Der Geist, der stets verneint



Ich bin der Geist, der stets verneint!
Und das mit Recht; denn alles, was entsteht,
Ist wert, daß es zugrunde geht;
Drum besser wär's, daß nichts entstünde.
(Goethe: Faust I)
Zufällig stieß ich heute auf das folgende Blog:

Im Laufe eines Jahres veröffentlichte die Autorin dort eine Reihe von Beiträgen, die zuvörderst das Hohe Lied des traditionellen Tango singen. Dies allein wäre kein Grund zum Zitieren, da die Argumentationen aus dieser Richtung inzwischen so deckungsgleich ausfallen wie die Musiktitel auf den einschlägigen Veranstaltungen.

Ich beklage mich auch nicht über den Kommunikationsstil, der vergleichsweise moderat ausfällt – gelegentlich blitzen sogar Restbestände des in dieser Szene typischerweise fehlenden Humors auf.

Allerdings – und deswegen erlaube ich mir hier einige Zitate – liegt der Schwerpunkt auf dem, was man nicht will und daher auch nicht funktionieren darf:

„Tänzerisch – quer über die Tanzfläche schiessen, die Frau am Tisch auffordern, andere Tanzpaare überholen. Musikalisch: Mariano Mores mit Juan d’Arienzo in der gleichen Tanda. Ausserdem: Offene Umarmung, platzintensive Figuren.“

O je, und die Tanda wohl auch noch mit verschiedenen Sängern…

„Man weiss oft nicht, wie man sich in der Milonga zu benehmen hat. Und wenn man es weiss, hat man vielleicht Nachteile. So wie ein guter Freund von mir, der sich weigert, zum Tisch zu gehen, und die Frauen wörtlich einzuladen. Er schaut sie aus einer gewissen Entfernung an, und wenn sie nicht zurückschauen, wenn sie nicht mit einem Nicken annehmen, dann tanzt er nicht. Er tanzt ganze Abende nicht. Viele halten ihn für arrogant. Ist er nicht.“
„In einem Land, in welchem der Cabeceo nicht funktioniert, weiss der Mann nicht: schaut sie nicht zurück, weil sie nicht weiss, wie das gemacht wird, oder will sie nicht mit mir tanzen? Männer, die sich weigern, es falsch zu machen, können ganze Abende stehen. Frauen, die es nicht kapieren, kommen um viele wunderbare Tänze. Schade für beide.“

Merke: Die Einhaltung konservativer Aufforderungsriten steht über der Tatsache, ob man überhaupt zum Tanzen kommt. Im Zweifelsfall ist daher Askese angesagt!

„Aus der Sicht der Frau: Wenn ich in eine Milonga gehe, die ich nicht kenne, werde ich ganz sicher mehrere Tandas sitzen und schauen. Ich versuche herauszufinden, wer schön tanzt (und wer nicht) und versuche mir die Leute ein bisschen zu merken. Danach kann ich genau den Mann anschauen, mit dem ich gern tanzen würde. Ich bin nicht ausgeliefert und muss nicht warten, dass mich jemand ‚holt‘. Wenn in dieser Zeit einer zum Tisch kommt und mich auffordert, bekommt er ein klares Nein. So erspare ich sowohl mir als auch einem potentiellen Mr. Gancho unangenehme Momente.“

Also ja nicht einfach zum Tanzen gehen und es dann auch ohne Umschweife tun! Erstmal ist ein aufwändiges Sicherungsverhalten zu beachten, damit man sich den besten Tänzer ausgucken und die anderen abschmieren lassen kann!

Gnadenhalber hat die Autorin einmal einen einsam dasitzenden Herrn aufgefordert (ja, gehört sich denn das?). Ihre Sympathien verscherzte der sich jedoch umgehend:

„Und ich habe ihn gemocht. Wirklich, von Herzen gern gemocht. Bis er mir den ersten Voleo angedeutet hat. Und nach dem ersten Gancho habe ich ihn gehasst.“  (…) “Vergewaltigt werden wäre schlimmer. Denn so kann ich zumindest die Takte zählen und weiss, wann es vorbei ist...“

Also nochmal: Der wesentliche Unterschied zwischen einem Tanz mit Ganchos und einer Vergewaltigung ist das Mitzählen der Takte! Klar, dass der Übeltäter seiner gerechten Strafe nicht entging:

„Der ältere Herr aus meinem letzten Beitrag bekam mit der Zeit einen sich selbst erklärenden Übernamen: Mr. Gancho. Er wurde zu einem netten, gern gesehenen Gast in jener Milonga, wurde immer herzlich begrüsst, doch hörte die Herzlichkeit meistens auf, sobald er eine jener Frauen einlud, mit denen er am liebsten getanzt hätte.“

Anschließend wird zur Sicherheit (!) nochmal die Rechtslage erklärt:
 
"Nun… Mr. Gancho fühlte sich zwar ungerecht behandelt, das war aber nicht so. Die Mädchen, die sich vor ihm versteckten, taten es, weil es für sie unangenehm war, mit ihm zu tanzen. So wie er sich entscheiden kann, unvollkommene Sacadas als Gedächtnisspielchen aneinanderzureihen, so kann sich ein anderer dafür entscheiden, die Freude in der schönen Bewegung zu suchen.“

Selbstredend wird gerade auf den traditionellen Milongas in Buenos Aires (wie dem „Club Sunderland“) den Gringos gezeigt, wo der Hammer hängt:

„Dann gibt es noch eine Kleinigkeit: die ganzen Regeln in einer traditionellen Milonga. Der Italiener, der im Sunderland zum Tisch geht und die Tänzerin seiner Wahl mit einer eleganten, tanzsimulierenden Bewegung einlädt, wird kaltblutig abgewiesen. Obwohl er wunderbar tanzt. Eine tolle Umarmung hat. Natürlich wird er sich ärgern. Sollte er auch.“ (…) „Neun von zehn europäischen Tänzern werden keine Chance haben, im Circuito zu tanzen.“



Nochmal: Wie man tanzt, ist wurscht, wenn man nicht richtig auffordert!


„Nur – was machen die Leute mit ihrer gegen viel Unterrichtsgeld und mit viel Geduld und Mühe gelernten, offenen Sacada? Folgendes: Nachdem sie in Canning  oder Humberto Primo von der Tanzfläche wegschikaniert werden, sich darüber ärgern, dass Argentinier ausländerfeindlich sind…“

O Gott, nein, wie käme man da nur drauf? Wo die Argentinier sogar ins Ausland fahren und den dortigen Inländern gerne für viel Geld das korrekte Tanzen beibringen!

„An einem Freitag Abend, in Canning, hat man etwa einen halben Quadratmeter Platz für sich. Mit diesem halben Quadratmeter muss man sich langsam, in Tanzrichtung, voranbewegen.“

Diese prickelnde Aussicht allein rechtfertigt doch die paar schlappen Tausender für eine Flugreise nach Tango-Mekka (und allem Anschein nach wird man ja im Gegensatz zum Original nicht totgetrampelt…).

„Ein Freund – jener, der nur mit Cabeceo auffordert, auch wenn die Frauen nicht gewohnt sich, zu schauen, hat mir frustriert erzählt: ‚Ich komme meist erst spät in die Milonga. Dann kann ich nicht tanzen, weil alle schon einen Partner haben und stundenlang weitermachen.'“

Es dürfte wohl ein vergebliches Unterfangen sein, der Schlafhaube zu raten, mal ein wenig früher in die Gänge zu kommen – nein, das widerspräche seinem Eindruck, dass sicher alle gerade auf ihn gewartet haben…

Nun, bekanntlich ist es ja meine Spezialität, im Tango alles schlecht zu finden und niederzumachen. Desto mehr verwundert es mich, auf der gegenüberliegenden Seite so viel davon zu lesen, was nicht geht und einen am Tanzen hindert.

Irgendwie erinnert mich das Ganze an diverse Tanzstundenkumpel aus meiner Pubertätszeit, die nicht wirklich zu den Übungsabenden gingen, um das Parkett zu bevölkern. Da musste dann ein Bündel von Ausreden herhalten: die falsche Musik, die unpassende Frau, das Chaos auf der Tanzfläche, die alte Sportverletzung…
Inzwischen wurde diese Ideologie perfektioniert: Zunächst hat man die Einhaltung sämtlicher Gesetzmäßigkeiten zu gewährleisten, die zu einem idealen Tanzvergnügen erlassen wurden. Sollte dieses durch den hierzu nötigen Aufwand dann ausfallen, hat man zumindest nichts falsch gemacht…

Gerne nehme ich dann das Alleinstellungsmerkmal in Kauf, immer noch wegen des Tanzens zum Tanzen zu gehen – notfalls auch traditionell und ohne dass mir die ungeübteste Tanguera oder der mieseste DJ den Spaß ganz verleiden könnte. Und gesund ist die Bewegung außerdem!

Eventuell bin ich ja nach Altmeister Goethe doch
„ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“


Kommentare

  1. Ein alter Pudel lernt keine neuen Kunststücke mehr, sagt ein altes Sprichwort!

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    1. Man bedenke aber in diesem Zusammenhang des Pudels Kern!

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  2. So setzest du der ewig regen,
    Der heilsam schaffenden Gewalt
    Die kalte TeufelsFaust entgegen,
    Die sich vergebens tückisch ballt!
    Was anders suche zu beginnen
    Des Chaos wunderlicher Sohn!
    Goethe: Faust

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    1. Ich weiß nicht, ob grad der Dr. Faust ein Vorbild für den Tango ist, wenn man an Gretchen denkt...
      Aber zweifellos würde er sich als kopfgesteuerter Intellektueller heute in der Tangoszene ziemlich wohl fühlen!

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  3. Lieber Gerhard

    Deine verschiedenen Informationen über das Tangoleben sind manchmal so überraschend und sie erscheinen so absurd, dass ich sprachlos bin. Das passiert mir selten, aber jetzt habe ich fast eine halbe Stunde gebraucht um diesen Absatz für tatsächlich geschrieben und für eine ernst zu nehmende Mitteilung zu halten:

    „Man weiss oft nicht, wie man sich in der Milonga zu benehmen hat. Und wenn man es weiss, hat man vielleicht Nachteile. So wie ein guter Freund von mir, der sich weigert, zum Tisch zu gehen, und die Frauen wörtlich einzuladen. Er schaut sie aus einer gewissen Entfernung an, und wenn sie nicht zurückschauen, wenn sie nicht mit einem Nicken annehmen, dann tanzt er nicht. Er tanzt ganze Abende nicht. Viele halten ihn für arrogant. Ist er nicht.“

    Aber jetzt weiß ich, warum nach verlässlichen Umfragen des Austrian Standard Instituts das Sexualleben in den Kreisen der EdO so beträchtlich abgenommen hat:

    Er weigert sich beim Tisch oder sonst wo mit Worten um diese gemeinsame Abendgestaltung zu bitten. Er schaut sie nur aus einer gewissen Entfernung an und sie schaut selten zurück. So richten beide ihre Mirada im Lauf des Abends auf den Fernseher. Und die dort ablaufenden zahlreichen Cabeceos führen auch nicht zum gewünschten Ergebnis.

    Warum sie nicht zurückschaut wurde in den Umfragen nicht ermittelt.

    Wenn ich eine Stunde nach Salzburg zur Milonga fahre und dann den ganzen Abend, aus welchem Grund auch immer, nicht tanze, würde ich mich bei uns der Gefahr aussetzen, in der geschlossenen Anstalt zu landen.

    Ich habe ausdrücklich eine Formulierung gewählt, bei der ich das Objekt dieser Konsequenzen wäre um die Höflichkeitsregeln auf Deinem Blog nicht zu verletzen. Aber harmloser kann man das nicht kommentieren. Es ist praktisch unglaublich. Dieser Grad an Absurdität, im Vergleich zum Ziel des Tanzens, nämlich der Bewegung, den ganzen Abend zu sitzen, kann mit normalem Menschenverstand nicht mehr nachvollzogen werden.

    Danke für diese Aufklärung durch Deine Zitate.

    Einen schönen guten Morgen aus dem Salzkammergut
    Herzliche Grüße
    Peter



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    1. Lieber Peter,

      fairerweise sollte ich den Zusammenhang im zitierten Text betonen: Die Autorin beklagt ja, dass ihr stumm herumschauender Kollege nicht zum Tanzen kommt, weil viele die Regeln zum Auffordern nicht kennen.

      Andererseits - und das ist ja typisch für Sektierertum - häufen sich in dieser Szene die Berichte von selbst auferlegter Askese: Es müsste einfach zu viel stimmen, bevor man das Tanzbein dann endlich mal in Schwung bringen könnte.

      Melina Sedó zum Beispiel hat neulich auf ihrem Blog erwähnt, wie wenig sie inzwischen tanze (und offenbar diesen Mangel durch Herausgabe eines Tango-Lehrwerks kompensiert - heftig beworben übrigens von dem niemals wirtschaftliche Interessen verfolgenden Privat-Blogger C.).

      Und noch ein anderes Gerüchlein nehme ich bei solchen Zitaten wahr: Man baut eine Art "Herrschaftswissen" auf, auf dass keiner so einfach zum Tanzen kommen kann. Nein, er muss sich einem Kodex unterwerfen, die "geheimen Regeln" kennen, sonst bleibt er außen vor. Sehr einladend!

      Individualität und Spontaneität jedenfalls sind in diesen Kreisen keine erwünschten Charaktereigenschaften.

      Herzliche Grüße
      Gerhard

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  4. Liebe Leute

    Jetzt ist mir endgültig klar, warum ich zum Tanzen nur mit meiner Frau oder mit einer Freundin gehe, sodass ich auf andere Tänzerinnen nicht unbedingt angewiesen bin. Obwohl ich mich über diese natürlich sehr freue.

    Tango tanze ich dann zu Hause, auf den üblichen Bällen und bei allen möglichen Veranstaltungen, wo ich dieses Getue nicht vorfinde. Und außerdem habe ich dort viel Platz um wirklich zu tanzen. Was ist eigentlich ein Tango ohne Gancho und Boleo und ständig im Schwitzkasten der geschlossenen Umarmung? Grapschen kann ich auch zu Hause.

    Peter Baumgartner

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    1. Lieber Peter,

      grade fiel mir auf, dass ich Deinen Kommentar nicht beantwortet habe. Sorry!

      Ich meine, in der Praxis wird das ganze Getue nicht so heiß gegessen, wie es im Internet gekocht wird. Ich habe jedenfalls noch keinen Korb wegen "Cabeceo-Verstoßes" bekommen. Die meisten Frauen freuen sich, das tun zu können, weswegen sie gekommen sind: tanzen.
      Na gut, und wenn mein Vorschlag eines Ganchos ignoriert wird (häufiger wohl wegen mangelnder Routine und nicht aus "ideologischen" Gründen) - umso spannender! Irgendwas wird schon draus, was uns dann vielleicht beide verblüfft...

      Herzliche Grüße
      Gerhard

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  5. Dass der Gancho eine angedeutete oder tatsächlich vollzogene Vergewaltigung bedeutet, hab ich vor Jahrzehnten schon von Marina Jablonski gelernt. Es scheint halt Menschen zu geben, die in jeder Geste etwas Unanständiges sehen (wollen). Und dank deiner erhellenden Zitate hab ich jetzt endlich eine Erklärung für ein Phänomen, das ich nie verstanden habe: Eine Dame sitzt eine Stunde oder länger da und tanzt nicht. Wenn ich sie dann höflich frage, ob sie tanzen will, schleudert sie mir ein wütendes "Nein" entgegen. Klar, ich hab nicht miradiert oder cabeceot, und die direkte Aufforderung ist ja schon eine halbe Vergewaltigung. Da muss ich noch einiges lernen...

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  6. Lieber Peter,

    obwohl ich noch nicht so lang beim Tango bin wie Du, muss ich gestehen, schon mal unbefangener zu Milongas gegangen zu sein.

    Was waren das noch für Zeiten, wo man naiverweise davon ausging, dass alle gekommen waren, um möglichst viel zu tanzen… Heute überlegst Du Dir bei einer unbekannten Tanguera: Ist die aus der „Betonfraktion“ und reagiert nur auf Cabeceo oder gibt Dir wegen der zu modernen Tanda einen Korb? Oder hat sie gar nicht vor, zu tanzen, sondern möchte sich nur davon überzeugen, dass alle Regeln eingehalten werden? Ist sie gar eine Tango-IM und sammelt Informationen, um dann im Internet mal wieder Sprüche über den Tanzstil des Bloggers zu veröffentlichen?

    Und sollte meine Aufforderung erhört (oder ersehen) werden: Darf ich jetzt einen Boleo führen respektive die Cortina ignorieren oder sind drei „ideologische Tänze“ angesagt? Ist es erlaubt, während des Tanzes mal zu lachen oder hat sich meine Mimik auf den traditionsüblichen Ausdruck einer akuten Gallenkolik zu beschränken?

    Um den alten Willy Brandt zu zitieren: „Wir waren schon mal weiter.“

    Herzliche Grüße
    Gerhard

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