Getanztes Konzert!


Um es gleich vorwegzunehmen: Die Milonga am letzten Samstag im Puchheimer Kulturzentrum (PUC) gehört zu den schönsten Tangoerlebnissen, die ich in fast 20 Jahren hatte!

Ohne zu sehr in alten Wunden zu stochern, muss doch etwas Vorgeschichte sein:

Als es die Veranstalter traditioneller Milongas vor einigen Jahren nicht mehr schafften, selbst das eigene Publikum von der Wertlosigkeit moderner Tangomusik zu überzeugen, kam man auf eine Idee und hielt diese auch noch für genial: Allzu ambitionierte Interpretationen oder gar das, was ein Herr Lüders als „Piazzolla & Co.“ zu betiteln weiß, packte man in ein „Konzert“. Motto: Zuhören und Füße stillhalten! Danach wurde dann umgeräumt und zur Milonga das übliche musikalische Föderschul-Programm abgespult. Die Live-Musiker, die man ja eh bezahlen musste, durften im Verlauf des Abends noch zwei Sets bieten, natürlich „tanzbar“, also mit deutlich gebremstem Schaum. Da Veranstalter gerne das abkupfern, was bei der Konkurrenz halbwegs funktioniert, machte das neue Konzept die Runde.

Das Schlimmste, was ich in dieser Art je erlebte, war eine Veranstaltung im hochedlen Bregenzer Festspielhaus: Auf der Bühne konzertierte Ariel Ardit (!) mit dem Solo Tango Orquesta – wahrlich berauschend! Anschließend brauchte man eineinhalb Stunden zum Umbau, und wer nachher trotzdem noch über einen Rest Tangostimmung verfügte, der erhielt diese bei der Milonga (natürlich nochmal für Extra-Geld) niedergeschrammelt.

Ich habe mich seither nach Kräften gegen dieses Veranstaltungsformat gewehrt. Warum spart man sich nicht das Umräumen und lässt von vornherein diejenigen, welche gerade solche schwierigen Arrangements schätzen, schon mal aufs Parkett? Trübt das den Hörgenuss der anderen? Zudem zementiert man so natürlich das Ammenmärchen von der „Untanzbarkeit“ moderner Tangointerpretationen.

Die Organisatoren des Abends in Puchheim jedenfalls, Alfredo Foulkes und Frank Wunderer, waren wild entschlossen, „ab dem ersten Ton“ das Tanzen zu erlauben: ein „getanztes Konzert“ also. „Bei uns darfst du auch die Cortinas tanzen“, so DJ Alfredo schon zu Beginn, als er die Veranstaltung mit Musik von der Scheibe eröffnete und die Zwischenmusiken (?) in voller Länge ausspielte. Und als dann die Stars des Abends, das „Sexteto Visceral“, die Bühne erklomm, blieben viele einfach auf dem Parkett und tanzten ganz selbstverständlich zu den Klängen des „Konzerts“.

Dazu muss man wissen: „Visceral“ ist der spanische Ausdruck für „ungestüm“ – und das darf man bei diesen Musikern wörtlich nehmen: Mit schwierigen Arrangements und virtuosen Passagen schrauben sie auch die klassischen Tangos von einst in ungeahnte Höhen, und den dynamischen Rhythmus pfeffern sie den Tänzern eindrucksvoll um die Ohren. (Kleine Kritik: Manchmal fehlten mir ein bisschen die zarten Stellen, ab mei‘, san halt junge Leit…).

Seit 2011 gibt es diese argentinische Formation, welche inzwischen weltweit auftritt – und sie hat es verdient, die Musiker einzeln aufzuzählen:

Francisco Ferrero – Piano
Nicolás Maceratesi – Bandoneón
Mauro Paternoster – Gitarre
Alejandro Abbonizio – Bass
Cecilia Barrales – Violoncello
Javier Kase – Violine

Zeitweise wurde es mit geschätzten 70 Paaren auf dem Parkett ziemlich eng, und die Ronda würde ich eher als „kreativ“ bezeichnen. Manche an das spurtreue Ringelreihen gewöhnte Münchner Tänzer kamen da ziemlich ins Schwitzen – macht aber nichts: Fortbildung kann nie schaden – und lieber spät als nie!

Gigantisch amüsierte ich mich, als das „Sexteto Visceral“ wenig später zur ersten „offiziellen“ Tanzrunde ansetzte. Die Musiker erwarteten wohl, dass man dem ersten Stück noch im Sitzen lauschte, also boten sie mit Piazzollas „Escualo“ ein für Tänzer wahrlich herausforderndes Werk. Und die Münchner? Kaum zu glauben: Viele versuchten sich an einer Interpretation, und die sah auch nicht schlechter aus als ich das, was ich sonst beobachte, wenn man die Tanzenden an der Longe schleppender Klänge ums Parkett führt. Und zum Schluss pfefferten ihnen die Musiker nochmal einen Tango nuevo unter die Füße. Großer Jubel! Aha, Astor Piazzolla ist in München nicht vermittelbar? Na gut, in Puchheim schon – das Parkett war gesteckt voll!

Die Stimmung wurde auch nicht schlechter, als das „hauseigene“ Orquesta Atípica „ImprovisTango" unter der Leitung von Frank Wunderer die musikalische Gestaltung mit zwei Sets übernahm. Ich kenne die Formation noch aus ihren Anfangszeiten, und sie haben sich wahrlich sehr gesteigert – auch dank von Musikseminaren der jeweils durchreisenden Ensembles. Und mit 5 (!) Celli, Bass, drei Geigen, Klavier und Akkordeon (bzw. Bandoneón) steht ihnen ein beachtliches Klangvolumen zur Verfügung. Ich würde dem Chef allerdings raten, zukünftig mit der Geige in der Hand zu dirigieren (Johann Strauß hat das ja vorgemacht) – eine stumme Leitung benötigen seine Musiker nicht mehr!

Es war eine geniale Idee, vier Stücke zusammen mit den argentinischen Partnern zu bieten. Unglaublich, wie diese ihre deutschen Freunde durch die Arrangements trieben! Dies gilt vor allem für das Dynamik-Monster Nicolás Maceratesi am Bandoneón, welcher den hervorragenden Akkordeonspieler von „Improvis Tango“ förmlich durch die Rhythmik peitschte.

Mir kam beim Tanzen dazu etwas in den Sinn, was Kollege Thomas Kröter sicherlich für Pathos halten wird: Ich musste erst neulich wieder einmal eine dämliche Diskussion zum Thema „Amateure und Profis“ führen. Übliches Tangothema also: Abgrenzung. Davon war auf jener Bühne nichts zu spüren, im Gegenteil: gemeinsame Begeisterung am Tango, Unterstützung, Teamarbeit ohne jegliche Scheuklappen.

Und was war das jetzt, was mich letzten Samstag mühelos übers Parkett trieb: klassischer oder moderner Tango, EdO oder Nuevo? Meine akademische Antwort: Scheißegal, es war schlicht Tango – mit all seinen aufregenden Ingredienzien wie Sanftheit, Schwere, Übermut und Energie.

Und als Frank Wunderers Truppe in ihrem letzten Set ausschließlich Piazzolla-Titel bot (für München geradezu revolutionär), kam noch ein Gedanke dazu: Wir haben nun bereits mindestens zwei Generationen moderner Musiker aus den Milongas vertrieben. Manche, nicht alle, konnten sich auf die Konzertbühne retten. Ich finde, es reicht jetzt. Piazzolla, Rovira, Salgán und andere haben uns zu ihren Lebzeiten längst eine Tür aufgestoßen. Wir müssten einfach nur hindurchgehen, anstatt uns von als DJs verkleideten Computerfreaks belehren zu lassen, was für uns „tanzbar“ sei. Dürften wir, die Tanzenden, das bitte in Zukunft selber entscheiden?

Ein herzlicher Dank an Alfredo Foulkes und Frank Wunderer, dass sie diesen Weg erfolgreich gewagt haben. Vor allem die Vernunft (und ein bisschen auch meine Artikel) haben wohl dazu beigetragen. Daher freue ich mich sehr auf die weiteren „getanzten Konzerte“ in Puchheim:

23.3.19: Bandonegro
29.6.19: El Juntacadaveres
20.7.19: El Muro Tango
23.11.19: Quinteto Ángel
1.2.20: Sexteto Visceral

Näheres stets auf www.tangomuenchen.de

Und für die Wenigen, welche das „Sexteto Visceral“ noch nicht kennen:

Kommentare

  1. Gerade erreichte mich der folgende Kommentar:

    Verehrter Herr Riedl,

    mit großem Interesse und stetig wachsender Neugier lese ich ihren recht kurzweiligen Blog.

    Als leidenschaftliche Hobby-Tänzerin und gleichzeitig Neuling in der Tangoszene bekomme ich durch Ihre Beträge Klarheit, die der Widersprüchlichkeit, die mir im Tango-Community begegnet, auf den Grund geht und im neuen Licht erstrahlen oder verdunkeln lässt :).
    Dazu bei Gelegenheit mehr.

    Auch ich möchte meine Erfahrung beim tanzbaren Konzert mit der Welt teilen.
    Am vergangenen Sonntag in der Tanzschule Flores habe ich Annette Postel mit dem Programm "Alles Tango oder was" erlebt. Mit von der Party: Bobbi Fischer am Piano und Norbert Kotzan am Bandoneon.
    Reines Vergnügen und höchster Genuss mit Tanzmöglichkeit vom ersten bis zum letzten Stück.

    Ich wünsche mir mehr und öfter davon.

    Ich kann, was meine Tangojahre betrifft, bei weitem nicht mit Ihren mithalten, doch mit Überzeugung dieses Konzert zu meinen schönsten Erlebnissen meiner 1,5 Tangojahre zählen.

    P.S. Gerne komme ich auch nach Puchheim zum nächsten tanzbaren Konzert.

    Julia Zabudkin aus Frankfurt am Main

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  2. Liebe Julia Zabudkin,

    vielen Dank für die Ergänzung!

    Annette Postel hat sich ja vor längerer Zeit ziemlich unbeliebt in der konservativen Szene gemacht, als sie von "Tango Taliban" schrieb. Tja, immer diese aufsässigen Frauen...

    Danke für den Kommentar, ich würde mich freuen, weitere Anmerkungen von Ihnen lesen zu dürfen.

    Beste Grüße
    Gerhard Riedl



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