Tanzen gegen Depressionen?

Nach einem aktuellen Artikel in der „taz“ jedenfalls soll es diese Wirkung haben:

Gemäß einem Beitrag, der im Februar im British Medical Journal veröffentlicht wurde, hilft es sogar besser als Schwimmen oder Jogging. Der Psychologe Michael Noetel von der australischen Queensland University und sein Team verglichen in einer Metastudie klinische und nichtklinische Behandlungsmethoden für Depressionen. Man verwendete die Ergebnisse aus 218 zufällig ausgewählten Studien mit insgesamt 14170 Teilnehmenden. Alle ausgewählten Untersuchungen befassten sich entweder mit der Wirksamkeit verschiedener Bewegungsformen, der Einnahme von Antidepressiva in Form selektiver Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) oder kognitiver Verhaltenstherapie.

Insbesondere so genanntes „aerobes Training“, also solches, das zu einer besseren Sauerstoffversorgung der Muskeln führt, soll gut wirken. In der Studie von Noe­tel schafft es Tanzen auf Platz eins, dicht gefolgt von Joggen und Walken auf Platz zwei. Kognitive Verhaltenstherapie landet „nur“ auf Platz drei, auf Platz fünf findet sich eine Kombination aus Bewegung und Medikamenten.

Dabei sei aber zu bedenken, dass es völlig Depressiven meist schwerfalle, überhaupt in Bewegung zu kommen. Bei leichten bis mittelschweren Erkrankungen aber soll Tanzen helfen, weil es auch das Selbstwertgefühl stärkt. Sporttherapie wird bereits von einigen Krankenkassen bezahlt und soll künftig zur Regelleistung werden.

Quelle: https://taz.de/Psychische-Gesundheit/!5993267/    

Ich kann die heilsame Wirkung des Tanzens nur bestätigen: Als ich Ende 2008 eine Krebsdiagnose bekam, half mir der Tango über belastende Behandlungen hinweg. Wir betreuten dann auch die Herausgabe von Büchern, die sich mit komplementärmedizinischen Krebstherapien befassten. In einem Artikel dazu schrieb ich:

„Auch ich habe damals die Gelegenheit benutzt, einen Beruf aufzugeben, der mich zwar stets fasziniert hat, dessen Belastungen jedoch durch eine komplette Veränderung der gesellschaftlichen Vorstellungen zum ‚Bildungsbegriff‘ für mich immer größer wurden. Ich tat das, was ich schon immer wollte: Bücher schreiben – und falls ich nicht mehr tanzen könnte, gleich mal eines über den argentinischen Tango. Glücklicherweise konnte ich der Leidenschaft auf dem Parkett aber weiterhin nachgehen – auch während der Chemotherapie und den Kräfte zehrenden Untersuchungen. Vielleicht, so beschreibe ich es in meinem Beitrag zum vorliegenden Buch, bin ich auf diese Weise dem Krebs davongetanzt…“

http://milongafuehrer.blogspot.com/2015/02/krebs-wege-aus-der-lauten-stille-des.html

Nun muss ich aber einschränken: Tanz ist sicherlich heilungsfördernd – wenn er denn einer ist. Wenn ich den Tango vor 15 Jahren mit dem heutigen vergleiche, habe ich große Zweifel.

Beim Hören der Musik ergreift mich schon an der Tür einer üblichen Milonga das Gefühl von Abgeschlagenheit und Schwere. Ein Blick auf die Tanzfläche verstärkt dann meine Antriebslosigkeit: Mit wem soll ich da tanzen – und zu welcher Musik? Lange hielt ich das für eine Alterserscheinung, die sich aber sofort auflöst, wenn mir mal schwungvollere Klänge geboten werden. Aber das ist heute selten geworden!

Ein Tangolehrer schrieb mir neulich dazu:

„Ja, auch ich langweile mich gelegentlich, auch ich bekomme ungeliebte Stücke zu hören, die mich stimmungsmäßig in eine Zechensohle, montags, an einem kalten Novembermorgen, versetzen.“

Er hat zwar nicht oft recht – da aber schon!

Wenn ich dann auf dem Parkett ernst dreinblickende Männer höheren Alters beobachte, die schlafende Frauen vor sich herschieben, tötet das meine Lebensfreude.Und wie soll es meine psychische Gesundheit fördern, wenn ich zum hundertsten Mal Stücke höre, die mir schon bei einmaligem Hören nicht gefallen haben?

Mariela Sametband und Guillermo Barrionuevo haben versucht, das Elend darzustellen, was ihnen aber nur ansatzweise gelang. Dazu können sie einfach zu viel. Außerdem hört man auf den üblichen Events kaum so schwungvolle Milongas.

   

https://www.youtube.com/watch?v=2PuKMevz-XQ

Wie man diese Musik umsetzen kann, zeigen hier Miguel Angel Zotto et Daiana Guspero. Aber das liegt meilenweit von den Verhältnissen in der Szene entfernt. Ja, ich weiß: Das ist „Bühnentango“, was heute den Gegensatz zu langweiligem Geschleiche bedeutet. Er wird bei Shows bejubelt, ohne als Anregung zu eigenem Tun verstanden zu werden.

https://www.youtube.com/watch?v=AFZ3-sTNng4

Die schreckliche Wirklichkeit sieht eher so aus:

https://www.youtube.com/watch?v=UTwglZpeu_k

Ich weiß auch nicht, ob es meine Lethargie beseitigt, wenn man mir genau vorschreibt, wie ich mich in der „Ronda“, also dem tangoüblichen Zwangsinstrument zur Vernichtung von Kreativität und Fantasie, zu verhalten habe. Dass es – eingedenk Christian Lindner – besser ist, nicht zu tanzen als falsch zu tanzen. Oder man das Tanzen lieber zugunsten schleppender Schritte ganz aufgeben sollte. Auf dass einen die Krankheit einholt!

Bei solchen Gedanken spüre ich fürwahr den eisigen Hauch von Sohle 7 eines stillgelegten Kohlebergwerks… Die Zeiten der Bewegungsfreude hat der Tango längst hinter sich gelassen. Wie heißt es in der „Milonga de Buenos Aires“?

Du bist die Blume von Buenos Aires, vergötterte Porteñita

Eine getreue Kopie des Bildes

Das schon lange verschwunden ist

Schrecklicher Verdacht: Erzeugt der heute übliche Tango nicht Depressionen, statt sie zu bekämpfen? Ich würde daher allen Patienten raten, sich lieber ein Hobby zuzulegen, bei dem man tanzen kann!

Ich fürchte, dann wird es Tango als Kassenleistung nicht geben! Das erinnert mich an ein Gespräch, das ich vor Jahren mit einer Tänzerin führte:

Zunächst stellte sie die oft gehörte Frage, wie es denn mit unserer Wohnzimmer-Milonga laufe (Sprich: Ob denn genug Leute kämen und es daher für sie interessant sein könnte). Zudem wollte sie wissen, wie weit Pörnbach von München entfernt sei. Meine Antwort : Na, gut 60 Kilometer. „Was – so weit?“ Ich entgegnete: „Also wir fahren auch mal 100 Kilometer zu einer Milonga.“ „Was denn – in eurem Alter?“ „Ach, das passt schon“, entgegnete ich. „Fahren tut uns der Zivi, und den Eintritt zahlt die Kasse.“

 

Kommentare

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