Am Computer kann’s nicht liegen


Der Unterschied zwischen kleinen und großen Jungs ist der Preis für ihre Spielsachen. Das wird mir immer wieder klar, wenn ich in DJ-Foren auf Facebook stöbere.

Kürzlich lautete eine Frage:

„Kennt ihr jemanden, der Milongas mit Streamingdiensten wie Spotify oder YourTube Premium beschallt hat?“

Keine Ahnung, was das sein soll – ich lege immer CDs auf…
Zunächst wurden juristische Aspekte diskutiert:

„Spotify für das Abspielen als DJ zu verwenden ist zum einen verboten (Gema), zum anderen würde ich mich darauf auch nicht verlassen wollen.“

Rechtliche Gesichtspunkte geben aber meist nicht allzu viel her, da einige dazu zwar einen vorgedruckten Satz bereithalten, aber keiner wirklich umfassend durchblickt.

Amüsanter fand ich dann schon diese Anmerkung:

„Nimm doch einfach ein gutes Tango-Radio als Streaming und fertig. Tanda Of The Week ist immer eine gute Adresse zu Beginn. Nur blöd, wenn ‚DJs‘ diese Tandas jahrelang benutzen und sich DJ nennen...“

Ja, schon, aber braucht man dazu ein Radio? Fast jeder, der öde auflegt, benutzt doch einen Computer

Richtig Fahrt nahm die Debatte dann auf, als ein Kollege meinte, seine Zunftgenossen zum korrekten Vorspielen belehren zu sollen:  

„Ein richtiger DJ nutzt lossless Formate. Alles andere ist eine Zumutung für die Kunden.“

Man müsste eigentlich wissen: Der sicherste Weg, im Internet einen Gockelkrieg vom Zaun zu brechen, besteht darin, den anderen Buben Bedingungen stellen, damit sie in der Indianergruppe mitmachen dürfen. Alternativ kann man auch behaupten, der Spielgefährte habe gar nicht verstanden, worum es sich handle…

Und schon ging’s los! In Auszügen:

„Eine anmaßende Behauptung!“

„Was zu beweisen wäre. Inspirationslose Auswahl ist die einzige Zumutung und die Reduzierung auf die immer gleichen Tangos, die immer gleiche Stimmung.“

„Ich schließe mich da (…) zu 100 % an. Auch ist zu beobachten, dass viele Gäste den Qualitätsunterschied gar nicht erkennen. Viele Anlagen können die Qualität gar nicht transportieren. Und ganz ehrlich, sind wir auf einem Konzert oder auf einer Tanzveranstaltung??“

„Traurig bist nur du mit Deiner Selbstüberschätzung... Merkst Du nicht, Du hast nur ein Like bekommen!?

Nebenbei: Ein Link zum Dunning-Kruger-Effekt darf inzwischen nicht fehlen – vulgo: Je dämlicher sie sind, desto mehr glauben manche Leute, Bescheid zu wissen! Und auch wenn man selber nicht mehr Likes erhält, muss man die wenigen für den Gegner genüsslich betonen...

Nun war es an der Zeit, dass der Kritisierte zurückschlug:

„Du hast recht, nicht jeder, der gutes Material hat, ist ein Profi. Aber jeder Profi hat gutes Material, oder zumindest das bestmögliche. Ich bin übrigens kein Profi, sondern nur ein Liebhaber von guter Musik, und ab und zu lege ich mit CD´s auf. Wenn Euch das Gestümpere mit mp3 Dateien reicht, dann bitte. Liked euch gegenseitig. Und Deinen Dunning-Kruger kannst Du dir ruhig selber nochmal durchlesen.

Wenn der deutsche Mann sich angegriffen fühlt, haut er mit technischen Termini zurück:

„Nochmal kurz zum technischen Verständnis: Du legst mit CDs auf?! CDs haben eine Abtastrate von 44.1 kHz und eine Samplingtiefe von 16 bit - ähnliche Werte gelten, soweit ich weiß, auch für mp3 - also noch ein Stück weit entfernt von HighRes, die erst bei 96 kHz und 24 bit anfangen.
Also bitte, wenn schon arrogant und herablassend klugscheißen, dann sollten aber zumindest die Fakten einigermaßen korrekt sein!“

„In 7 Jahren hat sich bisher noch niemand über die lausige Soundqualität meiner mp3s beschwert (320 kbit/s)“

„Hmm, wenn ich oben nachlese, steht da nur was von lossless und nicht highres ... Und solange du gutes Ausgangsmaterial in 320er kodierst, ist für mich alles gut. Ich glaube, die Kritik richtet sich eher an Hobby-DJs, die 128 bit Mp3s von YouTube oder anderen Quellen runterladen und benutzen, und das hört man schon.“

„Letztlich ist es doch so, wenn durch schlechte Aufnahmen Audioinformationen fehlen oder anders auf ein Medium transportiert werden, dann fehlen diese halt... egal, ob ich für die Flac 30 Euro bezahle oder eine 128 kb MP3 Datei habe... die Qualität kann hör- und messbar ähnlich (schlecht) sein.

Einem der Opponenten gelang es schließlich, das eigentlich Wichtige zum Schluss immerhin zu streifen:

„Ich freue mich, dich irgendwann mal live zu hören und zu erleben, wie die über 100 Menschen auf Grund deines Anspruches einen schöneren Abend haben.
Ach so, nebenbei, ich erwarte dann auch das perfekte Austarieren mit einem entsprechenden Equalizer und einem Equipment, welches, wenn du schon digitale Produkte benutzt und keine analogen Träger wie eine LP, einen extrem hochwertigen D/A Wandler, den entsprechenden Verstärker und vor allem Boxen die das geforderte Klangbild so im Raum verteilen, dass dies auch in meinem Ohr ankommt.
(...)
Für mich ist wichtig, dass meine Musik einwandfrei ist und dem Gast ein gutes Gefühl vermittelt und zum Tanzen verführt. Den richtigen Anspruch an die Tonqualität kann ausschließlich nur ein Live-Orchester geben. Alles andere ist viel Blabla.
Als DJ sollte man sich mehr mit seinen Gästen beschäftigen als mit der Technik, dass dies nämlich nach hinten losgeht, erlebe ich viel zu oft. Egal, welches Format, wenn du scheiß Tandas zusammenstellst und keinen Wert auf Timing und Harmonie sowie Tanzbarkeit legst, kannste es einfach sein lassen.“

Für solche Auseinandersetzungen eher untypisch: Der zunächst aus der Rolle Gefallene drückte dann doch sein weitgehendes Bedauern aus (vielleicht schon mit der Vorahnung, in meinem Blog zu landen?):

„Meine Ausgangsbemerkung war abschätzig formuliert, insofern konnte hier auch keine weiterführende Diskussion entstehen. Für die flapsige Bemerkung möchte ich mich entschuldigen. Auf der anderen Seite zeigt mir die Heftigkeit eurer Reaktionen auch, dass ich einen wunden Punkt berührt habe. Vielleicht können wir den ja mal in einem späteren Thread auf zugewandtere Weise diskutieren.“

So konnte auch ein Kontrahent wieder zurückstecken:

„Von meiner Seite wars nur die, leider dann auch wiederholte, Abschätzigkeit und Respektlosigkeit, und eine gewisse Inkoheränz der Aussagen, nicht das technische Thema als solches, die für Missmut sorgte.“

Muss ich noch dazusagen, dass es sich bei den Gegnern ausschließlich um Männer handelte? Nur diese benutzen technische Einrichtungen (ob nun Autos oder Tonanlagen) als Persönlichkeits-Krücke: „Meine Erbsenpistole hat aber eine Mündungsenergie von 0,8 Joule und ein 25 Schuss-Magazin!“ „Das ist noch gar nichts gegen mein Laserschwert mit drei AAA-Batterien zu je 1,5 Volt!“

Solche Auseinandersetzungen sind eigentlich riesig komisch. Das Schlimme ist nur, dass sie zur erfolgreichen Beschallung einer Milonga so gut wie nichts beitragen:

Nur in raren Ausnahmefällen stört mich auf Tangoveranstaltungen die Qualität der Wiedergabe – und wenn, dann geht es mir eher um simple Probleme wie die Lautstärke (was möglicherweise manchmal an meiner Altersschwerhörigkeit liegt).

Was mich ungleich häufiger nervt, sind einseitige, ideenlose und spannungsarm zusammengestellte Musikprogramme, Tandas, welche ich in dieser Reihenfolge schon viele Male gehört habe, DJs, die sich hörbar nichts trauen, sondern ängstlich die Vielzahl von Regeln befolgen, welche eine bestimmte Tangofraktion heute für nötig hält.

Und obwohl ich von Tontechnik wenig Ahnung habe, kann ich mir nicht vorstellen, ob die ganzen technischen Finessen bei Aufnahmen viel bringen, die vor mehr als einem halben Jahrhundert mit den damaligen Aufzeichnungsmethoden produziert wurden. Da hätte man es bei Einspielungen aus dem 21. Jahrhundert leichter.

Vor allem aber müssten die großen Jungs hinterm Mischpult endlich einmal kapieren, dass sie zum Veranstaltungs-Personal gehören, also dafür zu sorgen haben, dass sich die Gäste wohlfühlen. Sich hinter dem Computer zu verschanzen und (gefühlt) passende Musik zu bieten, reicht da nicht. Man könnte freundlich auf die Besucher zugehen und – horribile dictu – auch mal mit „einsamen Herzen“ tanzen.

Ich habe am vergangenen Wochenende zwei solcher DJs erlebt: Den einen bewundere ich vor allem für seine Begeisterung, mit der er sein Musikprogramm ansagt. Man merkt, dass ihm das Auflegen ein Herzensanliegen ist – und als Preise bei der Verlosung gibt es auch CDs mit dem musikalischen Schwerpunkt des Abends.

Der andere fragte zur meiner riesigen Überraschung in der letzten Stunde die Gäste nach besonderen Wünschen, aus denen er eine spontane Schlusstanda zusammenstellte. So hielt er bis zum Ende die Tanzfläche gut gefüllt. Und beide tanzen auch öfters mit Gästen.

Der Fantasie, wie man die Stimmung auf einer Milonga positiv beeinflussen kann, sind keine Grenzen gesetzt. Dazu bräuchten wir an den Abspielgeräten wieder mehr Musik- und Tanzfans statt Computerspezialisten. Denn wichtiger als ihre Dateiformate ist das Format der Person, die auflegt. Diese Tätigkeit verlangt ganz viel Intuition und Bauchgefühl, und diese Eigenschaften sind eher selten.

Nun aber zurück zum Computer


P.S. Vorschau – demnächst in diesem Theater: Wie viele Sekunden sollen die einzelnen Titel einer Tanda voneinander trennen? 93 Kommentare – sensationelle Erkenntnisse! (reine Tatsachen – keine Satire...)

Kommentare

  1. Hier ein Kommentar meiner Leserin Annette:

    Lieber Gerhard,

    ich melde mich nach längerer Zeit mal wieder.

    Ich stimmte Dir vollkommen zu, am Computer kann es nicht liegen, und die
    technischen Diskussionen, ob man mp3s nehmen darf oder nicht, sind ja
    schon alt. Um was es geht, ist die Musik, und da haben wir ja einen
    ähnlichen Geschmack. Und nichts geht über Live-Musik!

    Allerdings stört mich an Deinem Beitrag doch ein leises
    Geschlechterklischee: Zwar sind es zur Zeit tatsächlich noch vor allem
    Jungs, die gerne zu digitaler Technik des DJing fachsimpeln, aber eben
    nicht nur. Ich oute mich mal als ältere Dame, die ebenfalls eine
    Affinität zum Digitalen hat. Mir macht das Spaß, und ich liebe es,
    Technik auszuprobieren und damit rumzuspielen. Und tatsächlich
    erleichtert die Technik auch manche Tätigkeiten. Und ja, ich fachsimpele
    auch sehr gern darüber, allerdings in Kreisen, wo ich möglichst andere
    nicht so damit nerve. Also z.B. nicht auf Deinem Blog.

    Geschlechterklischees gibt es in zwei Richtungen: Früher: "ja, die
    Frauen gehören an den Kochtopf und verstehen nichts von Technik", heute:
    "Das sind ja alles nur männliche Nerds, die so technikaffin sind". Und
    schon sind die pauschal abqualifiziert und man braucht sich nicht damit
    auseinanderzusetzen. Braucht man auch nicht, aber lass denen doch ihren
    Spaß. Ich bin mir sicher, die meisten wissen, dass sie sich in einer
    Nischendiskussion befinden und die Diskutierfreude geht mit denen durch,
    weil in der Gemeinschaft noch einer ist, der darauf eingeht.

    Einig sind wir uns, es geht um die Musik! Die hat erst mal nichts mit
    digitaler Technik zu tun. Und da ist es unerheblich, wie genau eine
    jeweilige DJ das macht, solange es gut klingt. Ich habe mal ein
    Experiment gemacht: Die gleichen Titel einmal von einer CD und einmal
    als mp3 abgespielt: Keiner und keine, auch nicht einige Angeber, waren
    in der Lage, den Unterschied zu hören. Auch ein jugendlicher
    Geigenschüler mit absolutem Gehör konnte das nicht. Jugendliche hören
    bekanntlich auch viel höhere Frequenzen als wir älteren Herrschaften und
    können daher Klangfarben viel differenzierter wahrnehmen.

    Schließlich: Bei uns ist letzte Woche das phantastische Cuarteto
    Rotterdam aufgetreten (und hat Begeisterungsstürme ausgelöst). Auch
    diese Musiker, die wohl mehr von Tangomusik verstehen als alle
    DJ-Forenschreiber zusammen, sind technikaffin. Es war eine Freude, mit
    denen die Verstärkung, den Sound und das Zusammenspiel mit meiner
    DJ-Technik (computergesteuert) einzurichten. Das allerdings ist jetzt
    wirklich überhaupt nicht das Kriterium gewesen, warum wir diese tollen
    Musiker eingeladen haben, ich erwähne das nur, weil Freude an der Kunst
    und Freude an der Technik keine Gegensätze sein müssen.

    Noch etwas, ich kaufe meine mp3s, denn die Musiker brauchen auch ein
    Einkommen. Youtube und Spotify benutze ich, um neue Musik zu entdecken,
    aber wenn ich sie in der Milonga abspielen will, kaufe ich sie dann.
    Allerdings als mp3, denn da ist schon Gema-Gebühr enthalten. Wenn ich
    dagegen CDs rippe, muss ich noch mal Gema zahlen. Das ist ein anderes
    Thema, über das ich mich sehr aufregen kann.

    Viele Grüße von Annette (Tango-Diavolo)

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    Antworten
    1. Liebe Annette,

      ich wollte wirklich keine Geschlechter-Klischees verbreiten. Sicherlich gibt es auch Frauen, die sich - oft sehr fundiert - mit Technik beschäftigen.

      Aber das war nicht die Zielrichtung meines Artikels.

      Es geht mir um ein Verhalten, das ich schon weitestgehend dem männlichen Geschlecht zuordnen würde, nämlich Technikkenntnisse als Waffe zu benutzen, um sie dem werten Konkurrenten um die Ohren zu hauen - durchaus vergleichbar dem Geplustere um Automarken. Und die Typen, welche dann mit mehr als hundert Stundenkilometern durch die Innenstädte rasen, sind wohl fast immer Männer.

      Und was bei weiblichen DJs auch kaum vorkommt - und da bist du ja das beste Beispiel: Dass man bei dem ganzen Gewese vergisst, worum es wirklich geht: Die Gestaltung eines schönen Musikprogramms.

      Danke für Deinen Beitrag und herzliche Grüße
      Gerhard

      P.S. Du darfst gerne mal einen Gastbeitrag zur digitalen Abspieltechnik schreiben - wird gerne abgedruckt und nervt mich keineswegs - im Gegenteil: Wären wahrscheinlich nützliche Informationen!

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