Münchner Tanguero-Feldtreiben



Es wird langsam eng für eine gewisse, im Tango lange kultivierte Männertype – speziell auf den „angesagten“ Großstadt-Milongas: In der Facebook-Gruppe „Tango München“ nagelte gestern eine spürbar angefresssene auswärtige Tänzerin ihre Proklamation an die Tempeltüren:

„Aber was ist los mit den Münchner Tänzern (Leadern)? Werden fremde Frauen nicht aufgefordert? Niemand erwartet sich, dass den ganzen Abend lang auf die Lieblings-Tänzerinnen verzichtet wird, um mit Fremden zu tanzen... Aber mal eine Tanda?

Ich bin der Meinung, wenn man in der Tangoszene schon Wert legt auf diese klassischen/veralteten (wie man es sehen will) Verhaltens-Regeln, dass MANN auffordert, dann soll er es auch tun… was aber auch bedeuten sollte, dass er (bzw. alle Männer) auch die Verantwortung haben, ihre Komfort-Zone zu verlassen um auch FREMDE weibliche Gäste sich willkommen fühlen zu lassen und sich für eine ‚Risiko-Tanda‘ zu ‚opfern‘ (zur Erinnerung… Das ‚Risiko‘ besteht ja auch für die andere Seite).
 
Wenn das aber keine Option ist, dann sollte ein Umdenken bezüglich der ‚Benimm-dich Regeln‘ stattfinden. Dann sollte auch das Auffordern von weiblicher Seite zur Regel werden, was ja bisher meistens nur unter Freunden oder maximal Bekannten gern gesehen ist. Sonst ja meines Wissens eher nicht...
(…)
Es ist, glaube ich, schon einen Gedanken wert, die Verantwortungen und Aufgaben der selbst festgesetzten Rollen zu be- und überdenken.
Und natürlich ist München nicht der einzige Ort, an dem diese Situationen bestehen... Aber es war meine bisher extremste Erfahrung diesbezüglich, daher poste ich es diesen Gedanken hier in Tango München... Auch mit dem Risiko, dass ich anecke.“

Nun, vor allem rief sie die gigantische Zahl von bislang 175 Kommentaren hervor – und noch ungewöhnlicher: Es waren vor allem Frauen, die sich zu Wort meldeten, oft genug mit ähnlichen Erfahrungen:

„Seit Jahrzehnten fast überall so, besonders aber in großen Städten mit der Überzeugung, ein Tango Hot Spot zu sein. ;-) Ich kann Deinen Eindruck auch nach Jahren in München nur bestätigen – und ich tanze, mehr oder weniger intensiv, seit 25 Jahren. München ist ein besonders hartes Parkett für die meisten Frauen.“

„Ich tanze Tango seit 3 Jahre in München und gehöre zu keiner Clique. So geht es mir also auf fast jeder Milonga. Ich weiß, dass es in jeder Stadt so ist. Aber München ist wirklich versnobt.“

„Na klar, die Münchner Ansprüche sind halt was ganz, ganz, ganz besonders. Kann ja sonst jede daher kommen und gern tanzen wollen. Gut, dass die Männer alle so monstergute Tänzer sind.“

„Beim selber Auffordern hab ich mir schon mehrfach die Finger verbrannt...was daraus wurde...ich gehe nur noch mit einem mir bekannten guten Tänzer in neue Locations, damit dieser mich ‚vortanzen‘ kann...was sich auch merkwürdig anfühlt...so ein bisschen wie Fleischbeschau...und ja, ich bin durchaus in der Lage, mich elegant auf meinen High Heels über das Parkett Richtung Toilette zu bewegen...damit auch jeder Tänzer sehen kann, dass ich gehen kann und sich möglicherweise denken kann, dass ich das auch zum Takt der Tangomusik und seiner Führung können könnte.“

„Kann dir nur zustimmen. Es vergeht einem leider die Freude am Tanzen.“

„Ein sehr guter niederländischer Tänzer hat die Münchner Tangomänner übrigens einmal als gut, aber Gockel bezeichnet ...“

Bei den Männern, welche sich nach und nach doch in die Debatte einmischten, überwog eher die Skepsis gegenüber solchen Vorhaltungen. Man gehe schließlich nicht zum Tango, um schlechte Tänze zu haben:

„Ich gehe, um die Musik und den Tanz zu genießen. Insofern finde ich obige Erklärungen absurd. Natürlich könnte man mit jedem die Zeit auf der Tanzfläche verbringen. Aber darum gehe ich ja nicht hin.“

„Dass man mit jemandem tanzen möchte, der auf einem annähernd gleichen Level ist, wird so oft als snobistisch und arrogant hingestellt. Warum eigentlich? Du arbeitest jahrelang an deiner Achse, lässt deine Umarmung korrigieren, um dir dann von jemandem Schulter, Kreuz, Genick und Füße malträtieren zu lassen, der sich selber einfach heute schon voll geil findet?“

„Ich habe keinerlei Schuldzuweisung gesehen oder gemacht. Ich sträube mich nur dagegen, dass ein guter Führender alles mitmachen muss. Wenn sich eine 50 kg-Person ohne Achse an die eigenen Halswirbel hängt und erwartet, dass man als guter Führender damit umgehen kann und sie mitnimmt, sorry, da sollte man Tanda nicht zu Ende tanzen.“

Doch damit kommen die Herren immer weniger durch. Es sei schließlich auch für die Frau ein Risiko, sich auf einen unbekannten Partner einzulassen. Und zudem:

„Wenn einer gut führen kann, dann kann er ALLE gut führen, egal, ob bekannt oder unbekannt, mit eigener Achse oder ohne! (Wenn eine Folgende keine eigene Achse hat – haben viele Führende übrigens auch nicht – muss man halt den Tanzstil anpassen.)“

„Meine Schlussfolgerung daher: Alle die Führenden, die nicht Manns genug sind, jemand Unbekanntes aufzufordern, können entweder nicht gut genug führen oder tragen die Nase schlicht zu hoch...“

Auffallend: Das erwartbare Pflichtargument, die Blinzelaufforderung löse solche Probleme, wird nur noch von ganz Hartnäckigen vertreten:

„Ich verstehe das Argument nicht, es würde auf die klassischen/veralteten Benimmregeln Wert gelegt. In den meisten mir bekannten Milongas in München versteht man den Cabeceo. Und der funktioniert nun mal nicht ohne die vorhergehende Mirada und das ist ein Schritt, den der Folgende aktiv macht. Was ist daran veraltet?

Und auch eine bekannte DJane lässt sich ihre Überzeugung nicht nehmen:
„Mein Tipp ist, auch als Frau aktiv zu cabeceieren.“

Vorwiegend werden jedoch die bisherigen Aufforderungs-Gewohnheiten in Frage gestellt:

„Wenn sich die Männer trotz ihrer privilegierten Rolle nicht in der Pflicht fühlen, sich auch um Tänzerinnen zu kümmern, dann finde ich, gehören die Regeln geändert bzw. muss die Akzeptanz für weibliches Auffordern her.“

„Deine Erfahrung ist kein Einzelfall, ich bekomme es immer wieder am Rande als Tänzer mit. Es wird Zeit, dass es ganz natürlich ist, dass Frauen wie Männer auffordern.“

Die unterschiedlichen Perspektiven bringt eine Kommentatorin auf der Facebook-Seite  von Thomas Kröter schön zum Ausdruck:

Das Gesudere in den Antworten der Männer spricht für sich. Nicht nur in Deutschland sind die Tangotänzer so asozial, Frauen auch einen ganzen Abend herumsitzen zu lassen. Ich erlebte in 20 Jahren nur wenige Ausnahmen, wo aufgefordert wurde.
Wobei, wenn Männer so demonstrativ weg- oder in den Boden schauen, hilft auch kein freundlicher Blickkontakt.
Abgesehen davon sind ein paar Kilos oder Jahre zu viel auch oft ein Ausschließungsgrund. Ich finde, sie sollten sich dafür mal schämen. Und den anderen ein
herzliches Dankeschön für die meist schönen Tangos.“

Tja, liebe Männer auf den angesagten Großstadt-Milongas,

ich fürchte, ihr habt es mittlerweile – wie man in Bayern sagt – genau beieinander: Der Eindruck, den ihr bei vielen Tangueras macht, ist ziemlich unterirdisch. Und die begehren inzwischen – ganz tango-untypisch – mächtig auf. Und womit? Mit Recht!

Machen wir uns nichts vor: Die Ignorierung unbekannter Tänzerinnen ist schlicht eine Mischung aus Feigheit und Egoismus. Nur keine Risiken eingehen – und nur das (besser: die) Beste ist gut genug.

Was mich aber freut: Es gibt in dieser Debatte durchaus auch verständnisvolle und verbindende Standpunkte. Und die könnten weiterhelfen. Und klar – es gibt elitäres Verhalten bei beiden Geschlechtern.

Zwei Punkte stehen jedoch für mich felsenfest:

Wenn man nicht mit Unbekannten tanzen möchte, hilft der beste Cabeceo nichts – und ich bleibe bei meiner Meinung: Das Getue darum hat die Aufforderungs-Probleme in den letzten Jahren eher kompliziert denn vereinfacht.

Und der Fisch stinkt weiterhin vom Kopfe her: So lange sich auf Nobel-Milongas Veranstalter und DJs hermetisch gegen ihre Gäste abschotten anstatt freundlich auf diese zuzugehen und auch beim Auffordern Vorbild zu sein, wirkt das vernichtend auf das soziale Klima.

Und, liebe Männer, glaubt ja nicht, das Problem „aussitzen“ zu können. Es hat, wie die Schöpferin dieses Posts beschreibt, schon zu weit um sich gegriffen.

„Das, was wirklich zu denken geben sollte, ist auch, dass mir einige Leute aufgrund meines Beitrags private Nachrichten geschrieben haben, in denen sie mir voll und ganz zugestimmt haben, was meine Erfahrung betrifft... Und das Schlimme ist ja, dass diese Nachrichten nicht nur von Leuten kommen die so wie ich zu Gast waren in München und die fehlende Offenheit bemerkt haben , sondern auch Leute aus der Münchner Szene, die dasselbe beklagen, aber sich natürlich nicht öffentlich dazu äußern würden.... was traurig ist, was ich aber gut nachvollziehen kann, da ist natürlich ein Risiko ist, in den eigenen Reihen anzuecken.“

Macht ja nichts – das Anecken besorge ich gerne und zuverlässig.

Und noch ein Tipp für tangotanzende Besucherinnen Münchens: Fahrt doch zum Tanzen nach Pörnbach, da sitzt ihr garantiert nur eine Dreiviertelstunde – nämlich bei der Fahrt zu unserer „Wohnzimmer-Milonga“!

Quelle der (rechtschreibkorrigierten) Zitate:
https://www.facebook.com/groups/tangomuenchen/permalink/10156161129166186/

P.S. Und für unsere norddeutschen Leser, welche vielleicht die Anspielung im Titel nicht verstehen können:
https://de.wikipedia.org/wiki/Haberfeldtreiben

Kommentare

  1. Soeben erreichte mich ein Kommentar von Andreas Buschmann:

    Lieber Gerhard,

    bei diesen Diskussionen schäme ich mich zutiefst für meine Geschlechtsgenossen - und es macht mich wütend. Wir haben es wohl wieder mal mit der heute leider so häufigen unsäglichen Mischung von Narzissmus und Mittelmäßigkeit zu tun. Zum 1000sten Mal die immer gleichen Figuren mit demselben Partner zur 1000-mal gehörten Musik zu "tanzen", das soll Tango sein? Dieser spannungsgeladene, erotische Tanz, diese knisternde Kommunikation zwischen zwei Menschen, synchronisiert durch die Musik, improvisiert im Moment aus Frage und Antwort? Und das alles aus Angst, jemand könnte bemerken, dass man vielleicht doch nicht so gut tanzt, wie man selbst meint. Oder dass man vielleicht mal 15 Minuten eine nicht optimale Tanda durchstehen muss. Aus manchen Kommentaren sprechen die Totengräber des Tangos.

    Ich persönlich liebe den Kick eine fremde Frau im Arm halten zu dürfen, sie zu spüren, auszuprobieren, wie sie reagiert, zu versuchen, in den Dialog zu kommen. Zu prüfen, wie gut ich mich anpassen kann. Das geht mal besser, mal schlechter - aber immer lerne ich etwas dazu. Oft genug werde ich dabei positiv überrascht, aber selbst wenn sich die Tanda für mich vielleicht mal nicht optimal anfühlt - nicht selten ist dann die Belohnung die Freude der Partnerin zu spüren, die vielleicht eben gerade eine neue Erfahrung gemacht hat. Wer wirklich tanzen und führen kann und bereit ist sich ohne Narzissmus auf den Partner einzulassen, kann das auch mit Anfängern oder Partnern, die ein paar Unarten haben. Der Umgang damit gehört zur Tangoerfahrung. Ich kann an mir selbst nachvollziehen, wie die Anzahl unrunder Tandas mit der Erfahrung immer mehr abnimmt. Mir persönlich macht es Freude, wenn ich einer Anfängerin vielleicht eine Vision mitgeben kann, wie Tango sein kann. Und so sieht eine gute Heimmilonga für mich so aus: Die erste und letzte Tanda sowie die eine oder andere nach Musik ausgewählte Tanda gehört meiner Partnerin, einige Tandas dem sozialen Tanz mit Freunden und der Rest der spannenden Erfahrung mit fremden Partnern. Leider kippt das dann, wenn meine Partnerin selbst nicht genug von anderen aufgefordert wird. Und hier schließt sich dann der Kreis.

    Grüße aus dem Norden,
    Andreas

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    1. Lieber Andreas,

      vielen Dank für deine Anmerkungen!

      Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen.

      Vielleicht noch eins: Viele Tangueros gehen von einem - wie immer gearteten und verstandenen - "Qualitätsbegriff" einer Tanda aus. Es klingt fast so, als ob man sich irgendein Luxusprodukt kauft.

      Für mich hat Freude am Tanzen ganz verschiedene Ursachen: Sicherlich kann das eine gute Technik, ein tolles Musikempfinden oder eine Vielfalt an Choreografie sein. Mindestens genauso wichtig ist aber das, was du ja auch selber beschreibst: Die Freude an einer persönlichen Begegnung. Daher stehen in meiner "Tangovitrine" etliche Tänze, die technisch gesehen eher suboptimal, jedoch von unglaublichem Spaß miteinander erfüllt waren.

      Beste Grüße aus dem Süden
      Gerhard

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  2. Da wurde tatsächlich gestern ein Fass aufgemacht: Die Debatte auf Facebook läuft fröhlich (?) weiter. Auch den weiteren Ablauf habe ich vorausgesehen: Nun kommen – nach den empörten Frauen – die Kerle, welche ihnen wieder die Welt erklären, bis alles gut (für sie) ist.

    Den aktuellen Diskussionsbeitrag einer Dame finde ich wert, der Nachwelt erhalten zu bleiben:

    „Werde gern die hier schreibenden Männer bei zukünftigen Milongas derart anlächeln und gern berichten. Denn, auch das meine Erfahrung mit der Tango-Szene im Groben: Es will nie einer gewesen sein. folgt man den Selbstbeschreibungen, dann sind die Jungs alle immer super-offen, freuen sich über Aufforderungen und reagieren total positiv auf alle Damen, die positive Ausstrahlung haben. Sie sind sich auch auf keinen Fall zu fein für nix. Und die Mädels sind immer super freundlich, offen, motiviert, ebenfalls für nix zu fein und total selbstbewusst. Und überhaupt, das ist alles magic und smooth und wunderbar. Wer das so nicht erlebt, die muss ja selber schuld sein.“

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