Hilfe, wer tanzt jetzt mit mir?

 

In der Facebook-Gruppe „Tango München“ fragte neulich eine mir bekannte Tanguera:

„Ich hätte mal eine Frage in die Runde: Mit wem und wo tanzt ihr im Lockdown?

In meiner gesamten Tango-Laufbahn hatte ich nie einen festen Tanzpartner, bin folglich auch nicht fest ‚gepaart‘ , deshalb suche ich nach einer Lösung, um dem Tango-Frust zu entkommen. Wie löst ihr die Situation? Hat jemand Vorschläge?“ 

Manche Antworten entsprachen ungefähr dem, was mir auch eingefallen wäre:

„Entweder gar nicht, so wie 80 %, oder mit viel Glück findest du einen Partner in Crime (Anm.: ‚Komplizen‘), der in trauter Zweierrunde mit dir tanzt, offiziell für den Winter deine Haushaltsbezugsperson wird, und zufällig noch ein Wohnzimmer mit freier Tanzfläche hat. Da hilft nur: fragen, fragen, fragen.... Und sich ein Alternativhobby zulegen.“ 

Was ich im letzten Artikel angedeutet habe, erhalte ich hier bestätigt:

„Ich finde es jedenfalls lustig, dass der Begriff „Wohnzimmer-Milonga“ – jahrelang meist nur spöttisch kommentiert – nun immer öfter in seriösem Kontext auftaucht. Ich hätte mir das Label vor Jahren schützen lassen sollen, dann könnte ich jetzt Lizenzgebühren verlangen…“ 

Zitate: 

„… fahre ich gern für eine gute Wohnzimmermilonga bis zu 280 km.“

„Wohnzimmermilongas gibt es nicht? Die gab es vor Corona, und die wird es auch noch nach Corona geben (nicht nur Gerhard Riedls monatliche Wohnzimmermilongas).“

Was ich aber aus vielen Kommentaren heraushöre: Schlicht mit einem Partner Tango zu tanzen ist nicht für alle verlockend. An diesen werden teilweise erhebliche Anforderungen gestellt. Man will sich ja nicht nach unten hin orientieren („downgraden“):

„Superschwierig und feste Partner, die nicht Lebenspartner sind und nicht das Niveau der Tanguera haben=No fun mit diesem dauerhaft/länger fixiert' zu sein.“

„Eben... downgraden auf Dauer ist hart...und überfordert den Mann.“

„Mein Tanzpartner hat es so hingenommen. Recht selbstgefällig und sehr glücklich. Ohne meine Position zu sehen... das mach‘ ich nicht mehr.“

Auch im analogen Leben hörte ich eine solche Ansicht, als wir einem weiblichen, tangoversessenen Single eine Milonga empfahlen, bei welcher der Veranstalter bemüht war, für Alleinstehende einen Tanzpartner zu finden. Gewechselt dürfe allerdings nicht werden. Ihre Reaktion: „Was, dann muss ich den ganzen Abend mit dem tanzen?“

Äh… nein – aber halt auch mit keinem anderen. Welch schreckliches Corona-Schicksal! 

Einem älterer Herrn, welcher seit längerer Zeit im Internet seinen Tangoentzug beklagt, wäre Tango-Monogamie ebenfalls nicht genug:

„Zuhause zu zweit wäre es öde – oder ich hätte als Single etwas anderes vor. Habe ich aber nicht. Zum Schluss nach 2 Tandas sitzen wir dann doch auf der Couch und schauen Rosamunde Pilcher.“

Süß! Was ihm stattdessen vorschwebt, schildert er so: 

Wohnzimmermilongas gibt es nicht. Das ist es ja gerade, was man nicht will. Tango ist Intimität auf offener Fläche in einer großen Milonga. Die bewundernden, verzehrenden Blicke der Männer. Das Aneinanderschmiegen in aller Öffentlichkeit...“ 

Und wenn schon Privat-Milongas („mit grüner Corona App und mit gemessenen Nichtfieber und gesunden Tänzern“), dann müssen die aber vom Feinsten sein:

Wie kann man sich so eine Milonga vorstellen? Räumlichkeit. Private Wohnräume? Ungenutzte Gewerbeflächen? Anzahl der Personen? Muss sie abgeschottet sein, damit sie niemand bemerken kann? Wie erreicht man, dass nur Cracks kommen, also Afficionados?“

Tja, woher nehmen und nicht stehlen?

Die Frage „Hilfe, wer tanzt jetzt mit mir?“ wäre ja eigentlich ganz einfach zu beantworten: Bei der Fülle an Hilferufen im Netz müsste es doch möglich sein, einen Übungspartner zu finden, mit dem man sich gelegentlich in Privaträumen trifft. Groß muss die Tanzfläche wohl nicht sein – das ist man von überfüllten Milongas doch so gewöhnt! Im Gegenteil: Wie ein Kommentator schreibt, breitet sich wohl bei manchen Tanzenden eine gewisse Unsicherheit aus, wenn sie nun – bei sich leerendem Parkett – plötzlich mehr Platz haben:

Es war dann interessant im Frühjahr, wie ‚Abstand‘ den Menschen ‚auf ihrer gewöhnlichen Spur‘ Probleme macht. Wer muss sich ‚dem Gedränge entwöhnen‘ und wer nutzt einfach spielerisch die freie Fläche.“

Woran die Suche oft scheitert, ist offenbar ein ziemliches Anspruchsdenken auf beiden Seiten: Es muss schon ein Crack sein, drunter macht man es nicht. Die Option, dass sich beide durch das Üben verbessern könnten, erscheint wohl zu mühsam.

Und klar, es fehlt das „Milonga-Ambiente“, die aufregende Suche nach neuen (Tanz-)Partnern. Man könnte auch sagen, die im Tango gebotene Promiskuität. Aber genau da liegt das Häschen im Pfeffer:

Auch im restlichen Leben zeichnet eine wahre Partnerschaft nicht die ständige Suche nach dem aufregend Neuen aus, sondern eine wachsende Vertrautheit. Wer sich darauf nicht einlassen will, verpasst auch ohne den Tango vieles. Und dieser Tanz kann es nicht ersetzen. In meinem Tangobuch habe ich bereits vor zehn Jahren vor dem Irrweg gewarnt:

„Wer also jenseits einer herrlichen Musik und eines faszinierenden Tanzes noch anderes sucht, der wird meistens frustriert: Restaurierung des angeknacksten Selbstbewusstseins, Finden einer neuen Geschlechterrolle, eine Machtstellung ausüben, zu den ‚wichtigen Leuten‘ gehören, Geld verdienen, den Traumpartner für den Lebensabschnitt finden oder gar die krisenhafte Ehe retten? Da dreht einem der eitle Tango fast immer eine Nase: Ätsch, nun gerade nicht!

Wer aber das nimmt, was er ziemlich automatisch bekommt, nämlich einen Tanz zu diesen unglaublichen Klängen, wird (zumindest prinzipiell) nicht enttäuscht – und wenn die ‚Tangodiva‘ gerade ihren guten Tag hat, kriegt man als Draufgabe vielleicht einen Hauch Sympathie und Zärtlichkeit, ein wenig Nestwärme, ein bisschen Schwerelosigkeit und Schweben… aber nur geschenkt, nicht geliefert!“

Kurz gesagt: Wem der Milonga-Verlust nun vollends den Boden unter den Füßen wegzieht, hat schon längst vorher im Leben deutliche Warnsignale ignoriert.

Auch mir hat die Corona-Krise ziemliche Lücken in meine „Paralleluniversen“ geschlagen. Dennoch möchte ich mich als jemand, der eine wunderbare Tänzerin zur Frau hat (und weitere tolle Tangueras kennt), nicht überheblich gegenüber denen zeigen, welche nun allein zu Hause hocken. Die Pandemie verlangt allerdings von uns allen erhebliche Opfer. 

Und klar, Tanzen trägt maßgeblich nicht nur zur seelischen Gesundheit bei, aber auch zu Ansteckungen mit einer potenziell tödlichen Krankheit – wir stecken da in einer kaum vermeidbaren Zwickmühle. Dennoch glaube ich, der uns abverlangte Verzicht wiegt gering gegenüber den Existenzsorgen von Selbstständigen oder Gastronomen, den Problemen Alleinerziehender oder den seelischen Abgründen von Pflegeheim-Bewohnern. Und wer gar auf einer Intensivstation behandelt werden muss, würde sicher gerne mit jemandem tauschen, welcher derzeit keine Tangofestivals besuchen kann. 

Oft sollte man im Internet vor allem auf das achten, was nicht gesagt wird: In fast hundert Kommentaren fällt kein einziges Mal das Wort „Musik“. Ich halte diese Tatsache für katastrophal. Beim Tango scheint es um alles Mögliche zu gehen, nur nicht um das, was wir doch auf der Tanzfläche interpretieren sollten. Und Tangomusik zu hören wäre beim strengsten Lockdown möglich!

Wie ich gerade sehe, hat der Münchner DJ Jochen Lüders eine sehr interessante Liste traditioneller Tangos in modernen Interpretationen veröffentlicht. Sehr zu empfehlen!

http://www.jochenlueders.de/?page_id=14578

Da schließe ich mich doch gerne mit einem meiner Lieblingstangos an: Der Titel „Silbando“ (von Sebastián Piana und Cátulo Castillo) stammt aus dem Jahr 1925. Hier spielt ihn ein junges Orchester um Rodolfo Mederos – für mich einer der besten zeitgenössischen Bandoneon-Spieler.

 

Kommentare

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