Tango Online-Kurse
Ich
habe mir mit diesem Thema bewusst Zeit gelassen: Die Tangolehrer mussten sich
ja erst einmal auf die neue Situation einstellen.
FĂŒr
mich kamen nur Beispiele in Frage, die speziell als Antwort auf die Corona-Krise entstanden – und zwar zum kostenlosen Betrachten. Ich meine, wer
spÀter privaten Online-Unterricht bucht, sollte sich zunÀchst einmal gratis
informieren können. Meine Suche galt also nicht interaktiven Angeboten, sondern lediglich Videos zum Anschauen.
Google
bietet hierzu wenig – schlieĂlich griff ich in meiner Not weitgehend auf die FB-Seite „Tango MĂŒnchen“ zurĂŒck. Hier einige
Beispiele:
Ein
Video, das sich „Tango Lesson ONLINE Nro
2“ nennt, prĂ€sentiert der bekannte Tangolehrer Oscar Busso.
Bild- und TonqualitÀt sind ziemlich grenzwertig. Das Ganze
wurde sicherlich in Alleinarbeit aufgenommen, der Bildausschnitt Àndert sich
nicht. Schnitte konnte ich keine erkennen.
Dazu
kommt, dass der Vortragende (welcher seit vielen Jahren in Deutschland
arbeitet) lediglich Englisch, teilweise auch Spanisch spricht – noch schwerer verstĂ€ndlich durch das Musikgedröhne dazu.
DafĂŒr
aber trinkt er uns am Anfang etwas vor und putzt sich seine Schuhe.
Nach
4 von 43 Minuten geht es dann schon mit dem Tanzen los, nach knapp 6 Minuten
bewegt er sich sogar von der Stelle!
Sorry,
ich habe die Dreiviertelstunde nicht durchgehalten – soweit ich es kapiert
habe, soll man die einfachen Grundbewegungen, bei denen er meist bis Vier
zÀhlt, halt mittanzen.
Klar,
man kann zu dem Video schon ein wenig ĂŒben. Ohne allgemein verstĂ€ndliche Texte
jedoch kommt dabei wenig heraus.
Das Ganze wurde anscheinend stationÀr aufgenommen und nachtrÀglich
von ihr mit einem ErklÀrungstext versehen. Der Bildausschnitt ist anfangs viel
zu groĂ, sodass man laufend das halbe Studio bewundern darf, die Aktionen der
TÀnzerin aber sehr klein ausfallen. SpÀter wechseln dann die Perspektiven.
Immerhin werden die Bewegungen schön vorgefĂŒhrt und
verstĂ€ndlich erklĂ€rt – in gut zwei Minuten schon eine Menge. Gerne hĂ€tte ich
das Ganze mit Tanzpartner gesehen, aber der stand wahrscheinlich hinter der
Kamera. Fazit: nicht schlecht, aber zu kurz.
„Online Unterricht
Giro & Sacadas“ nennt sich ein Video von Gabi und Gustavo J. GĂłmez:
Das
Ganze ist gut geschnitten, aber von grauslicher TonqualitÀt. Letztlich tut man
halt das Gleiche wie immer: Schritte verkaufen.
Immerhin
sind die Folgen gut aufgebaut und schön vorgetanzt.
Was
mich aber immer wieder wundert: Wieso mĂŒssen gerade Tangolehrer mit einem
schwer verstĂ€ndlichen Akzent so viel reden? Immerhin aber darf hier – nicht selbstverstĂ€ndlich
– auch die Tanzpartnerin mal was sagen.
Es wurde offenbar von ihr allein aufgenommen und nachtrÀglich geschnitten. Daher
bleibt der Bildausschnitt durchgehend gleich. Die TonqualitÀt ist etwas grell, die
Sprache aber klar verstÀndlich. Der Text ist gut formuliert, aber sehr redundant.
Nervig
finde ich die monotone Gestik mit dem stĂ€ndigen WĂŒrge-Gewurschtel der HĂ€nde.
Leider
zeigt sich ein hÀufiges Problem von Referaten: Die Einleitung ist viel zu lang.
Ewig spricht man darĂŒber, worĂŒber man sprechen wird, anstatt umgehend zum Thema
zu kommen. Die ersten konkreten Informationen erhÀlt man erst nach 4 Minuten
(also knapp 30 Prozent der Laufzeit).
„Willkommen zum
besten MusikalitĂ€ts-Workshop weit und breit“: O je, wer seine
Sachen schon derart anpreisen muss…
Die
Taktschemata werden auf einem Schreibblock gezeigt – da wĂ€re hinsichtlich Grafik
noch viel Luft nach oben.
Inhaltlich
wird der Vierachtel-Takt an zwei Musikbeispielen dargestellt – und zweieinhalb
Minuten vor dem Ende ist schon wieder Schluss mit Neuem, es kommt eine
langatmige Zusammenfassung, in der alles noch mehrfach wiederholt wird. Die
wirklichen Informationen hÀtte man bequem in der HÀlfte der Laufzeit unterbringen können.
„MusikalitĂ€ts-Masterclass“ nennt sich der erste
Teil einer geplanten Serie. Ein ziemlich ambitionierter Titel…
Interessant
finde ich den Vergleich mit einem Video zum fast gleichen Thema. Es stammt von Gabi Gomez, ebenfalls einer Tangolehrerin
aus dem oberbayerischen Raum: „TangomusikalitĂ€t
– Musiktheorie“.
Auch hier wurde das Video wohl von der Vortragenden allein
aufgenommen und nachtrĂ€glich geschnitten sowie mit „lustigen“ Einblendungen
versehen (auf die ich persönlich verzichten könnte – ebenso auf das stĂ€ndige
Musikgedudel im Hintergrund).
Zur Visualisierung sind zentrale Begriffe und musikalische
Schemata deutlich auf gröĂeren Kartonbögen notiert – immerhin.
„Musiktheorie behandeln wir sonst ja
normalerweise gar nicht“ – so das aufschlussreiche Bekenntnis
der Tangolehrerin.
Die musikalischen Grundbegriffe werden gut formuliert und
verstÀndlich besprochen, wobei die Vortragende ein wenig mit ihrer eigenen
Unsicherheit kÀmpft. Ausdruck und Gestik wirken unaufdringlich und freundlich.
Ein zentrales Thema sind die LĂ€ngen der Notenwerte, die an
einer Menge von Beispielen auch visuell erklÀrt werden.
Schön finde ich auch, dass diese Muster dann tÀnzerisch
veranschaulicht werden – und das anhand der bisher behandelten Schemata.
Selbst Phrasen spricht man schon kurz an.
Insgesamt packt Gabi Gomez mehr als
das Zehnfache an Inhalt in ein Video mit annĂ€hernd gleicher Laufzeit – ohne es „Masterclass“
zu nennen…
AbschlieĂend ein ganz gelungenes Beispiel von Laura Priori und Andreas von Maxen. Es behandelt den Ocho cortado:
Das Video ist schon einmal technisch von guter
QualitĂ€t – bis auf den etwas zu groĂen Bildausschnitt.
Die Bewegungsfolgen werden gut und verstÀndlich erklÀrt
und immer wieder auch zur Musik gezeigt. Leider redet auch hier der Lehrer
mehr als seine Partnerin, die aber wenigstens fallweise zu Wort kommt.
Sprachlich ist alles gut formuliert, der Ton klingt
freundlich und aufbauend. TÀnzerisch wirkt es lÀssig und ausgereift. Man merkt,
dass die beiden SpaĂ an dem haben, was sie vorfĂŒhren.
Und es ist das einzige Video ohne einen Spendenaufruf!
Fazit:
Leider bestÀtigt sich einmal wieder mein Eindruck, dass sich
in der Tangoszene professionelles Getue
und dessen wirkliche Umsetzung sehr
unterscheiden.
Wer mit Tangounterricht Geld verdient, sollte schon halbwegs gut produzierte Videos
anbieten. Das gilt fĂŒr Bild- und
TonqualitĂ€t und vor allem fĂŒr den abschlieĂenden Schnitt. Es reicht nicht, sich als EinzelkĂ€mpfer vor eine Kamera zu stellen.
Das Thema
sollte bereits im Titel des Videos klar umrissen sein und dann auch konsequent –
ohne redundante Wortkaskaden – umgesetzt werden. Dazu könnte ein durchdachtes Manuskript nicht schaden, welches man
dann in (fast) freier Rede vortrÀgt.
Vor allem aber muss man erklĂ€ren, was man tut – und tun,
was man erklÀrt. Daran hapert es betrÀchtlich. Viele der Videos erwecken
den Eindruck, als hÀtte man aus der Not heraus
schnell irgendwas zusammengebosselt.
Noch schlimmer: Je „professioneller" die Anmutung, desto lausiger oft das Ergebnis.
Ob die Tangoszene insgesamt die Krise ĂŒberstehen wird,
erscheint mir fraglich. Viele der angebotenen Lehrfilme machen mich da nicht
zuversichtlicher.
Prima Idee, vielen Dank! Da muss ich mich jetzt nicht mehr durch alle Videos, die gerade so online gestellt werden durchkÀmpfen :-)
AntwortenLöschenIch verstehe natĂŒrlich, dass sehr viele Tanzlehrer jetzt um die Existenz kĂ€mpfen...aber ich glaube nicht, dass solche kostenlosen Ăbungsvideos dafĂŒr der richtige Weg sind. Es gibt da auf YouTube schon genĂŒgend zu finden, auch durchaus viele qualitativ viel Bessere. Kostet natĂŒrlich Zeit, da die Spreu vom Weizen zu trennen. Mit solchen auf Biegen und Brechen zusammengeschusterten Videos findet man sicher keine neuen SchĂŒler und wenn einem die schon vorhandenen nicht die Treue halten, hat man beim Unterrichten etwas falsch gemacht. Ich persönlich ziehe einen direkten Online-Einzel-Unterricht vor. Ist natĂŒrlich nicht das gleiche, wie zusammen zu tanzen, aber ich bekomme direkte Korrekturen und Inhalte, die auf mich abgestimmt sind. DafĂŒr zahle ich dann auch gerne etwas und gebe "meinem" Lehrer eine Chance zu ĂŒberleben.
Was ich an der momentanen Situation tatsĂ€chlich positiv, wenn nicht sogar genial finde, ist, dass ich problemlos auch bei/von Lehrern lernen kann, zu denen ich sonst nicht so einfach kommen wĂŒrde, weil sie zu weit weg sind......aber dazu muss man halt mal ĂŒber den (MĂŒnchner) Tellerrand schauen ;-)
Herzliche GrĂŒĂe
Carmen Giera
Liebe Carmen Giera,
Löschenja, so hat doch jede Krise auch ihre Vorteile...
Ich finde, gut gemachte Lehrvideos hĂ€tten schon Aussicht auf Erfolg, wenn man sie auf die nun herrschenden VerhĂ€ltnisse abstellen wĂŒrde. Bislang waren es ja oft Kurs-Zusammenfassungen mit der Option, es auch wieder praktisch mit anderen im Unterricht ĂŒben zu können. Oder Show-Videos.
Bei Online-Einzelstunden hat man natĂŒrlich viel mehr Optionen. Da ich selber seit vielen Jahren keine Kurse oder Workshops mehr besuche, bin ich da an Erfahrungen anderer sehr interessiert.
Aber klar, auch diese Kommunikationsform kann natĂŒrlich das nicht ersetzen, was den Tango bislang so attraktiv machte: das freie Tanzen auf Milongas.
Herzlichen Dank fĂŒr den Kommentar und beste GrĂŒĂe
Gerhard Riedl
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LöschenSorry, aber ich veröffentliche nur Kommentare bei voller Namensnennung!
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