Encuentros – heimliche Begegnungen der dritten Art



Nach einer Klassifizierung des Astronomen J. Allen Hyneck besteht ja diese dritte Stufe des Grauens in einem direkten Kontakt von Erdenbewohnern mit UFOs (= unglaublich festgefahrenen Orthodoxen), sprich Aliens, die sich zum fröhlichen Ringelreihen auf dem Spielberg (hier besser: Zauberberg) zusammenfinden (span. „encontrar“).

Im Tangobereich gestaltet sich dies schwierig, da zu solchen Treffen der höheren Klasse gemeinhin nur auf verschwiegenen Internetforen persönlich eingeladen wird, um Irdische vor sie überfordernden Eindrücken zu bewahren. Wie schön, dass jüngst in einem anderen Tangoblog ein intimer Kenner jener Anti-Materie die staunenden Tango-Normalos darüber aufklärte, was sich da hinter freien Mauern tummelt:

Allfällige Kenner der letzten Tangogeheimnisse reisen da über Hunderte von Kilometern zu Versammlungen, wo man ein Wochenende lang viele Stunden kleinräumig im Gegenuhrzeigersinn zu Gleichschritt ermöglichender Musik hinter dem Vordermann her dackelt – die strengste Beachtung der einschlägigen Códigos (Mirada, Cabeceo, Tandas, Cortinas, lalala) natürlich inbegriffen. Dieses gemeinsame Marschieren bewirkt sicherlich, wie bei allen Uniformierten, ein starkes Gefühl von Einheit und Zusammenhalt, welches man vielleicht durch das Mitführen von Fahnen und anderen Bekenntnis-Textilien noch steigern könnte. Statt einer Beschallung durch möglicherweise nicht eidgenössische TJs käme hier auch das gemeinsame Absingen des inzwischen doch allseits geläufigen EdO-Repertoires in Frage. („Drei, vier, ein Tango!“)

Aus meiner Standardtanz-Zeit in diversen Sportclubs („Blau-Gold Germania Tripstrill“) kenne ich dieses Phänomen unter der Bezeichnung Formationstanz. Da man in solchen Kreisen ab einem Lebensalter von 35 Jahren bereits zu den Senioren zählt (beim Tango wäre man da noch ein „blutjunger Anfänger“), wurde ich öfters genötigt, angetan mit Strohhut, Weste und gestreifter Hose, „alte Tänze“ wie Rheinländer, Onestep und Charleston zur Vorführung zu bringen. Nicht zuletzt angesichts dieser gerontologischen Zumutungen nahm ich dort Reißaus – um nun im Tango in ebensolchen Beinkleidern und Leibchen, aber vielleicht mit schwarzem Filzhut, im Verein mit ebenso Angetanen alte Tangos darbieten zu sollen. Der Mensch plant, damit Gott was zum Lachen hat… Den ultimativen Spruch zur Massenbewegung lieferte mir dereinst mein Tanzsporttrainer: „Ich mag den Formationstanz nicht. Mir reicht es schon, wenn ein Paar scheiße tanzt.“ Ein paar hilfreiche Tipps aus dem Standard- und Lateinbereich: Die Einheitlichkeit noch fördern durch gleiche Kleidung, Schmuck, Makeup sowie eine Klinikpackung Haarfärbemittel und Selbstbräuner!         

Der Autor des angesprochenen Blogbeitrags lässt uns von seinen Schweizer Gipfeln aber auch einen Blick auf die Probleme tun, welche solcherlei Glaubens-Kongregationen im Flachland mit sich bringen: Da nicht jeder hin darf, wollen zu viele hin. So stünden Veranstalter vor dem Dilemma, entweder nur handverlesene Gäste zuzulassen und sich so dem Vorwurf „selbst definierter Exklusivität“ auszusetzen – oder sich durch wenige unorthodox tanzende Besucher die Einheitssuppe versalzen zu lassen. Sein Vorschlag zur Güte: Ein „klein wenig frisches Blut“ könne die Gefahr der Abschottung und Stagnation verringern, so lange man „die Neulinge ständig wohlwollend im Auge“ behielte. Ein Kommentator auf jenem Blog spricht von einer drohenden „Verödung der Böden“. Meine Anregung zur Auffrischung von Blut und Boden: Unbedingt eine dem Encuentro vorgeschaltete Casting-Show, um so zu bestimmen, wer hinsichtlich rechter Gesinnung und fantasiearmer Tanzweise auf die Bohlen darf!

Wer solcherlei Kritik als allzu heftig erachtet, möge sich durch Blick in den Blog davon überzeugen, dass selbiger Autor noch viel heftiger austeilt: Die Angst, nicht mehr eingeladen zu werden, führe dazu, dass Tänzer ihre berechtigte Kritik an „Obermackern im Zentrum“ nicht mehr zu äußern wagten. „Gruppen, aus denen Zivilcourage sich verabschiedet, nehmen ganz schnell erste Zeichen faschistoider Züge an. Auch Tango Argentino ist dagegen nicht gefeit. (…) Ich erschrecke schon darüber, wie sehr Tango Argentino manchmal sektenartige Strukturen befeuert. Das tut diesem Tanz gar nicht gut.“ Unglaublich, da warnt ein Verfechter von Einheitsmeinungen, ein führender Sektenfunktionär vor genau den Erscheinungen, an denen er fröhlich mitstrickt! Wie sagte der Kabarettist Werner Schneyder einmal: „Verantwortliche, die sich selber suchen, finden sich in der Regel nicht.“

Putzig finde ich die Klagen über ein unausgewogenes Geschlechterverhältnis auf manchen Encuentros. Und wer ist daran schuld? Natürlich diverse Singlefrauen, welche sich mit explizit beschriebenen Listen und Tücken anmeldeten (z.B. mit einem frei erfundenen Partner). Schon „ein Frauenüberhang von mehr als zehn Personen bei 150 Teilnehmern“ führe „immer zu einem gruppendynamischen Dauererdbeben“ respektive „aggressiver Stimmung“. Beschrieben wird auch ein traumatisches Erlebnis, bei dem über 30 Männer dann aus dem Tanzraum flohen, worauf sich jeder verbliebene Tänzer mit „zwei bis drei Frauen“ konfrontiert sah. Oh, ihr Armen! Jeder Besucher einer Dorfmilonga kann seit Jahren mit einem Frauenanteil von mehr als den oben angeführten 53 Prozent umgehen – und wenn man da noch an den mohammedanischen Traum vom Paradies mit den 60 Jungfrauen denkt… Und da wagen es Kritiker, derartig emanzipationsgeschädigte Männer als „Talibans“ zu titulieren!

Mehr seelische Stabilität brauche ich allerdings zur Kenntnisnahme einer weiteren Sorge: Unter der „Reiselust“ der Encuentro-Pilger könne „deren lokale Szene leiden“. „Denn wenn diese meist zu den besseren Tänzern gehörenden an Milongas ihres Wohnorts kaum noch vertreten sind, verlangsamt das die Entwicklung der Szene.“ Ein Kommentator spricht dann auch noch vom „Zug der lokalen Eliten weg aus der Haus-Milonga hin zum Encuentro“. Nun gönne ich es jedem, wenn er in weit entlegenen Hinterzimmern in gesellschaftlich unschädlicher Weise seinen seltsamen Riten frönt – eine „Elite“ sind die zwanghaften Zeitgenossen mit den glasigen Augen und sparsamen Bewegungen jedoch in keiner Weise – auch und gerade nicht, wenn sie sich selber dazu ernennen.

Wenn diese mir die unheimlichen Begegnungen auf der Ortsmilonga zugunsten heimlicher Treffen anderswo ersparen, sehe ich das als Chance, die „Verödung der heimischen Böden“ zu beseitigen. Selbst linientreue Kommentatoren in jenem Blog beklagen, dass man sich „zu Tode optimiere“, womöglich „der Wurzeln beraube“ und zunehmend „im eigenen Saft schmore“. Na klar, wohin sonst soll es denn führen, wenn dieser faszinierende, sich immer weiter entwickelnde Tanz von Betonköpfen zu Tode reglementiert wird und auf diese Weise junge, am Tango interessierte Menschen mit Museumsmusik und höfischen Ritualen vertrieben werden? Eine Kommentatorin in meinem Blog schrieb vor kurzem: „Das Wildlebendige suche ich verzweifelt und finde es nur selten (…) Heute darf der Tango auf Milongas Kunststücklein präsentieren wie ein artiger Tiger – domestiziert, parfümiert und fad.“

Meine Sorge ist jedenfalls nicht, dass ein bestimmter Menschenschlag, der alles sortieren und nummerieren muss, zu Encuentros fährt, sondern, dass er irgendwann zurückkommt. Dieses entsetzliche Schubladendenken (EdO – ja oder nein) ist doch bei Markus Lanz („EU – rein oder raus?“) schon schlimm genug. Zum Tango passt es noch weniger. 

Kommentare

  1. GRINS... ich hab's auch gelesen, schön, dass ich jetzt weiß, wo ich sicher nicht hin will...
    Lydia Stolle

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    1. Genau, weder zu "Wetten, dass?" noch zu Encuentros! Lieber zu einer "Dorfmilonga", wo ich einfach nur Tango tanzen kann...

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  2. Lieber Gerhard,

    danke für diesen wunderbaren Kommentar. Dem ist nichts hinzuzufügen!

    Ich hatte den Blog mit den Encuentros zuerst entdeckt und mit ungläubigem Staunen gelesen, auch die bewundernden Kommentare der Jünger und einige kritische, die diese Geheimtreffen elitär finden. Es ist eigentlich nur lustig, aber ein Phänomen, was mir auch schon früher mal untergekommen ist. Früher habe ich mal mit Begeisterung die wunderbare Sportart "Aikido" betrieben. (Auch dort geht es um Führen und Folgen). Das Lustige war (ist), dass es Übungsgruppen und Vereine gibt, die überzeugt sind, die einzige wahre Lehre und den einzig richtigen Stil zu vertreten. Erhebliche Energie wird in die Abgrenzung zu anderen Gruppen gesteckt. Typisch ist, dass es den einen Meister gibt, dem alle nacheifern, und lokale Untermeister mit Jüngern, die verbissen um die wahre Lehre ringen. Das Wort "Spaß" hat dort nichts zu suchen. Ähnliche Szenen mit Ideologien und Gurutum gibt es in den verschiedensten Bereichen, im Sport, vielen Hobbies und natürlich politischen Gruppierungen, erst recht in religiösen Sekten. Sehr lustig!

    Es ist dann immer dringend nötig, den Humor wieder einzuführen.

    Für alle, die sich über mein Pseudonym wundern, ich habe mich dem Gerhard mit Klarnamen vorgestellt. Mehr auf unserer Webseite.

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    1. Liebe Diavola,
      die von Dir geschilderte Parallele ist ja sehr aufschlussreich!
      Ich meine auch, dass es diese Erscheinungen in vielen Bereichen gibt. Die Tangoszene entwickelt sich gerade ziemlich humorfrei. Ich hatte schon vor Jahren das Gefühl, dass die Freaks und "Spinner" (im positiven Sinn) durch das verdrängt wurden, was ich den "Einmarsch des Spießbürgertums" nenne (also der Herrschaften, die daheim eine Schrankwand in Eiche rustikal stehen haben).
      Was auch lustig zu beobachten ist: Wird eine Szene groß genug, so erfolgt eine Aufteilung in der Weise, dass die einen ihre praktischen Aktivitäten weiter verfolgen, und andere die "Funktionärslaufbahn" einschlagen. Ich habe das in Tanzsportclubs oft erlebt: die einen tanzen weiterhin Turniere, und die anderen gehen in den Vorstand...
      Gibt's das auch beim Aikido?
      Liebe Grüße, Gerhard

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    2. Lieber Gerhard,

      ja, gibt es! Es gibt Persönlichkeiten, die den Status des Anfängers kaum aushalten. So bald irgendwie möglich wollen sie Lehrer sein und Zampano. (Auch Frauen, nicht nur Männer). Zampano sein geht natürlich nicht, wenn schon ein anderer Zampano da ist. So zersplittert eine Trainingsgemeinschaft öfter mal, wie wenn ein Bienschwarm mit einer neuen Königin ausfliegt.

      Es gibt aber auch das Gegenteil, lustige Gemeinschaften, in denen die Fortgeschritteneren sich abwechseln, das Training zu leiten. (Aikido ist bei mir inzwischen schon 14 Jahre her, seit 10 Jahren tanzen mein Mann und ich inzwischen Tango, wenn auch nicht so intensiv wie manche anderen Leute. Wir haben auch schon seit mehreren Jahren keinen Lehrer mehr gehabt, wodurch unser Stil huddeliger geworden ist, aber das stört uns nicht.)

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    3. Der Vergleich mit dem Schwärmen der Bienen ist schön! Allerdings fliegt bei den sechsbeinigen Tänzerinnen die alte Königin aus und nimmt die Hälfte ihres Volkes mit. Beim Tango ist es nach meiner Erfahrung umgekehrt...

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  3. Nur, weil derzeit auf einem werten Konkurrenzblog die Frage ventiliert wird, ob die Encuentros der lokalen Szene qualitativ hochwertige Tänzer, entsprechende Erfahrungen oder sonstwas kulturell Wertvolles entziehen würden:
    Nein, wirklich nicht: Ich wünschte mir im Gegenteil, die einschlägigen Musikvielfaltbegrenzer, Im-Weg-Rumsteher und Beinhebegegner hätten sich schon viel früher zu ihren Sektentreffen zurückgezogen, anstatt die gesamte Szene mit ihrer Verbotsideologie zu überziehen!
    Ob solche Treffen dann elitär, teuer oder was auch immer sind, ist mir ziemlich wurst, ich geh' da eh nicht hin: Langweilen könnte ich mich zur Not auch zu Hause...

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