Tango-Profis?
Ich wurde heute auf einen Facebook-Text aufmerksam gemacht, den ich sehr interessant finde:
„BITTE! Wenn du NICHT über ausreichende Kenntnisse und Erfahrung verfügst, fange NICHT an, Tangokurse zu geben. Bitte zeige Respekt und übernehme Verantwortung für das, was das Unterrichten mit sich bringt.
Wenn du Tango magst und die Absicht hast, ihn zu fördern, kannst du lernen, an Veranstaltungen teilnehmen und deine Kollegen dazu ermutigen, ebenfalls zu lernen und an Veranstaltungen teilzunehmen; wenn du dich stärker engagieren möchtest, kannst du versuchen, ein Training oder eine kleine Milonga zu organisieren und Profis einzuladen, bei dir zu unterrichten oder aufzutreten.
Du kannst dich auch mit Kollegen zusammentun, um professionelle Lehrer in deine Stadt zu holen, damit diese ihr Wissen und ihre Erfahrung im Tango weitergeben.
Dann wirst du zu einem großartigen Förderer des Tangos, der dessen Essenz mit Verantwortung und Engagement weitergibt.“
Darunter prangt eine KI-Illustration.
Offenbar stammt der Text von einem Profi-Tänzer und Lehrer aus Buenos Aires.
Darunter findet man eine Fülle von (meist fremdsprachlichen) Kommentaren.
Zum Nachlesen:
Nach meinem Gefühl dient der Text vor allem dazu, sich Konkurrenz vom Leib zu halten. Der Schlüsselbegriff hierzu ist – ich kenne ihn auch aus der Zauberbranche – das Wort „Profi“. Zweifelt man an der Qualität des Gebotenen, kriegt man sofort diesen Begriff übergezogen.
Auch bei den Magiern wimmelt es angeblich von „professionellen“ Künstlern, während „Amateure“ eher die Ausnahme sind. In Wirklichkeit ist es genau umgekehrt:
https://diemagiedesgr.blogspot.com/2015/02/profis-ein-geisterwort.html
Ich habe die Innenseite des Illusions-Betriebs auch in einem Video besprochen:
https://www.youtube.com/watch?v=BXpRlsbWN9s
Zauberei und Tango sind gar nicht so weit voneinander entfernt: Was man im einen Bereich als „neue Tricks“ bezeichnet, heißt im anderen „neue Schritte“…
Und klar, man soll sich keinesfalls in das Geschäft der „Profis“ einmischen! Das dürfte der tiefere Sinn des genannten Facebook-Posts sein.
Obwohl immer wieder das Gegenteil behauptet wird: Ich lehne Tango-Kurse nicht generell ab. Schließlich haben wir selber in unseren ersten Tangojahren Unterricht genommen. Da war sicherlich einiges Nützliche dabei – allerdings auch manches, das uns kaum weitergebracht, nicht selten sogar in unserer Entwicklung behindert hat. Nach einigen Jahren haben wir uns mehr aufs eigene Üben, unseren eigenen Stil konzentriert. Was ist daran auszusetzen?
Dennoch habe ich mir die Frage gestellt: Wenn ich heute noch Tangostunden buchen würde – was wären meine Kriterien bei der Auswahl der Lehrenden?
· Ich würde ein Lehrerpaar bevorzugen. Schließlich will ich sehen, wie die Kommunikation zwischen zwei Menschen funktioniert – und nicht eine Person, die uns abwechselnd beide Rollen vortanzt.
· Ein Großteil des Unterrichts müsste von Musik begleitet sein – und nicht von Dauer-Gelaber. Und bitte nicht das übliche Di Sarli-Gewimmer!
· Mehr als ein Dutzend Teilnehmende sollten es nicht werden. Wie will man sonst individuell auf die Lernenden eingehen? Im Zweifel würde ich lieber Einzelstunden buchen.
· Ich ginge fest davon aus, dass die Lehrkräfte auch mit ihren Schülerinnen und Schülern tanzen – Tango vermittelt sich vor allem durch die körperliche Verständigung, nicht durch „Vormachen-Nachmachen“.
· Abschrecken würde mich eine großspurige Werbung mit irgendwelchen Meister-Titeln. Gewonnene Wettbewerbe sagen genau nichts darüber aus, ob die Lehrenden etwas vermitteln können. Mein Verdacht wäre, dass hier mehr mit Beeindrucke denn mit Können gearbeitet wird.
· Was aus meiner Sicht gar nicht geht, sind dumme Sprüche über die Konkurrenz. Wer Kolleginnen und Kollegen schlechtmacht, wird es nötig haben.
· Auch das „Profi-Geplustere“ würde mich abschrecken. Ich fürchte, oft dient es nur dazu, möglichst hohe Honorare zu begründen. Dass jemand seine Einkünfte nur aus dem Tango-Unterricht erzielt, sagt noch nichts über dessen Qualität aus.
· Ebenfalls vertreiben würde mich ein Lehrkonzept, das in erster Linie auf „neue Schritte und Figuren“ setzt. Meist ist das verbunden mit dem Ansatz, man müsse nun irgendwas „nachmachen“, ebenso tanzen wie die Unterrichtenden. Das Entwickeln eines eigenen Stils wird nicht gefördert, sondern oft im Gegenteil geradezu verhindert. Es wird nach „richtig“ und „falsch“ unterschieden. Für mich das Gruseligste, was man in einem künstlerischen Fach behaupten kann.
Unnötig zu sagen, dass mich Ankündigungen wie die eingangs zitierte sicherlich nicht in die Kurse solcher Anbieter locken würden. Und voraussichtlich hätte ich es auch schwer, nach den obigen Kriterien überhaupt einen entsprechenden Tangounterricht zu finden.
Aber das darf jede und jeder sehen, wie er oder sie es will. Man hat ja dann auch mit den Folgen zu leben. Daher meine ich: Unterricht hin oder her – letztlich muss man seinen eigenen Tango finden.
Da ich mich nach wie vor bemühe, auf jeder Milonga mit wenigstens einer Partnerin zu tanzen, mit der ich vorher noch nie das Vergnügen hatte, kriege ich öfters Rückmeldungen der besonderen Art. Am häufigsten wird mir attestiert, irgendwie „anders“ zu tanzen. Ob das nun als Kompliment gedacht ist oder nicht: Ich finde, das ist der entscheidende Unterschied zum heute gepflegten „Synchron-Tango“ in der Ronda: kaum unterscheidbar und sterbenslangweilig.
Der Trend, für alles und jedes Kurse, Workshops und Seminare zu benötigen – vom richtigen Tangoschritt bis zur glücklichen Ehe – führt selten zum Erfolg. Bestenfalls füllt es die Konten der Anbieter.
Es gibt sogar Lehrgänge für Blogger – wäre vielleicht mal eine Idee…
https://mariasquarra.de/bloggen-lernen/
Zugriffe 14.4.: 618
Klaus Wendels Aussage, mit mir sei „jede Diskussion sinnlos“, hat nun etwa eine Woche gehalten. Heute hat er mir einen längeren Artikel gewidmet.
AntwortenLöschenhttps://milongafuehrer.blogspot.com/2026/04/von-geschulten-augen-und-ohren.html?showComment=1775576110745#c59764516626408737
https://www.tangocompas.co/musikalitaet-im-tango-warum-menschen-musik-so-unterschiedlich-hoeren/
Kernaussage. Jetzt ist aber wirklich Schluss!
Na, schau'n wir mal...