Kleider machen, Leute!

 

Was ich schon länger befürchtet habe, ist nun eingetreten: Klaus Wendel hat einen Artikel über angemessene Tangokleidung veröffentlicht. Untertitel: „Freiheit und Ästhetik“. Dies soll offenbar ein halb entblößter weiblicher Po als Blickfang versinnbildlichen:

https://www.tangocompas.co/ueber-kleidung-in-milongas/

Ob sich das der Autor als Tangokleidung vorstellt, bleibt fraglich. Anscheinend soll uns damit, wie es später benannt wird, etwas „Beach-Atmosphäre“ nahegebracht werden. Wie wir es halt vom Tango kennen…

Einen „Kleidungs-Knigge“ jedenfalls will der Verfasser nicht schreiben: „Jede und jeder Tango-Tänzer“ – so seine Grammatik-Abräume – ziehe sich so an, wie es ihm selbst oder anderen gefalle – oder man meine, dass es anderen gefallen könne.

Damit könnte der Text bereits beendet sein. Aber dann hätten wir natürlich weit weniger Spaß – denn natürlich verfasst Wendel einen „Kleidungs-Knigge“.

Halblange Beinkleider nennt er „Pumuckel-Hosen“ – nicht ahnend, dass Ellis Kaut ihren Kobold „Pumuckl“ nannte. Na ja, Preiß halt…

https://de.wikipedia.org/wiki/Meister_Eder_und_sein_Pumuckl

Wendel könnte natürlich, so seine Selbstauskunft, „über schlechte Kleidung ablästern“ – was er dann umgehend auch tut. Auf seiner (?) Milonga jedenfalls verweigere er Männern mit kurzen Hosen den Zutritt zum Parkett. Für Frauen scheint das nicht zu gelten.

Der Schreiber berichtet von einem einstigen Fernsehbericht, wo sich die Filmer bei einer Outdoor-Milonga auf nackige Männerbeine stürzten, um den Unterschied zwischen Essen und Buenos Aires darzustellen. Übertriebener Aufwand, wie ich finde.

Frauen, so weiß Wendel zu berichten, hassten es, wenn eine Kollegin im selben Kleid" erscheine. Das wäre auch unmöglich. Das gleiche Kleid muss es schon sein...

Wieso man dann die gleichen Schritte wie die anderen tanzt, bleibt mir ein Rätsel.

Des Autors Abneigung gegen Männer mit unverhülltem Trommelbauch teile ich – vor allem, seit ich von meinem Klinik-Aufenthalt weiß: Die schnarchen alle!

Die Farbkombination Mint-Weiß erinnere Wendel an das Gesundheitswesen. Wohl wahr! Dennoch tanzte er mal in weißen Bonvivant-Schleichern vor (siehe Video unten).

Und ja: Enge Hosen machen Hühnerbeine. Auch bei den Damen. Sonst hieße es ja „Gockelbeine“.

Die Botschaft, auf die wir schon warteten: Die Tangueras würden ja große Mühe investieren, sich schick zu machen – da dürften wir Herren doch nicht nachstehen!

Na ja, auch da gibt es reihenweise Geschmacksverirrungen. Insbesondere, wenn das Kleid 40 Jahre jünger ist als die Trägerin – und Fummel plus Stilettos ergebnislos tänzerische Qualität versprechen.

Ich gestehe, selber in Kleidungsfragen nachlässiger geworden zu sein. Während ich früher im Dienst meist Barutti-Anzüge plus italienische Seidenkrawatten trug, kleide ich mich heute beim Tango eher im Stil eines Burladinger Trikotagen-Herstellers. Gut, nach dem Hinweis einer alten Tangofreundin versuche ich es derzeit mal wieder mit Jacketts und Bundfaltenhosen. Die schwarzen Sneakers an den Füßen aber bleiben!

Mir ist es jedenfalls ziemlich egal, in welchen Hüllen die Leute beim Tango rumlaufen. Ich fordere ja auch keine Perücken für Glatzköpfe. Nebenbei: Warum gehen heute immer mehr Männer des oberen Haupthaars verlustig? Möglicherweise ist das ein Domestikations-Effekt: Siehe den Unterschied zwischen Wild- und Hausschwein! Dass ich meine Nase ungern in gefärbtes Haar tauche – Stichwort: organische Schwefelverbindungen – habe ich schon öfters erwähnt. Aber als Biologe weiß ich: Säugetiere riechen halt, da kann man nichts machen.

Zum Thema Kleidung hatte ich in meiner Tango-Anfangszeit ein Erlebnis, das meine Einstellung massiv prägte: Auf einer Milonga forderte mich eine Dame mit Preisringer-Statur auf – dazu Haferlschuhe, Grobcord-Jeans und Norwegerpullover. Ich machte mich auf Schlimmstes gefasst. Doch weit gefehlt: Die Frau tanzte wie ein Engel: sanft, fantasievoll, mit brillanter Technik. Leider habe ich sie nie wiedergesehen.

Ray Bradbury (ein Gegner von Bücherverbrennungen) schrieb in „Fahrenheit 451“: „Beurteile nie ein Buch nach seinem Einband.“ Recht hat er.

Daher ist es mir eigentlich ziemlich egal, in welcher Hülle die Leute beim Tango herumlaufen. Eher leide ich daran, wie sich viele auf dem Parkett bewegen. Aber auch das ist Geschmackssache. Klar – überfülltes Parkett, Ronda… Ich kenne den Text. Und wenn die Qualität der Kleidung der des Tanzens entsprechen sollte, hätten wir ja noch Luft nach unten.

Insgesamt zeigt der Autor hier, was er sonst meist erfolgreich verbirgt: Er kann durchaus witzig sein. Na also! 

Beim folgenden Video stört mich weniger die etwas maritime Bekleidung des Tänzers als die Musikauswahl: Muss es wirklich die ausgelutschte „Milonga sentimental“ von Canaro sein? Tanzen, während Musik läuft – im Tempo eines auslaufenden Sirupglases?

https://www.youtube.com/watch?v=RcDaHZWiYQo

Der Autor verspricht uns abschließend, sich der „eigenen Verwahrlosung“ entgegenzustellen. Ich weiß nicht, ob er dabei mit der Kleidung oder lieber einem Schreibkurs beginnen sollte.

Quelle: https://www.tangocompas.co/ueber-kleidung-in-milongas/

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