Die Körpersprache im Tango
Ich hatte zunächst überlegt, diesen Artikel in die Reihe „Was Ihnen Ihr Tangolehrer nicht erzählt“ zu stellen. Aber mir geht es hier im Kern darum, dass im Tangounterricht sowieso zu viel geredet wird. Regelmäßig werden die Schülerinnen und Schüler mit jeder Menge Geschwafel eingedeckt. Damit kann man das Großhirn trefflich beschäftigen, während bei den Lernenden in den unteren Regionen des Zentralnervensystems die nackte Panik tobt. Klar, Anfängerinnen und Anfänger haben eine Riesenangst, sich zu blamieren – im Unterricht und erst recht auf den Milongas.
Im Gegensatz zu vielen Tangolehrkräften und anderen Zelebritäten habe ich mit einer großen Zahl von Neulingen getanzt. Manchmal sogar mit Frauen, die bis zu diesem Moment noch keinen einzigen Tango versucht hatten. Wer in diesen Momenten für eine gute Idee hält, die Partnerin mit Worten einzudecken, kommt maximal bis zum Innenohr. Leider beruht der gängige Tangounterricht auf diesem Defizit.
Die einzige Botschaft, die in solchen Situation Erfolg verspricht: Es ist nur ein Tanz – es geht nicht um Leben und Tod! Das Ziel ist also: so viel Gelassenheit wie möglich. Und ja nicht an mögliche „Fehler“ denken!
Es hat sich inzwischen herumgesprochen, dass man auf der Milonga-Piste nicht unterrichten sollte. Aber auch beim Üben bringen Worte nicht viel. Tanzen lernt man durch Tanzen, nicht durch Reden!
Oft habe ich von Anfängerinnen die Worte gehört: „Du darfst mir ruhig sagen, wenn ich was falsch mache.“ Meine Antwort ist stets die gleiche: „Aber ich rede doch die ganze Zeit mit dir!“ Nur halt in einer anderen Sprache.
Ich werde nicht aufhören zu fragen, wieso Tangolehrkräfte nicht mit ihren Schülern tanzen. Klaus Wendel meint in seinem jüngsten Beitrag: „Soll der Tangolehrer auch noch der Freizeitbegleiter seiner Schüler sein?“ Nun, er muss ja nicht gleich zusammen mit ihnen eine Milonga besuchen – obwohl ich nicht weiß, was eigentlich dagegenspräche.
Im Film „The Tango Lesson“ tun das Gustavo Naveira und Fabián Salas und sind stolz darauf, dass ihre Schülerin Sally Potter reihenweise aufgefordert wird – sogar direkt am Tisch, ohne Cabeceo. Und man hat sogar Platz zum Tanzen! Na ja, 1997… andere Zeiten:
https://www.youtube.com/watch?v=PBbUIMQDGOM
Aber meine Forderungen sind bescheidener: Wenn Tangolehrer im Unterricht wenigstens auf die Hälfte ihres Textes verzichten und stattdessen den Schülern ihre Bewegungsideen via Körpersprache vermitteln würden, wäre schon viel gewonnen. Oft würde mit ein paar gemeinsamen Bewegungen vieles klarer, weil das Gewünschte im muskulären Gedächtnis landet und nicht beim „Regierungssprecher“ in der Großhirnrinde.
Auch in anderen Regierungen hält sich hartnäckig die Illusion, man könne das Volk mit Presseerklärungen statt mit Taten überzeugen. Kann man nicht!
Für solche Vorstellungen werde ich regelmäßig abgekanzelt: „Alles nur wirre Ideen, Praxis null.“ Klar, „Schülerinnen und Schüler wollen Rückmeldung.“ Aber muss die regelmäßig aus Worten bestehen?
Tangolehrer, so wird mir entgegengehalten, sollten nicht „schweigend als bewegte Musterlösung durch den Raum gleiten“. Leider tun sie das auf Tausenden von YouTube-Videos. Wie die Lernenden tanzen, wird so gut wie nie gezeigt. Man wird wissen, warum.
Meine Ideen seien „romantisierte Bequemlichkeit“. Ich halte es eher für eine solche, wenn ständig begnadete Lehrerpaare nur das vorführen, was sie selber können. Die Lernenden bilden bestenfalls die Staffage mit erhobenen Smartphones. Es wird die Illusion vermittelt, dass man all dies so lernen könne. Was dabei wirklich herauskommt, kann man zwar nicht in den Videos, aber auf jeder Milonga besichtigen.
Oft sieht man aber auch nur das Lehrerpaar. Wie schön, dann kann wenigstens keiner widersprechen…
Beim Tanzen brauche ich keine Worte – im Gegenteil: Sie würden bei dem stören, was ich vermitteln will. Leider senden wir beim Tanzen eh zu viele Signale, indem wir alles Mögliche gleichzeitig bewegen, den Mund eingeschlossen. Der Partner darf sich dann das Wichtige heraussuchen. Die stattdessen nötige Reduktion würde die Körpersprache klarer und effektiver machen. Vor allem, wenn man die Klappe hält.
Eine gute Übung ist es auch, den Körperkontakt völlig aufzugeben und trotzdem zu versuchen, im Paar – räumlich und mental – zusammenzubleiben. Ich habe oft erlebt, dass selbst erfahrene Partnerinnen damit große Probleme haben. Das zeigt, wie sehr wir beim Tanzen auf den Körperkontakt fixiert sind statt auf selbstständige Aktionen. Und das Miteinander besteht halt nicht darin, die Partnerin an die eigene Heldenbrust zu nieten, sondern via Körpersprache die Verbindung zu erhalten.
Nun darf man gerne weiterhin behaupten, ich wolle „die Auflösung aller Maßstäbe“ – pure Anarchie halt. Im Gegenteil: Eine wirksame Kommunikation sollte beim Tanzen so präzise wie möglich sein, immer genau auf den wichtigen Punkt kommen. Die meisten Frauen können das – und viele Männer könnten es lernen. Auch bei anderen paarweisen Aktivitäten könnte es hilfreich sein, mit der Pfauenfeder statt der Dampframme zu agieren.
Was mich immer wieder entsetzt: Wenn vor einer Milonga Unterricht stattfindet, verlassen viele den Ort des Geschehens alsbald nach Ende des Kurses. Dabei finge in dem Moment das Lernen erst richtig an! Wenn man dann über die Jahre mitverfolgt, was wirklich hängenbleibt, ist das erwartungsgemäß herzlich wenig.
Klaus Wendel meint, gerade dort werde groß geredet, wo man wenig höre. Da stimme ich ihm zu. Eine sichere Abhilfe wäre, beim Üben den Mund zu halten.
Wenn ich abschließend noch einen Vorschlag mache, dann nur mit dem Hinweis: Es ist mir eigentlich ziemlich egal, ob und wie Sie Tango lernen. Schließlich ist es Ihr Tanz – nicht meiner:
Dennoch die Anregung: Raffen Sie sich dazu auf, mit Ihrem Partner mal eine Stunde allein zu üben, natürlich zu Ihrer Lieblingsmusik. Allerdings ohne in dieser Zeit etwas zu sagen – alles, was Ihnen einfällt, müssen Sie via Körpersprache vermitteln. Natürlich beiderseits!
Ich wünsche viel Freude und weitreichende Erkenntnisse!
Quelle der Zitate: https://www.tangocompas.co/musikalitaet-im-tango-warum-menschen-musik-so-unterschiedlich-hoeren/
Kommentare sind möglich via mamuta-kg@web.de
Nun hat Klaus Wendel seinen Beitrag wieder auf die „Urfassung“ vom 14.4.26 zurückgesetzt. Einige der obigen Zitate wird man also nicht mehr finden.
AntwortenLöschenDiese ständigen Änderungen zeugen nicht gerade davon, dass der Autor sich seiner Arbeit sicher ist!