Was wir glauben wollen
Bekanntlich sind im Tango fast alle gegen mich. Jedenfalls, wenn es nach der Sicht zahlreicher Kommentatoren geht. Einige Kostproben der letzten 4 Wochen:
„Einige fragen sich aber immer noch, warum ich mich noch mit Ihnen beschäftige, weil Sie bei vielen als Blogger längst nicht mehr ernst genommen werden.“ (18.6.26)
„Nur weil Herr Riedl gern vorher genauer wüsste, ob irgendwo Piazzolla oder Ähnliches auftaucht, heißt das noch lange nicht, dass die Mehrheit des Publikums solche Informationen vermisst.“ (15.6.26)
„Wenn Ihnen die gesamte Fachwelt – von (…) bis (…) – geschlossen bescheinigt, dass eine Debatte mit Ihnen mangels Substanz reine Zeitverschwendung ist, und Sie als Reaktion darauf mit Klickzahlen wedeln, ist das das finale Armutszeugnis.“ (10.6.26)
„Da draußen auf den echten Tanzflächen wird der klassische Tango der Epoca de Oro mit Herzblut, Respekt und nach den traditionellen Codigos gelebt – und im bayerischen Wohnzimmer sitzt derweil die selbsterklärte Ein-Mann-Jury im Ohrensessel und verteilt Zensuren.“ (9.6.26)
„Dass Sie das intellektuelle Armutszeugnis einer totalen Kapitulation der offenen Debatte vorziehen, ist ein trauriger Anblick – aus klinischer Sicht jedoch ein absolut folgerichtiges und erwartbares Symptom fortgeschrittener Isolation.“ (29.5.)
Folglich bin ich sozial vereinsamt.
Heute erhielt ich dazu einen Kommentar meines langjährigen Lesers Rainer Lehmann, der unter anderem schreibt:
„Ich finde es immer interessant, wenn man von ‚vielen` spricht. Hakt man da mal nach, fallen den Leuten dann nur ein Häufchen Menschen oder weniger in ihrem Dunstkreis ein. Das ist bei anderen Themen genauso. Man nennt das Anekdotische Evidenz. Oder auch Konsens-Trugschluss.“
Eine kurze Begriffserklärung:
„Der anekdotische Fehlschluss (…) zeichnet sich dadurch aus, dass einzelne Erfahrungsberichte und Geschichten vom Hörensagen höher gewichtet werden als statistisch fundierte Berichte und Argumente. Der anekdotische Fehlschluss wird häufig als Gegensatz zur empirischen Evidenz (z.B. empirische Feldstudien, Laborexperimente etc.) und zum Analogieschluss verwendet. Damit hat die anekdotische Evidenz eine sehr schwache argumentative Aussagekraft.“
Um es gleich zuzugeben: Ich veröffentliche auch mal Geschichten, die mir glaubwürdig erscheinen. Ein allgemeiner Beweis ist damit natürlich nicht verbunden.
Mir ist im deutschen Tango keine statistisch abgesicherte Umfrage bekannt, welche zu den Gründen eines Milongabesuchs oder speziell der musikalischen Präferenz erhoben wurde. Daher kann jeder behaupten, was er möchte.
Zudem wurden Anfängerinnen und Anfänger in den letzten zwei Jahrzehnten einseitig auf historische Tangomusik und die entsprechenden Códigos konditioniert. Alternativen haben viele kaum kennengelernt.
Selbst wenn eine Mehrheit hinter diesen Einstellungen stünde, bedeutet es noch nicht, dass die richtig sein müssen. Auch Mehrheiten können irren.
https://de.wikipedia.org/wiki/Argumentum_ad_populum
Zahlreiche Kommentatoren machen sich lieber gar keine Mühe: Sie behaupten einfach Dinge. Sehr oft unter erfundenem Namen. Das muss reichen!
Wir glauben gerne, was unsere eigenen Erwartungen bestätigt. Diese kognitive Verzerrung nennt man „Bestätigungsfehler“ („confirmation bias“).
https://de.wikipedia.org/wiki/Best%C3%A4tigungsfehler
Wenn in den Medien also ein Politiker spricht, dessen Ausrichtung wir ablehnen, hat der es sehr schwer, uns mit Argumenten zu erreichen – auch wenn die ganz vernünftig sein sollten. Im gegenteiligen Fall werden wir Behauptungen glauben, die objektiv gesehen Quatsch sind. Oder sie zumindest wohlwollend tolerieren.
Das ist der Grund, warum ich den Kollegen Wendel mit nichts so zur Weißglut bringen kann als wenn ich sein Geschriebenes mal lobe. Schließlich muss ja alles schlecht sein, was ich schreibe – sonst könnten seine Fans gelegentlich eine Nähe zwischen uns vermuten. Damit geriete ja der ganze Frontverlauf durcheinander!
Dabei entspricht das doch der Realität des Lebens: Niemand hat stets Recht oder irrt unentwegt.
Diese Voreingenommenheit führt dazu, Andersmeinende sofort in ein Lager abzuschieben. In meinen jungen Jahren war man in Gefahr, beim Abweichen vom Mainstream in die Nähe Moskaus abgeschoben zu werden. Heute ist es modern, gleich mal den Knüppel des Faschismus auszupacken.
Wer historische Tangoaufnahmen öfters langweilig findet, muss mit Sicherheit dem Neotango anhängen. Wer den eher öde findet, kann ja nur ein Fan der traditionellen Musik sein. Und wer sich im Niemandsland zwischen den Fronten verirrt, ist nicht nur vom „friendly fire“ bedroht.
Ich rate daher, sich nicht mit Mehrheiten zu beschäftigen, sondern mit Meinungen.
Ansonsten kann ich doch nur froh sein, wenn mir eh keiner mehr glaubt. Dann darf ich meinem individuellen Kurs folgen. Und das ganz allein, als Einziger.
Ein Traum!



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