Die Umarmung des Porteño-Bären


Das Blog „Tango Chamuyo” („Tango-Getuschel“) taucht in vielen Link-Sammlungen von Tangoseiten auf – schließlich ist  die Bloggerin schon 1999 von Chicago nach Buenos Aires umgesiedelt. Auch der Untertitel „The milongas and milongueros of Buenos Aires“ lässt auf profunde Kennerschaft schließen.

„Jantango“ alias Janis Kenyon begann nach eigenen Angaben im Jahr 1993, Tango und andere Gesellschaftstänze zu unterrichten. 1999 fing sie an, in Buenos Aires ihre Dienste als „personal guide“ bei Milongas anzubieten. Weiterhin assistierte sie einheimischen Milongueros beim Unterricht. Den Versuch, ein Buch über diese Spezies zu verfassen, gab sie auf und etablierte stattdessen ihr Blog. Seit 2016 gibt sie kostenlosen Privatunterricht im heimischen Studio und erklärt dabei die „Geheimnisse der alten Milongueros“.

Einen Artikel des Blogs möchte ich meinen Lesern nicht vorenthalten und habe ihn daher übersetzt:

Veränderung ist unvermeidlich

Es war einmal…

als es noch keine Touristen in den Milongas gab, nur Porteños. Alle Männer trugen Anzüge und Krawatten. Frauen trugen Kleider. Es herrschte Respekt für die Códigos, und die Männer forderten auf. Man bekam einen Tisch in der ersten Reihe für hervorragende Tanzkünste. Männer und Frauen trugen Straßenschuhe beim Tango.

Heute sind Ausländer in den meisten Milongas präsent, aber das war vor zwanzig Jahren noch nicht der Fall. Männer sind nicht die Einzigen, die Hosen tragen oder auffordern. In diesen Tagen ist auf den Milongas alles möglich – Shorts, Turnschuhe, Jeans. Freizeitkleidung ist für Männer und Frauen eher üblich. Die Damen wechseln Kleidung und Schuhe, packen eine Tasche, kämmen sich die Haare, rüsten ihr Make-up am Tisch auf, als ob niemand zuschaut. Alle Frauen tragen Tango-Schuhe. Erstmalige Besucher bekommen auf der Tanzfläche einen Tisch in der ersten Reihe und tanzen dann mit Milongueros Tandas, ohne zu wissen, wie man gut tanzt oder was die Milonga-Códigos sind.

Ein Freund und ich diskutierten Veränderungen und Entwicklung des Tangos. Wir sind uns einig, dass Veränderungen im Leben unvermeidlich sind. Ein Tanz entsteht aus der Musik. Wir hören dieselbe Musik aus den 1930-er und 40-er Jahren. Persönliche Stile ändern sich nicht. Tango ist ein Gefühl, das von zwei Leuten getanzt wird. Die Umarmung ist grundlegend. Der Tanz ist anders, auch die Umarmung. Heute haben wir „denkenden Tango“ und „gefühlten Tango“. Es ist nicht schwer, die beiden voneinander zu unterscheiden.

Ich habe kürzlich mit einem Mann aus Europa getanzt. Er bewegte sich gut mit der Musik, aber es fehlte ihm die feste Umarmung, die ich bei Porteños gewöhnt bin. Obwohl er Buenos Aires viele Male zum Tanzen in den Milongas besucht und zusammen mit Porteños Kurse genommen hat, war seine Umarmung typisch für Ausländer. Er tanzt Tango, hat aber das Gefühl des Tangos nicht in seine Umarmung integriert. Er zieht es vor, die Umarmung seines Landes zu verwenden, auch wenn er in Buenos Aires tanzt. Ich glaube, der Hauptgrund, warum sich der Tango verändert, ist mangelndes kulturelles Verständnis und Kommerzialisierung.

Ein Beispiel für die verfehlte Entwicklung des Tangos erschien auf dem Titel eines Tango-Magazins. Zwei Männer ohne Hemd mit nackten Beinen in hohen Absätzen waren das schockierendste Coverfoto, das ich je gesehen habe. Dieser Stil wird in Buenos Aires und auf der ganzen Welt als Tango verkauft. Wenn Männer mit Männern und Frauen mit Frauen tanzen wollen, ist das in Ordnung. Aber sie sollten Respekt vor dem Tango als sozialen Tanz mit Codes zeigen.

(Anmerkungen zur Übersetzung: Im letzten Satz fehlt offenbar ein „should“, sonst passt der Zusammenhang nicht.)

Die zahlreichen Kommentare in einigen Auszügen:

Als ich im letzten Juni nach einem halben Jahr aus BsAs zurückkam, weigerte sich die (technisch betrachtet) beste Tänzerin in unserer Szene, mit mir zu tanzen. Sie sagte, ich tanze wie ein Porteño mit zu fester Umarmung. Anscheinend ist ein abrazo porteño für sie nicht gut genug. Sie hat höhere Standards ...!

Ich vermute aufgrund persönlicher Erfahrungen (kann es aber nicht beweisen), dass der Grund für die lockere Umarmung das Ergebnis von Unterrichtsmethoden ist, die grob auf Tango nuevo und den Bewegungen von Showtänzern basieren. Bekanntlich wird bei den beiden Tanzformen viel Wert auf eine Vielzahl von Figuren und größere Bewegungen gelegt, so dass diese entweder einen sehr lockeren oder sehr offenen Rahmen erfordern (man kann es nicht wirklich als Umarmung bezeichnen). (…)
Möglicherweise verändert sich das System aufgrund von Kommerzialisierung. In diesem Fall wird es jedoch hauptsächlich durch Bühnenkünstler und die unvermeidlichen Workshops kommerzialisiert.

Ich vermute, der Grund für die lockerere Umarmung ist das Unterrichtsmodell der Kurse, in denen Lehrer (Show-Performer oder sonstige) mehr durch visuelle Demonstration und verbalen Unterricht kommunizieren als durch die Umarmung. Die feste Umarmung findet sich eher bei Tänzern, die durch die Umarmung gelernt haben, d.h. beim Tanzen, ob in Milongas, Praktikas oder Privatstunden.

Nein, die Umarmung hat mit Kommunikation zu tun. Wenn der Mann fühlt, dass Sie bei ihm sind, muss er Sie nicht wie ein Schraubstock festhalten. Wenn die Umarmung zu eng ist, hat die Frau das Gefühl, dass sie ihrem Partner nicht antworten kann. Wenn Sie ihrer Energie oder ihrem Körper folgen, brauchen Sie nicht die „Schraubstock-Umarmung".

Viele Tänzer hatten keine Zeit sich zu entwickeln, daher können sie ihre Umarmung nicht verstehen, studieren und entwickeln. Figuren sind sichtbarer und scheinbar wichtiger… Das schließt auch die Argentinier ein…

Ich tanze in Kalifornien und BsAs eine enge Umarmung, und ich hatte Frauen in Californien, die mich baten, die Umarmung zu lockern, damit sie die Hüften beispielsweise bei Rückwärts-Ochos schwenken können. Das Problem ist, ich führe diese nicht mit großen Drehbewegungen, also möchten sie im Grunde alleine tanzen, weil jemand ihnen beigebracht hat, ihre Bewegungen zu übertreiben, anstatt auf die Führung Ihres Partners zu hören. Ich entschied mich, nicht mehr mit diesen Frauen zu tanzen.

Ich weiß nicht, warum Frauen Aufforderungen zum Tango annehmen, wenn sie in Wirklichkeit alleine tanzen wollen. Sie verfehlen den echten Tango, wenn sie versuchen, ihren eigenen Tanz zu machen. Das ist kein Tango. Lehrer leisten dem Tango einen schlechten Dienst, wenn sie Frauen sagen, dass sie tun sollen, was sie wollen.

Dieses Problem entsteht durch Lehrer, welche die Frauen auffordern, das zu tun, was die Lehrer wollen… wie das Tanzen allein, wie es nur in Frauenkursen zu finden ist, wie in diesem Video (siehe unten).
Diese sogenannten Frauen-Technikkurse sind Hochstapelei.
Sie sind ideal für Lehrerinnen, die nicht genug Männer finden, die mit ihnen unterrichten möchten und nicht genug Männer, die von ihnen lernen möchten.
Aber sie sind für Tänzerinnen sehr schädlich. Je mehr eine Frau die Technik des Tanzens mit Wänden, Ballettstangen und dünner Luft aufnimmt, desto weniger kann sie mit einem echten Mann tanzen.

Hier der Originaltext:

Fazit

Wie ich es schon bei Bloggern wie „Tango Voice“ vermutete: Die größten Hardliner in Sachen Tango argentino scheinen in den USA zu sitzen.

Was ich sehr amüsant finde: Nach der Lektüre hunderter Texte zum Thema, wie es in Buenos Aires denn wirklich zugehe, bin ich immer noch ratlos: Die Auskünfte schwanken zwischen „unvergleichlicher Hort der hehren Tangotraditionen“ und „weitgehender Sittenverfall“ (natürlich durch die Touristen). Eventuell ist das Bild in der 13 Millionen Einwohner-Metropole mindestens ebenso bunt wie in Europa?

Weiterhin habe ich schon einige Male gelesen, dass die Umarmung der Porteños ziemlich kräftig sein soll. Na gut – ihr Problem (und das ihrer Partnerinnen)…

Was jedoch gerade bei den Kommentaren deutlich herauskommt, erinnert mich an die Metapher von der „Umarmung des russischen Bären“: Da geht es bekanntlich weniger um Kuscheln denn einen rüden Machtanspruch.

Ich spüre im Tango ziemlich viel männliche Angst, die Tänzerin könnte treiben, was sie wolle, und somit den Kerl einigermaßen doof aussehen lassen (weil er unfähig ist, kreativ darauf zu antworten). Das geht natürlich gar nicht!

Daher wird der weibliche Bewegungsspielraum möglichst eingeschränkt. Neben der Verhinderung von Extravaganzen fühlt sich das ja für die Typen so schlecht nicht an und basiert noch dazu auf hehren Traditionen: Besser geht’s nicht…

Was offenbar in dieser Umgebung kaum einem einfällt: Umarmungen können auch elastisch sein, also in Festigkeit und Abstand variieren – je nachdem, wie sich Musik und Aktionen im Augenblick gerade gestalten. Aber hierzu müsste man tanzen können, was ja beim Tango keine Voraussetzung ist. Lieber ergeht man sich in philosophisch-ideologischen Abhandlungen über den vorschriftsmäßigen Abrazo und seine Verderber.

Und das Schreckensbild des oben erwähnten Videos ist ja drastisch genug: Weiber, welche im Rudel und allein (!) die Beine schwenken. Was die alles treffen könnten…

Kommentare

  1. Gerade erreichte mich ein Kommentar von Matthias Botzenhardt:

    Hallo Gerhard,

    da bleibe ich ratlos zurück. Gehen den „Fachleuten“ langsam die Streitthemen aus?!
    Ich erlebe von Seiten der Damenwelt alles Mögliche: Herrliche Umarmungen, die sehr kräftig daherkommen – aber natürlich auch herrliche Umarmungen, die mich nur federleicht umhauchen.

    Ich möchte bitteschön beides nicht missen!

    Vor vielen Jahren habe ich bei Melina & Detlef einmal eine Gruppenunterrichtsstunde genossen, in der wir „verschiedene“ Umarmungen tanzen sollten. Und damit war nicht gemeint, dass wir die gegenseitige „Bewegungsfreiheit“ erlauben oder verbieten sollten.
    Die Skala der Vorgabe reichte von „Druck bis auf die Knochen“ bis zu „die Körperbehaarung wird nur leicht auf die Haut gerückt“ – oder so ähnlich.

    Der Himmel weiß, wie Frauen und Männer mit denen ich tanze, meine eigene Umarmung charakterisieren. Aber ich finde, das gute Tanzende unter möglichst vielen Graustufen wählen können sollten.

    In einem anderen Blog las ich gerade:

    „»In Sachsen lobe ich Preußen, in Preußen lobe ich Sachsen«, hat Lessing gesagt. Und das ist der vernünftige Patriotismus, der die Schäden im Vaterland durch das Beispiel des – wirklich oder vermeintlich – Besseren im Ausland zu heilen sucht.“
    …das passt hier irgendwie auch ganz gut zum Thema.

    Grüße,
    Matthias

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    1. Lieber Matthias,

      wir Blogger veröffentlichen halt Texte zu Themen, die uns persönlich beschäftigen – sicherlich in der Hoffnung, dass dies auch für einige andere gilt. Ob daraus dann ein „Streit“ entsteht, Desinteresse oder gar Zustimmung die Folge ist, ist häufig ziemlich überraschend für den Schreiber selbst.

      In diesem Fall fand ich vor allem die Kommentare interessant, welche eine ziemliche Angst vor „Kontrollverlust“ ausdrücken, sollte man auf eine sehr enge und feste Tanzhaltung verzichten.

      Und klar, mir kommt es hier ebenso auf die „Graustufen“ an: „Umarmungen können auch elastisch sein, also in Festigkeit und Abstand variieren – je nachdem, wie sich Musik und Aktionen im Augenblick gerade gestalten.“

      Ansonsten empfehle ich, mit meinem Blog so zu verfahren, wie ich dies bei den vielen Seiten tue, welche ich täglich verfolge: Was mich nicht interessiert, klicke ich gar nicht erst an.

      Beste Grüße
      Gerhard

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  2. Die Antwort von Matthias Botzenhardt:

    Kurze Präzisierung:

    Mit „Gehen den „Fachleuten“ langsam die Streitthemen aus?!“ meinte ich Janis Kenyon.

    Ich dachte, ihr Artikel sei neueren Datums. Aber zum Glück wurde ihr „Problem“ (seit November des Jahres 2016) nicht als zusätzlicher Streitpunkt für „richtig“ oder „falsch“ in die deutschen Tangodiskussionen übernommen.
    Es ist natürlich sehr interessant, dass Du diese Kommentare nochmals aufgegriffen hast und das Thema Kontrollverlust darin entdeckst. An Deiner (von mir so interpretierten) Schlussfolgerung:
    Feste Haltung => Mittel zur Kontrollbewahrung => typisch für Argentinische oder Deutsche Machos;
    könnte auch meiner Meinung nach durchaus etwas dran sein.

    Ich habe mir schon gefühlte dreihundert (auf Spanisch oder Englisch geführte) Interviews mit „wichtigen“ Tangolehrerpaaren aus Argentinien angesehen. Besonders bei den Paaren im Alter von Frau Kenyon (und älter), kann man leicht beobachten, wer von beiden die totale „Kontrolle“ behalten möchte. Man muss nur die jeweilige Redezeit mitstoppen – bzw. beobachten, wer SOFORT die Antwort gibt (obwohl eigentlich der Partner gefragt wurde).

    Viele Grüße,
    Matthias

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    1. Ja, allerdings – aber dieses Problem gibt es ja nicht nur im Tango.
      Übrigens redet auch fast ausschließlich er, wenn ein Lehrerpaar unterrichtet.

      Und ich hätte besser darauf hinweisen sollen, dass der übersetzte Artikel schon zweieinhalb Jahre alt ist. Andererseits ist das im Tangomaßstab nicht allzu viel.

      Beste Grüße
      Gerhard

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