Die Zeit schreibt mit

Wenn man sich derzeit auf den deutschsprachigen Tangoblogs umsieht, ergreift einen grenzenlose Tristesse: Kaum einem Autor fällt noch etwas ein, worüber er schreiben könnte oder wollte.

Wie lange schon warten wohl die glühenden Fans von Cassiel auf ein Wort des Meisters zur momentanen Katastrophe? Nix da, er hüllt sich seit Silvester 2019 in Schweigen. Jammerschade, hatte er doch einst jede Erbse gezählt, welche den zarten Hintern der traditionell Empfindsamen drückte! Und jetzt, in Anbetracht der schrecklichsten Krise seit der Erfindung des Tango nuevo? Stille…

Dies gilt auch für andere Blogs, welche einst mit großem Getöse starteten: Von Edgar Franzmann hörten wir zuletzt am 2.1.20: „Neues Jahr, neuer Tango?“ hieß es da verheißungsvoll. Nachgekommen ist nichts. (Nun gut, der Blogger kämpft mit einer schweren Erkrankung, vielleicht erklärt es das.)  

Und der Kollege Yokoito, welcher dereinst ganz genaue Vorstellungen davon hatte, wie ich mein Blog endlich erfolgreich gestalten könnte? Am 9.1.20 das letzte Lebenszeichen unter dem irreführenden Titel „Mal eben schnell“. Am Schluss des Textes dann: „Sayonara, liebe Leser…bis irgendwann mal wieder.“

Och, Mönsch….

Der Wiener Tangofreundin Alessandra Seitz fiel immerhin ein einziger Text zu Corona ein: „Wir schreiben Geschichte(n)“ hieß es da am 20.4.20. Auf den Plural warte ich bis jetzt.
http://tan-do.net/atango/2020/04/20/wir-schreiben-geschichten/

Einige Beiträge zum Thema Tango und Corona sowie virtuelle Playlists finden sich auf dem Blog von Carsten Buchholz. Man sollte ich aber Zeit nehmen – die Texte sind meist sehr, sehr lang:
Durchaus elegant immerhin flüchten sich die Damen von „Berlin Tango Vibes“ in die Beliebigkeit. Den nun vollständigen Rückzug ins Feuilleton verkündete Laura Knight pünktlich am 15.3.20:
  
„Dies sind außergewöhnliche Zeiten für alle und ich habe beschlossen, den normalen ‚Blog-Betrieb‘ von Berlin Tango Vibes zu pausieren, um diesen besonderen Zeiten Rechnung tragen zu können. (…)
‚Tango in my Heart‘ heißt das neue Projekt, das so lange andauern soll, wie die Tangopause andauert, und das Tango-Kolumnistin und Autorin Lea Martin und ich gemeinsam durchführen und hier veröffentlichen werden.“

Seitdem darf dort die gefühlte Berliner Tangoprominenz reihum und artikelweise bekunden, was für sie der Tango wäre, wenn es ihn denn noch gäbe.
Hätte, hätte, Fahrradkette…

Apropos: Auch der von mir nicht „Kollege“ genannt werden wollende Thomas Kröter, dessen letzter Blogartikel am 1.4.20 erschien, reüssiert nun dort mit einem Text, der sich im Titel selber in Frage stellt:

Zweifellos: Auch dem guten Thomas hat Corona das Kraut gewaltig verhagelt. Zentral fehlt ihm die „tänzerische Promiskuität, zumal in enger Umarmung“. Stattdessen strampelt er nun täglich 20 bis 30 Kilometer auf seinem Heimtrainer. Und bekennt reuevoll:

„Wie oft hab‘ ich geschimpft, weil mir die Musik in einer Milonga nicht gefallen hat. Wie oft hat mir beim Cabeceo der Zweifel die Laune verdorben: Hat sie mich nicht gesehen oder will sie mich nicht sehen? Vergessen.
Lieber das abgenudeltste Stück, lieber der arroganteste Weg-Blick als diese Abwesenheit von Tango…“

Echt, lieber Thomas, bei allem Verständnis für die Gefühle, welche uns wohl gemeinsam ergreifen: So tief bin ich noch nicht gesunken, dass ich mich nach dem Affentheater zurücksehne, welches du da rückblickend beschreibst! Eher habe ich Angst, dass es zu schnell zurückkehrt

Mann, du bist doch gelernter Journalist! Die momentanen gesellschaftlichen Entwicklungen sind so spannend wie schon lange nicht: Von Einsperr-Hysterie bis zu Sektierern, welche sich gerade auch in Berlin auf die Straße begeben und dort ihren Mangel an politischer Bildung öffentlich vorführen, ist doch Stoff ohne Ende vorhanden! Was wird aus diesem Gebräu aus Nazis, Impfgegnern, Verschwörungstheoretikern und normalen Spinnern? Eine neue AfD, nur – was man nie geahnt hätte – noch dümmer? Lohnt nicht die Aufgabe, sich gegen die Flut der Verblödung zu stemmen?

Ob man das immer mit Tango zu verbinden kann, ist doch wumpe! (Übrigens sehe ich durchaus Verknüpfungen.) Aber sollten wir beim Thema bleiben: Irgendwann wird’s doch mit unserem Tanz weitergehen – aber wie? Rücksturz zum Status Quo oder Änderungen? Und wenn ja, welche? Sehen wir die optimistisch oder nicht? Leute, schreibt das auf! Gerade jetzt wären doch Äußerungen altgedienter Tangueros zur Orientierung so wichtig wie noch nie!

Klar, auch bei meinem Blog sind die Leserzahlen um etwa ein Drittel zurückgegangen. Tango ist halt für viele kein Thema mehr – oder zumindest ein sehr schmerzliches. Nur: Bange machen gilt nicht. Daher habe ich seit Beginn der Corona-Krise über 30 Texte veröffentlicht. Zwingen musste ich mich dazu nicht – die Themen sprangen mich geradezu an. Und ich habe ja jetzt mehr Zeit zum Schreiben.

Mensch, erwacht aus eurer Schockstarre! Es macht mir als Tangoblogger wahrlich keinen Spaß, nun „Alleinvertretungsansprüche“ zu bedienen. Rede und Gegenrede wären mir lieber.

„Die Zeit spielt mit“ nannte der Hausautor Klaus Peter Schreiner sein Buch zur Geschichte der Münchner Lach- und Schießgesellschaft. Ich finde: Sie schreibt auch mit. Man muss sich von ihr nur an die Tastatur locken lassen.

Daher wird meine Seite mehr denn je ein „Report“ sein – aktuell, ob es nun um Tango, Corona oder sonst was geht. Und es werden weiterhin viele Beiträge erscheinen. Was ein Cassiel nicht verhindern konnte, wird auch ein blödes Virus nicht schaffen!    

P.S. Wer Klaus Peter Schreiner nicht kennen sollte: Hier eine Miniatur von einem Meister des Wortes aus einer versunkenen Zeit, als solche Künste noch etwas galten…


Kommentare

  1. Kein Tango-Blog, aber zum Thema:

    Tango in den Zeiten von Corona: Virtuelle Milongas mit Zoom
    http://blog.neunmalsechs.de/2020/04/04/tango-in-den-zeiten-von-corona-virtuelle-milongas-mit-zoom/

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    1. Ich lasse das mal so stehen. Ich wäre allerdings dankbar, wenn sich Kommentare in Zukunft wieder auf den Inhalt meiner Texte bezögen!

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    2. Um das streitbarer zu formulieren: Ich finde im Text nicht einen Hinweis auf die Texte zu aktuell boomenden virtuellen Milongas, nicht auf virtuellen Unterricht - gibt es die (Texte) wirklich nicht? Oder wählt der Autor nur einen Ausschnitt von Bloggern, die ihm genehm sind (und sei es als "Feinde").
      Zumindest Jochen Lüders (der die These des Autors nicht bestätigt) fehlt mir oben.
      Aber vielleicht wandelt sich die Szene auch und die Schreiberlinge am Puls der Zeit betreiben keine reinrassigen Tango-Blog mehr (wie ich), sondern integrieren ihre Texte in ihre Feld-Wald-und-Wiesen-Seiten? Oder nehmen gleich Facebook (wo durchaus veröffetnlicht und diskutiert wird).
      Natürlich hat der Autor nicht den Anspruch formuliert, das bilden zu wollen - doch entsteht durch den Beitrag (bei uninformieten Leser:innen) der Eindruck, die Tango-Szene sei tot.
      Das erlebe ich ganz anders.

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    3. Lieber Carsten Buchholz,

      ich bitte da schon auf das Thema zu achten: In diesem Artikel habe ich deutschsprachige Tangoblogs besprochen. Daher bin ich auf die in Englisch gehaltenen Beiträge von Melina Sedó und Jochen Lüders nicht eingegangen. Ich finde das auch kontraproduktiv: Nicht alle Tangoleute können gut genug Englisch, und auch für die anderen ist es mühsam, sich durch lange Texte zu quälen.

      Dein Blog habe ich leider übersehen, da ich mich an der Blogroll auf Thomas Kröters Seite orientiere und da schon ewig nur ein alter Text verzeichnet ist. Aber ich werde in den Artikel einen Hinweis auf deine Seite aufnehmen.

      Insgesamt unterscheide ich nicht in „Freunde und Feinde“, wenn ich einen solchen Überblick herausgebe. Es geht um die Sache.

      Zum Thema „virtuelle Milongas“ habe ich halt schlichtweg noch keinen Artikel verfasst. Meine ersten Recherchen dazu waren nicht sehr ergiebig: Oft hatte ich Probleme, das Programm überhaupt aufzurufen – und wenn, hörte ich meist den alten Schwurbel von früher. Gut, das ist bei dir anders. Dennoch sind diese Online-Sendungen für mich noch weniger ein Ersatz für richtige Milongas wie die Online-Kurse für analogen Unterricht. Aber ich behalte es im Blick!

      Klar, die Tango-Blogs werden sich nun auch mit anderen Themen befassen. Finde ich durchaus legitim.

      Ist die Tango-Szene tot? Wohl nicht, aber sie liegt schon schwer darnieder. Hinsichtlich der Blogs habe ich in meinem Artikel versucht, sie etwas zu reanimieren.

      Schöne Grüße
      Gerhard

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  2. eins muss man wohl zugeben, ohne cabeceo hätte es jedes jahr mehr tote durch atemwegserkranken gegeben.

    es könnte also für dich ganz bitter kommen.

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    1. Die Logik - falls vorhanden - erschließt sich mir nicht.
      Leute, die per Cabeceo auffordern, pappen doch auf dem Parkett meist dicht aufeinander.
      Oder ist das Risiko des verbalen Aufforderns gemeint? Das erfolgt aber meist in einem Mindestabstand von zwei Metern, damit sich die Dame nicht belästigt fühlt...

      So, jetzt aber im Ernst: Anspielungen auf meine Lebenserwartung lässt du in Zukunft stecken, falls du hier nochmal kommentieren möchtest!

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    2. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

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    3. zu "es könnte also für dich ganz bitter kommen."

      hände waschen, in die armbeuge niesen/husten, maske und handschuhe tragen, auffordern nur vom platz aus mit cabeceo ..., das könnte zur grundbedingung für den zugang zu einer milonga werden.

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    4. Leider fehlen mir derzeit für solche Voraussagen Katze und Kristallkugel.

      Aber die großen "Ischgl-Milongas" haben mich ja noch nie interessiert. Und für unsere Pörnbacher Treffs werden wir eine vernünftige Lösung finden.
      Cabeceos werden wir sicherlich auch in Zukunft nicht verpflichtend einführen. Von der Ferne zunicken, um dann aneinander zu kleben? Ich fürchte, das wäre beim Intelligenz-Quotienten unserer Gäste nicht vermittelbar.

      Daher überlassen wir es anderen, jetzt schon wieder von "Grundbedingungen" zu schwobeln. Same procedure...

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