Zurück ins Biedermeier

„»Was mag das wohl sein?« sagte die Jungfrau – da bekam sie ein Kind.“ (Kurt Tucholsky: „Prozess Harden“, 1922) http://www.zeno.org/Literatur/M/Tucholsky,+Kurt/Werke/1922/Proze%C3%9F+Harden

Irgendwie bin ich aktuell in die Gruppe der Befürworter von Gewalt und Übergriffigkeit im Tango geraten. Es hat mich eine längere Suche gekostet, den Stein des Anstoßes halbwegs zu erforschen.

Das Ganze scheint auf einen Artikel des Blogger-Kollegen Helge Schütt zurückzugehen, der vor zwei (!) Jahren von einem Vorkommnis berichtete, das ihn offenbar heftig beschäftigt hat.

In Kurzform: Er beobachtete damals ein Tanzpaar, bei dem der Mann seine mit einem kurzen Rock angetane Partnerin immer wieder an den Oberschenkeln ergriff und hochhob. Was immer es dann zu sehen gab – der Kollege war offenbar schwer beeindruckt.

Offenbar geschah das Ganze durchaus einvernehmlich:

„Sexuelle Belästigung ist das ganz sicher nicht, denn der Frau gefällt diese Art zu tanzen. Sie genießt jede Hebefigur, zu der er sie einlädt. Die beiden tanzen dementsprechend im Laufe der Milonga nicht nur eine, sondern etliche Tandas miteinander.“

Die beiden seien aber kein privates Paar. Woher Schütt das weiß, wird nicht weiter dargetan.

https://helgestangoblog.blogspot.com/2024/05/kurznotiz-6-korperkontakt-im-tango.html

Ich habe das Ganze dann in einem „Wort zum Samstag“ kommentiert:

https://milongafuehrer.blogspot.com/2024/05/das-wort-zum-samstag.html

Warum man diesen Schmarrn nun wieder aufwärmen muss, weiß ich nicht – und schon gar nicht ist mir klar, was das nun mit „Übergriffigkeit“ oder gar „sexueller Gewalt“ zu tun hat.

Ich weiß auch nicht, ob da nun der/die/das Veranstalter/in/Veranstaltende eingreifen sollte. So lange die beiden ihren Spaß haben, so what? Klar, falls man befürchtet, die heilige Ronda könnte dadurch leiden, kann man den beiden ja bedeuten, ihr Tanzstil sei den Tanzspuren nicht angemessen. Oder man befürchtet, der Anblick könnte der Sittenverderbtheit Vorschub leisten – Tango ist ja inzwischen ein hoch moralischer Tanz geworden…

Nun könnte man als Tango-Gouvernante das Lorgnon auch einfach sinken lassen – aber dazu scheint das Thema doch zu spannend zu sein. Wahrlich, wir sind in einer Neuausgabe des Biedermeier gelandet:

 

https://www.youtube.com/watch?v=9xSDTlVcnNY

Nebenbei darf ich bemerken: Ich habe den Schwachsinn mit der allein selig machenden engen Umarmung ja nicht erfunden. Klar, dass die Aussicht, wildfremden Frauen so nahe zu kommen, dass man seine Nase in ihrem Ohrwaschel versenken kann, einen bestimmten Männertyp anzieht. Was sich dann beim Paartanz hebt, muss nicht zwingend das Niveau sein.

In Zeiten, als man über solche Themen noch lästern durfte, schrieb Raimund Allebrand:

„Nur an einigen Orten, die im bürgerlichen Leben schlecht beleumdet sind, ist man unter völlig Fremden so schnell körperlich intim wie im Tango. Ein enger Tanzstil führt zu Situationen, die im sozialen Kontext selten oder gar nicht vorkommen: An der Hotelbar gäbe es was um die Ohren – beim Abendgebet in der Kirche sogar mit dem Gesangbuch – bei entwickelter Humorlosigkeit des Gegenübers würde man sogar vor den Kadi geschleppt. Im Tango sind Momente enger Körperlichkeit kein unerlaubter Ausrutscher, sondern unverzichtbarer Bestandteil des Spiels – sofern sich beide Partner darauf einlassen. (…) Es gibt aber keinerlei Hinweis, dass die Latexindustrie (im Gegensatz zur Pfefferminzbranche) an der Tango-Szene gesteigertes Interesse fände.“ („Tango – Das kurze Lied zum langen Abschied“, S.145)

Was nun? Ich finde, solche Probleme gehören eindeutig in die Hände von Experten – spontan fällt mir Dr. Jochen Sommer von der „Bravo“ ein (bürgerlich Martin Goldstein - Arzt, Psychotherapeut und Religionslehrer – später ein ganzes Autorenteam unter Leitung der Diplom-Sozialpädagogin Margit Tetz).

https://de.wikipedia.org/wiki/Bravo_(deutsche_Zeitschrift)

Ich finde, so eine Art „Tango Bravo“ könnte nicht schaden – parallel zur „Rentner-Bravo“ (also die „Apotheken Umschau“).

Na gut – so ein bissele Erotik darf der Tango schon ausstrahlen! Daher hier noch eine Aufnahme, zu der wir damals (als sowas noch aufgelegt wurde) sofort das Parkett stürmten – die Musical-Version des Mariano Mores Klassikers „Tanguera“:

  

https://www.youtube.com/watch?v=VPviq7YoVeo

Kommentare

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