„Nie Longa!“ - eine Tango Fiction



Beim Tango hat der Begriff „Milonga“ ja ganz verschiedene Bedeutungen: Er bezeichnet eine entsprechende Tanzveranstaltung, deren Ort und auch einen bestimmten Musikstil. Zur Herkunft dieses Wortes diskutiert man vor allem Ableitungen aus dem afrikanischen Sprachraum – ebenso wie zur Bezeichnung „Tango“ selbst.

Üblicherweise gilt die betreffende, in einem staccatoartigen, schnellen Rhythmus (meist 2/4-Takt) gehaltene Musikform als „Vorläufer“ des langsameren Tango. In Wahrheit  ist dies etwas komplizierter: Sicherlich standen die zur Gitarrenbegleitung gesungenen Lieder ländlicher „Bänkelsänger“ (Payadores) Pate – und auch in den frühen Tangostücken dominiert ja noch der munter hüpfende Duktus, bevor das Bandoneón die eher schleppende Spielweise der heutigen Tangos bewirkte (nicht zuletzt deshalb, weil das schwer zu bedienende Handzuginstrument des Krefelder Fabrikanten Heinrich Band anfangs ein flotteres Tempo nicht zuließ).

Es existiert aber noch ein früherer Einfluss, nämlich die Musik zu den Tanzfesten der schwarzen Bevölkerung spätestens ab der Mitte des 19. Jahrhunderts: Die Candombe, die sich bis heute in der perkussiven Gegenrhythmik der „Milonga candombe“ wiederfindet. Der Einfluss der afrikanischen Sklaven auf den Tango (auch tänzerisch im „Milonguero-Stil“ erhalten) wurde später von den weißen Argentiniern verdrängt; heute beträgt der „schwarze“ Bevölkerungsanteil dort nur wenige Prozent. (Übrigens war „La Cumparsita“, ohne das traditionelle Milongueros nicht den Heimweg antreten, ursprünglich ein Marsch, mit dem der Komponist Matos Rodríguez die „Negermusik“ parodieren wollte!)

Die momentan (auch von traditionellen DJs) aufgelegten Milongastücke jedenfalls gehen keineswegs auf diese frühen Phasen zurück, sondern sind Neukompositionen aus dem 20. Jahrhundert, bei denen die Autoren mehr oder weniger bewusst an die schnellen Tangovorläufer anknüpften – bis hin zu den Candombes oder „Murgas“ heutiger Stückeschreiber wie Juan Cáceres.

Festzuhalten bleibt, dass die Milonga gerade in der hoch verehrten Musik der EdO ein ziemlich fremdartiges Element darstellt – so wie der Vals, der sich von Traditionen aus der Alten Welt wie dem Wiener Walzer bzw. dem Musettewalzer ableitet, einen ganz anderen Rhythmus hat und meilenweit von „argentinischer Authentizität“ entfernt ist. (Damals war dort halt alles Europäische total angesagt, heute ist es leider umgekehrt…) Dennoch legen selbst konservativste TJs (in einer Tandaabfolge, die sich am gerade gültigen Katechismus orientiert) ganz selbstverständlich diese „entarteten“ Musikformen auf.

Dies reizt mich als Satiriker zur Annahme eines (gar nicht so unwahrscheinlichen) Szenarios: Was, wenn die Milongamusik Ende des 19. Jahrhunderts ausgestorben wäre und nun, über hundert Jahre später, moderne Tangoorchester versuchen würden, diese vorsintflutlichen Rhythmen per Neukomposition wieder auf die Tanzflächen zu bringen?

Mein von mir zutiefst verehrter Lieblingsblogger im Tango würde sicherlich – von seinem „Wachturm“ aus – nicht umhin können, diesem Ansinnen mit einer gepfefferten Philippika zu begegnen. Da die Geschichte (Gott sei Dank) anders verlaufen ist, hole ich dies hiermit nach und hoffe, Stil und Tonart zu treffen:

Bis hierher und immer so weiter – aber ohne Milonga!

Liebe Brüder und Schwestern im Tango,

die Friedfertigen, wie ich einer bin, müssen derzeit wieder schwer leiden und werden von den Ungläubigen mit Beschimpfungen wie „Wahrheitseigentümer“, „arroganter Traditionalist“ und „Tango-Taliban“ hart geprüft. Bei mir entstand dadurch eine Schreibblockade dergestalt, dass ich mich mit der rechten Hand ständig selbst geißeln musste (u.a. durch tägliches Anklicken von hundert Canaro-Titeln hintereinander). Nach Monaten der inneren Reflexion, des Betens und Fastens aber muss ich nun wieder das Wort und meinen höchstpersönlichen Tangobegriff in Schutz nehmen vor der neuesten Missbildung von Modernisierern: der so genannten „Milonga“.

Dass dieser Trommeltanz angeblich auf Tanzriten der schwarzen Bevölkerung vor 150 Jahren zurückgeht, lasse ich jetzt einmal so stehen. Selbstredend würde ich, in meiner urliberalen Einstellung,  niemals einem Neger vorschreiben, auf welche Musik er tanzen möchte! Genauso fest steht aber doch, dass diese aufgeputscht klingenden Stücke, wie sie derzeit z.B. vom „Sexteto Müllonguero“ auf den Markt gebracht werden, in einem unauflöslichen Kontrast stehen zum besinnlich schleppenden 4/4-Takt der bestens tanzbaren Aufnahmen aus der Época de Oro“, die uns Rondagehern so heilig sind. Hier möge doch die Gegenseite ihren Tangobegriff einmal auf höchstem intellektuellen Niveau definieren, bevor sie, völlig intuitiv und aus dem Bauch heraus, aufs Parkett stürmt! Schließlich beginnt Tango im Kopf und endet auch dort.

Eine weitere Zumutung ist, dass diese Musik nun auch noch den Namen missbrauchen will, den wir ausschließlich für unsere Tangoabende der Hundertprozentigen beanspruchen: Milonga. Sie ist von ihrer Machart her ganz klar ein Non-Tango, den es aber genauso wenig gibt wie einen „Non-Flamenco“, und hat auf Veranstaltungen mit dem Etikett „Tango“ nichts verloren. Schon allein die aufgesetzte „Spaßigkeit“ solcher Kompositionen steht im völligen Widerspruch zu Schmerz und Sehnsucht des Tanzes vom Rio de la Plata.

Schon heute kann man auf Tangoabenden Fürchterliches beobachten. Achsbrüche zuhauf, Tango als persönliches „Stockcar-Rennen“ und andere unnötige Rempeleien. Während der traditionelle Tango keinen erkennbaren Beat hat und man daher vor allem die Geigen, die Pausen und die Stille tanzt, reizt diese Staccatomusik doch dazu, wie ein Uhrwerk loszulaufen und stumpf im Takt zu stampfen! So entsteht ein bumsfideles Herumgehüpfe, welches eine schreckliche Unruhe in die Ronda bringt. Selbst ein besonnener DJ wird sich nach nur einer einzigen Milonga-Tanda schwer tun, die so erzeugte „Stimmung“ wieder zum Erliegen zu bringen.

Dass der offenbar am Tourette-Syndrom leidende, großartige Autor dieses unsäglichen Tangobuches nun ausgerechnet auf seinem nach Art der Prawda betriebenen Facebook-Profil für diese absurde Musik wirbt, muss niemand verwundern. Allerdings habe ich dazu schon alles gesagt, und die zurückliegende Diskussion muss ich nicht noch einmal haben. Belassen wir es einfach dabei…

Selbstredend will ich niemand seinen persönlichen Geschmack streitig machen, jedoch verlange ich, dass Organisatoren solcher „Tango-Discos“ diese mit dem Zusatz „Mimi“ (mit Milonga) ankündigen. Sollten sie hingegen ohne diese Vorwarnung auch nur ein solches Stück spielen, gefährden sie nämlich auch meine Pseudonymität, mit der ich mich ohne Eitelkeit im Tango bewegen kann: Der Einzige, welcher in einem solchen Fall ginge, wäre nämlich ich!

Werbung: Bei unserem nächsten Tangottesdienst predigt unser Züricher Glaubensbruder Christian zum Thema „Nie Longa!“ und stellt dabei den ersten Teil seiner Monografie über die Musik der EdO vor. Sein 144-seitiges Traktat behandelt die Aufnahmen von Juan D’Arienzo von Mai bis September 1935, trägt den Titel „Tobler one“ und ist in allen tangoorthodoxen Pfarrämtern gegen eine kleine Spende erhältlich.

Kommentare

  1. Christian Tobler schrieb gestern in einem anderen Tangoblog zum Thema "Encuentros" (ultrakonservative Tangotreffen mit "Formationstanz" im Kreis, welche nur auf Einladung hin besucht werden dürfen):
    "Tango Argentino ist eine Subkultur und damit ursprünglich antielitär geprägt, aber wie viele Subkulturen anfällig für andere Eitelkeiten und subversive Seilschaften, die sich dann in selbst definierter Exklusivität feiern und nicht nur gegen oben, sondern sämtliche Seiten abschotten, um in so einem selbst definierten Wertekanon der Isolation als Obermacker im Zentrum zu glänzen und Jünger zu rekrutieren, die zudienen müssen. (...) Gruppen, aus denen Zivilcourage sich verabschiedet, nehmen aber ganz schnell erste Zeichen faschistoider Züge an. Auch Tango Argentino ist dagegen nicht gefeit. (...) Ich erschrecke schon darüber, wie sehr Tango Argentino manchmal sektenartige Strukturen befeuert. Das tut diesem Tanz gar nicht gut."
    Nach erneuter Befestigung meines Unterkiefers an gewohnter Stelle bleibt mir nur noch, Kurt Tucholsky zu zitieren: "Was mag das wohl sein?", fragte die Jungfrau. Da bekam sie ein Kind."

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