Kommentar? Kommentar!

Es macht mir wirklich oft großen Spaß, Kommentare durchzulesen, die typischerweise nach Mitternacht eingestellt werden. Auf die Verfasser passt treffend das englische Wort „lunatic“, wobei man früher annahm, dass der Einfluss des Mondes („luna“) für zeitweise Verwirrtheit sorge. Vielleicht auch der Mangel an Medikamenten oder Alkohol.

Daher veröffentliche ich solchen Kram nicht.

Dennoch möchte ich der verehrten Leserschaft einige glitzernde Karfunkel aus dem „Gescheit-Daherreden-Deutsch“ nicht vorenthalten, die unter Fantasienamen eingestellt wurden.

Zunächst einige Stilblüten zum Artikel „Der Weg zur Milonga-Reife"! Aufgeklärt wurde ich über „ein unbestechliches Gesetz der digitalen Debattenkultur“. Neu ist mir, dass man auch Gesetze bestechen kann und die „argumentative Reißleine“ zieht, „wenn die Kraft der eigenen Argumente erlahmt“. Bester Schleiflack-Stil!

Wer die „nackten Tatsachen“ meines Textes „seziere“, blicke auf ein „argumentatives Trümmerfeld“. Klar, bei einer Sektion empfiehlt es sich, den Patienten vorher zu entkleiden. Falls er schon tot ist.

Weiterhin leiste ich einen „handwerklicher Offenbarungseid“ (veraltet für „Eidesstattliche Versicherung“). Man dürfe Tango nicht von einer „kindlichen Vorbestimmung“ abhängig machen.

So viel zu den „logischen Realitäten“!

Zum selben Text wirft mir ein anderer Kommentator „fundamentale logische Widersprüche“ wie die „Eliten-Paradoxie“ vor, halt ein „Zirkelschluss-Argument“. Ist das sowas wie eine logische Ronda?

Weiter lese ich über Profi-Damen, die „ihr gesamtes Leben extremer Körperbeherrschung, Achsenstabilität und Schritttechnik“ und „knallhartem Leistungssport“ gewidmet hätten. Na, hoffentlich nicht…

Für mich bleibe dann lediglich der „moralische Spagat“ übrig. Aber mit 75 lasse ich den lieber…

Gelungen finde ich auch diese Pointe: „Tango ist ein sozialer Tanz, der von der Vielfalt lebt.“ Wahrhaftig ein Brüller!

Zum Artikel "Musik, Musik, Musik!" teilt mir ein Schreiber mit, bereits sein Vorredner habe meinen „blinden Fleck scharfkantig seziert“. Das Bedürfnis, an Leichen herumzuschneiden, scheint nach Mitternacht zuzunehmen!

Diagnostiziert wird mir „eine abenteuerliche logische Kettenschaltung, die jeglicher soziologischen Realität entbehrt“. Kettenschaltung? Gibt’s die nicht am Fahrrad?

Und mein Fußball-Vergleich hinke zudem „auf beiden Beinen“. Oh je – dann wird es nix mit der Weltmeisterschaft! Zudem sei Sport eine „visuelle Performance“. Stimmt, den heutigen Tango kann man wahrlich nicht so bezeichnen!

Ein DJ lese „zu 90 % aus der unmittelbaren Empathie vor Ort“. Ferner passe er „die Tandas sekündlich an“. Warum fallen mir solche Giga-Pointen nicht ein?

Weiterhin vorgeworfen wird mir eine „elitäre Entwertung der Szene“. Ich würde eher sagen: eine „Entwertung der elitären Szene“.

Nötig sei halt „funktionierendes Urvertrauen in die Institution“. Erwischt – das fehlt mir tatsächlich! Vor allem in die „die lebendige, dynamische Kunst des modernen Live-Auflegens“. Da müsse man schon die „Energie eines Saals sekündlich mit moderner Software“ lesen und steuern.

So lasset denn eine Drohne über dem Gedröhne kreisen!

Bei mir dagegen markiere „der eigene Tellerrand die Grenze des logistischen Horizonts“ Stimmt – ich achte mehr darauf, was auf dem Teller liegt!

Der Verfasser nennt sich „Bernd Böhm“, während der vorige Autor auf den Namen „Bernhard Böem“ hört. Ja, nach Mitternacht kann man schon mal an der eigenen Existenz zweifeln!

Bei manchen Kommentaren bin ich wirklich hin- und hergerissen: Natürlich bringt dieses pseudointellektuelle Gesülze inhaltlich genau nichts – und dennoch macht es oft großen Spaß, es zu lesen.

Daher wünsche ich viel Freude bei der Lektüre dieser Sprüche – und im Gegensatz zu denen im Tangounterricht gibt es die bei mir gratis!


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