Der Ri-Ra-Rüttelmuss

„Also wenn ich da so anfange zu unterrichten, dann mach ich da gleich am Anfang so ne Figur, die so richtig fetzt. Also so mit ner Volkskada und nem Planeto. Das kann niemand ausser mir. Und das mach ich 2 mal vor. Und dann sollense das mal fix nachmachen.
Dann lass ich die so ne zeitlang probieren durch rumstolpern. Das ist so ein Kniff von mir, den ich mir ganz allein ausgedacht hab. Da kommt niemand so schnell drauf.
Weil erstens mal die Zeit schneller rumgeht, ohne das die was lernen. Da müssense nähmlich nochmal wieder kommen und nochmal bezahlen. Und zweitens sollense merken, dass Tango halt furchtbar schwierig ist. Und das den kaum jemand kann. Ausser mir eben.“ (Kevin Seidel)

https://milongafuehrer.blogspot.com/2015/09/kevin-seidel-el-che-nie.html

Natürlich entbehrt solcher Spott jeglicher Grundlage. In Wahrheit kann man bereits viel lernen, wenn man dem Gedankenaustausch echter Profis folgt. In den Kommentaren zum Artikel „Zur Systematik der Tango Schritte“ finden sich jede Menge erhellender Informationen zur Struktur der Tangomusik.

Da sich möglicherweise nicht alle meine Leserinnen und Leser zum Verständnis eines Textes einen ganzen Tag freinehmen können, beschränke ich mich auf völlig aus dem Zusammenhang gerissene Zitate. Zur Einordnung empfehle ich dringend ein weiterführendes Quellenstudium:

https://helgestangoblog.blogspot.com/2026/01/zur-systematik-der-tango-schritte.html

Was versteht man überhaupt unter „Rhythmus“?

„Der Takt beschreibt lediglich die metrische Ordnung. Rhythmus hingegen bezeichnet die konkrete Akzentuierung, Dauer und Gruppierung der Schläge. Genau dort liegt der Unterschied zwischen Di Sarli, D’Arienzo oder Pugliese – obwohl alle im selben Takt stehen. Der Tango lebt gerade davon, dass Rhythmus, Phrasierung und oft auch Melodie zusammenfallen.“ (21.1., 20.55)

O je, fällt da was zusammen? Und was bedeutet das nun für uns Tanzernde?

„Es sind drei unterschiedliche Dimensionen, die einem Tänzer Ideen geben, in welche Richtung er seinen Tanz weiter entwickeln kann. Sei es durch körperlich anspruchsvollere Figuren, sei es durch komplexere Bewegungsmuster (z.B. off-beat Schritte oder gegenläufige Bewegungen), sei es durch die präzise Analyse aller Stimmen, die vom Orchester gespielt werden.“ (21.1., 23.22)

Echt, ich muss jetzt präzise alle Stimmen des Orchesters analysieren? Und was macht meine Tanzpartnerin so lange? „Schatz, tanz allein weiter, ich bin mal kurz bei der Analyse!“ Und dann noch in drei Dimensionen?

„Du beschreibst jetzt nicht ganz korrekt, dass Joaquin Amenabar mit ‚Rhythmus‘ kein musiktheoretisches Konzept meint, sondern ein tänzerisches Rhythmusmodell: also die Frage, ob ein Tanz eine fest gekoppelte Schritt-Zeit-Struktur hat oder nicht. Damit wird das Bild klarer (…)“

Na ja… ich weiß nicht, was da klarer wird. Sicher hat mein Tanz eine Schritt-Zeit-Struktur. Aber wie soll ich sie koppeln? Den Schritt an die Zeit oder umgekehrt?

„Kurz gesagt: Ja, es ist kompliziert. Aber genau deshalb muss man es präzise sagen – oder man lässt es besser ganz.“ (22.1., 14.02)

 Also, ich wär‘ dafür, es zu lassen…

„Mich überfordern solche Exkuse: ‚vals-typischen 6/8tel Synkopen bei 3-4 und 6-1 immer verdoppelt als seit-rück und seit-vor‘ schon beim Lesen, von der MIlonga gar nicht zu sprechen.“

Mich auch! Selbst, wenn es Exkurse wären.

 „Und ich weiss, dass es mindestens 50 % der Tango-Schüler:innen genauso geht und aussteigen, wenn sie das hören (gedanklich, aber schnell auch aus dem Tango).“ (7.6., 23.32)

Ach, da würde ich auf zirka 99 Prozent schätzen! Gedanklich.

„Ich glaube allerdings, dass wir an einer Stelle zwei Dinge auseinanderhalten müssen: Theorie an sich und schlecht dosierte oder schlecht vermittelte Theorie.“

O je, wie hält man zwei Dinge an einer Stelle auseinander? Mal im Kurs fragen…

„Niemand tanzt besser, weil er während des Tanzens Begriffe sortiert, Matrizen berechnet oder rhythmische Modelle im Kopf aufsagt. Auf der Tanzfläche muss das alles verschwinden. Aber damit es verschwinden kann, muss es vorher oft durch den Körper gegangen sein.“

Nein – bitte: nicht durch den ganzen Körper! Mir reicht schon der Kopf!

„Gute Theorie ersetzt nicht das Spüren. Sie soll das Spüren genauer machen. Schlechte Theorie dagegen steht zwischen Mensch und Tanz.
Deshalb würde ich nicht sagen: weniger Ordnung. Sondern: die richtige Ordnung zur richtigen Zeit, in der richtigen Sprache und in der richtigen Dosierung.“
(8.6., 0.16)

Ach Mensch, ich möchte ja alles richtig machen! Aber wer erklärt mir jetzt, welche Ordnung, Zeit, Sprache und Dosierung passt? Und das auch noch miteinander…

„Sicher: Wie (…) richtig beschrieben hat, ist das nichts, was man sich während einer Milonga überlegt, sondern etwas, womit man sich während des Unterrichts und während einer Practica auseinandersetzt.“ (8.6., 4.00)

https://helgestangoblog.blogspot.com/2026/01/zur-systematik-der-tango-schritte.html#comments

Aha, und wenn ich Unterricht und Practicas meide, bleibe ich von dem ganzen Kram verschont? Hätte man ja auch gleich sagen können!

Ich weiß halt nicht, ob man durch solches Gehirn-Gekribbel besser tanzt. In den Kommentarspalten wohl allemal.

Wehmütig denke ich an den vor über 10 Jahren aus dem Internet verschwundenen Potsdamer Spaßvogel Kevin Seidel zurück, der seine Tangotipps einfacher gestaltete. Zum Beispiel:

„Aber Di Sarli isst schwer, Weils da keinen Rüttelmuss gibt.“

 https://milongafuehrer.blogspot.com/2015/09/kevin-seidel-el-che-nie.html

Und wenn's mit dem Tanzen nichts wird, kann man die Tangos ja singen. Zudem endlich mal ein Kurs, bei dem man die Teilnehmenden gefilmt hat!

 

https://www.youtube.com/watch?v=n-2uGu2McLI

Kommentare

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