Echter Tango in Argentinien

 Unter diesem Titel erhielt ich kürzlich die Mail eines Lesers. Was ich auf dem verlinkten Video sehen und hören konnte, hat mich dann doch erstaunt:

Ich las dazu den Kommentar:

„So tanzt man heute im Eldorado für alle EdO Fans in Argentinien Tango: Man beachte die gepflegte Ronda, Cabeceo etc.  

Man sieht, Tango kann auch Spaß machen.“

Das Festival im argentinischen Mar del Plata, von dem die Aufnahme stammt, betitelt sich „Encuentro Tanguero del Interior (ETI)“ – und hat selbstverständlich mit einem „Encuentro“ europäischer Bauart nichts zu tun (solche zu Tode geregelten Formate kennt man in Argentinien nicht). Eher scheint es sich hier um eine Art Neotango-Event zu handeln. Und man ist sicherlich nicht die ganze Zeit so herumgesprungen.

Neben dem „Orquesta Romantica Milonguera“ spielte dort das „Orquesta Tipica Tanturi“. Den hier interpretierten Titel „El Huracán“ komponierten Osvaldo und Edgardo Donato zu Beginn der 1920-er Jahre. Der „Wirbelsturm“ ist also ein alter „Klassiker“, den man dennoch kaum langweilig spielen kann – nicht mal der Komponist selber mit seinem Orchester. Übrigens ist der Text von Nolo López im Gegensatz zur Melodie ziemlich elegisch: Wie ein Hurrikan einen Rosenbusch verwüstet, ist auch die Liebe des Sängers in alle Winde verflogen. Daher gibt es das Stück meist instrumental.

https://www.tanguito.co.uk/tango-culture/tango-lyrics/el-huracan/

Warum ich das Video bespreche? Vor allem wegen des szeneüblichen Reflexes: „Das ist doch kein Tango mehr!“ 

In mehr als zehn Jahren haben diese sinnlosen Debatten um eine allgemeingültige Definition unseres Tanzes und seiner Musik vor allem zu einer Ideologisierung und Spaltung der Tangogemeinschaft geführt. Wobei ja nie die „Neos“ den Traditionalisten vorgehalten haben, deren Musik habe mit Tango nichts mehr (!) zu tun – die Angriffe gingen stets von der anderen Seite aus.

Und was ich nach der Überwindung der momentanen Krise auch nicht mehr hören möchte: In Argentinien sei bei unserem Tanz dieses oder jenes üblich – und zwar generell, da authentisch. 

Nein: Argentinien ist ein riesiges Land mit weiten Gebieten, wo der Tango praktisch keine Rolle spielt. Und auch in den größeren Städten existieren ganz verschiedene Szenen, gehen Jung und Alt, modern und traditionell je nach persönlichem Geschmack unterschiedliche Wege.

Das Video des Festivals zeigt dies sehr anschaulich. Ob ich eine solche Veranstaltung besuchen würde? Sicher nicht, mir wäre das zu turbulent – aber ich bin ja mehr als doppelt so alt wie die durchschnittlichen Besucher in Mar del Plata. Ist doch toll, wenn sie nach ihrem Gusto den Tango feiern, und zwar in Gestalt einer sehr alten Komposition! Vielleicht werden sie sich mit zunehmendem Alter mehr mit der Raffinesse und Hintergründigkeit dieses Tanzes beschäftigen? 

Und wenn nicht: Tango war von Anbeginn ein multikulturelles Produkt, eine Promenadenmischung, die sich dauernd gewandelt hat. Wohl nur deshalb hat er sich bis heute gehalten. Es gab nie eine „authentische Urform“, deren Erhaltung die Bedingung für das Fortbestehen unseres Tanzes wäre. Und ob die Aufnahmen einer älteren Epoche, einer späteren oder der heutigen die Tanzenden mehr inspirieren, liegt halt am persönlichen Geschmack sowie am Zeitgeist und stellt keine allgemeingültige Wahrheit dar. Auch wenn das noch so oft behauptet wird.   

Auch wenn’s mir nicht gefällt, kann es Tango sein.

Vielleicht hätte ich vor zehn Jahren mein Blog so nennen sollen?  

P.S. Ich schätze ein solch temperamentvolles Stück wie „El Huracán“ mehr, wenn dazu technisch und musikalisch hervorragend getanzt wird. Wie zum Beispiel hier:

Kommentare

  1. Zu dem Artikel erreichte mich eine Leser-Anfrage:

    Ob es nicht sein könne, dass es sich bei den jubelnden Leuten um ein reines Konzertpublikum handle, also vorwiegend Nicht-Tänzer?

    Das weiß ich natürlich auch nicht. Auf jeden Fall sieht man hinter dem Orchester auch einzelne Tanzpaare. Insgesamt ist es sicherlich ein Festival, das auch Tanzende einlädt und anzieht. Und ob die Jubelszene sich spontan entwickelte oder inszeniert war, lässt sich nicht genau sagen.

    Zu den Treffen habe ich folgende Informationen (von mir grob übersetzt) gefunden:

    „Ursprung des ETI Das Inland Tango Encounter (ETI) wurde 2009 konzipiert, als einige Tänzer, Lehrer und Tango-Profis, die sich auf Reisen und im Unterricht trafen, über das soziale Netzwerk Facebook (FB) den Kontakt pflegten und Anfang 2010 eine virtuelle Gruppe namens ‚Foro Tanguero del Interior‘ erstellten. Diese Gruppe wuchs an Kontakten und gemeinsamen Interessen und erzeugte auf diese spontane Weise das erste Treffen in der Stadt San Rafael, Mendoza, am 8. und 9. Mai 2010 sowie den starken Willen, die ETI in verschiedenen angeschlossenen Städten fortzusetzen zu der Initiative, die vom 16. bis 18. Juli 2010 beim zweiten Treffen in San Juan stattfand.“

    „ETI-Philosophie

    Das ETI ist ein Treffen, das Tangoliebhaber einlädt, in verschiedene argentinische Städte zu reisen, um Freunde zu treffen, Erfahrungen und Wissen in Bezug auf die Tangokultur auszutauschen, Tanz und Freundschaft zu genießen.
    Die Reisenden und gleichzeitigen Gastgeber teilen an mehreren Tagen verschiedene Aktivitäten wie Seminare, Praktika, Milongas, Labors, Gesprächsdebatten, Präsentationen und andere, die vorgeschlagen werden, da der populäre, demokratische und pluralistische Geist des ETI dies fördert.
    In der ETI hat er eine pluralistische Berufung, weil er niemanden diskriminiert und jeden anspricht, der als Gastgeber oder Reisender teilnehmen möchte. Die Absicht ist es, diesen Wunsch nach Tango zu integrieren, sich in den Hostels, Milongas, Meetings, Mahlzeiten und Aktivitäten jedes Meetings in verschiedenen Städten kennenzulernen und an den Versammlungen teilzunehmen, die die Städte und die Organisatoren des Begegnungen, wobei das Profil und die Essenz dieser Begegnungen erhalten bleiben.“

    https://www.hoy-milonga.com/buenos-aires/tr/encuentro/115059/Encuentro-Tanguero-del-Interior-:::-ETI-LAS-GRUTAS%2A%2A%28Festival%29%2A%2A16-Kas%C4%B1m-2018-Cuma%2A%2A18-Kas%C4%B1m-2018-Pazar-Buenos-Aires%27te

    Es scheint es sich hier nicht um einen Einzelfall, sondern um eine größere Bewegung mit vielen Events zu handeln.

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  2. Mal in die eine andere Stadt fahren, sich die Stadt angucken und neue Leute/Tänzer kennenlernen, gibt es auch beim Swing. Da heißt es dann (Lindy) Exchange.

    Martin Schauer

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