Der Zirkus Zeter & Mordio
Um es gleich zuzugeben: Der schöne Titelbegriff stammt nicht von mir, sondern von Simon Urban, der 2016 in der „Zeit“ einen längeren Artikel veröffentlichte, der mir aus dem Herzen spricht: „Debattenkultur: Ein Volk der Beleidigten“.
Der Autor zitiert darin einen oft gehörten Satz seines Vaters: „Wer mich beleidigt, bestimme ich.“ Sprich: Wenn man weiß, wer’s sagt, lohnt sich vielleicht die Aufregung gar nicht.
Derzeit erlebe ich wieder einmal weniger wählerische Zeitgenossen, die wild entschlossen sind, meine Veröffentlichungen so lange zu durchforsten, bis sie sich empören können. Und bei gegebener Humorlosigkeit schaffen sie das locker. Unsere Gesellschaft, so der obige Verfasser, kultiviere „ein individuelles Recht auf Beleidigtsein“: Mit heiligem Eifer suche man unentwegt nach Gründen, weshalb man sich mal wieder so richtig schön „auf den Schlips oder Schmerzempfindlicheres" getreten fühlen könne.
https://www.zeit.de/kultur/2016-07/deutschland-beleidigtsein-debattenkultur-empfindlichkeit-polemik
Beispielsweise angesichts meiner Glosse „Undies und das“ hat einer meiner Kritiker nun anscheinend seine Leidenschaft für die Emanzipationsbewegung entdeckt. Schonungslos entlarvt er mein Geblödel als „Herrenwitz“ und „Sexismus“ – und mich als „alten weißen Mann“. Ja klar – ich wurde vor einiger Zeit 75, und meine Hautfarbe ist das Resultat von Genetik. So what?
Übrigens ist der Kollege auch einer.
Warum der Facebook-Beitrag einer „professionellen Tangolehrerin und Tänzerin“ in Sachen Dessous mein Satire-Gen triggerte: Ich fand es halt lustig, dass es nun anscheinend auch zur Aufgabe von Tangolehrkräften gehört, die Schülerinnen weltweit lesbar in Unterwäsche-Fragen zu beraten. Die Zeit ist wohl nicht fern, wo man Tipps zu den Wechseljahren sowie zur Entfernung von Altersflecken gibt. Ja, Tango ist ein weites und ertragreiches Feld…
Und wieso informiert man die Herren nicht übers angemessene „Drunter“? Nach meiner Erfahrung wäre da der eine oder gar andere Workshop dringend erforderlich – vielleicht unter der Leitung eines argentinischen Unterhosen-Models.
Klar, man kann meine Witzeleien kindisch finden. Als düsterer Tiefdenker würde ich sie halt nicht lesen, anstatt gleich die moralische Apokalypse auszurufen!
Und ja, mich stört das viele Gequatsche auf den Milongas. Wenigstens beim Tanzen sollte man doch den Mund halten – weil sonst beide Partner in Gefahr geraten, irgendwelchen Blödsinn zu verzapfen. Und schließlich ist man ja kein Tangolehrer.
Ach Gott – in dem betreffenden anderen Text habe ich auch noch den Fehler begangen, eine persönliche Schwäche zu gestehen: Ja, mich machen Frauen mit tiefer Stimme an! Auch das scheint ein Grund zu sein, meinen Artikel „In der Tiefe liegt die Kraft“ zum Skandal aufzublasen:
„Es ist die alte Galanterie-Falle: Erst wird die Frau erhöht, dann wird sie festgelegt. Erst ist sie Schönheit, dann Muse, dann Stimme, dann Filmzitat, dann Lauren Bacall. Nur eines darf sie möglichst nicht sein: eine reale Frau auf einer Milonga, die vielleicht gar keine Lust hat, in Riedls innerem Schwarzweißfilm mitzuspielen.“
Echt, lieber Kritiker, kleiner haben Sie’s nicht? Es gibt haufenweise Texte von Tangostücken, in denen die Autoren männliche Träume von weiblichen Wunschbildern beschreiben – und das oft viel schmalziger, als ich es fertigbrächte! Aber das ist ja „traditioneller Tango“ und somit sakrosankt. Außerdem können die meisten Tänzer hierzulande glücklicherweise kein Spanisch.
Mein werter Kritiker endet auf Seite 27 seines PDF mit der Feststellung, er brauche diese Auseinandersetzung nicht mehr. Gleich danach geht es mit einem „Nachtrag“ weiter – obwohl er in den dann besprochenen Artikeln gar nicht vorkommt. Seine Aussage, er wolle von mir nur „in Ruhe gelassen werden“, trifft also nicht zu. In Wahrheit sucht er mit manischem Eifer weiter nach Empörungsgründen.
Die findet er erst recht in meinem Artikel „Vom gegnerischen Unterlassen“ – obwohl er, wie er richtig feststellt, nicht zu den Streitparteien zählt. Aber der echte Jura-Kiebitz weiß natürlich genau, wer im Recht ist.
Da fällt mir ein: Ich habe doch mit meinem neuesten Kritiker, der sich „Paul Haug“ nennt, einen promovierten Juristen an der Hand! Ließe sich da nicht eine Zusammenarbeit vermitteln?
Ich bin jedenfalls sicher, dass es spannend bleibt – und so lange alle brav meine Texte populär machen, ist alles in Ordnung. Da werde ich weiter unter die Gürtellinie zielen, die ja meist knapp unterm Hals sitzt. Und mich freuen, wenn andere jeden Furz zur Sinfonie erheben.
Der anfangs zitierte Simon Urban schreibt in seinem „Zeit“-Artikel über „Mimosen-Zuchtanstalten“: „Die entschiedene Antwort an die Dauerbeleidigten jeder Couleur muss also lauten, dass weder im deutschen Grundgesetz noch an anderer Stelle Standards formuliert sind, die Menschen einen Rechtsanspruch darauf zusichern, von störenden Inhalten unbehelligt zu bleiben.“
Mein Kritiker versichert in seinem Magnum Opus, er brauche diese Auseinandersetzung nicht mehr (S. 27). In Wahrheit lässt er sich immer wieder über meine Artikel aus.
Darf er, soll er doch! Man fühlt sich ja geehrt, anscheinend ein Blog zu betreiben, das die gesamte Tangokultur ins Wanken bringt.
Doch eine Kultur, die man durch Lachen gefährden kann, ist keine. Ich zitiere nochmal Simon Urban:
„Die Absicht, mit ihrer Arbeit gezielte Ehrverletzungen zu begehen oder zu diskriminieren, haben aber weder TV-Satiriker noch Publizisten, Karikaturisten oder Werber. Ihnen geht es um Aufmerksamkeit für Standpunkte oder Produkte, um die Benennung von Missständen, um neue Perspektiven auf alte Probleme, das Spiel mit Klischees, um Unterhaltung oder schlicht um Spott. Wer dadurch ernsthaft gekränkt wird, hat in Wahrheit eine chronische Allergie gegen die Meinungsfreiheit.“
Da wünsche ich gute Besserung!
Quelle: https://www.tangocompas.co/wp-content/uploads/2026/05/Gerhard-Riedl-und-die-Debatte-als-Buehne-02.05.2026.pdf (ab S. 27)
P.S. Ich bin zu neugierig, was mein Kritiker zu diesem Auftritt sagen würde… Ich finde, hier werden eindeutig die Männer sexuell diskriminiert!
https://www.youtube.com/watch?v=2CCi_tEJkeQ
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