Sind die Männer wirklich so?



Bei der Materialsammlung zum Thema bin ich in einem Partnerschaftsforum auf eine interessante Diskussion gestoßen: Die Ausgangsfrage war, wie man sich bei einem neuen Partner verhielte, welcher regelmäßig Tango oder Salsa tanzt. Würde man sein Hobby teilen, die Toleranz aufbringen, ihn allein zu solchen Veranstaltungen gehen zu lassen, oder könnte einen die Angst, es würde dort zu erotischen Verwicklungen mit anderen Teilnehmern kommen, zu sehr belasten?

Die Meinungen gingen weit auseinander; eine besonders dezidierte Position vertrat eine Dame, die zu folgendem Resümee kam:

„Sowie ich erfahren würde, dass ein Mann regelmäßig Salsa oder Tango tanzt, wäre ich sofort weg.“

Zur Begründung packt sie schonungslos ihr (offenbar leidvoll erworbenes) Wissen über Männer aus (Reihenfolge im Text z.T. verändert, Rechtschreibung korrigiert, Hervorhebungen belassen):

Männer tanzen deshalb, weil es keine andere Tätigkeit gibt, bei der man fremden, meist jüngeren Frauen derart nah kommen und Körperkontakt haben kann. Wer behauptet, das sei SPORT, ist grenzenlos naiv. (…) Ältere Männer bevorzugen argentinischen Tango, weil sie sich da an jüngeren Frauen Wange an Wange engumschlungen reiben können (der Tanz kommt aus argentinischen Bordellen) mit geschlossenen Augen und, sowie sich eine Möglichkeit ergibt, schleppen sie diese auch in die Kiste ab. Wenn das nicht ständig vorkommt, dann ausschließlich deshalb, weil die meisten Frauen das nicht wollen und mit den alten Kerlen tanzen, weil beim Tanzen ständig Frauenüberschuss herrscht. (…) Keinen gesunden Mann lässt es kalt, wenn sich eine hübsche Frau an seinen Schenkeln reibt, ein Tangotänzer hat nur gelernt cool dabei zu tun, eine erotische Stimulation ist es jedoch für Männer auf jeden Fall. (…) Nur weil Frauen glauben, das sei Sport (lol) und den Tanz gar nicht so erotisch finden, heißt das ja nicht, dass dies bei Männern auch der Fall ist. Männer finden alles erotisch, was mit engem Körperkontakt zu attraktiven Frauen zu tun hat (…) ein Mann würde nie ohne Hintergedanken tanzen.“

Gerade zu letzterer Aussage gibt es für mich nur eine Antwort: Na klar ist das so! Ich weiß, dass ich mich damit (mal wieder) im krassen Gegensatz zu den gerade hierzu grassierenden Scheinheiligkeitsbekundungen von Tangueros befinde, welche treuherzig versichern, sie wollten ja „nur tanzen“. Was heißt hier „nur“? Diese Tätigkeit stellt ethologisch gesehen eindeutig ein ritualisiertes Balzverhalten dar, schon wegen der synchronen Körperbewegungen sowie den musikalischen Signalen („tirili“). Ritualisierung bedeutet zwar, dass Verhaltensweisen nur vereinfacht angedeutet werden – allerdings sind die Übergänge zur realen Balz gerade beim Tango sicherlich fließend.

Was die Schreiberin allerdings übersieht: In Bezug auf Frauen machen Männer überhaupt nichts „ohne Hintergedanken“. Sonst wäre die Menschheit nämlich längst ausgestorben! Immerhin war es die Aufgabe der Natur, zumindest ein Geschlecht mit der gigantischen Motivation auszustatten, Wesen attraktiv zu finden, welche sich meist nicht für Fußball interessieren, keinen allzu großen Genuss beim Entfachen von Grillfeuern und Öffnen von Bierflaschen empfinden, stattdessen der täglichen Körperpflege einen hohen Stellenwert zubilligen und über ein zehnfach größeres Vokabular verfügen. Dies alles ist ohne eine veritable Hormondusche zwecks Ausschaltung des Großhirns nicht zu machen! Es hilft also wenig, den Männe hinsichtlich Tango wegzusperren – seine „Hintergedanken“ macht der sich genauso im Lift, beim Finanzamt oder in der Sonntagsmesse – und für die Organisation von „Nähe“ zum anderen Geschlecht gibt es ebenfalls genügend Alternativen.

Wenn Frauen behaupten, „ohne Hintergedanken“ zu tanzen, tun sie dies zumindest nicht wider besseres Wissen. Dennoch bin ich überzeugt davon, dass es kaum ihre unterbewussten Reaktionen beschreibt. Sollte ich nach 16 Jahren Beschäftigung mit dieser Körpersprache nicht völlig schief gewickelt sein, so gibt es genug Momente, in denen man die erotischen Emotionen von Tänzerinnen deutlich spürt. Zwangsläufig mit Sex verknüpft sind diese sicherlich nicht – aber das unterscheidet die Geschlechter ja nicht nur beim Tango. Und gerade beim Durchschnittsalter der Tangopopulation ist die Aussicht, die nächste körperliche Berührung könnte von der Pflegefachkraft ausgehen, mehr als trübe. Lasst sie doch tanzen, so lange es noch geht!

Wie also dieses Dilemma lösen? Männer von allen Versuchungen wegzusperren ist sicherlich weder erfolgversprechend noch gar wünschenswert: Selbst wenn dies gelänge, würden sie andere Laster entwickeln, vielleicht einen Krieg anfangen oder zum Sprengstoffgürtel greifen, um sich die ersehnten Jungfrauen dann wenigstens im Paradies zu verschaffen. Im günstigsten Fall unterhielten sie moralisierende Tangoblogs, und das ist ja auch nicht schön. Ich hätte für die tänzerfeindliche Schreiberin einen anderen Tipp: Ihr Partner sollte möglichst viel tanzen, am besten Tango: Mit der Zeit kann er dann nämlich immer klarer unterscheiden zwischen der Faszination des Tanzes und jener von tanzenden Frauen. Und er lernt, dass die Gärten jenseits des Zauns auch nicht grüner sind und er mit der eigenen Lebenspartnerin ganz gut weggekommen ist. Erotische Versuchung gehört zum Leben – ebenso wie stabile Partnerschaften – und in den Lichtjahren dazwischen tummelt sich so allerhand.

Was es da alles gibt, hat eine andere Kommentatorin auf diesem Forum eindrucksvoll und zu meinem großen Vergnügen beschrieben: „Hinzufügen kann ich noch aus eigener Erfahrung, dass die Quote von emotional heftig gestörten Single-Männern unter den Tango-und Salsatänzern sehr hoch ist (verlassene, verstörte Männer, uneingestandene homosexuelle Tendenzen mit dem Drang nach übertriebenem Machogehabe zum Maskieren, kleine Männer mit Komplexen, ältere, die nicht an junge Frauen herankommen).“ Wo sie recht hat, hat sie recht!

Daher trifft natürlich die schonungslose Entlarvung unserer Schreiberin voll ins Schwarze: „Wenn etwas aussieht wie eine Ente, watschelt wie eine Ente und quakt wie eine Ente, dann ist es meist auch eine Ente. Genauso wie Argentinischer Tango genau das ist, wonach es aussieht.Die Wahrheit übertrifft es sogar: Viele watscheln auf dem Parkett auch noch wie eine Ente zu quakender Musik!

Bleibt uns Tangueros, nachdem unsere schmutzigen Absichten rückhaltlos offen gelegt sind und wir auch gar nicht ernsthaft widersprechen können, ein Trost? Aber ja – und den liefert die Schreiberin gleich mit:

„Jedem alleinstehenden älteren Mann, der in einer Singlebörse nicht fündig wird und gern eine jüngere, hübsche Frau kennenlernen möchte, würde ich raten, tanzen zu lernen, am besten Tango Argentino, denn eine bessere Möglichkeit, an Frauen heranzukommen und bei diesen auch zu landen, gibt es für Männer nicht. Voraussetzung ist allerdings, dass sie gut tanzen können und nicht herumstolpern. Aber diese Anstrengung wird sich für sie lohnen!“

Na, wussten wir es doch:
Tangueros haben die besten Chancen!
Así, muchachos, vamos bailar!

Hier der Link zum besagten Diskussionsforum:

P.S. Nein, liebe Leserin, ich weiß ja, Ihr Partner ist da ganz anders – schon klar!

Kommentare

  1. Ach wie schön. Und ich dachte schon, der Wunsch heuer mit nacktem Oberkörper zu tanzen käme von den Temperaturen :-)
    MM

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    1. Ich glaube nicht, dass sich Temperaturen etwas wünschen können!
      Aber, nur aus Neugier, gilt das für die Männer, die Frauen oder gar - igitt - für beide?

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  2. Noch ein paar Leckerlis aus Forums-Diskussionen - die sind zu schön:

    „Männer, die Tango argentino tanzen, haben alle sexuelle Motive, auch wenn sie das nicht zugeben. Man schaue sich mal ein eng tanzendes Paar beim Tango argentino an! Das ist getanzter Sex, nichts anderes, und ich will auch keinen Partner, der mit ständig wechselnden Frauen eng aneinandergepresst Balztänze aufführt. Diese Typen sind meist untreu, denn körperliche Nähe und intime Berührungen sind beim Tango arg. die Regel, das verliert jede Intimität und Exklusivität.“

    „Mit Verlaub: Ich habe selten so einen Stuss gelesen. Das Führen der komplizierten Figuren erfordert so viel Konzentration, dass für erotische Gedanken (oder gar Berührungen) gar kein Raum mehr bleibt. Tango argentino-Tänzer sind ebenso wenig pauschal untreu wie Bikini-Trägerinnen oder Männer mit Dreitagebart.“

    „Der Eifersucht kann man entgehen, wenn man sowas gar nicht weiter duldet, sondern den Mann weg kickt. Ein richtiger Mann, den man ernst nehmen kann, macht sowieso keine engumschlungenen Tänzchen. Das machen in der Regel nur Aufreißer oder Besoffene in ihrer Überlaune und wenn sie allein sind (nicht unter Beobachtung der Freundin).“

    „Ich (w) hätte überhaupt kein Problem, ob Du nun hobbymäßig oder (semi)professionell mit einer anderen Frau tanzt. Vielmehr würde ich mir die Finger lecken nach Deinem (vermutlich) gut trainierten Körper und mich an Deinen (unterstelle ich mal) eleganten Bewegungen erfreuen... *seufz*...“

    „Ich tanze doch nicht jahrelang, gebe jede Menge Geld für Kurse aus und dann tanze ich nur noch mit einer... die es vielleicht noch nicht einmal kann... geht gar nicht!“

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  3. Sind die Männer wirklich so?
    Endlich sagt einer, wie's wirklich ist! Und die Damen seien ermahnt: Wer vom Bauernhof direkt auf eine Tango-Milonga fährt, erlebt nur Ungemach, bis der treue und (fürs Vieh) treusorgende Ehegatte die Seine den Armen des argentinischen Verführers entreißt und ihr wieder den Hausfrauenkittel überstülpt, der sich für sie auch geziemt.
    Sowas Ähnliches, aber mit umgekehrten Vorzeichen, hab ich selbst erlebt. Meine damalige Beziehung war nicht mehr die beste, und so verbrachte meine damalige Partnerin uns beide vor eine Psychotherapeutin, eine ältere, selbstbewusste Dame. Als diese mich nach meinen Hobbys fragte und ich entgegnete: unter anderem Tango, da sagte sie: Huch, da muss ich ja schlucken. Und weiters: Verwenden Sie auch Kondome? Siehst du, die Frauen denken eben immer nur an das eine ... oder waren das die Männer? Es ist alles so verwirrend ...

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    1. Ja, die Geschichte mit dem Bauernhof habe ich auch in einem Tangofilm gesehen. Aber - was viel schlimmer ist - solche Geschichten kenne ich durchaus aus dem realen (Tango)leben.

      Und was Psychotherapeutinnen betrifft - die haben deutlich noch einen mehr an der Klatsche als Tangotänzer. Wobei beide Beschäftigungen auch in Personalunion vorkommen.

      Also, nicht verzweifeln - Tango tanzen ist in vielen Fällen das kleinere Übel!

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    2. Nun wissen wir es endlich ganz genau! Auf der Seite eines Wiener Psychotherapeuten (!) fand ich folgenden Text:

      „Gesellschaftliche und spirituelle Aspekte:
      Das Wesen des Tangos offenbart sich in den künstlerisch-spirituellen Momenten des Tanzes. Das uralte Tabu der Polyandrie bzw. Polygynie wird geöffnet und in einem komplexen systemisch-autopoietischen Prozess, in Myriaden von getanzten und in der Milonga zelebrierten Narrativen, neuen Bestimmungen zugeführt. Mit der Zeit erkennen die TänzerInnen, dass komplexe Spiel- und Begegnungsformen zwischen Männern und Frauen nicht in ein zwischenmenschliches und gesellschaftliches Fiasko münden müssen. Der Tango ist so auch gesellschaftlich bedeutsam und unterstützt die Homöostase zwischen den Geschlechtern.“
      (Quelle: http://www.luigi-trenkler.com/tango_spirit.htm)

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