Nun zu Erfreulichem…
Aktuell haben gleich zwei mir sehr bekannte Autoren meinen letzten Artikel zum Anlass genommen, ihrerseits etwas zum Thema „unfreundliche Veranstaltungen“ zu schreiben. Obwohl ich sie in meinem Text mit keinem Wort erwähnt hatte. Das zum Vorwurf, ich würde mich stets an andere Veröffentlichungen hängen…
Aber ich bin ja froh, dass man das Thema „Aufgeforderte und Sitzenbleiber“ in den Mittelpunkt rückt. Aus meiner Sicht prägt es das Image des Tango wesentlich – und mit dem sieht es seit längerer Zeit nicht gut aus: Unsere Szene gilt bei vielen, die sich mit Tanz beschäftigen, als hochnäsig und elitär.
Beiden Kollegen ist es aber anscheinend entgangen, dass ich keine Gesamtsicht auf diesen Bereich veröffentlicht habe. Mein Motiv ging von einem Text aus, den ich tatsächlich für völlig daneben halte – nicht mehr und nicht weniger. Ich hätte mir gewünscht, dass man sich – wenigstens zunächst einmal – genauer auf diesen bezieht.
Das Thema hat Christian Beyreuther zu einem Werbetext für Encuentros animiert. Aus geschäftlichen Gründen ist das nachvollziehbar – für das Verständnis des Gesamtproblems bringt es wenig. Dieses Veranstaltungs-Format hat eine Menge glühender (und gut zahlender) Fans, die bei kasernierten Wochenend-Veranstaltungen ihre Ideologie abturnen. Dass man sich um herumsitzende Frauen kümmert – und die gibt es nach etlichen Berichten dort durchaus – halte ich für sehr unwahrscheinlich.
https://www.tangocompas.co/freiheit-statt-moralischer-erpressung/
Interessanter ist da schon der Beitrag von Klaus Wendel. Immerhin hat er den von mir besprochenen Text des Autors Jürgen Schnitzler in voller Länge beigefügt. (Huch, Vollzitat… hielten wir das nicht mal für problematisch? Na, wird schon gutgehen… Immerhin stand der Beitrag nicht, wie Wendels Seite, unter Kopierschutz. Das erleichtert die Arbeit!).
Tango, so Wendel, beruhe auf Freiwilligkeit. Dem kann ich nur vorbehaltlos zustimmen. Nur umfasst die halt auch die freie Entscheidung, ob ich eine Veranstaltung besuche oder es lasse – selbst, wenn dann greinende Veranstalter ihre finanziellen Nöte beschwören. Leute, ihr habt die Wahl, den Charakter einer Milonga ganz wesentlich zu beeinflussen – könnt auf ein Miteinander oder ein elitäres Kastentreffen setzen. Nur dann hinterher nicht jammern!
Wendel schreibt ganz zutreffend: „Eine Milonga kann formal korrekt funktionieren und sich trotzdem kühl anfühlen.“ Wie wahr! Das beginnt schon damit, dass mich ein Veranstalter freundlich begrüßt oder mit Alien-Blick an mir vorüberschwebt. Und beispielsweise darauf achtet, dass organisatorische Pannen geräuschlos behoben werden – sowie er nötigenfalls fremde Gäste zu einem Tanz auffordert, statt am Promi-Tisch mit den Schönen und Wichtigen festzufrieren.
Ich kann inzwischen nach zehn Minuten feststellen, ob eine Milonga „einladend“ oder „abweisend“ läuft. Und das hat kaum etwas mit der Musik oder irgendwelchen „Codigos“ zu tun – sondern schlichtweg mit Menschen, die sich in andere hineinversetzen können (und wollen) oder auch nicht.
Was ich ebenfalls finde: Die Freude am Tanzen hat wenig mit dem „Level“ zu tun. Ich hatte schon viel Spaß mit Anfängerinnen und so gut wie keinen mit arroganten Ballerinas, die mich nach einer Minute als „Neotänzer“ identifizierten und mir eine Atmosphäre boten, die ich sonst nur vom „sprechenden Kühlschrank“ Marietta Slomka aus dem ZDF kenne.
Ich bin dem Kollegen Wendel dankbar, uns daran zu erinnern, dass wir alle auch mal Anfänger waren und Erfahrene Geduld und Nachsicht mit uns hatten. Manche haben das wohl bei ihren „Enrosque-Höhenflügen“ vergessen. Aber je abgehobener der Standpunkt, desto größer der Sauerstoffmangel im Gehirn!
Ich fordere keine „Verpflichtungen“ ein – weder implizite noch explizite. Ich sage nur: Wenn man so oder so handelt, wird wahrscheinlich dies oder jenes herauskommen. Aber manchmal wäre es wohl besser, wenn der Tango im „privaten Wohnzimmer“ stattfände – dann würden sich vielleicht manche an ihre benachbarte Kinderstube erinnern.
Eine „völlige Regelverweigerung“ ist natürlich Blödsinn. Ebenso die Deckelung des Tango mit einem Wust von Vorschriften. Und ich halte Ambivalenz aus – und Dialektik habe ich in der Diskussion schon einmal vergeblich vorgeschlagen.
Wendel hat natürlich Recht, dass Zuspitzung kein Allheilmittel ist. Aber wenn man, wie ich, im Tango Positionen vertritt, die immer weniger geteilt werden, muss man seine Meinung schon deutlich sagen. Wenn das gleich als Provokation aufgefasst wird, sagt das viel über die Bereitschaft der Szene aus, Minderheiten-Positionen zu ertragen.
„Moralische Erpressung“ ist nicht meine Absicht und ein Widerspruch in sich. Erpressung ist stets unmoralisch, oft sogar illegal.
An „moralischen Auseinandersetzungen“ habe ich ebenso null Interesse. Ich sage nur voraus, wie sich eine Szene wohl weiterentwickeln wird, wenn man diese oder jene Verhaltensweisen für normal oder gar erwünscht hält.
Erst recht habe ich nie versucht, den Tango „ideologisch aufzuladen“. Das haben die getan, welche ihn mit einem Wust von Reglements zuschütteten.
Und ich halte viel von der Freiheit im Tango – auch, was die Wahl des Tanzpartners betrifft. Nur hat dieser Begriff mehr Bezüge, als manche ahnen. Gerne benützt man ihn zur Rechtfertigung, sich Tanzpartner wie Filetstücke auszusuchen. Kritisiert man solche Tendenzen, mutiert die „Freiheit“ schnell zur „Geschäftsschädigung“. Da müsst ihr euch schon entscheiden, Leute!
Nochmal zur Erinnerung: Ich habe einen Text besprochen. Mehr nicht.
„Differenziert diskutieren?“ Klar, gerne. Etwas ungläubig nehme ich diese Anregung von einem Autor wahr, der sich seit Jahren bemüht, mich mit einer Vielzahl persönlicher Angriffe runterzuschreiben, sich nicht scheute, mir mit niveaulosen Stammtischsprüchen Marke „Eriwan“ zuzusetzen, mich sogar mit psychopathologischen Diagnosen zu versehen.
Nun gut – nach dem Dreckeimer nun der Weihwasserkessel. Immerhin ein Fortschritt, daher empfehle ich die Lektüre des durchaus gelungenen Artikels:
https://www.tangocompas.co/unfreundliche-milongas-oder-unfreundliche-debatten/
P.S. Und ausnahmsweise in Englisch:
https://www.youtube.com/watch?v=twVJEmYLsAw
Hier die Übersetzung:
https://milongafuehrer.blogspot.com/2023/05/tango-wahrheiten-warum-manner-tanzen.html
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Heute erreichte mich zum oben verlinkten Text von Christian Beyreuther ein Kommentar von P.P. Knoblauch:
AntwortenLöschenHier geht es nicht nur um „Freiheit“.
Hier geht es um den Ton von oben herab. Um Elitenbildung. Um die elegante Verpackung der Ablehnung unerfahrener Tänzer als philosophisches Prinzip.
Lieber Christian,
wie bequem es sich doch argumentieren lässt, wenn man selbst ganz oben steht. Wenn man gefragt ist. Wenn man organisiert. Wenn man gewählt wird. Von dort oben sieht „Selbstbestimmung“ natürlich wie ein heroischer Akt individueller Freiheit aus.
Du sprichst von liberaler Gesellschaft, von freiwilliger Zustimmung, von keinem moralischen Zwang. Großartig formuliert. Wirklich. Fast schon feuilletonreif.
Nur: Wer ohnehin jede Wahl hat, kann leicht über Wahlfreiheit dozieren.
Für dich ist der Cabeceo ein Instrument souveräner Entscheidung.
Für andere ist er ein permanenter Sichtbarkeitstest.
Du erklärst, ein „Nein“ dürfe nicht moralisch problematisiert werden.
Schön. Aber was ist mit den vielen stillen „Nie“?
Die nie gefragt werden.
Die kaum wahrgenommen werden.
Die man höflich übersieht – natürlich aus rein ästhetischen Gründen.
Das Problem ist nicht die Freiheit.
Das Problem ist, wenn Freiheit zur Selbstlegitimation von Hierarchie wird.
Eine Milonga ist kein politisches Gedankenexperiment. Sie ist ein soziales Gefüge. Mit Rangordnungen. Mit Stammplätzen. Mit inoffiziellen Top-Tänzern. Und mit einem Fußvolk, das man gern mit Grundsatzreden beruhigt.
Und ja, niemand muss mit jedem tanzen.
Aber wer ganz oben steht und erklärt, alles sei Ausdruck reiner Freiwilligkeit, blendet aus, dass nicht alle auf derselben Stufe starten.
Vielleicht einfach mal vom hohen Ross steigen.
Ein wenig weniger Prinzipienreiterei.
Ein wenig mehr Blick für die Realität am Rand der Tanzfläche.
Fazit:
Es gibt kaum Nachwuchs. Jüngere Menschen bleiben fern. Viele – gerade ältere Damen – trauen sich gar nicht erst, Teil dieser Community zu werden. Nicht, weil sie Freiheit ablehnen. Sondern weil sie sehr genau spüren, wo sie in der inoffiziellen Rangliste stehen würden.
Wenn „Selbstbestimmung“ am Ende bedeutet, dass immer dieselben miteinander tanzen und die anderen zuschauen, dann darf man sich nicht wundern, wenn die Reihen lichter werden.
Freiheit ist wichtig.
Aber Arroganz als Freiheitsbeweis zu verkaufen, funktioniert nur so lange, wie noch genug Menschen bereit sind, daneben zu sitzen.
Danke für diesen ausgefeilten Kommentar!
LöschenJa, Freiheit bedeutet Unterschiedliches, je nachdem, ob sie von oben oder unten betrachtet wird.
Das Fußvolk beruhigt man gerne mit Grundsatzreden – eine sehr treffende Feststellung.
Mit besten Grüßen
Gerhard Riedl
Kollege Yokoito behauptet in seiner Besprechung meines Artikels „„Nun zu Erfreulichem“ vom 22.2.26:
AntwortenLöschen„Eigentlich gehört er auch in die dortige Kommentarabteilung. Aber dazu müßte man sich ja in eine Domäne begeben, die man nicht vollständig unter Kontrolle hat, und davor scheint Gerhard panische Angst zu haben, die er unter schnoddrigen Sprüchen versteckt“
Leider betätigt sich Herr Balzer wieder einmal als Tatsachen-Erfinder. Klaus Wendel hat mir vor einiger Zeit mitgeteilt, er wünsche auf seiner Seite keine Kommentare mehr von mir. Einen hatte er vorher auch nicht veröffentlicht.
Daran halte ich mich gerne – zumal ich sowieso sehr sparsam mit dem Kommentieren auf fremden Seiten bin. Wen meine Texte interessieren, der dürfte inzwischen wissen, wo er sie findet und wie er kommentieren kann.
Bezug:
https://tangoblogblog.wordpress.com/crap-eine-containment-umgebung-fur-riedl-bezogene-anmerkungen-als-statische-web-page/