Auf der Krücke durch den Tango
Klaus Wendel hat nun einen Artikel veröffentlicht, mit dem er mir grundsätzlich aus dem Herzen spricht: „Das Smartphone als Krücke – oder warum wir uns das Lernen kaputtfilmen“.
Er schildert einen Effekt, den man in vielen „Kurszusammenfassungen“ beobachten kann: Wenn das Meisterpaar vortanzt, was man hätte lernen sollen (und meist noch einiges dazu), werden reihenweise die elektronischen „Schlauschachteln“ gezückt, um das Ganze abzufilmen.
Der Kollege meint mit Recht: „Gespeichert ist gar nichts – jedenfalls im Kopf“.
Ob er an einen anderen Körperteil denkt, verrät er nicht.
Er bemüht seine Erinnerungen an Kurse bei seinem alten Lehrmeister Antonio Todaro: „Früher musste man sich das Zeug merken.“
Echt, musste man? Und welches „Zeug“? Schon da befallen mich Zweifel.
Sicher – fehlende oder unzureichende Speichermöglichkeiten zwingen dazu, sich mit dem Gebotenen aktiv auseinanderzusetzen statt nur auf die passive Ablage zu vertrauen.
Wendel vermutet mit Recht: Der gute Vorsatz „Ich schaue mir das später nochmal an“ erfüllt sich in der Praxis selten.
Wendel empfiehlt „Hausaufgaben“. Also doch mal im heimischen Wohnzimmer üben? Ohne Überwachung durch Experten? An sich eine vernünftige Idee – doch wer setzt sie um, wenn man zu Hause nicht mal das Smartphone-Video bemüht?
Ähnlich fraglich ist, ob sein Vorschlag, das Gelernte noch am selben Abend zehn Minuten lang durchzubuchstabieren, Anwendung findet. Sinnvoll könnte es durchaus sein. Aber wer macht das, wenn er nicht mal die Videoaufnahme nochmal abspielt?
Im Fazit liefert der Autor einen gruseligen Satz: „Wer ernsthaft lernen will, muss sich quälen.“ Ich fürchte, der Tango als Sado-Maso-Übung wird wenig Erfolg haben. Und wenn, dann bei Leuten, denen ich auf der Tanzfläche eher nicht begegnen möchte…
Eher wollen die Leute am Feierabend noch etwas Spaß. Zu Recht.
Was mich aber besonders irritiert: Der Autor schreibt von „Sequenzen“, die gelernt würden. Ah so? Tangounterricht also doch als Einpauken von Schrittfolgen? Ich dachte, die „moderne“ tänzerische Unterweisung sei über das Choreografie-Training hinaus?
Na ja, vielleicht in der Theorie. In der Praxis habe ich mir viele hundert „Lehrvideos“ angesehen. In fast allen wird eine Figurenfolge vorgestellt, die man zu lernen habe. Wieso auch immer.
Ich finde es nicht nur sinnlos, sowas abzufilmen. Es bringt auch nichts, solche Stunden zu besuchen. Eigentlich würde es reichen, sich das Video zuschicken zu lassen – schon wegen der besseren CO2-Bilanz. Aber in der Regel ist nicht mal das nötig. Ein paar Tage später findet man das Ganze ja auf YouTube. Völlig kostenlos.
Worauf ich noch nie eine befriedigende Antwort erhielt: Warum zeigt man als „Zusammenfassung“ nicht das, was die Schülerinnen und Schüler gelernt haben – indem man sie selber tanzen lässt? Dass es die Unterrichtenden können, glaube ich schon. Nur bringt das halt keine weitere Erleuchtung.
Na gut – ich weiß schon, warum man es nicht zeigt! Man sähe eine Schar von Paaren, die mehr unbeholfen denn souverän choreografischen Wunschvorstellungen hinterherhampeln. Keine gute Werbung fürs Geschäft!
Nebenbei: Das ist keine reine Vermutung. Wir haben oft Milongas besucht, bei denen es vorher Unterricht gab. Wenn dann das freie Tanzen beginnt, kann man das nicht gelernte Elend kostenlos bewundern!
Daher meine ich: Nicht nur die Verwendung der Smartphones ist weitgehend sinnlos, sondern auch das Aufgezeichnete.
Und bis zu meinem seligen Hinscheiden werde ich unentwegt die Frage stellen: Wieso tanzen die Lehrmeister nicht mit ihren Schülerinnen und Schülern? Tango lernt man ungleich besser im direkten Kontakt! Und warum trifft man sich nicht in freien Übungsgruppen – Anfänger und Erfahrene, Frauen und Männer, Jüngere und Ältere? Wo man einfach rumprobiert, Ideen austauscht, verschiedene Musikarten zu interpretieren versucht? Was dabei herauskommt, lässt sich allerdings nicht in digitalen Speichern versenken.
Sicher – Klaus Wendel würde das nicht gefallen, weil er da die Hierarchie vermisst. Ich meine aber, dass man ohne die besser lernt. Und ohne Smartphone sowieso.
Ich habe mich auch im Urlaub stets geweigert, Fotos zu machen. Ich wollte die Dinge lieber mit eigenen Augen erleben. In Natura und dreidimensional. Und dann im Kopf behalten.
Was ich im Tango speicherte, war in erster Linie ein Bewegungsgefühl. Die Schritte ergaben sich dann irgendwie. In vielen Jahren habe ich die Erfahrung gemacht, dass man solche Lernergebnisse nur sehr begrenzt weitergeben kann. Man muss sie selber machen. Durch Üben, Üben, Üben.
Das Smartphone als Krücke? Ja, bestenfalls!
Dazu fällt mir ein Erlebnis mit meiner Schwägerin ein, die ich vor vielen Jahren vom Zug abholte, nachdem sie eine Hüft-OP hinter sich gebracht hatte. Meine Frage beim Aussteigen: „Soll ich dir die Krücken halten?“ beantwortete sie so: „Das sind Stützen – die Krücke ist das dazwischen.“
Und dazu noch ein Video vom Meister der Kurs-Zusammenfassungen:
https://www.youtube.com/watch?v=6pC5v1DV3rA
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