Wir sind so frei

Zweifellos ist mein Blog eine „Verwertungsmaschine“, nicht nur für Äußerungen meines lieben Kollegen Wendel. Der sieht darin einen Grund zu heftiger Klage:

„Auffällig war auch, wie Riedl immer wieder fremde Äußerungen aus Facebook-Gruppen, Kommentaren, Werbetexten oder Szeneankündigungen aufgriff, zitierte und vor seinem Publikum sezierte. Oft handelte es sich dabei nicht um sorgfältig ausgearbeitete Artikel, sondern um flüchtige Beiträge, Werbeformulierungen, Diskussionsfetzen, spontane Kommentare. Also Texte, die nie dafür geschrieben wurden, einer öffentlichen Stil- und Logikprüfung auf einem fremden Blog standzuhalten.“ (S. 21)

Dabei sei ein Werbetext für einen Kurs kein wissenschaftlicher Aufsatz, ein Facebook-Kommentar kein druckreifer Essay. Ein aus dem Moment heraus geschriebener Beitrag enthalte vielleicht Verkürzungen, Tippfehler, ungenaue Formulierungen, unglückliche Übertreibungen.

Wenn man solche Äußerungen dann aus dem Zusammenhang nehme und zerlege, betreibe man keine faire Kritik, sondern führe die Menschen vor – oft sogar, ohne sie von diesem Manöver zu benachrichtigen.

Was soll man da anderes sagen als: Skandal!

Wie so oft rate ich aber, von der Palme abzusteigen und einmal einige Jahrzehnte zurückzuschauen:

Da drohte dem Durchschnittsbürger eine solche Gefahr nicht – denn er bekam damals wenig Möglichkeit, sich überhaupt öffentlich zu äußern. Und schon gar nicht in einem weltweiten Netz, das seine originellen Ansichten über den ganzen Globus verbreitete.

Der Normalbürger konnte maximal einen Leserbrief schreiben, den die Zeitung dann verkürzt oder gar nicht abdruckte. Oder am Stammtisch ablästern. Vor drei oder vier Zuhörern.

Wenn man gar ein Buch veröffentlichen wollte, musste man erstmal einen Verlag finden. Für Unbekannte ein fast aussichtsloses Unterfangen!

Mein Vater hat das mehrfach vergeblich versucht. Er wäre heute begeistert von den Möglichkeiten, die das Internet bietet. Ziemlich sicher hätte er ein Blog aufgemacht. Vielleicht liest er ja im Himmel (oder wo auch immer) mit, was der Sohn schreibt. Manches fände er übertrieben.

Wir Achtundsechziger erfanden dann immerhin das Flugblatt, bei dem man damals nicht vergessen sollte, einen „presserechtlich Verantwortlichen“ anzugeben. Sonst wurden die Dinger einkassiert, den Verteilern anonymer Texte drohte eine Anzeige.

Durch die heutigen technischen Möglichkeiten sind die Optionen der Meinungsfreiheit geradezu explodiert. Jeder kann darauf bauen, dass sein Quatsch auch noch am Nordkap zu lesen ist. Dennoch ist bei uns jeder zweite davon überzeugt, „nichts mehr sagen“ zu dürfen.

Darf man schon. Man muss halt mit Konsequenzen rechnen, wenn man seinen Chef tadelt oder der Ehefrau Übergewicht attestiert. Das war vor zwei Generationen nicht anders.

Nicht zuletzt sind die sozialen Medien zu einer riesigen Werbefläche geworden. Was früher via Annonce Geld gekostet hätte, erledigt Facebook heute kostenlos. Doch während man sich einst bei einer Zeitungsanzeige sprachlich viel Mühe gab, labert man heute in den sozialen Medien spontan seins vor sich hin. Kostet ja nix. Aber schuld ist natürlich der böse Blogger, wenn er solche Stilblüten aufgreift.

Interessant finde ich, dass man zwar allenthalben vor den „Daten-Kraken“ warnt, aber oft kein Problem damit hat, auf Facebook Intimstes zu publizieren – vom „Foodie“ über den neuen Partner bis zum Foto vom Unterschenkelgeschwür mit der Bitte um Ferndiagnose. Wenn die vielen Fotos dann geklaut und bearbeitet werden, ist das Geschrei groß.

Das Problem ist nicht die mangelnde Meinungsfreiheit, sondern die Tatsache, dass diese Freiheit auch Andersdenkenden zusteht. Das gilt in manchen Kreisen, nicht nur im Tango, als verzichtbar.

Wir sind so frei – aber leider die anderen auch.

Die spöttische Zerlegung fremder Texte, so Kollege Wendel, sei „keine faire Kritik“, sondern „Vorführung“.

Na ja, ich könnte nun hundert Zitate meiner lieben Kollegen bringen, die in genau dieses Raster passen. Und die stehen weiterhin im Internet. Offiziell gibt man nun den Moralischen – aber ein wenig „Hintergrund-Hetze“ darf schon bleiben…

Ich sage voraus: Hätten die ganzen Grobheiten über meine Person Erfolg gehabt, würde man jetzt nicht im Büßergewand einherschreiten. Dann wäre man stolz darauf, sich eines unliebsamen Autors entledigt zu haben.

Um auf mein eigentliches Anliegen zurückzukommen: Ich glaube, man sollte sich des ungeheuren Privilegs bewusst sein, heute im Internet kosten- und fast grenzenlos veröffentlichen zu dürfen – aber auch der Gefahr, dass es nicht nur gelesen, sondern auch beantwortet und bewertet wird. Und zwar nicht immer so wie erhofft.

Wer das nicht will, kann eine Privateinstellung wählen oder die Kommentarfunktion einschränken. Aber man möchte ja den Pelz gewaschen kriegen. Allerdings, ohne nass zu werden. Das ist eine Illusion.

Ich kann daher nur jedem und jeder raten, genau zu überlegen, was sie oder er öffentlich preisgibt. Was einmal im Netz gelandet ist, verschwindet nie mehr. Auch die Tränen hinterher löschen es nicht.

Man muss halt die Freiheiten, welche man selber genießt, auch anderen zubilligen. Ich tue das gerne und freue mich über weitere Gründe, wieso meine Veröffentlichungen falsch, ja gefährlich sind. 37 Seiten bilden höchstwahrscheinlich nicht das Ende der Fahnenstange.

Ich sage nur: Reichen würde ein einziges Argument – wenn es denn überzeugend wäre.

Quelle: https://www.tangocompas.co/wp-content/uploads/2026/05/Gerhard-Riedl-und-die-Debatte-als-Buehne-02.05.2026.pdf

P.S. Ein schönes Video: Pressefreiheit in den Sechzigern!

https://www.youtube.com/watch?v=i4Gou1ojQ7Y&t=1s

Kommentare

Hinweis zum Kommentieren:

Bitte geben Sie im Kommentar Ihren vollen (und wahren) Namen an und beziehen Sie sich ausschließlich auf den Inhalt des jeweiligen Artikels. Unterlassen Sie herabsetzende persönliche Angriffe, gegen wen auch immer. Beiträge, welche diesen Vorgaben nicht entsprechen, werden – ohne Löschungsvermerk – nicht hochgeladen.
Sie können mir Ihre Anmerkungen gerne auch per Mail schicken: mamuta-kg(at)web.de – ich stelle sie dann für Sie ein.