Tanzen bis zum Unfallen



Krankheitsgewinn ist eine allgemeine Bezeichnung für die objektiven und/oder subjektiven Vorteile, die ein (tatsächlich oder vermeintlich) Kranker aus seiner Krankheit (…) zieht.“
(Quelle: Wikipedia)

Einmal wurden wir von einem Paar um Tanzunterricht gebeten. Es fiel uns auf, dass einer von beiden auf dem Parkett ganz passabel agierte, während der Partner sich sehr schwertat: Offenbar hatte er vor allem Probleme mit den Emotionen beim Tanzen und der damit verbundenen – nicht nur physischen – Nähe.

Der tatsächlich Begabtere von den beiden hatte uns schon vorab mitgeteilt, er habe große Schwierigkeiten beim Tanzen, der andere hingegen könne es viel besser. Ein interessantes, die Realität umkehrendes Wunschdenken!

Unsere Auffassung der Bewegung auf dem Parkett unterschied sich offenbar stark von dem bisher Gelernten, so dass sich Fluchttendenzen mehrten: Jede Gelegenheit wurde dazu genützt, das Üben durch verbale Aktivitäten zu unterbrechen, teilweise unter absurdem Wechsel der Themen.

Auf der Heimfahrt fragte ich meine Frau: „Wann kommt die Absage – und warum? Krankheit oder Unfall?“

Wie so oft im Leben wäre ich froh gewesen, mit meinen pessimistischen bzw. misanthropischen Vorahnungen Unrecht zu haben. Aber nein, die Botschaft kam kurz vor dem nächsten Termin: Der tänzerisch Schwächere war gestürzt und hatte sich verletzt – nicht schlimm, aber halt doch.

Gerade in letzter Zeit häufen sich bei Milonga-Verabredungen mit uns die Unfälle – typischerweise stets kurz vorher und mit nicht sehr langem Krankenstand, aber immerhin ausreichend, um den Termin platzen zu lassen. Alles Zufall?

Meine Recherchen in der Literatur ergaben, dass dieser Effekt bei Psychologen durchaus bekannt ist. So schreiben Dethlefsen und Dahlke in ihrem Bestseller „Krankheit als Weg“: Die Erkenntnis, dass Unfälle unbewusst motiviert sind, ist nicht neu. Bereits Freud hat in seiner ‚Psychopathologie des Alltagslebens‘ neben den Fehlleistungen wie Versprechen, Vergessen, Verlegen von Gegenständen auch Unfälle als Ergebnis einer unbewussten Absicht dargestellt.“ Einer der Begründer der Psychosomatik schrieb, „dass in den meisten Unfällen ein absichtliches Element enthalten ist, wenngleich diese Absicht kaum je bewusst wird. Mit anderen Worten: Die meisten Unfälle sind unbewusst motiviert.“ (Franz Alexander: „Psychosomatische Medizin“)

Nach Versicherungsstatistiken gibt es eine kleinere Personengruppe, die überdurchschnittlich häufig an Unfällen beteiligt ist. Bereits 1926 hat der Psychologie-Professor Paul Marbe hierfür den Begriff „Unfäller“ geprägt: Im Einzelnen ließe sich oft kaum erklären, wie diese Menschen ihre Unfälle arrangiert haben. Dennoch muss eben dies geschehen sein, und zwar ohne dass sie es bewusst wollten oder über ihren Anteil daran auch nur Rechenschaft geben könnten. Auf versteckte Weise ist ihnen ihr Unfall gut zupass gekommen. Sie haben etwas zerstört oder verloren, was für sie auch mit negativen Gefühlen beladen war. (…) Der Unfall hat in einem solchen Zusammenhang ähnliche Ursachen und Folgen wie eine psychosomatische Krankheit.“ Quelle: http://www.psychology48.com/deu/d/unfaeller/unfaeller.htm

Auch für Erkrankungen aller Art, welche tänzerisch hinderlich sind, fehlen uns nicht die Beispiele: Jahrelang durften wir einen (auch selbst unterrichtenden) Tänzer erleben, welcher stets die überwiegende Zeit auf den Milongas mit Jammern verbrachte: Schäden am Geläuf waren hierbei genauso ein Thema wie Stress, Arbeitsüberlastung, Erschöpfung und Termindruck. Er tanzte nicht nur wenig, sondern hielt auch diejenigen davon ab, welchen nicht rechtzeitig die Flucht aus seiner Dezibelglocke gelang. Der wahre Hintergrund war wohl eine abnorme Schüchternheit und Angst vor Zurückweisung (Körbe!). Über die rätselhaften Erkrankungen einer Tangofreundin habe ich hier schon berichtet: http://milongafuehrer.blogspot.de/2015/09/tango-oder-freundschaft.html
Dabei kam erschwerend hinzu, dass ihre Gesundheitsprobleme sich anscheinend jeder medizinischen Diagnose entzogen und zum bekannten „Ärztehopping“ bei wohl somatoformen Störungen führten.

Die Psychologie spricht hierbei vom „primären Krankheitsgewinn“ (Quelle: Wikipedia): Der primäre Krankheitsgewinn besteht in inneren oder direkten Vorteilen, die der kranke Mensch aus seinen Symptomen zieht: z. B. kann er dadurch als unangenehm empfundenen Situationen oder Konflikten aus dem Weg gehen. Das Symptom wird dann zwar als unangenehm erlebt, jedoch erlaubt es dem Kranken, keine sofortige (aus dem Konflikt herausführende) Entscheidung treffen zu müssen (oft erkennt er einen Konflikt, den er hat oder in dem er steht, gar nicht als solchen).“ Einfacher gesagt: Man kann sich einer unangenehmen Situation entziehen und wird als Kranker noch bedauert und aufgepäppelt.
Nach einer Umfrage (ZDF, 12.5.2013) tanzen nur 47 Prozent der Männer gerne – bei den Frauen sind es fast 80. Das im Leiden an Gesundheitsproblemen stärkere Geschlecht ist daher auch beim Tanzen ein Meister darin, körperliche Störungen als Ausflucht zu missbrauchen (während man die Dauerkarte beim FC Bayern nicht verfallen lässt, sondern sich notfalls auf Krücken ins Stadion schleppt).

Subtilere Formen männlichen Vermeidungsverhaltens bestehen darin, dass kurz nach Beginn eines Tangokurses beim Männe die berufliche Belastung stark zunimmt und er daher den abendlichen Tanztermin wegen der Überstunden leider stornieren muss. Und da so spät kein Zug mehr fährt, benötigt er dringend das Auto, damit seine Ehefrau nicht auf die Idee kommt, allein zum „Mamborambo“ zu kutschieren und mit fremden Kerlen zu tanzen – wäre ja noch schöner!

Gerne werden Partnerinnen in solchen Situationen daran erinnert, dass sie momentan dringend zur Bewältigung häuslicher Projekte sowie Betreuung der Kinder benötigt würden – und sie wollten doch gewiss keine schlechte Hausfrau und Mutter sein…

Ich werde so richtig böse, wenn ich mal wieder erleben muss, wie diese uralte Masche mit dem „weiblichen Verantwortungs-Gen“ nach wie vor funktioniert. Vielleicht hat der von mir in einem anderen Text schon erwähnte Psychiater Paul Möbius doch recht, wenn er in seinem Essay „Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes“ 1907 schreibt: „Deshalb ist das Weib kindähnlich, heiter, geduldig und schlichten Geistes. Mut braucht die Frau höchstens zur Verteidigung der Kinder, in anderen Beziehungen würde er nur stören und fehlt deshalb. So ist es auch mit den anderen männlichen Eigenschaften; Kraft und Drang ins Weite, Phantasie und Verlangen nach Erkenntnis würden das Weib nur unruhig machen und in ihrem Mutterberufe hindern, also gab sie die Natur nur in kleinen Dosen.“

Daher, liebe Tangofreundinnen, wenn euer Partner sich ständig verletzt, krank wird, zu viel Arbeit hat oder euch den ganzen Haushalt überstülpt: Mit dem wird es nix beim Tango – also lasst’s das dreckige Geschirr auf der Spülmaschine stehen und geht‘s allein zum Tanzen! Howgh, ich habe gesprochen!
   
P.S. Man möge sich den Schreiber dieser Zeilen zum Vorbild nehmen, der nach seinen (nun schon sechs Jahre zurückliegenden) Chemotherapie-Sitzungen ins Auto kletterte und zum Tango fuhr – und zwar nicht trotz seiner Beschwerden, sondern weil er sie beim Tanzen vergessen konnte! Allerdings muss ich gestehen, dass mich in letzter Zeit – vor allem auf traditionellen Milongas – diese unerträglichen Fußschmerzen plagen…

Kommentare

  1. Passt gerade dazu: Meine derzeitige Lektüre der Autobiografie von Bill Irvine (zusammen mit seiner Frau Bobbie mit 13 Weltmeistertiteln das erfolgreichste Standard-Tanzpaar aller Zeiten).

    Bei einer Japantournee sollten sie vortanzen, Turniere werten und Vorträge halten. Am Vorabend des größten Events, der japanischen Meisterschaften (Halle ausverkauft, 16000 Zuschauer, Fernsehaufzeichnung) passierte es: Bobbie aß einen japanischen Fisch, der ihr eine entsprechende Vergiftung bescherte. Der herbeigerufene Arzt behandelte mit Antibiotika. Wenige Stunden vor dem Tanzauftritt war noch keine Besserung in Sicht. Letzte Therapieoption: Opium – legt den Darm lahm, trübt aber kräftig das Bewusstsein. Transport zur Halle mit Doktor und Krankenschwester: Bobbie tanzte wie in Trance eine Show mit vier Standardtänzen, an welche sie sich hinterher nicht mehr erinnern konnte.

    Tja, „the show must go on“ – wie hätten die beiden wohl ein wehes Knie kommentiert?

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