Aus medizinischer Sicht

 

Da ich wieder einmal in den Genuss eines Freiexemplars der neuen „Tangodanza“ kam, stieß ich darin auf einen Artikel, welcher mich zu diesem Beitrag provozierte. Wobei ich bekennen  muss, den Text erst nach einigen Tagen entdeckt zu haben. So lange lagerte ich das Heft nämlich mit der Oberseite nach unten in der vergeblichen Hoffnung, mich an das Titelbild zu gewöhnen. Aber das nur am Rande…

Unter dem Titel „Milongueros & Covid 19 – eine Gefahr für sich und andere?“ beleuchtet der Internist Dr. Stefan Senger diese Problematik. Seine Ausführungen sind – gelinde gesagt – bemerkenswert. Daher möchte ich einige davon zitieren. Eine Widerlegung beabsichtige ich nicht, da ich keinen Sinn darin sehe, wenn sich zwei Nicht-Virologen gegenseitig mit Statistiken beharken.

Der Autor, selbst Tangotänzer, beginnt mit Allgemeinplätzen, welche in jedes Poesiealbum passen, falls darin noch Platz ist: 

„Ein erfülltes Leben ist ohne Risiko nicht zu haben. Leben ist lebensgefährlich. Immer und überall.“

Nicht nur Corona-Infektionen, sondern auch die Schutzmaßnahmen dagegen würden neue Risiken bewirken: „Die Bilanz von gerettetem Leben durch die Anti-Corona-Maßnahmen und dem durch sie verursachten Schaden an Leib und Leben ist katastrophal.“  Dr. Senger verweist hier z.B. auf unterbliebene Behandlungen von Herzinfarkten und Schlaganfällen, da Operationen verschoben wurden oder die Patienten sich nicht in die Klinik trauten, steigende Suizidraten etc.

Freilich liefert er für diese Bilanz keine Zahlen, weil es die nicht gebe und Medien und Politiker sie auch gar nicht präsentieren wollten. 

Fazit aber: „Diese ethische Abwägung wurde z.B. beim Lockdown in Deutschland unterlassen.“

Wenn ich dazu doch mal was sagen darf: Das ist sicher nicht ganz falsch, unterstellt aber, wir hätten nach etlichen solcher Pandemien in den letzten Jahrzehnten jede Menge Routine damit gehabt. Und vor allem: Katastrophen zeichnen sich dadurch aus, dass man viele Schäden nicht verhindern kann – sonst wären sie keine solchen. Die Illusion, mit „richtigem“ Handeln hätten wir unbeschadet durchkommen können, ist eine.

Schön wäre es dennoch, wenn wir wenigstens zum Jahresende in der „Tangodanza“ nachlesen könnten, was denn im März und April dieses Jahres die passenden Reaktionen gewesen wären. Doch mit solchen Details beschäftigt sich Dr. Stefan Senger nicht. Vielleicht hätte er als Internist ja wenigstens gegen Depressionen und Suizidneigung ein paar Tipps. Schade.

Stattdessen werden wir per Letalitäts-Zahlen mit dem zehntausendsten Influenza-Vergleich verwöhnt. Doch, Covid 19 sei mit einer Sterblichkeit von einigen Zehntelprozent gefährlicher als die Grippe (0,2 Prozent). Das Ganze spiele sich aber in „ähnlichen Letalitäts-Dimensionen von << 1 % ab“. Äh, viel kleiner? Aber mit den Zahlen hat’s der Herr Doktor nicht so direkt. Abgesehen davon, dass wir bei der Grippe nur Schätzwerte haben, behauptet er, die Sterblichkeitsrate von Tetanus sei „fast 100 Prozent“. Ich finde zu dieser Erkrankung andere Zahlen: „Die Letalität liegt bei Intensiv­therapie noch immer zwischen 10% und 20%. Ohne Behandlung ist die Sterblichkeit mit durchschnittlich 70% sehr hoch.“

https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/daz-az/2016/daz-35-2016/ohne-impfung-kann-tetanus-toedlich-sein

An etlichen Textstellen offenbart sich die Aktualitätslücke von Vierteljahres-Magazinen. So schreibt der Autor: „Die notwendigen stationären Behandlungsfälle nehmen aber gleichwohl ab (Stand 9.20), gestorben wird auf Intensivstationen kaum noch.“  Er erwarte daher, dass die heute angenommene Letalität immer noch überschätzt werde.

Ich finde, die Zeitschrift hätte bei solchen zumindest überholten Aussagen wenigstens darauf hinweisen sollen, wann der Artikel eingereicht wurde. Besser noch: Den Autor bitten, ihn kurz vor Redaktionsschluss zu überarbeiten, damit er dem heutigen Stand entspricht. Aber diese Art einer (nicht durch Impfung bewirkten) Narkolepsie kenne ich von dem Tangomagazin seit langem…

Weiter geht es mit den handelsüblichen Zweifeln, ob positiv Getestete wirklich an Covid 19 gestorben sind. Viele der Todesopfer hätten halt ihre statistische Lebenserwartung bereits erreicht oder gar überschritten gehabt: „Das erklärt, warum es in den Altenheimen – inklusive denen mit Covid 19-Ausbrüchen – keine Übersterblichkeit gibt.“

Für sich selber sieht der Autor (der leider sein eigenes Alter verschweigt) zusätzlich zum statistischen Sterberisiko höchstens noch einen Zuschlag von 10 Prozent. Daher: „Es wäre völlig irrational, deshalb aus Angst vor einer Infektion etwas in meinem Leben zu ändern. Ich pflege selbstverständlich wie bisher soziale Nähe, Wärme, Körperkontakt und Liebe im zwischenmenschlichen Bereich.“

Klar, und diese Aktivitäten stärken das Immunsystem, Isolation schwächt es.

Unter dem abschließenden Titel „Verantwortungsvolles Verhalten“ lese ich vor allem vom „Eigenschutz“, nicht dem anderer. Aber klar: Wem das Risiko zu hoch sei, solle halt von den Milongas wegbleiben – Stichwort: „Sicherheitsbedürfnis“ (nicht etwa „Infektionsschutz“).

Im Fazit wird es dann eine veritable Querdenkerrede: „Eine infektiöse Gefahr von nationaler Tragweite geht von Covid 19 ganz offensichtlich nicht aus.“ Stand Oktober gebe es jedenfalls „keinen Grund, Grundrechte einzuschränken, Versammlungen zu verbieten oder Milongas zu reglementieren“. Er begrüße „jede Entscheidung von Veranstaltern, bis an die Grenze der Legalität alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um den Tango (…) am Leben zu halten.“

Na gut – Hauptsache, der Tango überlebt, bei den Tänzern schlägt halt die Statistik unbarmherzig zu… 

Damit man mich nicht missversteht: Ich kritisiere keineswegs, dass die „Tangodanza“ solche Artikel druckt. Auch Minderheiten-Ansichten sollen dort zu Wort kommen, was übrigens das Geschwätz von der drohenden Diktatur eindrucksvoll widerlegt.

Was mich allerdings aufbringt, ist der Satz des Autors, „aus medizinischer Sicht“ gebe es keinen Grund für die staatlichen Einschränkungen. Nein, was in seinem Artikel steht, ist lediglich die Ansicht eines einzelnen Mediziners, und diese ist für den Stand der medizinischen Forschung irrelevant. Deren Ergebnisse entstehen nämlich aus der Arbeit, den fortlaufenden Studien und Debatten zehntausender Spezialisten auf Gebieten wie Virologie und Epidemiologie. 

Ein Doktor- oder Professorentitel allein ist keine Garantie für die Qualität von Aussagen.

Ich nehme den Text daher gelassen als Sichtweise eines Tangotänzers mit medizinischer Ausbildung. Und als Tanguero mit biologischem Studium sehe ich diese Aussagen als gefährlichen Unsinn an. Aber man muss mir ebenso wenig glauben.

Da halte ich es nämlich mit einem Zitat aus der wunderbaren Justizkomödie „Hokuspokus“ von Curt Goetz. Der spielt darin einen Strafverteidiger, der in seinem Plädoyer mit Blick auf den Staatsanwalt sagt: 

„Wie sagte der Alte Dessauer vor der Schlacht? Lieber Jott, mir brauchste nicht zu helfen, aber dann hilf den Hundsfott da drüben och nich!“

Ich empfehle diesen Film in Corona-Zeiten – als Alternative zu internistischen Denkschriften unbedingt zur Steigerung des Immunsystems:


Quelle: Tangodanza Nr. 1/2021, S. 22-24

Kommentare

  1. Der Tangoblogger Thomas Kröter hat nun ebenfalls einen lesenswerten Artikel zum Thema verfasst: http://kroestango.de/aktuelles/die-verquerdenker-sind-unter-uns/

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  2. Auf dem oben zitierten Blog von Thomas Kröter hat nun der Autor des umstrittenen Artikels eine umfangreiche Stellungnahme veröffentlicht – durchaus sachlich, was ich gerne anerkenne.

    Dr. Senger versichert, keiner Partei oder Organisation anzugehören, welche die bekannten Demonstrationen veranstaltet, sondern lediglich ein „besorgter Bürger“ und „überzeugter Demokrat“ zu sein. Viele hätten Angst, gegen den Mainstream zu schreiben, wogegen er sich wende. Allerdings attestiert er Kröter „keine ernsthafte argumentative Auseinandersetzung“ mit seinen Thesen, was ich schon etwas heftig finde. Daher korrigiert er die „Fehlinterpretationen“ mit weitgehend medizinischen Argumenten aus seinem Artikel und erklärt, was er unter einem „erfüllten Leben“ versteht.

    Man muss kein Mediziner sein, um heftig widersprechen zu können: Basis eines qualitativ hochstehenden Lebens ist schon mal, dass man nicht bereits tot ist. Für den Autor aber relativiere sich die Gefahr „in der Realität erheblich“ und sei für die Altersgruppe auf den Milongas „nicht bis kaum spürbar“. Ausnahmen bestätigten die Regel.

    Man sollte bei solchen Dementis vor allem darauf achten, was nicht erwähnt wird. So hätte es wohl viele interessiert, ob Dr. Senger seinen Artikel – angesichts der desaströsen Entwicklung der letzten beiden Monate – immer noch so veröffentlicht hätte. Man muss befürchten: ja.

    Und beim problematischen Influenza-Vergleich vergisst er natürlich zu erwähnen, dass ein Großteil der Bevölkerung gegen dieses Virus – je nach saisonalem Erregertyp – immun ist und es dagegen schon lange eine Schutzimpfung und wirksame Medikamente gibt. Auch die Langzeitfolgen von Corona-Erkrankungen sind ihm kein Wort wert.

    Vor allem aber erklärt er nicht wirklich Alternativen, die es anstelle des Lockdowns seiner Meinung nach gäbe, sondern weist nur (ohne exakte Quellenangabe) auf irgendwelche Studien hin. So einfach kann man es sich nicht machen.

    Eine kabarettistische Formulierung gelingt ihm als Replik auf Kröters Vorwurf der Ich-Bezogenheit: „Richtig ist: das Wort ‚Ich‘ ist natürlich stellvertretend gemeint für alle.“ Darum kann man ihn ja auch nur „missverstehen“ – nicht dagegen anderer Ansicht sein. Wie schön!

    Was ich nicht befürchte: Auf meinen Artikel wird er, wiewohl er in Kröters Test verlinkt ist, nicht antworten. Verständlich, dass er sich den leichteren Gegner ausgesucht hat…

    Quelle: http://kroestango.de/aktuelles/die-verquerdenker-sind-unter-uns/#comments

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