Ist die „alte Musik“ langweilig?


Wie schön: Alt-Blogger Cassiel hat uns doch wieder einmal mit einem Artikel beschenkt! Vor dem lauten Treiben des Jahreswechsels hat er sich mit dem Gesamtwerk Michael Lavocahs in eine einsame Berghütte (offenbar mit WLAN) zurückgezogen und philosophiert mit Blick ins Kaminfeuer über Di Sarli und Tomatensoße:

Man vergebe mir die Ironie – aber der Kollege hat das Posieren schon drauf, das muss ihm der nicht vorhandene Neid lassen. Aber nun zum Thema!

„Ein immer wieder vorgetragenes Argument gegen die ‚alte‘ Tangomusik lautet: Es ist zu wenig Variation. Alle Stücke klingen irgendwie gleich. Diesen Standpunkt habe ich schon so häufig gehört … ich konnte ihn noch nie nachvollziehen.“

Carlos Di Sarli beispielsweise habe von 1928 bis 1959 Aufnahmen produziert – daher gebe es „mindestens vier verschiedene Orchester“. Sicher – und Juan D’Arienzo spielte seit 1926 etwa 50 Jahre lang, Pugliese war 55 Jahre aktiv und Fresedo sogar 63 – also weit über die „magische EdO-Grenze“ von 1960 hinaus. Selbst bei den ganz großen historischen Orchestern begrenzen konservative DJs deren stilistische Vielfalt. Und wieso? Ach ja, die mangelnde „Tanzbarkeit“ in der Post EDO-Ära – und die beurteilt von Leuten, welche lieber den ganzen Abend hinter ihrer Anlage sitzen statt sich auf dem Parkett zu betätigen…

Vom „Nachvollziehen der Entwicklung der Musik eines Orchesters über die Jahre oder Jahrzehnte“, welche Cassiel beschwört, höre ich auf den üblichen Milongas nichts! Da wird bis heute in den Tandas streng darauf geachtet, dass die enthaltenen Titel höchstens wenige Jahre auseinanderliegen…

Cassiel nennt das Beispiel des Tangos „Milonguero viejo“, den Di Sarli insgesamt viermal (1940, 1944, 1951 und 1954) eingespielt habe. Da dies einer meiner Lieblingstangos aus alten Zeiten ist, darf ich hier berichten: Auf „traditionellen“ Veranstaltungen höre ich das Stück höchst selten und wenn mich meine Ohren nicht täuschen – stets dieselbe Version (nach meinen Quellen von 1955). Stattdessen werde ich auf jeder zweiten Milonga mit der Tangokurs-Endlosschleife „Bahía Blanca“ gemartert.

Den kulinarischen Vergleich des Blogger-Kollegen kann ich sehr gut nachvollziehen: „Tomatensauce“ verdient auch bei mir erst dann die Bezeichnung, wenn sie in einer von ihm genussvoll beschriebenen Version produziert wird. Da ich aber öfters auf konservativen Milongas zugange bin als er auf moderneren Veranstaltungen (in meiner Gegend fast unvermeidlich), darf ich bekennen: Was ich da üblicherweise geboten bekomme, sind nicht mal Billignudeln mit Fertigsoße und geriebenem Parmesan im Tütchen, sondern Dosen-Ravioli.

„Ich erwarte (gerade von den hochbezahlten Stars), dass sich DJs vorbereiten und wissen, was sie auflegen“, so des Meisters Worte. „Ich finde, es gibt zu viele schlechte (oder unvorbereitete) DJs.“

Da kann ich ihm nur beipflichten – nur sieht er die tiefere Ursache nicht: Auf dem „traditionellen“ Sektor gibt es ja Playlist-Dosenfutter en Masse, was die Zahl derer, welche meinen, Öffnen und Erhitzen reiche, ins Unermessliche wachsen lässt. Ein DJ, welcher modernere Klänge bieten will, ist da wesentlich mehr auf eigene Recherchen angewiesen. Daher habe ich auf solchen Veranstaltungen öfter Spaß – und wenn mal vermeidbares Zeug kommt, ist es für mich oft wenigstens neu und daher a priori nicht ganz uninteressant. (Zugeben muss ich allerdings: Es gibt auch in dieser Sparte Entsetzliches – beispielsweise, wenn ein DJ meint, uns statt mit Tango mit ollen Popmusik-Kamellen aus seinen Jugendjahren verwöhnen zu müssen. Aber diese von mir sorgfältig gespeicherte Destrudo hebe ich mir für einen späteren Artikel auf.)

Wer „Strictly EdO“ auflegt, muss halt wissen: Es ist Musik aus einer Mainstream-Epoche. Damals gab es ein Meer von Fans, die vor allem eins wollten: Tango. Auf künstlerische Qualität kam es dabei ebenso viel oder wenig an wie beim Hype der deutschen „Italien-Schlager“ aus den 50-ern oder der „Flower Power“-Welle der 70-er Jahre. Mit anderen Worten: Da ist – neben wirklich tollen Einspielungen – jede Menge Müll dabei.

Wenn man den auslässt, verengt sich die Auswahl ziemlich – und selbst dabei ist deutlich zu hören, dass die Anhänger damals halt einen sehr speziellen, zeitgebundenen Stil bevorzugten. In Überdosis wird bereits das langweilig. Ich habe gestern Abend einen wirklich sehr guten DJ aus dem klassischen Sektor erlebt, der ein „Best of“-Programm abbrannte, das es in sich hatte – das Volk tobte! Und auch ich habe es sehr genossen, stellte mir jedoch die bange Frage: Was will der beim nächsten Mal auflegen?

Was mich bei dem Thema besonders amüsiert, ist die der rhetorische Trick, Zweifler zu überzeugen: Wer eine Musik langweilig finde, habe eben nicht genau genug hingehört oder müsse diese halt in hochwertigerer Qualität abspielen.

Sorry, Ihr Lieben: So funktioniert Tanzmusik nicht. Sie zielt nicht auf Großhirnwindungen, sondern das Bauchgefühl. Ein Hype wie die Tangobegeisterung in den 40-er Jahren, die Rock’n Roll- und Beatwelle oder die Euphorie für Bigband-Swing resultierte nie aus sorgfältigem Musikstudium oder besonderer Klangqualität, sondern aus dem direkten Zugriff der Musik auf die Hormone und das Lebensgefühl einer Generation. Und daher war sie immer auch zeitgebunden.

Was sich seit Jahren im Tango abspielt, ist einzigartig. Jede Tanzschule, jede Tanz- und Showband bietet sicherlich auch einmal Klassiker wie einen Strauss-Walzer, die Rumba „Perfidia“ oder den Quickstep „You are the cream in my coffee“ aus dem Jahr 1928. Daneben aber vor allem moderne Stücke, um den Geschmack des jungen Publikums anzusprechen oder schlicht, damit es nicht eintönig wird. Nur im Tango arbeiten sich seit bald 20 Jahren Fachleute an der Defibrillation toter Musik ab.

Nein: Langweilig ist nicht die „alte“ Musik – nur ihre Ausschließlichkeit und Zusammenstellung.

Daher weiß ich nicht, ob Kollege Cassiel seinen Tomaten-Vergleich wirklich zu Ende gedacht hat: Kein Sternekoch würde ein noch so gut gemachtes Menü aus Tomaten-Carpaccio, Tomatensuppe, Nudeln mit Tomatensoße und dann vielleicht noch „Italienische Creme“ auf Tomatenbasis anbieten – und als Getränk Tomatensaft.

Dazu hat der legendäre Helmut Qualtinger das Nötige schon gesagt:
„Die Paradeiser und der Kaas staubt mir scho aus die Ohren außi.“
http://www.bildspur.at/wienerisch/sites/texte/qualt1.html

Illustration: www.tangofish.de

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