Miss Vergnügen


Birgit Faschinger-Reitsam ist mir vom Münchner Tango her ein Begriff. 2016 hat sie ein sehr interessantes Buch herausgebracht:

„Wenn Tango Leiden schaf(f)t – mit glücklichen Füßen genussvoll tanzen“

Inzwischen scheint sie vom Tango in die Abteilung „weibliche Esoterik“ gedriftet zu sein. Auf Facebook bewirbt sie – zusammen mit ihrer Illustratorin Sabine Paul – seit Tagen und zunehmend hymnisch ihr neuestes Werk:


Der Plot: Nina, eine Frau mittleren Alters, erkennt, dass sie im Leben zwar vieles erreicht hat, aber im Grunde nicht das, was sie wirklich glücklich macht. Im Vorwort heißt es:
„Mit Vergnügen ist eine Erzählung von einer Frau auf dem Weg zu sich selbst. Eine Frau, die erfährt, wie genussvoll es sein kann, sich das Leben leichter zu machen und zu sich zu stehen. Auf märchenhaft vergnügliche Weise lädt sie die Leserinnen und Leser dazu ein, die eigene Brillanz zu erspüren und zu entdecken.“

Das Problem ist: Solche Werken existieren halt bereits im gefühlten Zehntausender-Bereich. Da noch etwas Eigenständiges und Originelles zu liefern, erfordert viel Mut und noch mehr Können. Um es vorwegzunehmen: Mut hat die Autorin.

Zum Inhalt: Nina, einer erfolgreichen Immobilienmaklerin, wird von ihrer Haupt-Kundin gekündigt. Dies und ein (glücklicherweise entkräfteter) Brustkrebs-Verdacht bringt sie dazu, ihr bisheriges Leben in Frage zu stellen und nach Alternativen zu suchen.

Dabei assistieren ihr vor allem ihre beste Freundin Beate und die Boutiquenbesitzerin Elvira. So richtig eigenständige Charaktere gelingen der Autorin dabei nicht – die Damen fungieren eher als Zitategeber für Gedanken, welche sie ihren Leserinnen anbieten möchte: „Was willst du stattdessen?“ oder „Wie geht‘s noch besser?“.

Mit der Zeit fallen Nina auch selber zahlreiche Kalenderspruch-Weisheiten dieses Kalibers ein, welche einen roten Faden des Buches bilden. Die Heldin hält sie meist sorgfältig in ihrem Notizbüchlein fest – verständlich: Ich könnte mir sowas auch nicht merken. „Woher weiß ich, dass dieser Tag wieder ganz besonders wird?“ Leider habe ich da ebenfalls keine Ahnung.

Als weiteren Stichwortgeber lernen wir Peter, einen jungen amerikanischen Arzt, kennen, seines Zeichens „Trauma-Therapeut“. Original-Zitat: „In den USA haben wir ein Sprichwort, dass nichts Solides auf Sand gebaut werden kann.“ Und wie es der Zufall will, heißt die Immobilienbesitzerin, welche Nina gekündigt hatte, „Sandt“. Wow!

Elvira ist in Hinsicht auf Lebenserkenntnisse noch weit ertragreicher. Immerhin hat sie nicht nur Jura (natürlich abgebrochen) studiert, sondern auch eine Tanzausbildung absolviert, war längere Zeit in einem asiatischen Kloster und arbeitete als Stripperin. Da kommt natürlich einiges Verwertbare zusammen…

Kein Wunder, dass Nina auf der Suche nach sich selbst auch ihren Körper neu entdeckt, öfters nackend vor dem Spiegel. Überhaupt wird in dem Werk unheimlich viel geduscht und gebadet, eingecremt und sich über den Busen gestrichen (stellenweise einmal pro Seite). Wahrlich, von dampfender Weiblichkeit werden wir keinesfalls verschont!    

Überhaupt sollte Frau sich – auch kalorienmäßig – doch mehr gönnen. Elvira nennt höchst sinnlich ihren Hüftspeck „Maniglie d’amore“ – na gut, eigentlich schreibt man die „Liebesgriffe“ „Maniglie dell’amore“, aber in Italien war sie ja nicht… Etwas drastischere Andeutungen zum „Selfpleasuring“ lasse ich lieber weg – glücklicherweise macht die Autorin dies nicht zum zentralen Thema.

Was sich von Courths-Mahler über Pilcher bis zu Faschinger-Reitsam kaum verändert hat: Die Geschichten spielen stets in gehobenem Ambiente. Nina geht natürlich nicht putzen, sondern ist eine erfolgreiche Geschäftsfrau, ebenso scheint ihr Mann Klaus einer gehobenen Tätigkeit nachzugehen, welche ihn immer wieder in den Flieger, also von ihr weg, zwingt.

„Mit Vergnügen“ wird unheimlich viel getrunken und gegessen – aber natürlich auf höchstem Niveau: Beim Edel-Italiener gibt es Schampus „auf die Haus“, man reibt frische Trüffel über die Nudel-Spezialitäten. Aromatischen Jasmintee schlürft man selbstredend aus weißen Tässchen mit Goldrand, falls man nicht gerade einen Smoothie püriert und daran nippt. Gehobenen Kaffee genießt man bei jeder Gelegenheit – gerne mit zerstoßenen Kardamon-Samen und Zimt. Kapitelüberschrift: „Zimt und Sonders“. Da wäre man doch froh, das Gewürz wäre im Heißgetränk geblieben, anstatt sich im Buch zu verbreiten!

Die Geschichte weist Konstruktionen auf, welche ziemlich hölzern daherkommen. Was tut eine Frau, der gerade gekündigt wurde? Natürlich nicht auf der Arbeitsagentur stundenlang herumsitzen – nein: Bei einem beruflichen Termin landet sie unversehens in Elviras Boutique, und die Chefin stellt sie ungefragt sofort ein, überlässt ihr sogar gleich für zwei Stunden den Laden – und Nina entdeckt natürlich sofort ihr neues Traumkleid. Gekauftes wird dort in Seidenpapier mit Duftwässerchen eingepackt – von wegen Feeling.

Nein, von den wirklichen Problemen realer Frauen handelt das Werk nicht – von alleinerziehenden Müttern zu berichten, die sich mit drei Minijobs über Wasser halten oder gar von ihrem Ex verdroschen werden, hätte auf die Stimmung geschlagen. Durchaus korrekt bezeichnet die Autorin ihre Erzählung als „Märchen“. Ihre Heldin stolpert darin als „Miss Vergnügen“ von einer Erkenntnis zur anderen – aber stets in edler Verpackung.

Was der Autorin hoch anzurechnen ist: Der von mir bereits befürchtete neue Traumprinz erscheint nicht, stattdessen gibt es den Versuch, ihre abgekühlte Ehe mit dem nicht immer treuen Klaus zu retten. Nach einigen positiven Resultaten (er darf nächtens sogar mal ihren Busen halten) erkennt sie aber: Er wird sich nie ändern.

Etwa in der Mitte des Buches („Nett sein hilft nicht“) gelingen der Autorin wenige bemerkenswert realistische Seiten. Sie schildert, wie Nina (?) von Kindheit an darauf dressiert wurde, den Erwartungen anderer zu entsprechen. Da tun sich Abgründe auf, die ein ganz anderes Buch möglich gemacht hätten. Leider bleibt das Episode.

Bevor ich es vergesse: Die Illustrationen von Sabine Paul haben mir persönlich sehr gut gefallen, können das Buch aber nicht retten.

Wie kommt man aus dieser Story unbeschadet heraus? Mit einer Vorschlaghammer-Wendung: Ein Wasserrohrbruch schreddert die Boutique Elviras, welche anschließend auf einem Schaffell heulend meditiert, den Laden aufgibt und für zwei Jahre nach Japan tanzen geht. Im Epilog erfahren wir außerdem, dass Freundin Beate sich nun zum Sexualcoach ausbilden lässt und Bondage fesselnd findet. Gatte Klaus hat seinen fetten Job hingeschmissen und betätigt sich Non-Profit-weise. Ihr Liebesleben, so wird zart angedeutet, erwärme sich zunehmend.

Nina hat in Tunis den Bauchtanz für sich entdeckt und bittet an der Strandbar, wo sie einen alkoholfreien Cocktail schlürft, um einen Stift und beginnt, dieses Buch zu schreiben…

Ich finde, der Handel mit Schreibwaren in Strandbars sollte verboten werden!

Ich habe lange überlegt, ob ich diese Rezension (in einer gekürzten Version auch bei Amazon) veröffentlichen soll. Man möchte einer Autoren-Kollegin ja nicht schaden. Ich finde aber, bei so viel Selbstlob (wie man es auch im Buch auf den letzten Seiten findet), kann ein kritischer Blick nützlich sein.

Birgit Faschinger-Reitsam verfügt über eine große, meist weibliche Fangruppe. Es ist zu erwarten, dass etliche Damen aus diesen Reihen sich durch meine Veröffentlichung dazu anregen lassen, das Buch wütend zu verteidigen. Diese Werbung sollte man ihr nicht vorenthalten.

Hier der Link zum Buch:

Näheres zum Thema „Reichtum und Eleganz“ erfahren wir dort von der Autorin:


Kommentare

  1. Nun hat die Autorin auf ihrer Facebook-Seite reagiert:

    „Yeahhh, und ich nehme auch den ersten Verriss unseres Buches an.
    Tja, wenn ein missvergnüglicher Mann ein Frauenbuch liest, kann er nur ungnädig urteilen. Was frau aus diesem Buch mitnehmen kann und was andere mit 5 Sternen bewerten, entgeht ihm.
    Ich geh jetzt erst mal Feiern und schüttle diese Energie beim Tanzen wieder ab.“

    In einem Video, das sie heute auf FB noch nachgeschoben hat, bekennt sie, nicht gerne mit „alten Männern“ – jeden Alters – zu tanzen. Wenn ein Mann mit Lebenserfahrung sie führe, bleibe die Zeit häufiger stehen.

    „Alte Männer“ dagegen wollten nur ihr Ding durchziehen, belehren, der King sein und keine Königin an ihrer Seite dulden. „Alte Männer sind einsam, weil sie nicht einladend sind. Und besonders schad find ich’s, wenn die alten Männer schon betagt sind. Weil dann haben sie nur noch wenig Zeit, wieder jung zu werden.“

    Nun habe „ein alter Mann aus der Tangoszene eilfertig und ungnädig mein Frauenbuch bewertet, zu dessen Inhalt er offensichtlich überhaupt keinen Zugang findet.“ Ein Ritterschlag, aber den nehme sie an, ohne auf die Knie zu gehen. Sie bedanke sich für die Steilvorlage, „wie alte Männer Frauen sehen wollen. Es bereitet ihnen sichtlich Verdruss, wenn Frauen Vergnügen empfinden.“

    Anschließend fummelt sie ihre roten Stillettos an die Füße und bekennt, nach langer Zeit erstmals wieder zum Tanzen zu gehen.

    Na ja, da hatten wir gestern Abend ja etwas gemeinsam. Auch ich besuchte erstmals wieder eine Milonga, sogar mit Livemusik. Glücklicherweise waren wir wohl auf unterschiedlichen Events.

    Was soll man da sagen? Man hätte auf meine Rezension natürlich inhaltlich eingehen können. Viel einfacher ist es jedoch, sich mal wieder am Autor persönlich abzuarbeiten. In dem Fall reicht die Schublade: männlich, alt, einsam. Na ja – eine Ehefrau und tolle Tanzpartnerin habe ich immerhin…

    Wie würde es mir ergehen, wenn ich beispielsweise schriebe, junge Mädels seien zu doof, um die Abseitsregel zu kapieren? O mei‘, das wäre ein gefundenes Fressen für emanzipierte Sprachpolizistinnen: Diskriminierung, Sexismus…

    Als alter weißer Mann hingegen darf man einfach nicht empfindlich sein, gell?

    Quelle: https://www.facebook.com/birgit.faschingerreitsam

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    1. Robert Wachinger27. Juli 2020 um 09:33

      Oh mei, Gerhard, was rezensierst denn auch nen "Frauenporno"? Da fehlt dir doch der Sinn dafür, genauso wie den meisten Frauen, wenn sie irgend eine alte Science Fiction Geschichte mit Weltraum, Technik und Raumschlachten usw. rezensieren würden ... ;-)

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    2. Lieber Robert,

      also:"Frauenporno" ist das keiner - da muss ich die Autorin wirklich in Schutz nehmen.

      Warum ich das Buch rezensiert habe? Der Grund ist bei jedem Artikel derselbe: Weil mir das Thema Spaß macht.

      Und sorry, vielleicht bin ich da ziemlich untypisch gestrickt: Ich könnte nie SF mit Technikkram besprechen. Aber in Frauenbüchern geht es ja indirekt meist auch um Männer. Da finde ich ein "Mitspracherecht" durchaus vertretbar.

      Liebe Grüße
      Gerhard

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  2. Das oben angesprochene Video ist nun auf der FB-Seite der Autorin nicht mehr öffentlich einsehbar.

    Ach, was soll denn diese Versteckspielerei? Ich würde es vorziehen, offen über die Sache zu diskutieren. Aber die Debattenkultur im Tango ist wohl noch sehr ausbaufähig...

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