Strafe muss sein!
Beim ersten Morgenkaffee lieferte mir die Schreibfee vom Dienst wieder einmal den Link zu einem interessanten Text. Er stammt von einer Dame aus der Ferne, die wir vor vielen Jahren sogar mal persönlich kennengelernt haben.
Mit Donnergetöse berichtet sie von einer „Heldinnen-Tat“ mit „Vorbild-Charakter“ auf einer Milonga: Eine Tanguera habe ihren Tanzpartner mitten in einer Tanda auf dem Parkett stehenlassen. Ein „Statement mit Wirkungskraft“!
Warum die Schreiberin dieser Vorfall „so essenziell berühre“?
Selber habe sie sich oft vorgenommen, grenzüberschreitendes männliches Verhalten nicht zu tolerieren. Immer wieder sei ihre Absicht an der Sorge gescheitert, andere nicht abzulehnen, zu verletzen oder bloßzustellen.
„Schluss damit. Grenzüberschreitendes, unangenehmes und respektloses Verhalten gegenüber Frauen und Mitmenschen darf nicht länger toleriert werden.“
Ich finde es schon mal interessant, dass die menschliche Spezies aus „Frauen und Mitmenschen“ besteht. Aber übergehen wir die kleinlichen Bedenken, die mir wohl mein Biologie-Studium hinterlassen hat…
Damit wir uns nicht missverstehen: Dominantes oder gar übergriffiges Verhalten geht gar nicht – weder von Seiten der Männer noch der Frauen. Weder im Tango noch sonst wo. Niemand muss sich wundern, wenn das Gegenüber dann einen Tanz (oder den sonstigen Kontakt) vorzeitig beendet.
In meiner langen Tangokarriere ist es mir ein einziges Mal passiert, dass eine Tanzpartnerin mich – zwischen zwei Stücken – auf dem Parkett wortlos stehenließ. Wenig überraschend in München. Es war eine ältere Dame, die ich aufgefordert hatte, weil sie schon längere Zeit unbeachtet herumsaß. Über den Grund kann ich nur rätseln.
Was mich noch mehr zum Grübeln bringt: Wie, wenn eine zum Geschlechterkampf bereite Beobachterin das Ganze gleich mal mit den entsprechenden Vermutungen auf Facebook gestellt hätte?
Klar, dass solche Geschichten die Hardcore-Fanatiker via Kommentar auf den Plan rufen:
„Häufig wird vergessen, daß der 1.Schritt der Aufforderung als MIRADA mit einem angemessenen 'Sicherheitsabstand' von 5 Metern zu erfolgen hat. Und wenn dann der Cabeceo erfolgt, darf man(n) sich erst weiter annähern und die Dame am Platz abholen. Dieser Code schützt Damen vor unangemessener Annäherung. (…) In BsAs wäre das verhindert durch die separate Sitzanordnung mit Männer- und Damenseite.“
Ich würde vorschlagen: In getrennten Räumen. Dann kann gar nix mehr passieren…
Altmodisch, wie ich bin, mag ich halt keine Standgerichtsurteile ohne Beweisaufnahme und Verteidigung. Bei der Absicht, die tolle Geschichte ins Netz zu stellen, hätte ich die Dame halt vor Ort nach ihren Gründen befragt. Hat der Kerl sie bedrängt, gar befummelt, oder missfiel ihr lediglich sein Aftershave oder der Tanzstil?
Vor einiger Zeit kosteten komische Vermutungen und falsche eidesstattliche Erklärungen dem grünen Bundestagsabgeordneten Stefan Gelbhaar sein aussichtsreiches Mandat. Ich habe den Fall beschrieben:
https://milongafuehrer.blogspot.com/2025/01/von-ausbleibender-belastigung.html
Und „rehbraune Augen“ können die Karriere als Ministerpräsident versauen:
https://milongafuehrer.blogspot.com/2026/03/von-hubschen-sechzehnjahrigen.html
Glücklicherweise habe ich meine Rolle als „alter weißer Cis-Mann“ längst akzeptiert. Sie ermöglicht mir die Freiheit, Quatsch auch als Quatsch darzustellen.
Aber ich versuche ja stets, das Komische in Tragödien zu finden:
Vor vielen Jahren habe ich tatsächlich mal in einem Fetisch-Club getanzt. Beim Verlassen der Lokalität kam es zu einer Begegnung, die heute noch mein Zwerchfell zum Beben bringt. Ich habe sie damals so beschrieben:
„Den Vogel schoss sicher ein Herr ab, der – wie weiland die Schlange Kaa in Disneys 'Dschungelbuch' – eine junge Dame liebevoll mit einem meterlangen Seil einwickelte. Seine Erklärung: 'Sie hat zwei falsche Ochos getanzt, daher muss sie nun bestraft werden!'“
Na eben – wenn man den genauen Sachverhalt kennt, kann man doch die Strafe nachvollziehen!
P.S. Hier eine besondere Anwendung der Mirada:
https://www.youtube.com/watch?v=AziGB4vz1eE
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