Abschied von einer Lieblingstanguera

Sie fiel mir jüngst auf einer Milonga auf, die zu meinen absoluten Favoriten gehört: mittleres Alter, nett, aber keineswegs extravagant gekleidet, gutes, aber nicht besonders auffallendes Aussehen - normal" halt. Das alles war es nicht, warum ich sie von Anfang an ziemlich oft und lange mit meinen Blicken verfolgte. Der wirkliche Grund: Sie hatte offenbar einen riesigen Spaß am Tanzen! Immer wieder pendelte ihre Mimik zwischen Spannung, Neugier, Erstaunen und, insbesondere, wenn der Kommunikationsfaden zu ihren Partnern wieder einmal riss, lachte sie – nein, mehr noch: Sie amüsierte sich wie Bolle.

Objektiv betrachtet war sie wohl noch nicht lange beim Tango: Die Basics wie Caminar, Ochos oder Cunitas funktionierten zwar halbwegs, aber es wirkte so, als ob jemand neue Vokabeln einer Fremdsprache zum ersten Mal auszusprechen versucht – man versteht schon, was gemeint ist, es klingt aber irgendwie komisch. Lachte sie deshalb so viel?

Bald ergab sich die Gelegenheit, sie aufzufordern, obwohl gerade eine recht heftige Milonga-Runde lief, eigentlich viel zu schwierig für eine Anfängerin. Irgendwie war ich mir dennoch sicher, dass wir es hinbekommen würden. Mich traf ein etwas erstaunter, fragender Blick, dann riss sie sich zusammen und folgte mir auf die Tanzfläche: „Ich habe aber noch nie einen Tangokurs gemacht.“ „Na und?“, fragte ich zurück – mir das verkneifend, was ich eigentlich bei derartigen Bekenntnissen denke: „Gott sei Dank!“

Leicht und locker ließ sie sich in das ziemlich rasante Tempo führen – und wo einmal nicht, wandte ich meinen alten Trick an: Das mitzutanzen, was ihr passend erschien. Den Druck herauszunehmen ist in solchen Situationen alles. Und wieder erlebte ich, was ich vorher schon von außen beobachtet hatte: Je mehr wir auf der „Schneide der Rasierklinge“ tanzten, desto größer der Spaß, den sie hatte. Angst vor „Fehlern“? Keine Spur!

Nach dem ersten Stück strahlte sie mich an: „Also, wenn das so ist… du magst schon noch weiter tanzen?“ „Was denn sonst?“ Sie suchte die Herausforderung – nun, die konnte sie haben: Beim nächsten wirbeligen Stück mutete ich ihr schon Schwierigkeiten zu, die manche langjährige Tanguera in Panik versetzen. Nicht so in ihrem Fall: Gerade, wenn etwas nicht klappte, überrollte mich eine Welle von Emotionalität und purer Freude. Hätte ich mich das in ihrer Situation getraut? Nein.

Die Cortina zur nächsten Serie ergab Raum für ein paar Sätze mehr: „Dabei kann ich noch nicht mal den Grundschritt, hat mir neulich erst ein Tänzer gesagt!“ „Was soll das sein?“ „Na, vor-seit-rück… irgendwie, halt bis acht. Stell dir vor, der hat dann auf einer Milonga eine Viertelstunde lang versucht, mir das beizubringen.“ „Ach, du Scheiße“, entfuhr es mir, tangopolitisch ziemlich unkorrekt, was ich sofort zu korrigieren versuchte: „Wenn es beim Tango einen Grundschritt gibt, dann einfach das Gehen.“

Dazu hatten wir bei der anschließenden Tangorunde genügend Gelegenheit, welche wir ausgiebig und nicht nur dazu nutzten. In einer Ecke des Raums hatte sich eine kleine Gruppe von Männern versammelt, welche meine Tänzerin wohl kannten und nun fragende, mich höchst amüsierende Blicke aufs Parkett sandten, die nur eine Übersetzung zuließen: „Wieso kann die das plötzlich?“

Die ehrliche Antwort: Natürlich konnte sie vieles nicht – aber die Chuzpe, mit der sie sich über unklare Situationen mogelte, war eindrucksvoll, beispielsweise, wenn sie, choreografisch etwas von einer Molinette entfernt, würdevoll im Tangorhythmus um mich herumschlich. Offenbar beeindruckte sie ein Satz von mir, den sie sinnend wiederholte: „Tango ist ganz einfach – beweg dich nur schön und sensibel.“

Obwohl ich bei diesem Tanz oft Spaß habe, passiert es mir doch selten, dass ich vor lauter Lachen kaum weitermachen kann. Meine Partnerin schaffte das mehrfach, insbesondere mit ihrer Replik auf meinen einzigen technischen Rat: „Versuch mal, deinen Bauch etwas mehr anzuspannen und nach hinten zu bringen“„Mein Bauch is‘ so!“  Natürlich setzte sie dennoch meinen Tipp um, und zwar besser als so manche erfahrene Tanguera! Mehr noch, bei einer Schlusspose hakte sie plötzlich mit ihrem Bein bei mir ein. Mein erstauntes „Aha“ quittierte sie mit dem Satz: „Das hab ich mal irgendwo gesehen.“ Bei der nächsten Cortina bedankte ich mich sehr für die schönen Tänze und offenbarte ihr meinen Herzenswunsch: „Versprich mir bitte, dass du nie einen Tangokurs buchst!“

Klar, dass ich meiner Frau empfahl, dieses Talent auch einmal aufzufordern, was zunächst auf Skepsis stieß: „Die ist um Einiges größer als ich.“ Ich versuchte, sie zu beruhigen: „Das wird ihr nichts ausmachen!“ Also wurde das Vorhaben bald in die Tat umgesetzt. Wie erwartet klappte anfangs nicht alles, aber ich beobachtete mit wachsender Bewunderung, wie die Damen sich immer besser aufeinander einspielten und schließlich zu moderner, dynamischer Musik lachend und mit Begeisterung über das Parkett sausten.

Nach der letzten Cumparsita (für diese Milonga typisch: im Walzertakt!) verabschiedete sich die Tanguera von mir und bedankte sich für die schönen Tänze: „Weißt du, dass ich dein Tangobuch gelesen und mich köstlich amüsiert habe? Ich erfuhr erst nach unserer Tanzrunde, dass du der Autor bist!“ „Da siehst du mal, wie überraschend der Tango sein kann.“ „Ja, und noch was: Ich werde bestimmt keine Kurse machen – vielleicht nehme ich mal ein paar Privatstunden.“ „Prima, aber such‘ dir einen Lehrer aus, der dir wirklich etwas beibringen kann und dich nicht wie einen Rekruten auf dem Kasernenhof behandelt.“

Auf der Rückfahrt ins Hotel sprachen wir noch länger über diese bemerkenswerte Tänzerin: Tango und Lachen – wie selten ist das heute! Und ohne „anerkannte“ Tanzfiguren, nur so improvisiert, intuitiv und aus dem Spaß heraus lernen? Kann das gutgehen?

Höchstwahrscheinlich nicht. Ich bin – nicht nur wegen der geografischen Entfernung – sicher, dass wir dieser Tanguera nie mehr begegnen. Irgendwann werden ihr die Todernsttänzer, die „So wird das gemacht“-Experten, die Regelbewahrer das Vergnügen austreiben. Tango ist bekanntlich eine ernste Sache, bei der man vor allem viel falsch machen kann. Und so wird sich diese Frau mittelfristig eine Beschäftigung suchen, bei der es nicht verboten ist, seine Gefühle, seine Inspiration frei auszuleben.

Ich habe das zu oft erlebt, um noch optimistischer zu sein. Aber beim Tango darf man ja auch Wehmut und Abschied ausdrücken.

Und: Ich werde erst von der Tastatur gehen, wenn im Tanz der einstigen Auswanderer, der Vertriebenen und Heimatlosen, diese Vernichtung von Talenten aufhört.

Hätte ich ihr das alles sagen sollen? Nein, warum auch? Sie hätte es mir eh nicht geglaubt.

„Wir sind eine Generation ohne Abschied, aber wir wissen, dass alle Ankunft uns gehört.“
(Wolfgang Borchert)

P.S. Der Vorzug der Geschichte ist, dass sie sich genauso ereignet hat – ihr Nachteil aber, dass sie ziemlich sicher so enden wird!

   

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