Als die Türen aufflogen
Bei uns in der „Tango-Provinz“ dauern die Anfahrten zu den Milongas etwas länger, oft eine Stunde. Ich sehe das immer als Gelegenheit, einmal in Ruhe mit der besten Ehefrau von allen zu reden. Tagsüber ist das oft nicht einfach, auch deshalb, weil ihr musikalisches Engagement häufige Besprechungen und Proben erfordert. Oder ich gerade über einem Artikel brüte.
Gestern Abend sprachen wir über den Moment, als der Tango bei uns von einer netten Tanzart zu einer Leidenschaft wurde. Mir ist dieser Umschwung noch ganz gut erinnerlich:
In unser Leben trat dieser Tanz 1999 durch einen Kurs bei einem Lehrer, der via VHS eigentlich alles verkaufte, was man auf vier Beinen unternehmen konnte. Wir lernten irgendwas mit Achter-Basse und Ochos.
Zufällig erfuhren wir, dass es in Regensburg eine Schule für Tango argentino gab. Dort wurde es schon etwas spezieller, doch Grundlage blieb der „Paso basico“ auf 8 Schläge, von dem aus diverse Figuren gelehrt wurden. Ich erinnere mich noch gut an die „Medialuna“.
Interessant, aber nicht außergewöhnlich! Nun hatten wir ja schon mindestens zehn Tänze mit entsprechender Technik plus choreografischem Angebot gelernt – nun kam halt ein weiterer hinzu. Vielleicht mit etwas mehr Gefühl und Hingabe sowie einer ziemlich vielfältigen Musik, immerhin!
Eigentlich nur, weil wir bald mit dem diktatorischen und vereinnahmenden Stil unseres Meister-Paars nicht mehr zurechtkamen, suchten wir nach Alternativen. Wir fanden sie in Regensburg bei abtrünnigen Schülern, die eine neue Milonga plus Kurse anboten.
In München, so hörten wir irgendwann, solle das Tango-Angebot reichhaltiger sein. Na ja, auch kein Vergleich mit heute, aber doch mehr. Wir wurden Stammgäste in der Landeshauptstadt.
Eine wichtige Erfahrung war, dass es dort mit der Achter-Basse nicht funktionierte. Sie war in dieser Gegend schlichtweg unbekannt. Später erfuhr ich, dass man in der Landeshauptstadt mit dem gelernten Grundschritt gleich als „Regensburger“ identifiziert wurde. Die dortigen Frauen, so hörte ich einmal, hätten den „Kreuz-Teufel“, weil sie bei jeder Fünf in selbiges gingen.
Gut, heute könnte ich meine Partnerin ins Kreuz führen, aber damals war mir das noch unmöglich. Mir wurde bald klar, dass ich meine paar Figuren irgendwie anders gestalten musste. Ohne jeden speziellen Unterricht trat plötzlich die tänzerische Improvisation in mein Leben. Einfach, weil es nicht anders ging!
Ich lernte vor allem, darauf zu achten, was meinen Tanzpartnerinnen leichtfiel oder wo sie unsicher wurden. Sie waren und sind für mich ganz wichtige Lehrmeisterinnen!
Mit der Zeit entwickelte ich ein umfangreicheres Repertoire – klar, mit Tanzelementen, die ich gelernt oder mir abgeschaut hatte. Vieles flog mir auch irgendwie zu – weiß der Teufel, woher! Hauptsache, es funktionierte mit möglichst jeder Partnerin!
Später ging meine Frau denselben Weg: Führen hat sie sich im Wesentlichen selber beigebracht – und ich verüble es ihr nicht, dass sie mir manchmal sehr gute Tänzerinnen wegschnappt!
Was ich mir von Profis abgeschaut habe, waren nie spezielle Schritte, sondern das Gefühl, die Stimmung und Leichtigkeit ihrer Tanzweise. Und die Selbstsicherheit, die völlig fehlende Angst, dass etwas nicht klappen könnte (jedenfalls sah es so aus).
Unterricht besuchten wir nur noch wenig. Bedingung wurde immer mehr, dass man uns nicht in vorgefertigte Schritte zwang, sondern die Möglichkeit gab, unseren eigenen Stil weiterzuentwickeln.
Immer wieder hatte ich Partnerinnen, die mir haushoch überlegen waren. Ich lernte, dass „Führen“ keine Einbahnstraße ist. Manchmal erschien es ratsam, das mitzutanzen, was mir die Dame vorgab – und das war nicht selten heftiger Stoff! Heute erlebe ich das nur noch bei wenigen Tänzerinnen. Die meisten sind auf „Gehorsam“ dressiert. Wie langweilig!
Ich glaube, dass meine Tanzweise bei vielen Frauen ganz gut ankam. Öfters hörte ich von ihnen Bemerkungen der Art, mit mir könne man auf dem Parkett „spielen“. Vermutlich trifft das den Kern: Tango ist ein Spiel zu zweit, keine Zwangsveranstaltung mit vorgeschriebenen Schritten und Umlaufbahnen!
Bei einer unbekannten Partnerin merke ich heute nach einer Minute, ob sie aus der Zeit stammt, wo die Damen noch eigenständig agierten – oder sie darauf warten, was ich vorgebe.
Irgendwann entstanden „Traumtänze“, bei denen wir nur so durch die Musik flogen, niemand von uns beiden noch wusste, von wem der Bewegungsimpuls kam. Wahrscheinlich von der Musik. Und, o Wunder, diese Optionen ergaben sich auch mit Partnerinnen, die ich überhaupt nicht kannte, mit denen ich zuvor nie getanzt hatte!
Das war die Phase, wo für uns die Türen aufflogen – wie in der grandiosen Tanzszene des Films „The Tango Lesson“, wo Sally Potter gleich mit drei Partnern durch den Saal wirbelt – zu Piazzollas „Libertango“! Ja, damals war Tango für uns Freiheit:
https://www.youtube.com/watch?v=7sGTPTZY5yM
Es ist für mich nicht einfach zu ertragen, dass Tango heute zunehmend in Vorschriften und Anpassungen erstickt. Dass man diesem Tanz damit seinen Lebensnerv entzieht, wird offenbar ignoriert. Die Suche nach „Biosphären-Reservaten“, wo man noch anders tickt, ist mühsam.
Nun gut – niemand hat uns garantiert, dass die Sache mit dem Tango einfach werden würde…
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