Donnerstag, 3. Mai 2018

In versteinerter Schönheit


Ich habe heute noch ein wenig im Paul Yangs Blog „In Search of Tango“ gestöbert und bin auf einen weiteren, wundervollen Text des Autors gestoßen, in dem die gesellschaftspolitischen Grundlagen des „traditionellen Tango“ sehr klar werden.

Daher meine vollständige Übersetzung:

Weiblichkeit und Feminismus im Tango II

Wenn ein Mann und eine Frau zusammen Tango tanzen, passiert etwas Magisches: Gefühle, Empfindungen, Sentiment, Anziehung, Romantik, Synergie usw. Die Befriedigung des Tango kommt von der Tatsache, dass er ein intimer Tanz zwischen einem Mann und einer Frau ist.
 
Der Mann führt die Frau mit seinem Körper und bringt ihre Weiblichkeit voll ins Spiel. Die Frau ergibt sich dem Mann und benutzt ihren Körper, um ihn zu trösten, anzuziehen und zu belohnen. Die beiden gegensätzlichen Geschlechter ergänzen sich, befriedigen die Bedürfnisse des anderen und lassen jeden in der Gesellschaft des anderen brillanter glänzen.

Manche Leute glauben, dass mit Übung jeder jede Rolle im Tango verkörpern kann, was ich bezweifle. Männer sind nicht gut darin, die weibliche Rolle zu spielen – nicht, weil sie keine Gelegenheit dazu haben, sondern, weil sie männlich geboren wurden. Ein Mann hat nicht den Körper, die Weichheit, Leichtigkeit und Flexibilität einer Frau. Er hat auch nicht die weibliche Psychologie, die sich aufgrund der reproduktiven Natur der Frauen entwickelt, ihr Bedürfnis nach Schönheit (um Männer zu gewinnen), Zuneigung, Sicherheit und Abschirmung. Diese Eigenschaften beeinflussen, wie Frauen tanzen. Auf der anderen Seite haben Frauen nicht die Statur und Kraft der Männer. Sie haben nicht die männliche Psyche, die sich entwickelt hat aufgrund deren Jagdnatur, ihrem Bedürfnis, Initiativen zu ergreifen, zu kontrollieren und Frauen zu beschützen. Wenn Männer und Frauen von Natur aus in den entgegengesetzten Rollen gut wären, wäre der Tango anders getanzt worden.

Nicht weit von meinem Haus entfernt brütet eine weibliche Gans unter einen Baum, und eine männliche Gans in der Nähe bewacht sie und verhindert, dass das Weibchen gestört wird. Ich muss einen Umweg machen, wenn ich an diesem Baum vorbeigehe, denn der Ganter lässt mich nicht näher kommen. Er beschützt die Gans sehr. Kann der Ganter brüten und die Gans bewachen? Ich nehme an, sie könnten es. Aber das wäre nicht natürlich und ebenso passend. Männlichkeit und Weiblichkeit sind Merkmale der gegensätzlichen Geschlechter, die für die Erhaltung der Art wesentlich sind. Das Männchen ist typischerweise stark, durchsetzungsfähig, aggressiv und beschützend, ein guter Vater und Beschützer, wenn gewünscht. Das Weibchen ist in der Regel weich, attraktiv, unterwürfig und liebevoll, eine gute Mutter und Betreuerin, wenn nötig. Diese Eigenschaften ermöglichen es den Geschlechtern, sich gegenseitig anzuziehen und eine nachhaltige Beziehung zum Wohle der Nachkommen zu bilden.

Menschen schätzen oft nicht, wie die Natur funktioniert, und wollen sie verändern. Aber was aus der Natur kommt, stammt aus Millionen von Jahren natürlicher Selektion und ist daher das Beste, Passendste und Effektivste. Die Einmischung in die Natur führt oft zu katastrophalen Folgen wie vom Menschen verursachte Klimaveränderungen, Umweltkatastrophen, mysteriösen Krankheiten, Sterilität, Babys mit Geburtsfehlern, Zerfall der Familie und sogar dem Untergang der Zivilisation. Diejenigen, die denken, dass sie schlauer seien als Gott, schaden uns allen mit ihrer ignoranten Einmischung in die Natur.

Gute menschliche Werte basieren auf dem, was der Menschheit nützt und nicht einer einzelnen Person oder einem Geschlecht. Das Problem von Individualismus und Feminismus ist, dass ihre Perspektiven auf eine einzelne Person oder ein Geschlecht beschränkt sind. Folglich verwechseln sie das Gute mit dem Bösen und das Schöne mit dem Hässlichen. Gier ist hässlich, wird aber als Streben nach Glück gerechtfertigt. Egoismus ist hässlich, aber er wird als Durchsetzung der eigenen Rechte verschönert. Andere nicht zu respektieren ist hässlich, wird aber als persönliche Freiheit gerechtfertigt. Arroganz ist hässlich, wird aber als Selbstvertrauen schön geredet. Männlichkeit ist bewundernswert, wird aber als Sexismus verunglimpft. Weiblichkeit ist schön, wird aber als weibliche Schwäche usw. abgetan.

Solche Ideologien stellen die traditionelle Art in Frage, wie der Tango getanzt wird, und bezeichnen ihn als männliche Dominanz und Geschlechterungleichheit. Sie wollen, dass der Tango so getanzt wird, dass Männer und Frauen undifferenziert sind, dass Männer nicht führen, sondern Frauen nur dazu einladen, Schritte zu tun, dass die Frauen sich nicht ergeben, sondern unabhängig bleiben, dass Frauen wählen können, wie, wann und ob sie die Einladung annehmen, ihre eigenen Schritte einleiten und Männer oder andere Frauen führen, dass die beiden Partner Abstand voneinander halten, um sexueller Annäherung vorzubeugen, und dass die Tango-Umarmung durch eine offene Haltung ersetzt wird, um mehr Individualität etc. zu ermöglichen. Dadurch wird Tango zu etwas, das nicht mehr Tango ist.

Tango basiert auf den Ideen, dass Männer und Frauen eher voneinander abhängig sind als unabhängig, dass Männlichkeit bzw. Weiblichkeit das andere Geschlecht ergänzen und nicht weniger wert machen, dass ein männlicher Mann und eine weibliche Frau zu sein attraktiv, nützlich und wünschenswert ist, dass die Harmonie der beiden Geschlechter durch gegenseitige Rücksichtnahme und Kooperation und nicht durch Konfrontation und Machtkampf erreicht wird, und dass Liebe über Feindseligkeit triumphiert.

Während Individualismus und Feminismus die Individualität und Unabhängigkeit des Einzelnen in den Mittelpunkt stellen, konzentriert sich der Tango auf die Partnerschaft und Einheit des Teams. Er fordert uns auf, freundlich, unterwürfig, demütig, anpassungsfähig, kooperativ, angenehm und nachgiebig zu sein. Tango beweist, dass die zwei Geschlechter eine harmonische Beziehung bilden können, indem sie sich an diese Werte anpassen. Trotz der Herausforderungen, mit denen der Tango im Westen konfrontiert ist, hat er, wie ich glaube, nach wie vor positive Auswirkungen auf unsere Gesellschaften, denn wir können den Tanz und die Beziehung zum anderen Geschlecht nicht voll genießen, wenn wir seine Werte nicht annehmen.

Hier das Original:

Ich finde, der Text spricht für sich. Als Biologe kann ich mir dennoch einige Anmerkungen nicht verkneifen:

Es stimmt, dass bei den Gänsen ausschließlich die Weibchen brüten. Bei Emus hingegen fallen Nestbau und Brut komplett in den männlichen Aufgabenbereich, bei Straußen wechselt man sich ab – und hier hat der Herr anders als bei der Einehe der Gänse noch einige „Nebenhennen“ in Petto…. Die Gründe fürs Brutverhalten liegen weniger in der Verteilung von Körperkraft und Fürsorglichkeit, sondern im häufig sehr auffälligen Gefieder der Männchen, welches die Tarnung des Nestes auffliegen lassen könnte. Da im Dunkeln alle Machos grau sind, übernimmt bei etlichen Vogelarten der Herr die Nachtschicht auf den Eiern.

Das Weltbild, unter dem Herr Yang offenbar leidet, stammt nach meinen historischen Recherchen aus dem 18. Jahrhundert:


Irgendwie erinnert mich das an Nigel, den wohl weltweit bekanntesten Tölpel:

Auf Mana, einer kleinen Insel nahe der neuseeländischen Hauptstadt Wellington, wollten Naturschützer eine neue Kolonie dieser Vogelart begründen. Zu diesem Zweck wurden 1998 von Schulkindern zirka 80 Betonattrappen der betreffenden Flattermänner aufgestellt. Der einzige Depp, der darauf reinfiel, war Nigel. Er baute seiner Angebeteten sogar ein Nest und war selbst von lebenden Artgenossen nicht von seinem betonierten Beuteschema abzubringen.

„Die Balz war lang“, so Chris Bell, der Naturaufseher der Insel. Im Februar dieses Jahres wurde nun Nigels Leiche entdeckt – im selbstgebauten, aber nie bestimmungsgemäß benutzten Nest.     

Meine Idee wäre nun, auch Herrn Yang mit der naturgetreuen Nachbildung einer traditionellen Milonga auf eine einsame Insel zu locken, die es doch sicher vor der Küste Patagoniens geben dürfte – mit in Stein gemeißelter weiblicher Schönheit… Tölpel schätzen sowas.

Kommentare:

  1. Endlich hat mir jemand die Augen gelöffnet. Ich hatte zum Tanzen immer die falschen Vorbilder: Fred Astaire, Gene Kelly, Oscar Busso. Mein wahres Vorbild indes sollte Donald Duck sein. Der beschützt seine Damen (na gut, er hat keine), lässt keinen anderen Herrn an sie ran (außer Gustav Gans, den kann keiner aufhalten), bestimmt, was seine Daisy zu tun hat, wenn sie ihm zuhört (was sie nie tut), und kennt genau den Unterschied zwischen Ganter und Ente (letztere können Eier legen, erstere nur meckern).
    Jedesmal, wenn ich jetzt Tango tanze, fühle ich mich schuldig an den Übeln der Welt. Wegen meiner gelegentlichen Kreativität beim Tanzen bin ich verantwortlich für Giftgaseinsätze in Syrien, für den Klimawandel auf den Tuva-Inseln, für Plastikwolken im Atlantik. Das Schlimmste aber: Wenn beim Tanzen eine Dame mal aus ihrer biologisch bedingten Rolle der Unterwürfigkeit fällt und was macht, was ich nicht geführt habe, weise ich sie nicht zurecht. Schrecklich - ich werde mich bessern. Danke für die großartige Aufklärung!
    PS: Hier noch ein paar Beispiele für vielmännerische Vogelweibchen: Heckenbraunelle, Goldschnepfen, Laufhühnchen, Blatthühnchen.

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    1. Vielen Dank – „Laufhühnchen“ gefällt mir besonders gut!

      Ja, ohne Zweifel, wir missachten die göttlichen Gesetze, auf denen der traditionelle Tango beruht. Kein Wunder, dass sich auf der Welt dann schreckliche Katastrophen ereignen.

      Mich erinnert das Ganze an die erste deutsche Eisenbahnstrecke von Nürnberg nach Fürth (ab 1835), bei der heftig vor den schlimmen Folgen gewarnt wurde:

      „Ärzte warnten vor Krankheiten, wie beispielsweise einer Lungenentzündung durch den Fahrtwind bei dieser ungeheuerlichen Geschwindigkeit. Die Bürger wurden eingeschworen nicht mit der Ludwigseisenbahn zu fahren, da man bei dem Tempo durch die vorbeirauschende Landschaft bewusstlos oder wahnsinnig werden kann. Außerdem würde der giftige Qualm Mensch und Vieh vergiften. Ein Pfarrer aus Schwabach predigte vor der ersten Fahrt sogar: ‚Die Eisenbahn ist ein Teufelsding, sie kommt aus der Hölle, und jeder, der mit ihr fährt, kommt geradezu in die Hölle hinein.‘"

      Damals erreichte man Geschwindigkeiten bis zu 45 km/h…

      http://www.nuernberginfos.de/ludwigseisenbahn-nuernberg.html

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