Tango-Rosinenpickerei

Wie schön – mein werter Blogger-Kollege Klaus Wendel schreibt wieder! Und es wird appetitlicher. Während er mich früher gerne mal als „Korinthenkacker“ titulierte, geht es ihm nun um die „Rosinen in der Tangoszene“.

Fachlich gesehen handelt es sich bei Korinthen um sehr kleine Weintrauben mit kaum merklichem Kern, während Rosinen einen Kern besitzen. Was ich bemerkenswert finde: Rosinen werden heute kaum noch gehandelt. Doch davon später mehr!

https://www.clasen-organic-foods.com/blogs/blog/was-ist-eigentlich-der-unterschied-zwischen-rosinen-und-sultaninen

Was Wendel in seinem wiederum sehr langen Text anderen Tangoschulen unterstellt, ist sozusagen „Rosinenpickerei“:

Viele Angebote richteten sich an Tänzerinnen und Tänzer, welche bereits eine gewisse „Vorausbildung“ besäßen. Das sei bequem, denn solche Leute müssten nicht mehr „bei null abgeholt“ werden. Mit denen ließe sich „schneller etwas Vorzeigbares machen“.

Der mühsame Weg des Anfängerunterrichts sei steinig: Immer wieder müsse man Einfachstes unterrichten, was sich auf einem Flyer nicht so beeindruckend ausmache. Stattdessen böte man lieber denen, die schon vorbereitet seien, irgendwelche „Accessoires“ obendrauf.

Wenn man den Autor nicht kennt, könnte der Text an dieser Stelle schon fast zu Ende sein. Stattdessen wird das Thema nun planiert und ausgewalzt.

Wendel versichert, dass es ihm nicht um „Besitzansprüche an Menschen“ gehe. Aber es gebe sehr wohl den Unterschied „zwischen Menschen und einem Kundenkreis“. Echt jetzt?

Was der Verfasser meint, ist natürlich die langfristige Bindung an eine Schule, was dazu führe, dass die Kundschaft „eine Szene trage“.

Und sicher gehe es dabei auch ums Geld: Solche Einrichtungen seien „kein sozialromantischer Dienst an der Menschheit“. Auch diesen Fakt muss ich – leider – akzeptieren.

Wendel geißelt „ein Modell, in dem der Lehrende immer glänzt, weil er die Distanz zwischen seinem Können und dem Können der Schüler ständig neu ausstellt.“ Ach, in dieser Preislage habe ich vom Kollegen ja persönlich einiges um die Ohren gekriegt. Hoffentlich geht es da seiner Kundschaft besser. Aber die macht wohl nicht den Fehler, ihm zu widersprechen.

Guter Unterricht mache „den Lehrer nicht größer, sondern die Schüler unabhängiger.“ Ist es dann ein Wunder, wenn sie auch mal an fremdem Nektar nippen wollen?

Die Kritik des Autors gilt auch der Idee, statt Schülern gleich Tangolehrende auszubilden. Also – in meinen Worten – schlechtes Tanzen durch gescheites Daherreden zu ersetzen. Ohne Ernst: Ein solches Verfahren ist wirklich kabarettreif. Ich glaube, man muss wirklich viele Jahre tanzen, bis man gegen Geld Schülerinnen und Schüler ausbilden kann.

Übrigens hat das Wendel damals innerhalb von zwei Jahren geschafft: Nach eigenen Angaben entdeckte er den Tango 1984 und unterrichtet ihn seit 1986. Aber zu jener Zeit war er halt fast allein auf weiter Flur. Da waren Vergleiche rar.

https://www.tangocompas.co/ueber-klaus-wendel/

Kritik übt der Autor auch an der Inflation der Angebote auf dem Tangomarkt. So werde „nur derselbe Kuchen in immer kleinere Stücke geschnitten“. Und essen müssten alle – Tangotanzen nicht. Noch schlimmer: Manchmal ist es zum Kotzen.

Einfach gesagt unterscheidet Wendel zwischen denen, die Grundlagenarbeit leisten und solchen, die sich an einen Trend hängen statt sich um das Nachwachsen zu kümmern: Man könne „eine Szene nicht dauerhaft aus Rosinen backen. Irgendwer muss den Teig machen.“

Wohl wahr. Wendel beschreibt das Problem mit durchaus scharfem Blick. Nur sage ich voraus: Er wird es nicht um einen Millimeter ändern.

Für mich besteht das Übel darin, dass man – nach einer amateurhaften Anfangsphase – versucht hat, den Tango zu kommerzialisieren. Anfangs durch Unterricht, später mit einer Fülle an Begleitangeboten: Tango-Workshops und Seminare, Ocho-Urlaub und Sacada-Reisen. Unser Tanz wurde zum Versatzstück der gehobenen Freizeitgestaltung. Und irgendwann hängten sich Gurus aller Couleur an den Tanz vom Rio de la Plata: Weder Psycho-Lehrgänge für frustrierte Boomer-Pärchen noch Streichel-Practica für kontaktarme Dauer-Singles kommen ohne begleitenden Tango-Abrazo aus. Viele Psycho-Spinner entdecken irgendwann den Tango als Vehikel ihrer Seminare.

Das Schlimme daran: Die Szene ist kommerziell zu groß zum Sterben, aber auch zu klein fürs Überleben. Das verschärft den Konkurrenzkampf. Jede neue Idee, die kurzfristig ein paar Kröten einbringt, wird gemolken bis zum Geht nicht mehr.

Ich berichte seit vielen Jahren in verschiedenen Artikeln über besonders hirnrissige Auswüchse dieser Art: bester Stoff fürs Kabarett! Einer meiner Lieblinge ist und bleibt der „Zossen-Tango“, welcher von einem durchaus renommierten Tangolehrer angeboten wurde:

https://milongafuehrer.blogspot.com/2022/03/zossen-tango.html

Soeben habe ich nachgesehen: Das Angebot existiert noch, allerdings ohne Tango. Da hat sich wohl doch das natürliche Schamgefühl (oder der mangelnde Ertrag) durchgesetzt.

https://www.artquartier.de/reiten/mensch-pferd/

Wendels Denkschrift wird zu genau nichts führen – leider. Das Publikum rennt weiterhin dort hin, wo man das Elitäre am erfolgreichsten imitiert. Wie eingangs bemerkt: Echte Rosinen werden kaum noch gehandelt.  

Daher kann ich nur das wiederholen, was ich seit vielen Jahren erfolglos vorschlage:

Tango kann wunderbar funktionieren, wenn es nicht ums Geld geht. In unseren Anfangsjahren habe ich noch erlebt, wie wir Wirtshaus-Nebenzimmer, Kunst-Ateliers, Jugendzentren oder Privathäuser dazu nutzten, für lau zu tanzen. Wie wir voneinander lernen mussten, weil sich noch niemand als Tangolehrer aufspielte. Wie Tango ein großes Abenteuer statt einer geregelten Geschäftsbeziehung war.

Auf Rosinen waren wir gar nicht aus. Uns schmeckte einfach der Kuchen

Karikatur: www.tangofish.de

Kommentare

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