Warum ich wenig führe



Neulich – auf einer „kleinen, unbedeutenden“ Milonga (wo sich DJs also noch trauen, ein breites Musikspektrum aufzulegen) – trafen wir sie wieder einmal: Ein Paar, welches wir schon aus unserer „Tango-Frühgeschichte“ kennen (mithin aus der Zeit, wo jeder noch tanzen durfte, wie er wollte). Und das tun die beiden mehr denn je, und es war bereits ein Vergnügen, ihnen zuzusehen – ein „Gustostückerl“ vor dem grauen Hintergrund der Tanzenden im Einheitsschritt.

Wie nicht anders zu erwarten, forderte unser Tangofreund alsbald meine Frau auf, und ich ließ es mir natürlich nicht nehmen, anschließend dessen Partnerin aufs Parkett zu bitten. Danach war für mich eine Frage endgültig beantwortet, die ich mir auf der Heimfahrt von 08/15-Tangoabenden immer öfter stelle: Bin ich tangomäßig „ausgebrannt“, weil es mir immer weniger Freude macht, mit vielen anderen zu tanzen? Habe ich nach 16 Jahren Tango bereits „alles gehabt“, stellt das meiste nur noch eine uninteressante, weniger schöne Wiederholung dar? Nein! Die betreffende Tanzrunde an diesem Abend ließ in mir alles wieder aufleben, was mich früher an dieser Beschäftigung so faszinierte – und das bei vollem Parkett: Gigantische Soloaktionen meiner Tänzerin, Spannung in jeder Sekunde, blitzschnelles Eingehen auf die wechselseitigen Impulse, sich stets in den Charakter der Musik begeben, blindes Verständnis bei maximaler Freiheit – und das, obwohl wir im Schnitt (wegen der geografischen Entfernung) zweimal pro Jahr miteinander tanzen.

Zwischen zwei Stücken entfuhr es mir: „Da siehst Du wieder, welchen Unsinn man über das Führen erzählt – was wir jetzt spontan getanzt haben, hätte ich nie alleine steuern können.“ Ihre Antwort war kurz und knapp: „Na klar!“ Aha. Uns schon – aber sonst?

Vor einigen Tagen fiel mir ein Zeitungsartikel in die Hände, in dem ein Tangolehrerpaar porträtiert wird (Südwest Presse Ulm, 3.11.12). Unter der Überschrift „Tango: Führungsaufgabe der besonderen Art“ wird unter anderem verlautbart: „Die größte Schwierigkeit besteht für den Anfänger darin, dass beim Tango die Rollen klar verteilt sind: Der Mann führt, die Frau folgt. Ohne jede Diskussion. Dieser Rückfall in archaische Rollenmuster ist für beide Tanzpartner eine Herausforderung. (…) Die klare Führungsrolle des Mannes bedeutet für die Frau: Sie darf selbst keinen Plan haben, sondern muss loslassen und abwarten, welche Impulse vom Partner kommen, um ihnen zu folgen.“

Nun weiß ich – vom Zaubern noch mehr als vom Tango – welchen Mumpitz Journalisten oft zusammenschmieren, wenn sie, unbelastet von jeglicher Sachkenntnis, von ihrem Chefredakteur zur Bearbeitung irgendeines Themas verdonnert werden. Somit liegt es mir fern, solch gerührten Quark den betreffenden Lehrern anzulasten. Und immerhin gibt es in dem Text auch einige relativierende Aussagen. Dennoch fürchte ich, dass sich in den obigen Passagen Volkes Stimme wiederfindet: Einer muss schließlich das Sagen haben – und dies ist natürlich der Mann. Wussten wir es doch: Die Rollenmuster von Anno Tobak waren eben doch nicht so verkehrt, gell?

Was man damit natürlich zementiert, ist das krampfige Herumgeschiebe, welches man landauf, landab nicht nur beim Tango beobachten kann: Den Männern wird von der ersten Tanzstunde an eingetrichtert, sie müssten jeden Schritt ihrer Partnerin kontrollieren, was zu endlosem Stress führt. Weiterhin entsteht dadurch eine gerade dem Tango völlig fremde synchrone Bewegungsweise: Man muss ja gleichzeitig die „richtigen“ Schritte machen, setzt einander also ständig unter Zeitdruck. Und die Frauen dressiert man von Anfang an zur Passivität: Ja nichts tanzen, was der Männe nicht ausdrücklich geführt hat!

Ich gestehe hier ganz offen: Nach den ersten Schritten mit einer derart konditionierten Dame sehne ich bereits das Ende des dritten Tanzes herbei. (Ein Hoch auf Tandas und Cortinas!). Erschwerend kommt hinzu, dass solche Tänzerinnen nicht nur erwarten, dass ihnen jede Bewegung vorgegeben wird. Mittels enger Haltung darf man zusätzlich ihre Achse stabilisieren – vergrößert man den Abstand, macht sich sofort Unsicherheit breit: Hilfe, jetzt müsste sie ja in der eigenen Balance agieren!

Was ist eigentlich so schwer daran, zu kapieren, dass Paartanz einen ständigen Dialog mittels einer Körpersprache darstellt? Sicherlich muss einer mal mit dem Reden anfangen, und das ist (ausnahmsweise) der Mann. Aber darauf sollte eine Antwort erfolgen, auf die man eingehen kann, dann wieder die Gesprächspartnerin reagieren und so fort. Sicherlich können die Textanteile variieren, aber mehr als „ja“, „ok“ oder „hä?“ sollte es schon sein. Und lässt sich die Frau mehr Zeit zu einer Antwort, setzt sie mich nicht unter Stress, einen weiteren Vorschlag zu gestalten. Dieses ständige Hin und Her von Impulsen nennt man Tango – die synchrone Umsetzung eines Viervierteltaktes dagegen Marschmusik.

Daher bin ich auch immer ziemlich ratlos, wenn mich eine Tanzpartnerin fragt, ob sie meine Führung gerade „richtig verstanden“ habe. Woher soll ich das wissen? Möglicherweise hatte ich den Raum zu einer Seite geöffnet und wartete gespannt darauf, ob sie diesen nun mit Vorwärts-, Seitwärts- oder Rückwärtsbewegungen nutzen wollte, von einer Drehung, Verzögerung, Beschleunigung oder Verzierungen ganz zu schweigen. Worauf es mir ankam, war eher, wie sie dies bewerkstelligte: in der Musik, der Balance, mit schönen, eleganten Aktionen. Gelegentlich beantworte ich solche Fragen ehrlich: „Wenn ich alles kontrollieren müsste, was Du machst, käme ich selber kaum noch zum Tanzen.“ Will sagen: Ich „führe“ so wenig wie möglich, sondern versuche auf das einzugehen, was mir mein Gegenüber liefert – und freue mich, wenn diese Rollen möglichst gleichmäßig verteilt sind.

Dass diese Haltung im heutigen Tango von vielen verstanden oder gar geteilt wird, erwarte ich längst nicht mehr. Die Mär vom „Führen und Folgen“ klingt zu einfach, um nicht wahr zu sein, zumal wenn sie – wie im oben zitierten Zeitungsartikel – dann noch mit einem Rücksturz ins 18. Jahrhundert versehen wird: „Im Alltag wird von Frauen oft dasselbe verlangt wie von Männern, da verwischen die Unterschiede. Tango ist der Gegenpol: Da können Frauen wieder ganz Frau sein und das genießen.“ Na eben – und sollte ihnen der Gatterich den Besuch einer Milonga verbieten, können sie ihre Weiblichkeit ja immer noch beim Ausräumen der Spülmaschine ausleben! Denn merke: „Beim Tango macht der Mann, dass die Frau schön aussieht.“ Ja, wer denn sonst? Dass Frauen von selber schön sind, wäre ja auch eine abstruse Idee! Ein Trost für diese, dass es umgekehrt sicher nicht klappt: Ein „Tofuwürschtl“ in verknitterter Jeans und ausgebleichtem Hawaiihemd kriegt keine schön, nicht mal eine tolle Tänzerin…

Sollte ich daher jemals in den „Código-Wahnsinn“ geraten (obwohl ich für den Fall schon eine Betreuungsverfügung unterschrieben habe), wäre meine erste Tat, die Begriffe „Führen“ und „Folgen“ im Tango zu verbieten. Natürlich mit Ausnahme des „Milonga-Führers“!

P.S. Hier der Link zum Original-Artikel:
http://www.swp.de/ulm/lokales/ulm_neu_ulm/Tango-Fuehrungsaufgabe-der-besonderen-Art;art4329,1704884

Kommentare

  1. Vielen Dank für diesen Blogeintrag. 5 Sterne.

    Wie du schon schreibst läßt sich dieses "Experiment" am besten mit einer unbekannten oder sehr seltenen Tanzpartnerin wagen. Anfangs erntet man noch erstaunte Blicke, wenn man ihr plötzlich Raum zur Entfaltung gibt, aber wenn es einmal Klick gemacht hat ist es so schön sich entspannt hinzustellen und von einer reizenden Dame "umtanzt" zu werden.

    MM

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  2. Verbindlichsten Dank!

    Hoffentlich haben wir jetzt nicht ein "großes Tangogeheimnis" preisgegeben, und alle machen es nach...

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  3. Mein lieber Gerhard, du bist nicht auf der Höhe der Zeit. Eine dir nicht unbekannte Tangotänzerin namens Nicole Nau sagte in einem Interview in Tangodanza aus dem Jahr 2011 wörtlich über ihren jetzigen Mann Luis: "Er tanzt und führt auf jedem Fuß und in jeder Situation alles." Siehst du, so wird's gemacht. Das ist nun mal argentinische Tradition, und nur die zählt. Wo kämen wir denn hin, wenn wir jetzt selber anfangen, die Regeln des Tango zu interpretieren, gar unseren seltsamen Vorstellungen von "Emanzipation" anzupassen! Es bleibt dabei: Der Mann ist ein Mann, und die Frau ein Nichts. Bei etwas Geschick und der richtigen Einstellung könnte sie auch durch einen Besenstil ersetzt werden ... (hab ich schon gesehen!)

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  4. Lieber Peter,

    das Tanzpaar, welches Du angeführt hast, gibt ein gutes Beispiel ab: Es ist doch evident, wer von beiden besser Tango kann! Da hilft die ganze argentinische Tradition nix. Und Besenstiele sind mir einfach zu dünn!

    Der Tango als Weltkulturerbe wird es ertragen, wenn wir ihm einige Gedanken der europäischen Aufklärung mitgeben.

    Kennst den alten Emanzenwitz? "Als Gott den Mann schuf, übte sie noch."

    Beste Grüße
    Gerhard

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  5. Bei mir ist es aus der Not heraus geboren. Ich komme manchmal in den Genuss mit argentinischen Tänzerinnen zu tanzen. Wenn ich nicht mehr hinterher komme oder sie arg gelangweilt wirkt lasse ich sie "spielen". Und ich stehe da stolz wie Oskar :-)
    MM

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    1. Das war bei mir nicht anders! Wenn ich in meiner Anfängerzeit mit einer sehr erfahrenen Partnerin tanzen durfte, fühlte ich mich wie ein Mopedfahrer, der zum ersten Mal in einem Porsche sitzt. Neugierig drückte ich dann auf alle möglichen "Knöpfe" und war fasziniert, was da so alles passierte...

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