialisierung auf historische Orchester…
Ach, Leute, wie wäre es, wenn ihr zuerst mal tanzen lernt – und dann Tango?
P.S. Dieses Video wurde über 300000 Mal angeklickt. Da fällt mir nichts mehr ein…
https://www.youtube.com/watch?v=NLy-KHz-gJQ&list=PLXhb8IT8wUpfEchFoICxCc15SEvCC1zLT
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