Das Monster an die Leine!

 

Die Debatte über den Artikel des Internisten Dr. Stefan Senger in der „Tangodanza“ geht weiter – und sie offenbart gewisse Mechanismen, die ich bereits von anderen „Corona-Skeptikern“ kenne.

Zur Erinnerung: Der Tangoblogger Thomas Kröter veröffentlichte am 29.12.20 unter dem Titel „Die Verquerdenker sind unter uns…“ einen sehr kritischen Beitrag dazu. Neben einer Reihe zustimmender Äußerungen gab es im Wesentlichen 5 ablehnende Kommentare – 2 davon vom Autor des ursprünglichen Artikels, Stefan Senger.

Die Machart speziell dieser Texte ist typisch für eine bestimmte Diskussionshaltung. Von Anfang an teilt der Schreiber mit, er finde bei Kröter „keine ernsthafte argumentative Auseinandersetzung mit dem Inhalt meines Diskussionsbeitrages“. Da erwarte er „gerade von einem Journalisten“ mehr. Daher bleibe ihm nur, richtigzustellen, was Kröter „missverstanden hat“. In der Folge zählt er dessen „Fehlinterpretationen“ auf.

Diese Haltung muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Die Kombination „Mann und Arzt“ garantiert offenbar Unfehlbarkeit. Daher kann jemand, welcher zu einer anderen Einstellung kommt, das Ganze nur „missverstanden“, sich nicht „ernsthaft“ mit diesen Argumenten auseinandergesetzt haben.

Sorry, mein Lieber: Wenn man sich auf eine Diskussion einlässt, muss man schon akzeptieren, dass der werte Gegner, auch ohne was nicht zu kapieren, zu abweichenden Auffassungen gelangen kann – beispielsweise, weil er andere Argumente als stichhaltiger einschätzt. Aber ich kenne solche Debatten seit langem von den geschätzten Regel-Befürwortern im Tango. Auch die kann man höchstens „fehlinterpretieren“, weil Recht haben sie ja eh…

Aufschlussreich sind auch die Zeilen des Mediziners, mit denen er Aufgeschlossenheits-Mimikry produziert: „Ich bin für einen Austausch der Gedanken und sachliche! Argumente mit jedem offen, wenn er welche formuliert, gerne auch für konstruktive! Kritik im Ringen um den besten Weg, aus dieser Krise herauszukommen, die unser aller Leben nachhaltig verändert.“ 

Das alles scheint für mein Blog nicht zu gelten: Obwohl ich früher als Thomas Kröter über die Tangodanza-Veröffentlichung berichtete und von diesem Blogger ja auch zitiert wurde, hat es Dr. Senger nicht nötig, darauf einzugehen. Zu meinem Artikel gibt es null Äußerungen. Und das, obwohl ich, dank meiner Ausbildung, auch auf medizinische Gesichtspunkte eingegangen bin. Zweifellos wird meine Eitelkeit die Missachtung verkraften – und Dr. Senger kommuniziert wohl lieber mit medizinischen Laien, ist halt einfacher… Und man könnte auf meinem Blog eine Menge andere Artikel zu Corona finden, die nicht so ganz auf Senger-Linie liegen.

Man beachte auch die zitierten Ausrufezeichen: Die Debatte muss also „sachlich!“ und „konstruktiv!“ verlaufen – also dazu führen, dass der Schreiber als Verkünder der reinen Wahrheit herauskommt. Äh: Emotional geht gar nicht? Und heißt „konstruktiv“, dass man gewisse Ideengebäude nicht erschüttern darf?

Interessant finde ich, dass Kröter nun in Vorbemerkungen zu seinen Blogtexten aus dem Nähkästchen plaudert: Dr. Senger habe ihm zunächst „vier verschiedene, zum Teil sehr umfangreiche Texte geschickt.“ Deren Veröffentlichung habe er abgelehnt – als Versuch, meinen Blog zu kapern”. Interessierte könnten die beim Autor anfordern. Ansonsten sieht Kröter die Diskussion als beendet an.

Auch das kenne ich von anderen Querdenkern: Sie überschütten dich mit ellenlangen Kommentaren, die auch noch einen Wust von Statistiken, Grafiken und weiterführenden Links enthalten. Das alles „müsse“ man gelesen haben. Wenn man sich die Mühe macht, gerät man meist auf dubiose Quellen voller düsterer Vermutungen. Und manchmal hat das meiste, was einer schreibt, auch wenig mit dem Thema zu tun – wie in der ziemlich aggressiven Autobiografie eines gewissen „Robert“, der auch das Opfer-Motiv bemüht, welches in solchen Texten nicht fehlen darf:

„Sowohl eine befreundete Ärztin wie auch eine Psychotherapeutin teilen mir mit, dass sie es kaum noch wagen, in ihren Gruppenpraxen etwas kritisch zu hinterfragen, was die Angst vor Jobverlust bestätigt.“ Na klar, wenn es gleich zwei Leute sagen, wird es schon stimmen...

Typisch ist auch der abschließende Kommentar, in dem eine „Marie Klingelhöfer“ natürlich „Abwertungen“ Andersdenkender feststellt: „Ihre Art des Kommentars bestätigt mich in der Haltung, dass es besser ist, seine Meinung nicht publik zu machen.“ Daher beende sie „die publizistische Beziehung“ zu Blog und Kröter. 

Dazu habe ich auch einmal eine Statistik erstellt, wobei ich von den 25 Kommentaren zu Kröters Artikel nur die aufzähle, welche mindestens 40 Wörter lang sind:

·         Kommentar Fridolin – zustimmend (29.12.20) / 262 Wörter

·         Kommentar Arnold Voss – eher zustimmend (30.12.20) / 50 Wörter

·         Antwort Thomas Kröter (30.12.20) / 149 Wörter

·         Kommentar Tom Opitz – zustimmend (30.12.2) / 111 Wörter

·         Kommentar Arnold Voss – eher kritisch (30.12.20) / 141 Wörter

·         Kommentar Martin – zustimmend (30.12.20) / 149 Wörter

·         Kommentar Christian Birkholz – zustimmend (31.12.20) / 90 Wörter

·         Kommentar Stefan Senger – ablehnend (31.12.20) / 1095 Wörter

·         Kommentar Thomas Heger – ablehnend (31.12.20) / 974 Wörter

·         Kommentar Robert – ablehnend (1.1.21) / 1362 Wörter

·         Kommentar Tanja – eher zustimmend (1.1.21) / 251 Wörter

·         Kommentar Nicola – zustimmend (2.1.21) / 46 Wörter

·         Kommentar Stefan Senger – ablehnend (3.1.21) / 833 Wörter

·         Kommentar Gregor Schlüter – zustimmend (3.1.21) / 177 Wörter

·         Kommentar Marie Klingelhöfer – ablehnend (6.1.21) / 129 Wörter

·         Antwort Thomas Kröter (6.1.21) / 61 Wörter

Insgesamt enthalten die 25 Kommentare 6030 Wörter, davon die 8 eher zustimmenden Äußerungen 1136 Wörter, die 5 ablehnenden Beiträge 4393 Wörter, also fast vier Mal so viel! Somit haben die „Corona-Skeptiker“ 73 Prozent des Wortvolumens abgeliefert. 3 kritische Kommentare waren sogar länger als Kröters ursprünglicher Beitrag (989 Wörter).

Da ist das Wort vom Kapern" durchaus berechtigt. Wie ich auch aus eigener Erfahrung weiß: Es geht nicht um wirklichen Meinungsaustausch, sondern um die Besetzung von freien Werbeplätzen!

Und anschließend schreitet man zur Legendenbildung! Fakt ist aber: Dr. Senger ist (ebenso wie die anderen Kritiker) mehr als genug zu Wort gekommen. Und in der Tangodanza konnte er allein seine Meinung verkünden – nicht eingeschränkt durch einen zweiten Beitrag mit konträrer Einschätzung. Ja, nicht einmal durch eine relativierende Bemerkung der Redaktion, die sich übrigens bis heute nicht öffentlich zur Kritik an diesem Text äußert. Das nenne ich im Sinne der Meinungsfreiheit geradezu luxuriös! 

Fazit 

Für mich stellt diese Szene genau das dar, was ich vor vielen Jahren schon einem Herrn Cassiel attestiert habe: Wahrheits-Eigentümer. Und wir wissen aus dem Grundgesetz: Eigentum verpflichtet. Hier vor allem dazu, die gefühlte Sicht auf die Wirklichkeit kompromisslos durchzusetzen.

Meinungsfreiheit und Demokratie werden gerne und oft beschworen – jedoch nur dann, wenn die eigenen Aussagen nicht bezweifelt werden. Ansonsten sind es natürlich völlig ungerechtfertigte Abwertungen, welche im Prinzip jedes Gegenmittel rechtfertigen. Ein Pluralismus, in welchem Standpunkte konkurrieren, ja sogar nebeneinander bestehen können, ist solchen Leuten fremd. 

Ich weiß, die Herrschaften mit dem weißen Kragen oder im weißen Mantel argumentieren sehr vorsichtig und geschickt. Wenn dann andere auf ihre Expertise hereinfallen, sich beispielsweise mit Covid 19 infizieren oder einer realistischen Weltsicht verlustig gehen, werden sie jede Verantwortung dafür von sich weisen. So sei das ja nicht gemeint gewesen… „Methode Gauland“ halt. Wozu das Ignorieren der Realität in letzter Konsequenz führt, konnten wir gestern in Washington besichtigen.

Geistige Brandstifter? Aber nein - es wird jedoch schon mal der Gedanke ventiliert, der besorgte Bürger dürfe sich durchaus Benzin und Streichhölzer kaufen...

Übertreibe ich? Ich fürchte, das muss man inzwischen, damit Zusammenhänge deutlicher werden. Und um dann das Monster an die Leine zu nehmen.

Illustration: www.tangofish.de

Kommentare

  1. Thomas Kröter hat nun meinen Artikel auf seiner Facebook-Seite mit den Worten geteilt:

    „GERHARD RIEDL mag nicht, dass ich seine texte teile - weil das zu viele menschen anzieht, die ihn nicht schätzen, wenn ich ihn recht verstehe. also lasse ich das. normalerweise. aber jetzt hat er schon zum 2. x angemerkt, dass über 1 unsäglichen beitrag in der TANGODANZA unter bezug auf meine artikel debattiert werde und nicht auf seine. deshalb mache ich eine ausnahme. die links zu meinem blog sind im 1. kommentar zu finden.“

    Was Kröter lieber verschweigt: Das Ersuchen, meine Texte auf FB nicht zu teilen, resultiert vor allem daraus, dass Leute wie er dann nicht einschreiten, wenn ich anschließend von den werten Gegnern mit herabsetzenden Sprüchen bedacht werde. Momentan läuft das wieder mal an.

    Es dürfte in den sozialen Medien ziemlich einmalig sein, dass ein Blogger bittet, seine Artikel nicht zu verlinken: https://milongafuehrer.blogspot.com/2020/09/eine-wichtige-bitte-meine-leser.html

    Üblich ist eher das Gegenteil: Die eigenen Beiträge auf möglichst vielen anderen Seiten zu verteilen – Hauptsache Clicks. So auch bei Thomas Kröter: Je öfter er in meinen Texten vorkommt, desto größer die Versuchung, sie zu verlinken.

    Auch wenn er sich dann über meine Bitte hinwegsetzen muss. Gut, verhindern kann ich es eh nicht. Dann sammeln sich halt die ganzen Stammtisch-Schwafler und Intriganten auf seinem Account und nicht auf meinem. Hat auch was!

    Alternativ könnte der Kollege ja mal einen Text von mir inhaltlich besprechen – so richtig im Detail. Das träfe doch seine Kernkompetenz: Journalismus.

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  2. Zur Info, falls jemand die FB-Diskussion bei Thomas Kröter verfolgen sollte:

    Um den Inhalt meines obigen Artikels geht es kaum. Es sammeln sich halt die üblichen paar Figuren, die auf Grund früherer Konfrontationen meinen, mit mir noch eine Rechnung offen zu haben.

    Dazu gehört beispielsweise der Regensburger Tangoveranstalter Christian Beyreuther, welcher den historischen Hinweis anfügt, „auch schon Opfer Riedl‘s shit storm’s“ gewesen zu sein. Davon ist mir nichts bekannt. Ich habe lediglich in einem Artikel von einem satirewürdigen Encuentro berichtet, das er organisierte. Ärger bekam Beyreuther eher in der Regensburger Tangoszene wegen seiner Einschätzung, die meisten dortigen Tänzer seien eines solchen Tanzstils nicht fähig.
    In der Folge benützte er in meine Richtung Vokabeln wie „beklopptes Tangoblog“ sowie „Penner“ und attestierte mir ein „verkacktes Leben“.

    Zur weiteren Info: http://milongafuehrer.blogspot.com/2019/09/offener-brief-die-zweite.html

    Nicht fehlen darf Michael Paul, der für mich den Typus des älteren Herrn darstellt, der sich für gigantisch originell und witzig hält, was man von außen nicht unbedingt bestätigen muss. Diesmal schreibt er über mich:

    „Ich finde viele Beiträge von Gerhard Riedl wirklich gut; zumindest in Aspekten. Da habe ich vieles gelernt. Allerdings ist seine polemisches, stets dem Rundumschlag verfallende Art der Rechthaberei und Händelsucht ätzend, zumal ‚das Riedl‘ (…) gaaanz sensibel, falls man ihm mit gleicher Münze zahlt. (…) Das Riedl grantelt und macht seine guten Ansätze damit noch fast stets zuschanden.“

    Weiter zum Stammpersonal zählt Christian Birkholz, der kaum eine Gelegenheit auslässt, in den sozialen Medien über mich herzuziehen – natürlich nur dort, wo man seine Attacken vermutlich stehen lässt. Diesmal bezweifelt er meine medizinische Kompetenz, ohne im Gegenzug die seine zu erklären. Weiter hin darf ein Vergleich meines Blogs mit kommunistischen Regimes nie fehlen, diesmal ist Nordkorea dran.

    Zur weiteren Info: http://milongafuehrer.blogspot.com/2020/08/bildchen-vom-diffamierer.html

    Thomas Kröter wird die Sache nun offenbar selber zu heiß: Der Diskussionsverlauf illustriere, warum ich nicht so gerne „in der Fremde“ geteilt werden wolle. Aber meine „Form der Beliebtheit“ hätte ich mir ja auch „hart erarbeitet“.

    Ja, lieber Thomas, kommt halt drauf an, bei wem…

    Insgesamt hat man es wieder mal geschafft, von dem ernsten Thema meines Artikels abzukommen. Ein wenig spät schwant dies nun auch dem Blogger-Kollegen.

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  3. Wie konnte ich es nur vergessen – selbstredend musste sich auch Andreas Lange (langjähriger Riedl-Kritiker und Universalspezialist) noch zu mir äußern. Natürlich – Ehrensache – zur Person und nicht zum Inhalt meines Artikels:

    „zumindest hat er die letzten jahre doch erfolgreich diskussionen auf seinem blog unterbunden um sich gleichzeitig darüber zu beschweren. das ist für mich seine beste satirische leistung.“

    Wie so oft sind die Beiträge dieses Herrn nicht einmal falsch, sondern zweimal: Weder unterbinde ich Diskussionen auf meinem Blog, sofern man mit Klarnamen und inhaltlich argumentiert – sonst gäbe es wohl die derzeit 2867 Kommentare auf meiner Seite nicht. Selbst er durfte sich wiederholt hier äußern.

    Und wo beschwere ich mich denn über zu geringe Leserbeteiligung? Im Gegenteil betone ich immer wieder, froh zu sein, dass sich die Tango-Dampfplauderer auf anderen Seiten sammeln!

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