Nie sollst du mich zitieren…
In letzter Zeit wurde ich
(wieder einmal) in Diskussionen involviert, bei denen man mir und meinem neuen
„Milonga-Führer“ einen „dogmatischen
Absolutheitsanspruch“ unterstellte. Das Werk sei „in weiten Teilen sozusagen kein Buch für etwas, sondern ein Buch gegen
etwas“, man kritisiert mein „ständiges
Bewerten und das Unversöhnliche dabei“. Ich brächte es nicht fertig, „auch nur eine Seite zu schreiben, ohne
gegen die zu stänkern, die irgendwas anders machen“.
Im konkreten Fall habe ich
dem Beschwerdeführer aus dem Kapitel „Tango-Technik“ (S. 138-189) insgesamt 32
Seiten angegeben, auf denen wirklich kein einziges ironisches Wort vorkommt.
Seine Antwort: Er habe nur die „Kindle“-Version, da könne er mit Seitenzahlen
nichts anfangen. Ende der Debatte (siehe Kommentare zu dem
Fresedo-Gillespie-Video).
Diese Erfahrungen mache ich
bei solchen Diskussionen immer wieder: Aus der inzwischen im Internet reichlich
angebotenen Sammlung negativer Sprüche zu meinem Buch werden in Variationen
immer wieder die gleichen abgekupfert – reagiere ich dann konkret und gehe ins
Detail, ist Sendepause angesagt.
Da ich es nicht aufgebe,
etwas mehr Realismus in die Debatte zu bringen, habe ich im Folgenden etliche
Zitate aus der Neufassung zum Thema „absolutistischer Wahrheitsanspruch des
Autors“ herausgesucht:
„Mir war natürlich klar, dass ich ein sehr
subjektives und pointiertes Buch geschrieben hatte (…) daher mein öfters im
Buch betontes Bekenntnis, kein ‚Tangoexperte’ zu sein“ (S. 12)
„rein aus der Praxis heraus und ohne Rücksicht auf
hochtrabende Theorien oder gar Doktrinen bzw. Ideologien“ (S.41)
„Gebt meinen Ideen die Chance, sie zumindest ein
einziges Mal auszuprobieren.“ (S. 42)
„bilden Sie sich durch Besuch möglichst vieler
Veranstaltungen Ihr eigenes Urteil“ (S. 60)
„Tragen Sie das, was Ihnen selber gefällt“ (S. 74)
„Wenn die Menschen in Ihrer Umgebung keine Macke
hätten, würden sie nicht zum Tango gehen (gilt natürlich auch für den Autor
dieses Buches!)“ (S. 78-79)
„Wahrlich, beim Tango gilt: ‚Erlaubt ist, was gefällt
oder auch nicht’“ (S. 80)
„Wenn es nicht widersprüchlich ist, kann es kein
Tango sein“ (S. 96)
„Regeln waren dazu da, überwunden zu werden, es
herrschte das kreative Chaos“ (S. 97)
„Ich würde nie behaupten (und habe es auch nicht),
Tangokurse seien generell schlecht.“ (S.
106)
„Fazit: Zum Tango führen viele Wege“ (S. 127)
„Ich bin kein Tangolehrer, habe keinerlei derartige
Ausbildung (…) Alle Vorhaltungen, ich hätte von hochmögenden allgemeinen
Tanztheorien (…) keine Ahnung, treffen daher völlig zu!“ (S. 138)
„Alles, was ich Ihnen auf den folgenden Seiten
andiene, resultiert nur aus meiner individuellen Praxis“ (S.139)
„Damit mich niemand missversteht: Keiner sollte beim
Tango zu etwas gedrängt oder gar gezwungen werden.“ (S. 191)
„Dass die Auswahl“ (der Musik) subjektiv ist,
versteht sich von selber.“ (S. 192)
„Ich entschuldige mich schon mal pauschal für
Irrtümer“ (S. 218)
„Meine persönlichen Favoriten sind subjektiv
ausgewählt und entsprechen sicher nicht alle dem gängigen Geschmack.“ (S. 218)
„…und natürlich zieren diese ganzen berühmten
Orchester aus den ‚Edelmetallzeiten’ des Tango ebenfalls reichlich meine
Sammlung und werden von mir auch aufgelegt“ (S. 225)
„Mir sagen diese Schubladen eh nicht viel, da sie die
Entwicklung eines individuellen Tanzstils eher behindern.“ (S. 238)
„Fazit: Respekt vor den argentinischen Traditionen,
Interesse für diese Wurzeln allemal – kritikloses Kopieren und Ausschluss von
Innovationen niemals!“ (S. 241)
„keine Angst, da ich kein Musikexperte bin, kann es
gar nicht langatmig oder schwierig werden“ (S. 247)
„Die Summe der eigenen Fehler nennt man Stil“ (S. 283)
„Seien Sie dagegen Nonkonformist: Hören Sie auf die
Musik!“ (S. 288)
„Daher möchte ich im Bewusstsein meiner eigenen
Unfertigkeit das Schlusswort (…) überlassen“ (S. 292)
„Auch wenn sicher nicht gleich geeignet für jeden und
jede, ist hoffentlich bei meinen Lösungsansätzen speziell für Sie etwas dabei“ (S. 297)
„Mit allzu engen Erwartungen ignoriert man das
Vergnügen aus allen möglichen Richtungen“ (S. 302)
„Wie wäre es, unauflösliche Gegensätze schlicht als
Teil des Lebens anzunehmen – zu akzeptieren, dass auch einmal das ‚böse
Gegenteil’ oder gar beides richtig sein kann“ (S. 309)
„Mir bereitet es keine Probleme, wenn andere einen
abweichenden Musik- oder Tanzstil propagieren“ (S. 336)
„Daher sollte es beispielsweise selbstverständlich
sein, dass man sich auf einer Milonga als Gast zu benehmen weiß und daher auch
einmal nicht konvenierende Musik erträgt, anstatt alsbald ideologisch gefärbte
Beschwerden anzubringen“ (S. 337)
„Warum also geht man zum Tango? Auf keinen Fall
möchte ich jemand die ‚richtigen Motive’ vorschreiben, sondern lediglich meine
Sichtweise zum Nachdenken anbieten“ (S.
346)
Natürlich enthält mein Buch satirische Elemente
(siehe Untertitel) – und diese Kunstform lebt von Übertreibung und Zuspitzung.
Mir allerdings „ideologische Wahrheitsansprüche“ zu unterstellen, ist abwegig –
im Gegenteil: Der „Milonga-Führer“ war und ist ein Plädoyer für den eigenen,
individuellen Weg zum Tango ohne Scheuklappen. Wer anderer Meinung ist, kann
dies gerne per Zitat und Kommentar dartun – ich fürchte allerdings, es werden,
wie üblich, kaum konkrete Antworten kommen. Schon gar nicht deshalb, weil man
sich auf diesem Blog ja persönlich outen müsste.
Immerhin gibt es andere
Sichtweisen. In der neuen Rezension meines Buches (Tangodanza, Ausgabe 4/2014,
S. 85) kommt der Autor (und zwar nicht aus freundschaftlicher Neigung zu mir)
zur Erkenntnis: „Möchte man dieses Buch
also mit Freude genießen, sollte man Humor besitzen, Satire verstehen können
und darüber hinaus noch wissen, dass man bei Ratschlägen immer die Wahl hat,
sie anzunehmen oder nicht. (…) Den Kritikern der ersten Auflage mangelte es
offensichtlich an einer auch für den Tango wichtigen Fähigkeit, nämlich
zwischen den Zeilen lesen zu können.“
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