In der Tiefe liegt die Kraft

Schriftlich habe ich keine Probleme, mich zu äußern. Immerhin ist dieser Text die Nummer 2312 der hiesigen Blog-Artikel. Wer mich aber von den Milongas her kennt, hält mich vielleicht für verschlossen, ja stoffelig.

Ein Grund ist sicher, dass ich zum Tanzen gekommen bin. Voraussetzung dafür ist für mich, konzentriert die Musik zu hören – im heutigen Tango sicherlich ein Außenseiter-Bedürfnis. Noch schlimmer als die von den DJs oft gespielten Aufnahmen finde ich aber das häufig zu vernehmende laute Gequake der Gäste.

Es gibt aber einen noch tieferliegenden Grund: Trotz meines hohen Alters bin ich durchaus empfänglich für weibliche Schönheit – wobei der mich ansprechende Frauentyp wahrscheinlich nicht ganz mehrheitsfähig ist.

Sollte ich dann das Glück haben, mit einer solchen Tanguera zu tanzen, hoffe ich inständig, dass sie nichts sagt – nicht nur, weil es beim Tanzen stört. Viel heftiger befällt mich die Angst, sie könnte irgendeinen Blödsinn äußern – oder ich. Im schlimmsten Fall ihrerseits mit dieser Kleinmädchen-Quäksstimme, wie sie derzeit viele Fernsehansagerinnen, vor allem aber weibliche Stars draufhaben. Für mich stets ein Grund, nach der Fernbedienung zu hechten und den Ton wegzudrehen.

Nach dem ersten Satz ist der Zauber dann dahin.

Bekanntlich ist der Tango ein körperliches Gespräch – das sollte doch reichen, oder?

Auf die Satire von Heinrich Böll haben ich schon einmal hingewiesen. In „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“ sammelt der gleichnamige Rundfunk-Redakteur Tonbandschnipsel mit Schweigen. Seine Freundin bittet er:

„Ach Rina“, wenn du wüsstest, wie kostbar mir dein Schweigen ist. Abends, wenn müde bin, wenn ich hier sitzen muss, lasse ich mir dein Schweigen ablaufen. Bitte sei nett und beschweige mir wenigstens noch drei Minuten“   

https://milongafuehrer.blogspot.com/2022/12/der-frauen-reiz.html

Oder drei Tänze…

Die US-Schauspielerin Lauren Bacall kommt meinem stimmlichen Ideal sehr nahe. Die 19-Jährige wurde vom Regisseur Howard Hawks und dessen Frau auf dem Titelbild einer bekannten Modezeitschrift entdeckt. Obwohl die junge Dame keinerlei Film-Erfahrung hatte, bekam sie die Hauptrolle in einem meiner Lieblingsfilme: „Haben und Nichthaben“ (1944).

https://de.wikipedia.org/wiki/Haben_und_Nichthaben

Ihr berühmter, nach oben gerichteter Blick – Kinn fast auf der Brust – war anfangs lediglich der Versuch, das Zittern ihres Kopfes zu verbergen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Lauren_Bacall

Im Film und auch in Wirklichkeit verliebte sie sich beim Dreh in ihren Partner Humphrey Bogart – dass es zwischen ihnen knistert, ist unschwer zu erkennen.

Ihr Dialogsatz „„You know how to whistle, don’t you Steve? You just put your lips together and … blow“ („Du kannst doch pfeifen, Steve? Du musst einfach die Lippen zusammenlegen und … pusten.“). Der Zweizeiler, ein Meisterstück unterspielter Erotik, schaffte es auf Platz 34 der 100 besten amerikanischen Filmzitate. Hier das legendäre Original:

https://www.youtube.com/watch?v=i9Ay727EYzw

Wunderbar ist auch die Szene, in der Bacall, begleitet von Hoagy Carmichael, „How little we know“ interpretiert. Bogarts trockene Bemerkung bei ihrem Anblick: „In dem Kleid musst du nicht mehr viel singen.“

    

https://www.youtube.com/watch?v=mFfuUu5xmMA

Maybe it happens this way,

Maybe we really belong together, but after all,How Little We Know.

Maybe it's just for a day

Love is as changeable as the weather and after all

How Little We Know?

Who knows why an April breeze never remains?

Why the stars in the trees hide when it rains?

Love comes along, casting a spell?

Will it sing you a song, will it say a farewell?

Who can tell?

Maybe you're meant to be mine,

Maybe I'm only supposed to stay in your arms awhile,

As others have done

Oh, I hope in my heart that it's so,

In spite of How Little We Know.“

https://www.pianomanslc.com/Lyrics/H/How%20Little%20We%20Know.htm

In dem Fall hat es geklappt: Bis zum Tod Bogarts blieben die beiden zusammen.

Also, meine Damen, wenn Sie mir auf einer Milonga unbedingt etwas erzählen müssen: Versuchen Sie, möglichst tief zu sprechen! 

Kommentare

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