Idiotologie im Tango



In den Tagen zwischen Weihnachten und Dreikönig hat man, dank Terminmangels, ausnahmsweise etwas mehr Zeit, lange zurückgestellten Fragen nachzuhängen. Beispielsweise überlege ich mir im Moment, wann wir eigentlich zum letzten Mal einfach „zum Tango“ gingen. Es muss schon Jahre her sein! Heute reicht es ja nicht mehr, kurz im Internet nachzusehen, wann und wo eine Milonga stattfindet.

Wichtig ist schon einmal der DJ (oder gar TJ) und dessen konfessionelle Ausrichtung. Gehört er zu den Hardcore-Traditionalisten und ist somit den ganzen Abend kein einziges Stück nach 1960 zu erwarten, versteht er sich als „neoliberal“ und verwöhnt sein Publikum schon mal kurz vor Mitternacht mit einer einzigen Tanda abgedroschener Otros Aires-Titel, oder gehört er zur immer seltener werdenden Fraktion „experimenteller“ Aufleger und wird daher über weite Strecken gar keine Tangos, sondern das szeneübliche „Lounge-Gesäusel“ bieten?

Alles zusammen in einer Veranstaltung bekommt man kaum noch – und schon gar nicht wirklich moderne Tangomusik, obwohl solche Ensembles landauf, landab Konzerte geben. Nur – tanzen darf man darauf nicht! (So habe ich es vor einiger Zeit erlebt, dass man sich bei einem Tangofestival, nach einem mitreißenden Auftritt des Sängers Ariel Ardit, nicht entblödete, auf der anschließenden Milonga das inzwischen branchenübliche öde Geschrammel zu bieten – man darf die Tänzer offenbar nicht überfordern! So sympathisch die dortige Idee war, im Zeichen der Inklusion auch behinderte Menschen in den Tango einzubinden – hätte man dies nicht ebenso auf die Musik beziehen sollen?)

Da die Organisatoren von Tangoabenden neuerdings offenbar eine Heidenangst vor einschlägigen Shitstorms im Internet umtreibt, dürfte dort auch die musikalische Ausrichtung angegeben sein (vielleicht sogar in Hundersteln, allerdings ohne vertiefte Kenntnis der Prozentrechnung – stimmt nachher so gut wie nie). Leider birgt die Ankündigung „rein traditionell“ keinerlei Anhaltspunkte dafür, ob es sich um eine Aneinanderreihung der sattsam bekannten 200 Titel energiearmer Dudelmusik handelt oder um eine wirklich gut auswählte, originelle Zusammenstellung aus dem EdO-Segment.

Ebenso wenig braucht man sich unter dem Begriff „moderne Musik“ vorzustellen – ja nicht einmal die Begriffe „Neotango“, „Elektrotango“ bzw. „Tango nuevo“ versprechen irgendeine Festlegung, da offenbar kaum einem DJ der jeweilige Unterschied bekannt ist und er hier beispielsweise den Namen Piazzolla richtig zuzuordnen vermag. Somit läuft der Wunsch aus Traditionskreisen, zu wissen, welche Musik einen erwarte, völlig ins Leere: Es können schöne alte Klänge sein, schreckliche neue, umgekehrt oder alles zusammen. Am besten ist es halt nach wie vor, man kennt den DJ – allerdings sollte man wissen, ob er nicht jüngst aus innerer Überzeugung zum Mainstream konvertiert ist…

Für mich speziell kommt bei der Auswahl der Milonga dann noch die Überlegung hinzu, ob ich Veranstalter, die regelmäßig meine Termine durch Konkurrenzprojekte belegten, per Eintrittsgeld belohnen sollte – aber das mag mein persönliches Problem sein…

Vor allem aber muss man vor Fahrtantritt noch auf der jeweiligen Website abklären, ob es sich dort nicht um eine (mental) geschlossene Veranstaltung allfälliger „Zeugen Tangos“ handelt, welche von ihren Gästen (hier ein übertriebener Ausdruck) die Befolgung diverser „Milonga-Regeln“ verlangen: Aufforderung nur per Cabeceo, disziplinierter Kreisverkehr in der „Ronda“, keine raumgreifenden oder gar hohen Beinbewegungen, am besten überhaupt kein Tanzen, welches ein Paar vom anderen abhebt: „Du bist nichts, die Gemeinschaft ist alles.“ Überlegungen, wie man sich Unangepasste per Verwarnung, im Wiederholungsfalle Hausverbot, vom Leibe halten könne, werden in diesen Kreisen bereits laut geäußert.

Das gebetsmühlenhaft wiederholte Mantra, man wolle ja nur selber ungestört seinem Musik- und Tanzgeschmack huldigen und niemand anderen bekehren, schon gar nicht zwangsweise, entlarvt sich auch bei näherem Studium solcher Bekenntnisse als scheinheilig. So versichert die TJane Theresa Faus (Tangodanza  1/2014), „wem’s nicht gefällt, der braucht nicht zu kommen“. Sie habe keinen „Alleinvertretungsanspruch für den Tango“: „Wir haben nur gesagt, unsere Musik ist so und so, und haben uns dafür eingesetzt, dass jeder Veranstalter klare Ansagen über seine Musik macht.“ Etliche Zeilen später jedoch verkündet sie: „Inzwischen tanzen alle anspruchsvollen Tänzer eng“. Wahrlich, eine solche Haltung hätten wir zu unseren revolutionären APO-Zeiten als „scheißliberal“ bezeichnet!

Da lobe ich mir den Schweizer Beschallungsexperten Christian Tobler, der wenigstens klar reaktionär-totalitäre Sprüche klopft: „Wer sich intensiv und lange genug mit der EdO beschäftigt, entdeckt, dass deren Wahrnehmung schlussendlich eben doch nicht Ansichtssache ist. Es taucht allmählich eine allgemeingültige Wahrheit auf, über die aufrichtige Aficionados einer Meinung sind.“ (Tangoblog, 28.10.12) Na gut, dann bin ich halt kein glühender Tangofan, unaufrichtig – und anspruchslos sowieso…

Über Begriffe wie „TJ“, „umarmungsfokussiertes Tanzen“ oder „100 Prozent EdO“ wird die Tangoszene immer weiter ideologisiert und aufgespalten: Jeder Veranstalter muss sich positionieren, hat zu erklären, in welcher Schublade seine Milonga zu finden ist. Tanzabende mit einem Querschnitt aus über hundert Jahren Tangomusik werden immer seltener, „nur Tango“ reicht nicht. Dies hat ebenfalls Auswirkungen auf die Altersstruktur des einzelnen Events: Während für mich früher der Reiz auch darin bestand, dass Jung und Alt sich auf einer Milonga tummelten, hat man heute eher die Auswahl zwischen Disco und „beschützender Tanzwerkstatt“ – sprich: Testosteron oder Rheumasalbe. Die schillernde bunte Vielfalt eines „Szenetreffs“, verwirrender Widersprüche und aufregender Herausforderungen – früher war mehr Lametta

Glücklicherweise muss ich mir in meinem Alter, in meiner Position keine Sorgen mehr darüber machen, wie viele Gäste oder Kursteilnehmer ich vergraule, wenn ich gelegentlich zu meinen Ansichten stehe – und von einem „Tangoopa“ erwartet man es ja geradezu, dass er von den „guten alten Zeiten“ fabuliert. Bei über 2500 Milongabesuchen habe ich mich noch nie beim DJ beschwert oder mein Eintrittsgeld zurück verlangt. Noch nie hat mich eine einzige Tanda nicht genehmer Musik gezwungen, einen Tangoabend zu verlassen – stattdessen habe ich stets brav versucht, die gebotenen Klänge zu vertanzen. In meiner Generation wurde man halt noch so erzogen…

Ich tanze nun seit über 45 Jahren – und bin nicht zuletzt deshalb beim Tango gelandet, weil mich Turnierordnungen mit „verbotenen Schritten“ in den einzelnen Leistungsklassen, Rocksaumhöhenrichtlinien und Drehgadfestlegungen vom Standardtanz weg trieben. Dass mich beim Tango nun vieles davon – in anderer Verpackung – wieder einholt, gehört halt zum deutschen „Funktionärswesen“, welches vor keiner Branche Halt macht.

In einem Fall aber gebe ich, auf Krawall gebürstet, gerne den Trappatoni: Ich werde weiterhin so gut tanzen, wie ich kann, ohne Rücksicht darauf, dass ich meinem Nachbarn in der „Ronda“ Minderwertigkeitskomplexe beschere. Und selbst zu Hochzeiten meiner Pubertät war es mir zu blöd, irgendein verkichertes 14-jähriges Mädel mit idiotischem Geblinzel zu nerven, und im Vertrauen darauf, dass Tierschutz auch Menschenschutz bedeutet, lasse ich mir – wie andere alte Dackel – nicht verbieten, mein Bein zu heben. Und das schon gar nicht von Leuten, die sich, während ich schon auf dem Parkett stand, noch durch den Eileiter quälten!

Was…erlaube…Strunz?!

Ich habe fertig.

Kommentare

  1. Diese Vielfalt, das Schillernde der zig verschiedenen Aspekte, das glitzrige und schweißtriefende Lachen und Weinen gleichzeitig hat mich in meinen Tangolauflernjahren schon fasziniert.
    ALLE Tangoerscheinungen waren auf (jawoll!) nur einer einzigen Milonga in meiner Heimatstadt zu finden, obwohl das dort nicht hätte möglich sein dürfen. Augsburg gilt als Hochburg der Ignoranz. Trotzdem hat's damals sogar dort funktioniert.

    Heute darf der Tango auf Milongas Kunststücklein präsentieren wie ein artiger Tiger - domestiziert, parfümiert und fad.

    Das Wildlebendige suche ich verzweifelt und finde es nur selten: am ehesten auf kleinen "unangesagten" Milongas wie z.B. in einem glamourfreien Caritas Sozialzentrum. Dort trägt der Tango noch keinen Maulkorb und Aficionado-Überzeugungs-Stempel auf dem A........
    Und siehe da: auch DJs, die sich samt weitergefassterem Tangomusikverständnis höchstselbst "inklusionieren", leben noch. Danke für Euren Mut, Ihr tapferen Freaks!

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    1. Mei, ja, was für ein treffendes Bild: Der Tango, als dressierte Miezekatze hinter Käfiggittern, darf artig das Pfötchen heben, wenn die Peitsche knallt. Aber manchmal werden ja doch die Dompteure am Befestigungspunkt ihrer Ideologie gebissen...
      Und ja, es gibt noch vereinzelte DJs, die den Tango artgerecht halten!

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  2. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

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    1. Den obigen Kommentar musste ich leider löschen, da die wahre Identität des Verfassers nicht erkennbar war.

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  3. Lieber Herr Riedl, endlich ein erfrischender Wind in einem Blog über TA ! Das ansonsten übliche ewige verbale Gewese um Cabeceo , Ronda und EdO ermüdet mich nur noch, und das, obwohl auch ich vorzugsweise eng tanze.
    Aber es scheint mir ein typisch deutscher Drang zu sein, sich zum obersten Sachwalter eines Weltkulturerbes aufzuschwingen und in regelversessener Weise zu bestimmen, was der wahre Tango ist und was eben nicht.
    Allerdings muss ich eine kleine Fußnote beifügen: die Neotänzer können wirklich nerven, wenn sie es entweder nicht können und wie die Kreiselmäher über die Piste pflügen oder sich in selbstverliebt-gekonnter Artistik narzißtisch aufspielen und die Musik nur noch zu einer nebensächlichen Taktvorgabe benutzen. Dann doch lieber die „Umarmungsfokussierten“, die auch als schlechte Tänzer weniger Kollateralschaden anrichten. Einen herzlichen Gruß von Andreas Toelke

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    1. Lieber Andreas Toelke,
      danke für das Kompliment!
      Ich meine, das Faszinierende am Tango besteht darin, dass er sich immer wieder wandelt (auch schon vor hundert Jahren) und die Kunst der Improvisation erfordert. Wer als Teil dieser Evolution diese für abgeschlossen erklärt, dümpelt höchstens (falls er nicht ganz ausstirbt) in ökologischen Nischen als lebendes Fossil herum.
      Da der Motor der Evolution, die Mutation, zufällig und ungerichtet ist, muss es auf dem Parkett zwangsläufig zu diversen Verirrungen kommen - seien es die beschriebenen, musikunabhängigen Tanzartisten, die in Stehmeditation Verharrenden oder wer auch immer. Ob nun die Raser oder die Mittelspurschleicher die Verkehrssicherheit stärker gefährden, ist Ansichtssache. Mir gefällt jedenfalls beim Tango die Artenvielfalt mehr als die Reinrassigkeit!
      Nochmals vielen Dank und herzliche Grüße!

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  4. Wie wahr! Meine Bekannte (auch im Zeichen Steinbock geboren) sagt dazu: Blockwart-Mentalität. Hat sich nichts geändert ...

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    1. Erst gestern hörte ich von zwei befreundeten Paaren, sie seien jüngst an einem (ansonsten idyllischen) bayerischen See eine Woche lang im (natürlich nur) engen Tanzen instruiert worden; stundenlang mussten sie z.B. auf immer dassselbe Milongastück tanzen!
      Da ich mich schon mit 18 unter Berufung auf Art. 4 Abs. 3 GG der streng geregelten massenweisen rhythmischen Fortbewegung entzogen habe und statt dessen geistig Behinderte pflegte, wird das wohl nix mehr für mich.
      Wie sagte in hohem Alter Willy Brandt (auch) mit Blick auf seine Partei: "Wir waren schon mal weiter..."
      Liebe Grüße vom Blogwart!

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  5. Bin mit ein paar Bemerkungen bei Herrn Cassiel nicht auf Gegenliebe gestoßen, sondern auf die in diesem Blog bereits angesprochene "Blockwartmentalität" zur Verwaltung eines Weltkulturerbes, das, wie ich denke, nicht in Deutschland oder in einem anderen deutschsprachigen Land erfunden wurde. Auch der Ver gleich mit den Befugnissen des Papstes liegt nahe, whrscheinlich ein Dauerhänger nach "Wir sind Papst". Was ist das doch für ein Unsinn für einen Tanz, der im Zentrum Improvisation, Entwicklung und Neuerung hat. Aber das kennen wir aus der Geschichte: die Möchtegernkommandeure und die Schwachen lechzen nach Restauration und vergessen die Erneuerer (Piazzolla), sie ordnen sie zur Zähmung in ihr System ein und dann ist wieder alles ruhig und beim ALTEN (EdO). Wenn sie deren Musik für nicht tanzbar erklären brauchen sie nicht nachdenken, ob das ein objektives Kriterium ist, oder ob sie selbst das nur nicht tanzen KÖNNEN.

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    1. Wie mein werter "Blocker-Kollege" in seiner neuesten Gesetzes- und Vorschriftsammlung schreibt: "Allerdings sollte m. E. genau darauf geachtet werden, Tänzerinnen und Tänzer nicht mit anspruchsvoller oder unbekannter Musik zu überfordern." Ja, mei, da kannst nix machen. Das sind die Leute, welche Hosenträger plus Gürtel benutzen und letzteren noch mit der Beißzange schließen...

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  6. Ja, solche Anwandlungen fallen auf. Ich denke, dass nur die NSA weiß, was bei meinen persönlichen Fähigkeiten und Mängeln dann als "anspruchsvoll und unbekannt" einzustufen ist. Wer bestimmt, mir anspruchsvolle Musik auf einer Milonga vor zu enthalten oder mich davor zu "verschonen". Das sind doch sehr krause und autoritäre Einstellungen.
    Das führt so weit, daß ich mir lieber zu hause selbst was auflege. Oder noch besser: ich dreh übers Internet einen der vielen wunderbaren Tango-Sender auf und steck ein paar Boxen an. Auch irgendwo auf einem Platz im Salzkammergut. Dann bekomm ich den schönsten und besten Musik-Querschnitt ohne Zensur "am laufenden Band".
    Und das von Leuten, die sich nicht Tango-Urteile aus siebter und achter Hand oder durch Selbsternennung zum Guru anmaßen oder aus (unbewußten) Antrieben zu "Führung" von Gruppen, über die ich gar nicht weiter nachdenken möchte.
    Wenn jemand der Fetzenfasching (Faschingmontag) in meiner Heimat Ebensee gefällt und er einmal oder öfter teilnehmen möchte ist das eine Sache, wenn er dann anfängt, von irgendeinem anderen Eck des Globus aus vorzuschreiben, wie dieser Fasching aus Ebensee auszusehen hat und was man darf und was nicht................dann richtet sich sowas von selbst.
    Ich such jedenfalls Milongas, wo alle -Junge und Erfahrenere Leute- kommen, alle Stufen des Könnens Spaß haben dürfen und so viel unterschiedliche Musik gespielt wird, daß die umfassende Anwendungsmöglichkeit dieses Tanzkonzepts der "Improvisation für Beide im Paartanz" sichtbar wird. Dazu eigenen sich übrigens besonders die "Zwischenmusiken" bei den "rein traditionellen" Milongas. Das ist am ganzen Abend die beste Musik.

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